Berufseinstieg Sind wir bald da?

Zwischen letzter Prüfung und erstem Job vergehen oft Monate voller Höhen und Tiefen. Fast jeder muss dieselben fünf Etappen durchstehen, um im Leben nach der Uni anzukommen. Wie bereitet man sich am besten darauf vor?

Eine stillgelegte Tankstelle irgendwo am Stadtrand von Köln. Salsa-Rhythmen klingen durch die Nacht, schummriges Licht leuchtet aus den Fenstern. Saskia Stohrer, 28 Jahre alt, feiert ihr Diplom in Regionalwissenschaften Lateinamerika, und alle sind gekommen, um »noch mal richtig das Haus zu rocken«. So stand es in der Einladung. Ein letztes Mal soll alles so sein wie damals, im Grundstudium, als die Uni alle zusammenbrachte und für ein paar Jahre zusammenhielt. Jetzt, nach dem Diplom, treibt sie das Leben wieder auseinander: Stephan hat vor ein paar Monaten als Trainee bei einem Forschungsinstitut in der Solarbranche angefangen, Uli reist mit einem Round-the-World-Ticket um die Welt, Ana ist wieder zu ihren Eltern gezogen. Kaum einer ist schon dort gelandet, wo er hinwollte. Es ist überhaupt kaum einer irgendwo schon gelandet.

Über 200 000 Studenten verlassen Jahr für Jahr mit einem Diplom, Master, Examen oder Bachelor die Uni. Die wenigsten fangen sofort an zu arbeiten, die meisten fangen erst einmal an zu suchen. Es können Monate vergehen, bis Absolventen den Einstieg in den Beruf schaffen: Nur etwa jeder Zehnte findet sofort einen Job; die Hälfte sucht länger als ein Vierteljahr.

Die Monate zwischen dem letzten Tag an der Uni und dem ersten Tag im ersten Job sind ein seltsamer Lebensabschnitt, der irgendwie aus der Zeit fällt. Ein bisschen wie die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, nur eben nicht zwischen den Jahren, sondern zwischen den Leben. Es ist eine Zeit zum Feiern, Verreisen und Plänemachen. Und eine Zeit des bangen Wartens: Man schießt Bewerbungsfotos und fragt sich, ob das Lächeln zu aufgesetzt oder schüchtern wirkt; trifft bei Einstellungsgesprächen knallharte Personaler und fischt Absagen aus dem Briefkasten. Das alte Leben an der Uni ist vorbei. Nur hat das neue noch nicht angefangen. Es ist die Fast-da-Phase.

»Das ist eine spannende Zeit, in der die Weichen für die Zukunft gestellt werden«, sagt Claudia Haase. Sie forscht als Psychologin an der Universität Jena und hat gerade ihre Dissertation abgeschlossen. Darin verfolgt sie die Entwicklung von über 500 Hochschulabsolventen aus ganz Deutschland in den zwölf Monaten nach ihrem Uni-Abschluss; immer wieder hat sie sie befragt und ihre Zufriedenheit gemessen. »Manche nehmen sich eine Auszeit, hängen rum, machen eine Weltreise oder schlittern in ein Praktikum; viele arbeiten, machen sich selbstständig, promovieren, setzen einen Master drauf oder gehen ins Ausland«, sagt Haase. Die Möglichkeiten, Weichen zu stellen, sind fast unbegrenzt.

Genau das stellt viele vor Probleme. Im Studium beschränkten sich die Entscheidungen auf die Auswahl der Seminare, der WG, der Nebenjobs, vielleicht auch mal der Studien- und Praktikumsorte. Beziehungen waren oft flüchtig, neue Freundschaften auf Partys und in Hörsälen schnell gemacht. Plötzlich aber stehen gleichzeitig viele Entscheidungen an, die auf Jahre alles verändern können. Schwere Entscheidungen: Ein neuer Job in einer anderen Stadt kann alten Freundschaften ein Ende setzen – oder gleich die Beziehung kosten.

Soziologen sprechen hier von einem »Zielkonflikt«, und der ist völlig normal, zeigt Haases Untersuchung. Direkt nach dem Ende der Uni stufen zwar 90 Prozent berufliche Ziele als »eher wichtig« oder »sehr wichtig« ein, aber für etwa 87 Prozent sind auch Partnerschaft und Beziehung »eher wichtig« oder sogar »sehr wichtig«. »Mitunter ist es schwierig, diese beruflichen und privaten Ziele unter einen Hut zu bringen«, sagt Haase.

Außerdem steigt mit jedem Tag der Druck, eine Entscheidung zu fällen – weil das Geld knapp wird, die Eltern drängen oder der Berater von der Bundesagentur für Arbeit die Wörter »Mobilität« und »Flexibilität« wie die unverzichtbaren Zutaten eines Zaubertranks preist. »Situationaler Imperativ« nennen Psychologen diesen Druck – und »protektive Zielablösung« die Strategie, sich ihm zu beugen und von seinen Zielen zu trennen. Motto: Hauptsache, irgendein Job, egal wo, egal wie.

Eine Strategie, die man aber nur mit Vorsicht anwenden sollte, meint Haase. »Sich von Zielen zu lösen ergibt dann Sinn, wenn man sie tatsächlich nicht erreichen kann. Beim Übergang vom Studium in den Beruf aber ist die Ablösungsstrategie ungünstig.« Heißt: Trotz Enttäuschungen und Absagen sollte man seine Ziele im Auge behalten. Selbst wenn sie erst einmal unrealistisch scheinen.

Auch wenn die Fast-da-Phase für jeden anders verläuft, erleben doch viele Absolventen ähnliche Dinge. Klar, dass manche diese Phase als »unangenehm und schwierig« erleben, wie Haase festgestellt hat. Wer eher schlechte Berufsaussichten hat oder sich für seine Ziele anstrengt und sie nicht sofort erreicht, erlebt Frust, Angst und Trauer. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Die meisten Menschen fühlen sich zwölf Monate nach ihrem Studienabschluss im Schnitt besser als unmittelbar danach.

Bis dahin durchläuft die Glückskurve allerdings das eine oder andere Tal.

Teil 1: Feiern
Fast alle Absolventen halten es wie Saskia Stohrer: erst mal feiern. Und manche gehen danach auf eine längere Reise. Saskia, die Regionalwissenschaftlerin, ist ein paar Wochen nach ihrer Party nach Nicaragua gezogen, wo sie für ein Jahr für den Deutschen Entwicklungsdienst arbeitet. »Manchmal frage ich mich, ob es richtig ist, so viel zurückzulassen: Freunde, Familie, Sport, Radeln, Jahreszeiten, Vollkornbrot, Müsli – und ob ich mit der Reise nicht bloß alles hinausschiebe, was mich dann nach einem Jahr erwartet«, sagt Saskia. »Aber dann denke ich, dass mir dieses eine Jahr noch mal so viel bringen wird, sowohl beruflich als auch privat.«

Die britische Autorin Susan Griffith kann das bestätigen. Griffith hat sich speziell mit gaps, also mit Lücken wie nach der Abschlussprüfung, beschäftigt und einige Ratgeber darüber geschrieben. »Es ist völlig legitim, wenn jemand, der Jahre nur mit Studieren, Studieren, Studieren verbracht hat, sich danach mit einer Weltreise belohnen will«, sagt Griffith. Schnorcheln in Thailand, Surfen in Australien, Bergsteigen in den Anden – das hat man sich nach Jahren in grauen fensterlosen Hörsälen einfach auch mal verdient. »Und für manchen ist es auch eine der letzten Gelegenheiten«, sagt Griffith. »Denn wenn man einmal Familie hat und einen festen Job, ist so eine Auszeit zwar immer noch möglich, aber schwieriger.«

Natürlich ist so eine Reise teuer, und die Jobsuche muss auch pausieren. Griffith glaubt aber, dass ein gap nicht nur Spaß machen, sondern nebenbei auch der eigenen Karriere nutzen kann – wenn man es sinnvoll füllt. Natürlich ist es völlig in Ordnung, einfach nur zu reisen. Man kann aber auch mehr tun: etwa in Nationalparks arbeiten oder Bürgersteige in Costa Rica bauen. »Nur wenn Sie einfach ein Jahr aussetzen und zu Hause herumhängen«, sagt Griffith, »dann wird das keinen beeindrucken.«

Teil 2: Zweifeln
Als das Geld knapp wurde, zog Andreas zurück aufs Land: zu seinen Eltern. Vorher lebte er in Bremen und Berlin, jetzt ist er zurück in einer Kleinstadt in Niedersachsen, umgeben von viereckigen Feldern, auf denen Mais und Weizen angebaut werden. Das Kommen und Gehen der Jahreszeiten ist hier die größte Abwechslung. »Es ist schrecklich, plötzlich wieder zu Hause zu wohnen«, sagt er. Zum Abreagieren machte er Sport, zum Ablenken tauchte er in die virtuelle Welt von Second Life ein. »Manchmal«, sagt Andreas und macht eine Pause, »wollte ich morgens gar nicht aufstehen.«

Seine Eltern, eine Blumenverkäuferin und ein Maurer, konnten das nicht verstehen. Denn für die Generation, deren Kinder heute die Uni verlassen, waren Abitur und Studium lange die beste Garantie, schnell einen Job zu finden. Heute ist das anders: Für viele Absolventen ist der Abschluss wie ein Schubs ins kalte Wasser – und die Unterstützung der Eltern ein erster Rettungsring. Auch die Studie von Claudia Haase belegt, dass der Autonomieverlust nach dem Studium viele Absolventen unglücklich macht, bis endlich wieder Land in Sicht ist.

Dabei hat Andreas eigentlich nur getan, was Berufsberater empfehlen – nämlich nach einer Lehre das studiert, wofür er sich wirklich begeistert: Geschichte. Er hat Praktika gemacht, Ausstellungen organisiert und bekam überall nur beste Zeugnisse. Selbst in einem Briefzentrum, wo er als »Abrufkraft« für neun Euro die Stunde arbeitete, war man mit ihm zufrieden. »Was ich mache«, sagt er, »das mache ich eben richtig.«

Trotzdem fischte er zwischen Dorfzeitung und Werbeblättchen erst mal Absagen aus dem Briefkasten seiner Eltern. »Überall setzen sie Berufserfahrung voraus«, sagt Andreas, »aber wie soll man die sammeln, wenn man nie eine erste Chance bekommt?« Erst versuchte er es im Norden, dann deutschlandweit; erst gezielt, dann »in allen Jobs«. Ohne Erfolg. »Ich hatte lange das Gefühl: Ich kann was – aber was ich kann, will keiner haben«, sagt Andreas. »Das ist schon ein sehr niederschmetterndes Gefühl.«

Aber vielleicht ist dieses Gefühl der Krise nötig, um den nächsten Schritt zu machen. Für viele Suchende beginnt die Zeit des Planens erst in der Zeit des Zweifelns. »Absolventen, die sehr unzufrieden sind, strengen sich stärker an«, hat Haase festgestellt. Es braucht nur den ersten Schritt: »Festellen, was einem wirklich wichtig ist.«

Dabei ist Haase aufgefallen, dass es später jenen an Motivation mangelt, die »Statusziele« anstreben, also nach einer Beschäftigung suchen, die ihnen ein hohes Prestige einbringt. Besser ergeht es dagegen den Absolventen, die sich an ihren »Lernzielen« orientieren – also von vornherein nach einer bestimmten Aufgabe suchen. Bei der Bewerbung auf den ersten Job sollte also nicht die Größe des Dienstwagens, sondern der Inhalt der Arbeit den Ausschlag geben. Deshalb hat auch Andreas gezielt Kontakte zu Museen geknüpft, die ihn interessieren, und bewirbt sich dort um wissenschaftliche Volontariate.

Teil 3: Anlaufnehmen
Wer seine Ziele kennt und seine Prioritäten gesetzt hat, sollte sich Unterstützung suchen: Freunde, Verwandte oder Experten, die mit Tipps und Kontakten weiterhelfen können. Auch hier haben manche erst mal Probleme, die richtigen Berater zu finden – etwa, weil es sie im eigenen Bekanntenkreis gar nicht gibt oder sie sich als Bevormunder gerieren. Eltern, die einem die Entscheidungen nicht erleichtern, sondern aufdrängen wollen – und mit Liebes- und Geldentzug drohen, sollte man nicht Folge leisten. »Wenn Menschen das Gefühl haben, etwas zu tun, weil es andere wollen und nicht sie selbst, dann ist das schädlich«, sagt Haase.

Doch gute Berater zu finden ist so schwer nicht. Tatsächlich gibt es an vielen Hochschulen inzwischen Einrichtungen voller Experten fürs Anlaufnehmen und Abspringen. Sie bieten Trainings an, organisieren Praktika und können Kontakte zu Ansprechpartnern in Unternehmen verschaffen. Zu erkennen sind diese Einrichtungen meist an ihren vielsagenden Bezeichnungen: So gibt es an der Humboldt-Universität Berlin das »Sprungbrett«, an der LMU München »Hochsprung« oder an der Freien Universität Berlin den »Career Service«.

Irgendwann hat auch Katharina, 28, einen Karriereberater aufgesucht. Wenn man sich bei Katharina nach ihrer Stimmung in den letzten Monaten erkundigt, dann malt sie eine Kurve, die erst ein kleines Stück nach oben geht. Das war die Zeit direkt nach ihrem Ersten Staatsexamen in Jura, das war der Urlaub in Italien. Danach aber stürzt die Kurve rapide ab. »Ich war ängstlich und unsicher«, sagt Katharina, »auf einmal war das Studium zu Ende, und ich wusste nicht, wohin.« In Berlin waren die Referendariatsplätze rar, und nach Bayern, wo es keine Wartezeit gegeben hätte, wollte sie nicht; sie lebt mit ihrem Freund in Berlin zusammen. Jetzt, nach ein paar planlosen Monaten, will sie endlich ihre Orientierung wiederfinden. Sie will endlich wissen, welche Farbe ihr Fallschirm hat.

»What color is your parachute?« steht am Raum K5 an der Universität Bremen auf dem Türschild. Drinnen steht John Webb in der Mitte eines Stuhlkreises. Webb bietet an vielen deutschen Unis sogenannte »Life and Work Planning«-Seminare an. Darin versucht er mit den Teilnehmern genau diese Frage zu ergründen: Wo gehörst du hin? Vor Jürgen liegen Stapel von bunten Arbeitsblättern auf dem Teppichboden, Julia mit der zerrissenen Jeans und dem gelben Wollschal fläzt sich auf ihren Stuhl. Überall stehen Stellwände und Flipcharts, auf die Webb Dinge geschrieben hat wie »Bereich klären« und »Zielperson finden«.

Viele der 16 Teilnehmer sind Uni-Absolventen, die einen Job suchen. Drei Wochen haben sie mit Webb verbracht, haben Methoden ausprobiert, die der gebürtige Amerikaner »Explosionen« nennt oder »Szenariospiel«, »Ausgehtage« oder »Sondiergespräche«. Zwischen 400 und 800 Euro kostet das Seminar, einigen Teilnehmern hat die Arbeitsagentur das Geld erstattet. Heute ist der letzte Tag, und John Webb bereitet die Teilnehmer auf die Jobsuche vor. Mal klettert er dabei auf den Stuhl, trällert, tanzt, spricht mal fordernd laut, mal einfühlsam leise, macht Späße. Und immer formuliert er »Du«-Botschaften, auch wenn er alle Anwesenden gleichzeitig anspricht. »Du erlebst Scheißwochen«, sagt Webb, »aber es gibt Wege, wie du schneller aus diesem Loch kommst, dir ein Ziel setzt und es erreichst.«

Webb geht dabei anders vor als die Berater der Arbeitsagentur, die Arbeitsuchenden im besten Fall eine Liste mit Stellenausschreibungen präsentieren. Webb glaubt, dass die meisten Stellen überhaupt nicht ausgeschrieben werden – und dass man sich seine Stelle sogar selbst schaffen kann. Man muss sich umhören, Firmen besuchen und mit den Mitarbeitern sprechen. So lange, bis klar ist, welche Firma richtig ist und wer die Ansprechpartner sind, auf die es ankommt. Dann braucht es noch eines: eine Idee, was dem Unternehmen fehlt. Genau diese Idee ist der Köder zum Job. »Im Einstellungsgespräch wirst du diese Idee erläutern«, sagt Webb, »gib deine Idee weg, bewirb und vertreib sie.« Und sich selbst bewirbt man dabei gleich mit.

Teil 4: Strampeln
Nach einem Urlaub in Georgien und zehn vergeblichen Bewerbungen hat Christoph erst mal gebastelt. Einen Flyer, doppelseitig bedruckt. Vorn drauf ein Bewerbungsfoto, die lange Strähne über der Stirn musste dafür dran glauben. Innen drin sein Leben, zusammengefasst in vier Spalten: Studienfächer, Noten, Auslandsaufenthalte, Fremdsprachen. Drei Zeilen für die »Interessen«: Zeitgeschehen, Literatur, Geschichte. Hinten auf dem Flyer noch eine Liste von Christophs Fähigkeiten: Flexibilität. Belastbarkeit. Interkulturelle Kompetenz.

»Mach einen Flyer für potenzielle Arbeitgeber« – diesen Tipp hatte Christoph gelesen, bevor er sich aufmachte zu »Hobsons Absolventenkongress« in Köln, der größten Messe dieser Art der Republik. »Im Kongressplaner wird einem sogar geraten, dass man Socken anzieht, die dunkler sind als die Schuhe«, erzählt Christoph und schüttelt den Kopf. Die Socken müssten bis zur Wade reichen, damit man beim Sitzen kein Bein zeigt. Auf dem Kongress trifft man schließlich Profis. Unternehmensvertreter mit Jobs warten auf Hochschulabgänger ohne, sie führen Gespräche und sammeln Lebensläufe, am liebsten in Kurzform, als Flugblatt.

Google, Haribo, Bayer, Aldi, Telekom: Sie alle sind da. Sogar vor dem Stand der IG Metall herrscht Gedränge. Es geht um eine wichtige Frage, nämlich, wie viel Geld man als Berufsanfänger verlangen kann. 43681 Euro brutto im Jahr winken durchschnittlichen Uni-Betriebswirten mit einem Master, sagt der Gewerkschafter auf der Bühne, mit 33489 Euro kann das »untere Dezil« der FH-Bachelor-Ingenieure rechnen. Es geht um Jobs und um Geld auf dem Kongress. Wenn Absolventen hier auf Kommilitonen treffen, mit denen sie früher im Hörsaal die Bänke drückten und abends ausgingen, dann stehen sie sich auf einmal im Anzug gegenüber; manchmal sind sie Konkurrenten. Die Phase der Zweifel haben sie schon hinter sich gelassen. Jetzt suchen sie nach Jobs. Sie strampeln.

Auch die Bundesagentur für Arbeit kann sich über Zulauf nicht beklagen. In »Hörsaal 7« geht es um die Beschäftigungsmöglichkeiten für Geisteswissenschaftler. Eine wichtige Frage brennt den Anwesenden auf dem Herzen: Ein Praktikum nach dem Abschluss – ist das eine sinnvolle Sache oder Ausbeutung? »Für zwei Drittel der Absolventen, die wir gefördert haben, war ein Praktikum gut«, sagt der Berater der Bundesagentur auf der Bühne, »es war der Missing Link beim Übergang in den Job.«

Kolja Briedis vom Hochschulinformationsservice (HIS) untersucht regelmäßig, wie Uni-Absolventen in den Job finden. Etwa ein Drittel schafft es über Stellenausschreibungen; mit Hilfe des Arbeitsamts sogar nur ein bis zwei Prozent. Jeweils etwa 15 Prozent haben mit Initiativbewerbungen Erfolg, rund 20 Prozent lassen sich von Eltern, Freunden oder dem Hochschullehrer helfen.

Briedis zählt auch jene, die zwischen Studium und Beruf ein Praktikum einschieben. Rund 12 Prozent aller FH- und 15 Prozent aller Uni-Absolventen sind es nach seinen Berechnungen, etwas mehr als noch vor einigen Jahren. Briedis sagt deshalb: »Wer nach dem Abschluss ein Praktikum macht, gehört immer noch zu einer Minderheit.« Die »Generation Praktikum« also gibt es nicht. Grundsätzlich verurteilen kann man ein Praktikum nach dem Studium auch nicht. Eine HIS-Studie aus dem Sommer 2007 zeigt: Zwar gibt es Fälle, in denen die Praktikanten sehr unzufrieden mit dem Praktikum gewesen seien. Die meisten aber haben die Zeit positiv und nicht als Ausbeutung empfunden. Ein paar Ehrenrunden Strampeln können sich also durchaus lohnen.

Teil 5: Landen
Als der Anruf kam, lag Sweeny Westphal im Fieber. 41 Grad, dazu Magenschmerzen, eine heftige Grippe und Monate der Jobsuche in den Knochen. Der Anruf kam aus Tadschikistan, die Verbindung rauschte, und Westphal war fast zu schwach, um zu begreifen, dass sie endlich einen Job gefunden hatte.

Über ein Jahr hatte die 29 Jahre alte Anthropologin nach einer Stelle gesucht, über hundert Bewerbungen geschrieben und immer wieder Absagen kassiert. Dabei glaubte sie, alles richtig gemacht zu haben. Westphal hatte im Ausland studiert, erst an der Universität in Massachusetts, später an der London School of Economics. Ihre Noten waren gut, Westphal spricht drei Sprachen fließend, Französisch passabel. In ihrem Lebenslauf reihen sich etliche Praktika aneinander: bei den Vereinten Nationen, bei Parteien und Verbänden. »Ich habe mich oft gefragt: Was wollen die denn noch?«, sagt sie heute.

Die – das waren die Arbeitgeber, die sie mit immer neuen Begründungen abgelehnt hatten: »überqualifiziert« oder »nicht passend für das Job-Profil«. Weil sie nichts fand, arbeitete sie zeitweise sogar in einer PR-Agentur, obwohl sie schon immer wusste, was sie eigentlich machen wollte: Entwicklungpolitik, am besten als Expertin für internationale Handelspolitik, ihr Fachgebiet. Der Tiefpunkt war ein Seminar, zur Vorbereitung auf Assessment-Center. Dass man dort gezielt lernen sollte, sich zu verbiegen, empfindet sie bis heute als »eine Unverschämtheit«.

Der Anrufer aus Tadschikistan, ihr künftiger Chef, bot ihr eine Stelle als Expertin für Entwicklungspolitik bei einer schweizerischen Organisation in Tadschikistan an – die Belohnung für das lange Anlaufnehmen. »Das war eine Bestätigung«, sagt sie, »ich hatte die ganze Zeit gedacht, es liegt an mir.«

Jetzt geht es Sweeny Westphal wie den meisten der Absolventen, die die Psychologin Claudia Haase ein Jahr nach ihrem Abschluss befragt hat: Sie ist glücklich. Erst mal. Auch wenn die Stelle befristet ist. Auch wenn sie Tadschikistan auf der Karte suchen musste, um herauszufinden, dass der Zwergstaat zwischen Afghanistan und China liegt. Jetzt sitzt sie auf gepackten Koffern, plötzlich geht alles sehr schnell, die Wohnung muss untervermietet, ein Visum beantragt werden. Und wenn das Flugzeug demnächst im tadschikischen Duschanbe auf der Rollbahn aufsetzt, dann ist Sweeny Westphal tatsächlich: gelandet.

Vielleicht wird sie bald als eine Zahl in Kolja Briedis’ Statistiken auftauchen. Regelmäßig zählt Briedis Landungen wie die von Sweeny Westphal zusammen. Bei seiner letzten Untersuchung waren ein Jahr nach dem Studium nur sechs Prozent aller FH-Absolventen arbeitslos, unter Uni-Abgängern sogar nur fünf Prozent. Das war vor zwei Jahren. Briedis arbeitet schon an der nächsten Studie. Fragt man ihn, was am wichtigsten in der Phase nach dem Studium sei, zögert er einen Moment. Dann sagt er: »Vermutlich, so gelassen zu bleiben wie möglich.«

 
Leser-Kommentare
    • KMurx
    • 21.07.2008 um 12:17 Uhr

    Spricht der Artikel von 18-20 jaehrigen Abiturienten oder von 22-25 jaehrigen Absolventen eines Hochschulstudiums? Man sollte ja annehmen, dass Menschen waehrend ihres Studiums zumindest so weit reifen, dass sie der Abschluss nicht ploetzlich in eine Sinn/Zielkrise stuerzt...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    22-25 jährige Absolventen eines Hochschulstudiums? Sie haben ja eine interessante Zeitvorstellung. Der durchschnittliche Absolvent ist wohl eher 26/27....
    Der Text, so gut und suggestiv er auch gemeint ist, zeigt wieder eines in aller Deutlichkeit: die absolute Arbeitszentriertheit unserer Gesellschaft. Sinnsuche wird gleich gesetzt mit Arbeitssuche, und wer nach einem langen Kampf endlich einen Job gefunden hat, wird glücklich. Ignoriert wird vollkommen die Tatsache, dass es stetig mehr Menschen gibt, die außerhalb des Jobs ihre Erfüllung finden, eine instrumentelle Beziehung zur Arbeit haben und in erster Linie arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt. In meinem Bekanntenkreis gibt es etliche, die in der Tat den vermeintlichen Traumjob gefunden haben: gute Inhalte (vor allem studien-bezogen), gutes Gehalt. Trotzdem sind sie unzufrieden, weil eben der Job - gehen wir mal von durchschnittlich 40 - 45 Stunden in der Woche aus - Opportunitätskosten erzeugt. Will heißen: man hat weniger Zeit für die eigentlichen, sinnstiftenden Dinge im Leben. Wer sich bspw. intensiv für Geschichte, Astronomie, Literatur, Computerspielen, klassische Musik und die Tierwelt Schwarzafrikas interessiert, wird kaum einen Job finden können, der all diese Bereich intensiv umfasst. Die Opportunitätskosten sind - insbesondere für Generalisten - extrem hoch.
    Auch suggeriert der Text, dass man studiere, um sich für einen Job zu qualifizieren. In gewisser Weise ist dieser funktionale Gedankengang für unsere Gesellschaft durchaus richtig. Allerdings gibt es auch hier solche, die eher studieren, um sich selbst zu verwirklichen, sich zu bilden, die Welt zu verstehen und die Notwendigkeit, ihre Fähigkeiten für Geld zu verkaufen, als notwendiges Übel sehen.
    Richtig ist die indirekte Anregung im Text, man solle seinen eigenen Neigungen und Wünschen folgen, Ziele nicht aus den Augen lassen. Aber diese müssen sich nicht mit Notwendigkeit auf der "klassischen Job-Schiene" bewegen.

    22-25 jährige Absolventen eines Hochschulstudiums? Sie haben ja eine interessante Zeitvorstellung. Der durchschnittliche Absolvent ist wohl eher 26/27....
    Der Text, so gut und suggestiv er auch gemeint ist, zeigt wieder eines in aller Deutlichkeit: die absolute Arbeitszentriertheit unserer Gesellschaft. Sinnsuche wird gleich gesetzt mit Arbeitssuche, und wer nach einem langen Kampf endlich einen Job gefunden hat, wird glücklich. Ignoriert wird vollkommen die Tatsache, dass es stetig mehr Menschen gibt, die außerhalb des Jobs ihre Erfüllung finden, eine instrumentelle Beziehung zur Arbeit haben und in erster Linie arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt. In meinem Bekanntenkreis gibt es etliche, die in der Tat den vermeintlichen Traumjob gefunden haben: gute Inhalte (vor allem studien-bezogen), gutes Gehalt. Trotzdem sind sie unzufrieden, weil eben der Job - gehen wir mal von durchschnittlich 40 - 45 Stunden in der Woche aus - Opportunitätskosten erzeugt. Will heißen: man hat weniger Zeit für die eigentlichen, sinnstiftenden Dinge im Leben. Wer sich bspw. intensiv für Geschichte, Astronomie, Literatur, Computerspielen, klassische Musik und die Tierwelt Schwarzafrikas interessiert, wird kaum einen Job finden können, der all diese Bereich intensiv umfasst. Die Opportunitätskosten sind - insbesondere für Generalisten - extrem hoch.
    Auch suggeriert der Text, dass man studiere, um sich für einen Job zu qualifizieren. In gewisser Weise ist dieser funktionale Gedankengang für unsere Gesellschaft durchaus richtig. Allerdings gibt es auch hier solche, die eher studieren, um sich selbst zu verwirklichen, sich zu bilden, die Welt zu verstehen und die Notwendigkeit, ihre Fähigkeiten für Geld zu verkaufen, als notwendiges Übel sehen.
    Richtig ist die indirekte Anregung im Text, man solle seinen eigenen Neigungen und Wünschen folgen, Ziele nicht aus den Augen lassen. Aber diese müssen sich nicht mit Notwendigkeit auf der "klassischen Job-Schiene" bewegen.

  1. 22-25 jährige Absolventen eines Hochschulstudiums? Sie haben ja eine interessante Zeitvorstellung. Der durchschnittliche Absolvent ist wohl eher 26/27....
    Der Text, so gut und suggestiv er auch gemeint ist, zeigt wieder eines in aller Deutlichkeit: die absolute Arbeitszentriertheit unserer Gesellschaft. Sinnsuche wird gleich gesetzt mit Arbeitssuche, und wer nach einem langen Kampf endlich einen Job gefunden hat, wird glücklich. Ignoriert wird vollkommen die Tatsache, dass es stetig mehr Menschen gibt, die außerhalb des Jobs ihre Erfüllung finden, eine instrumentelle Beziehung zur Arbeit haben und in erster Linie arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt. In meinem Bekanntenkreis gibt es etliche, die in der Tat den vermeintlichen Traumjob gefunden haben: gute Inhalte (vor allem studien-bezogen), gutes Gehalt. Trotzdem sind sie unzufrieden, weil eben der Job - gehen wir mal von durchschnittlich 40 - 45 Stunden in der Woche aus - Opportunitätskosten erzeugt. Will heißen: man hat weniger Zeit für die eigentlichen, sinnstiftenden Dinge im Leben. Wer sich bspw. intensiv für Geschichte, Astronomie, Literatur, Computerspielen, klassische Musik und die Tierwelt Schwarzafrikas interessiert, wird kaum einen Job finden können, der all diese Bereich intensiv umfasst. Die Opportunitätskosten sind - insbesondere für Generalisten - extrem hoch.
    Auch suggeriert der Text, dass man studiere, um sich für einen Job zu qualifizieren. In gewisser Weise ist dieser funktionale Gedankengang für unsere Gesellschaft durchaus richtig. Allerdings gibt es auch hier solche, die eher studieren, um sich selbst zu verwirklichen, sich zu bilden, die Welt zu verstehen und die Notwendigkeit, ihre Fähigkeiten für Geld zu verkaufen, als notwendiges Übel sehen.
    Richtig ist die indirekte Anregung im Text, man solle seinen eigenen Neigungen und Wünschen folgen, Ziele nicht aus den Augen lassen. Aber diese müssen sich nicht mit Notwendigkeit auf der "klassischen Job-Schiene" bewegen.

    Antwort auf "Seltsam..."
    • wowman
    • 22.07.2008 um 11:40 Uhr

    Einzelne Beispiele des Artikels beweisen - wieder einmal - dass der oft beklagte Personalmangel ein Phantasieprodukt ist.Unternehmen, die wegen nicht hundertprozentig passgenauem Profil eine Absage verschicken, das mangelnde Erfahrung bemängelen, ohne die Möglichkeit, sie zu machen, zu bieten - kurz: Unternehmen, in deren Wortschatz der Begriff "Lernen" nicht existiert, beklagen mit dem "Mangel" nur den eigenen Mangel an Flexibilität.Es wäre ehrlicher, statt "Wir haben ein Problem" zu sagen "Wir sind das Problem".Ein Problem, welches nicht nur Absolventen tagtäglich zu spüren bekommen.

  2. Die Frage als solche ist ja nicht auf ein bestimmtes Alter und damit auf ein bestimmtes Alter festgelegt. Sicher kann man Uni-Absolventen vorwerfen, dass sie nicht über geistige Reife verfügen, weil sie erstmal etwas hilflos nach dem Examen/Diplom/Master/... dastehen. Ich kann es gut verstehen, denn mittlerweile ist eine Ausbildung nicht mehr deckungsgleich mit dem Job, den man ausübt. Dass ist schon bissl wie mit 40 veschiedenen Sorten Jogurth...Was man nicht einfach so wegschieben kann ist der Fachkräftemangel. Ich gebe zu, in den meisten Studienrichtungen ist es eher schwer als einfach, einen Job zu finden, aber wer mal versucht hat, Softwareentwickler/innen zu finden (und das ohne einen Mangel an Flexibilität in den eigene Vorstellungen bezüglich der Bewerber), der weiß, wovon ich rede. Sehr schade ist aber, dass davon nur die naturwissenschaftlich-technischen (und auch da nicht mal alle Fachrichtungen) etwas haben. Mitnichten sind meiner Meinung nach Philosophen entbehrlich, Historiker unnütz oder Soziologen nur abgedrehte Denker in der Turmkammer. Jedoch wird immer weniger Wert auf Erkenntnisse der Geisteswissenschaften gelegt, wo doch aber gerade die Komplexität der Gegenwart  schreit nach intelligenten Köpfen, die auch einmal nach dem "Woher?", "Warum?" und damit dem "Wohin?" fragen.Doch um nicht noch mehr abzuschweifen: Das Studium ist beendet, man hat ein schickes A4-Blatt, auf dem steht, dass man fertig studiert hat und dann, ja dann... Ein Studium bedeutet mehr als Ausbildung, es bedeutet einen Freundeskreis, einen Wohnort, Unabhängigkeit, meist Interesse an dem, was man macht, die Abschlussarbeit ist voll von eigenem Schweiß und Herzblut... All das bricht halt erst einmal weg. Das hat mit Reife nichts zu tun, das passiert auch denjenigen, die schon 10 Jahre arbeiten, entlassen werden oder kündigen müssen und dann in einer neuen Stadt einen neuen Job suchen müssen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und wenn das Vertraute wegfällt, dann hat er auch als Uni-Absolvent alles Recht dazu, darüber verunsichert und traurig und manchmal auch orientierungslos zu sein.www.bewerberblog.de

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