Eine stillgelegte Tankstelle irgendwo am Stadtrand von Köln. Salsa-Rhythmen klingen durch die Nacht, schummriges Licht leuchtet aus den Fenstern. Saskia Stohrer, 28 Jahre alt, feiert ihr Diplom in Regionalwissenschaften Lateinamerika, und alle sind gekommen, um "noch mal richtig das Haus zu rocken". So stand es in der Einladung. Ein letztes Mal soll alles so sein wie damals, im Grundstudium, als die Uni alle zusammenbrachte und für ein paar Jahre zusammenhielt. Jetzt, nach dem Diplom, treibt sie das Leben wieder auseinander: Stephan hat vor ein paar Monaten als Trainee bei einem Forschungsinstitut in der Solarbranche angefangen, Uli reist mit einem Round-the-World-Ticket um die Welt, Ana ist wieder zu ihren Eltern gezogen. Kaum einer ist schon dort gelandet, wo er hinwollte. Es ist überhaupt kaum einer irgendwo schon gelandet.

Über 200 000 Studenten verlassen Jahr für Jahr mit einem Diplom, Master, Examen oder Bachelor die Uni. Die wenigsten fangen sofort an zu arbeiten, die meisten fangen erst einmal an zu suchen. Es können Monate vergehen, bis Absolventen den Einstieg in den Beruf schaffen: Nur etwa jeder Zehnte findet sofort einen Job; die Hälfte sucht länger als ein Vierteljahr.

Die Monate zwischen dem letzten Tag an der Uni und dem ersten Tag im ersten Job sind ein seltsamer Lebensabschnitt, der irgendwie aus der Zeit fällt. Ein bisschen wie die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, nur eben nicht zwischen den Jahren, sondern zwischen den Leben. Es ist eine Zeit zum Feiern, Verreisen und Plänemachen. Und eine Zeit des bangen Wartens: Man schießt Bewerbungsfotos und fragt sich, ob das Lächeln zu aufgesetzt oder schüchtern wirkt; trifft bei Einstellungsgesprächen knallharte Personaler und fischt Absagen aus dem Briefkasten. Das alte Leben an der Uni ist vorbei. Nur hat das neue noch nicht angefangen. Es ist die Fast-da-Phase.

"Das ist eine spannende Zeit, in der die Weichen für die Zukunft gestellt werden", sagt Claudia Haase. Sie forscht als Psychologin an der Universität Jena und hat gerade ihre Dissertation abgeschlossen. Darin verfolgt sie die Entwicklung von über 500 Hochschulabsolventen aus ganz Deutschland in den zwölf Monaten nach ihrem Uni-Abschluss; immer wieder hat sie sie befragt und ihre Zufriedenheit gemessen. "Manche nehmen sich eine Auszeit, hängen rum, machen eine Weltreise oder schlittern in ein Praktikum; viele arbeiten, machen sich selbstständig, promovieren, setzen einen Master drauf oder gehen ins Ausland", sagt Haase. Die Möglichkeiten, Weichen zu stellen, sind fast unbegrenzt.

Genau das stellt viele vor Probleme. Im Studium beschränkten sich die Entscheidungen auf die Auswahl der Seminare, der WG, der Nebenjobs, vielleicht auch mal der Studien- und Praktikumsorte. Beziehungen waren oft flüchtig, neue Freundschaften auf Partys und in Hörsälen schnell gemacht. Plötzlich aber stehen gleichzeitig viele Entscheidungen an, die auf Jahre alles verändern können. Schwere Entscheidungen: Ein neuer Job in einer anderen Stadt kann alten Freundschaften ein Ende setzen – oder gleich die Beziehung kosten.

Soziologen sprechen hier von einem "Zielkonflikt", und der ist völlig normal, zeigt Haases Untersuchung. Direkt nach dem Ende der Uni stufen zwar 90 Prozent berufliche Ziele als "eher wichtig" oder "sehr wichtig" ein, aber für etwa 87 Prozent sind auch Partnerschaft und Beziehung "eher wichtig" oder sogar "sehr wichtig". "Mitunter ist es schwierig, diese beruflichen und privaten Ziele unter einen Hut zu bringen", sagt Haase.

Außerdem steigt mit jedem Tag der Druck, eine Entscheidung zu fällen – weil das Geld knapp wird, die Eltern drängen oder der Berater von der Bundesagentur für Arbeit die Wörter "Mobilität" und "Flexibilität" wie die unverzichtbaren Zutaten eines Zaubertranks preist. "Situationaler Imperativ" nennen Psychologen diesen Druck – und "protektive Zielablösung" die Strategie, sich ihm zu beugen und von seinen Zielen zu trennen. Motto: Hauptsache, irgendein Job, egal wo, egal wie.