Bulimie Nur noch kotzen wollen
Unter Ess- und Brechsucht leiden nicht nur Teenies. Auch viele Erwachsene kämpfen gegen ihren eigenen Körper. Wie kommt es dazu? Eine Studentin berichtet von ihrer Krankheit
Irgendwie kam alles zusammen: ein ›Mangelhaft‹ in einem Studienfach nach zwei Semestern harter Arbeit, die Führerscheinprüfung, die ich nicht bestanden habe, Liebeskummer, Heimweh. »Als ich erfuhr, dass ich durch die Klausur gefallen bin, habe ich zum ersten Mal gekotzt. Ich habe die Küchenschränke aufgerissen und alles in mich hineingestopft, was ich finden konnte. Ein ganzes Baguette mit Honig, mehrere Tafeln Schokolade, zwei Gläser Nutella; Putenschinken war auch noch da, den habe ich mir mit bloßen Händen in den Mund geschoben. Danach fühlte ich mich, als würde ich platzen. Es musste alles wieder raus! Ich bin aufs Klo gerannt und habe versucht, mich zu übergeben. Es tat weh, und ich bekam längst nicht alles heraus. Ich hing über der Kloschüssel und habe mich selbst beschimpft: ›Du dummes Ding! Nicht einmal kotzen kannst du!‹«
Man sieht es ihr nicht an. Lina* ist hübsch, mit langen blonden Haaren, weder zu dünn noch zu dick. Sie studiert Politik, in einem internationalen Studiengang an einer deutschen und einer französischen Universität. Im Freundeskreis ist die 20-Jährige oft die Alleinunterhalterin. Sie steht gern im Mittelpunkt, gibt sich stets gut gelaunt.
Man konnte es ihr nicht ansehen. Bei Magersüchtigen, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen, drängt sich der Gedanke an eine Essstörung schnell auf; Bulimiker aber werden nicht unbedingt dünner. Sie können ihre Probleme gut verstecken – die mit dem Essen und die mit dem Leben. Daher ist ihre Zahl nirgends erfasst; ein bis vier Prozent der Bevölkerung sollen es sein, überwiegend Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Während die Magersucht eine typische Pubertätskrankheit ist, ein Kampf gegen den weiblicher werdenden Körper, tritt die Bulimie später auf, oft als Folge. Bulimiker wollen nicht androgyn aussehen, sondern schlank. Deshalb haben auch immer mehr Männer diese Essstörung.
»Die Angst, fett zu werden, hatte ich schon mit zwölf. Ein paar Jahre später fing ich an, mein Essen zu kontrollieren. Zuerst habe ich die Butter weggelassen, dann das Dessert, dann immer mehr. Ich habe mir meine eigene Diät kreiert aus allem, was ich irgendwo aufgeschnappt hatte: unter 1000 Kalorien bleiben, kein Fett, keine Kohlenhydrate. Am Ende war alles verboten.
Aus dem Internet habe ich mir Kalorientabellen ausgedruckt. Irgendwann waren diese Kalorientabellen in meinem Kopf. Ich habe nur noch über Essen nachgedacht. Ich habe sogar von Essen geträumt und ständig davon geredet.
Im Restaurant bin ich dem Kellner hinterhergelaufen, um ihm zu sagen, er solle beim Salat die Soße weglassen. Ich habe mich geweigert, in Restaurants zu gehen, in denen es keinen Salat gab. Wenn mir eine Portion zu groß vorkam, habe ich heimlich die Kartoffeln in der Hosentasche verschwinden lassen. Wenn ich ein Croissant geschenkt bekam, habe ich es weggeschmissen.«
Wenn man eine Diät nach der anderen macht, wird der Heißhunger irgendwann übermächtig. Man isst viel mehr, als man brauchte – und dann kommen sie, die Furcht zuzunehmen, die Scham und die Schuldgefühle.
Wegen der Fressanfälle bedeutet Bulimie, wörtlich übersetzt, »Stierhunger«. Bis zu 10 000 Kalorien schlingen Bulimiker dabei in sich hinein – normalerweise braucht eine Frau täglich zwischen 2000 und 2500. Von der Ess- und Brechsucht spricht man im Deutschen oft, aber das beschreibt die Krankheit nur unzulänglich. Lina hat viele Möglichkeiten ausprobiert, das Gegessene wieder loszuwerden, von extremem Sport bis hin zu Abführmitteln.
Aber warum dieser Kampf gegen den eigenen Körper? Wegen des Schönheitsideals mit Kleidergröße XS, das aus allen Medienkanälen strahlt, wegen der androgynen Hungerhaken auf den Laufstegen und der retuschierten Magermädchen auf den Magazincovern? Deswegen sicher auch. Aber so eindimensional sind die Ursachen für eine Essstörung nicht.
»Ich hatte immer dieses Bild vor Augen, wie ich einmal sein wollte: eine Businessfrau im schwarzen Chanel-Kostüm. Schlank und attraktiv, aber auch intelligent und sehr beschäftigt. Ein bisschen so wie meine Mutter, die eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau ist. Um ihr ähnlicher zu werden, habe ich zu schnell mit dem Erwachsenwerden begonnen. Mit 16 ging ich auf ein französisches Internat; was mir endlich die Anerkennung meines Vaters eingebracht hat, der selbst Franzose ist. Die logische Konsequenz aus dem internationalen Abschluss war ein internationales Studium, am besten an einer französischen Elite-Hochschule. Ich wollte etwas machen, wofür mich alle bewundern. Also bewarb ich mich für das Doppelstudium in Deutschland und Frankreich.
Das war anstrengend – und ich habe mich noch zusätzlich gestresst, weil ich gut sein wollte. Manchmal habe ich ganze Nächte durchgearbeitet, weil ich vor lauter Druck nicht schlafen konnte. Andere lesen dann einen Roman, aber auf die Idee kam ich gar nicht. Mein Lieblingssatz war: ›Ich muss!‹«
Die Medizinerin Katja Aschenbrenner hat für ihre Doktorarbeit die Tendenz zu Essstörungen bei Studenten untersucht. »Natürlich wollen Bulimiker, oberflächlich gesehen, schlank sein und dem westlichen Schönheitsideal entsprechen«, sagt Aschenbrenner, »man muss sich aber die Frage stellen: Warum hungert jemand diesem Vorbild nach?« Die Antwort: Wir verknüpfen es mit Aktivität und Erfolg. Wer übergewichtig ist, gilt als Versager.
Es sind die Ehrgeizigen, die Perfektionistischen, gerade die, die alles im Griff haben wollen, die in eine Essstörung abrutschen. Rund 80 Prozent der Bulimiker stammen aus Schichten mit höherer Bildung. Universitätsstudenten sind nach Aschenbrenners Studie deutlich häufiger essgestört als ihre Kommilitonen auf den Fachhochschulen. Besonders gefährdet sind Studenten der Medizin, Jura und Betriebswirtschaftslehre – der Fächer also, in denen Studenten stark auf Klausuren hin lernen müssen und in denen Jobchancen sehr mit der Note verknüpft sind.
Der kranke Ehrgeiz wiederum ist meist die Folge eines emotionalen Mangels: Viele Bulimiker tun alles, um Anerkennung zu erlangen – weil sie sie mit Liebe verwechseln. Studien zufolge stammen sie oft aus leistungsorientierten Familien mit schwacher emotionaler Verbundenheit, in denen Konflikte offen ausgetragen werden, ohne sie zu lösen. Während des Studiums gibt es dann viele Situationen, die die Krankheit auslösen können: die Wahl des richtigen Berufs und Partners, das Loslassen von den Eltern – überall drohen Kränkungen, mit denen nicht jeder fertig wird.
Feministische Forscher sehen in der Bulimie zudem eine Antwort auf den modernen weiblichen Rollenkonflikt. Junge Frauen haben einen viel größeren Anpassungsstress als Männer: Auf ihnen lastet der Druck, drei Rollen gleichzeitig spielen zu müssen – Mutter, Ehefrau, Karrierefrau. Weil sie daran scheitern, flüchten einige in die Essstörung. Das erklärt auch, warum die Bulimie eine neue Krankheit ist, die erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und auch nur in der westlichen Gesellschaft auftritt. Bei Lina kamen wohl all diese Gründe zusammen.
»Zu meinem 19. Geburtstag habe ich mir eine Digitalwaage gewünscht. Meine Mama hat sie mir geschenkt, sie sagte noch: ›Aber dass du mir bloß nicht essgestört wirst!‹ – ›Wenn du wüsstest‹, dachte ich, ›dass ich schon zwei Waagen habe!‹ Ich habe mich jeden Tag gewogen, morgens, mittags, abends, und zwischendurch, nach dem Joggen. Sogar das Haargummi habe ich abgelegt – bloß kein überflüssiges Gramm! Wenn ich in der Stadt an einer spiegelnden Fensterscheibe vorbeikam, hob ich das T-Shirt, um meinen Bauch zu begutachten.
Ich begann, mich zu fotografieren, von allen Seiten, dann, mich zu filmen. Mich selbst sah ich dabei gar nicht mehr, ich sah Einzelteile: fette Unterschenkel, fette Oberschenkel, einen fetten Bauch, fette Arme, eine fette Oberweite. Wie sehr ich mich hasste! Dann kam der Tag, an dem ich mich selbst nicht mehr im Spiegel erkannte. Ich hatte mich in dieser Wut so von meinem eigenen Bild distanziert, dass ich mir völlig fremd geworden war. Wenn man sehr lange auf jemanden einschlägt, dann geht der irgendwann.
Mein Umfeld hat lange nicht gemerkt, was mit mir los war. Kein Wunder, ich habe ja ständig gelogen. Gerade im ungeregelten Studienalltag ist das so einfach: ›Ich habe keinen Hunger, ich hab schon gegessen, ich hab eine Magen-Darm-Verstimmung.‹ Ich habe meist gesagt, ›es geht mir gut‹, auch wenn das schon lange nicht mehr gestimmt hat.
Heute denke ich, ich habe kleine Signale ausgesandt, die niemand bemerkt hat. Weil ich einerseits Hilfe brauchte, andererseits aber nicht wollte, dass mich jemand zum Essen zwingt und mir die Kontrolle über mein Gewicht wegnimmt. Meine Mutter meinte später, sie hätte gedacht, ich würde sehr diszipliniert essen: ›Ich hatte ein bisschen Angst, dass du magersüchtig wirst, aber abgenommen hast du ja nicht.‹ Meine Freunde haben sich Sorgen gemacht, weil ich so gestresst war, aber sie haben nur vorsichtig nachgefragt. Sie hätten sagen müssen: ›Es reicht, du musst dringend eine Therapie machen!‹ Aber wahrscheinlich wäre ich dann nur sauer auf sie geworden. Man belügt ja nicht nur die anderen, sondern vor allem sich selbst.«
Die Leiterin der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks München kennt dieses Problem. Viele, die mit einer Essstörung zu Christine Tabbert-Haugg kommen, verschweigen die Krankheit. Stattdessen berichten sie von Überforderung, Depression oder Problemen mit der Abschlussarbeit. Ein äußeres Anzeichen von Bulimie wäre die Manifestation von Mangelerscheinungen, aber brüchige Fingernägel lassen sich gut verbergen, und Zahnschäden, die durch die Magensäure entstehen, die beim Brechen hochkommt, treten erst nach Jahren auf. Und wie soll man einer Frau ansehen, dass sie seit Monaten ihre Tage nicht bekommen hat, weil ihr Körper wegen fehlender Nährstoffe auf Sparfunktion geschaltet hat?
Tabbert-Haugg setzt daher auf unterbewusste Signale ihrer Patienten. »Wenn ich eine Spannung zwischen sprachvermittelter und gefühlsvermittelter Botschaft spüre, hake ich vorsichtig nach«, sagt sie, wenn also jemand etwas anderes sagt, als er signalisiert. Bis das Vertrauen aufgebaut ist, um einen Patienten auf seine Essstörung anzusprechen, vergehen oft einige Beratungsgespräche. Meist kommen auch nur die Studenten zu ihr, denen es schon richtig schlecht geht. Denn Bulimie macht zwar krank, ist aber auch ein Ventil für psychische Probleme, mit dem sich die Betroffenen lange stabilisieren. Drei bis fünf Jahre vergehen, bis sich jemand helfen lässt.
»Dass ich die Klausur nicht bestanden hatte, war für mich der Beweis: Ich bin nicht nur hässlich, ich bin auch dumm. Alles, was ich sein wollte, war unerreichbar. Ich war gerannt und gerannt, jetzt konnte ich nicht mehr. In mir war so eine unglaubliche Müdigkeit, ich verfiel in Depressionen.
An einigen Tagen blieb ich einfach nur im Bett. Inzwischen war ich im dritten Semester. Ich ging nicht mehr in die Vorlesungen, ich lernte nicht mehr. Ich fiel durch alle Klausuren, selbst die einfachsten. Aber es war mir egal. Da war keine Verzweiflung mehr, nur noch Leere. Wie gerne wäre ich richtig krank gewesen! Damit sich alle um mich kümmern. Die kleine Lina, die ich immer weggeschubst hatte, weil ich dachte, ich müsste erwachsen werden, diese kleine Lina meldete sich jetzt und wollte in den Arm genommen werden.
Ich kam gar nicht auf die Idee, dass ich längst krank war. Ich hatte die Essstörung bereits vier Jahre, doch bewusst wurde mir sie erst, als ich im Internet über Bulimie las. Vorher hatte ich mir dort aus anderen Krankheitsgeschichten nur Anregungen geholt, wie ich das Essen schnell wieder loswerde – dazu braucht man nur ›richtig kotzen‹ zu googeln. Diesmal las ich über Ursachen und Symptome, und mir wurde klar: Das alles trifft auf mich zu. Ich fühlte mich reingelegt: Ich, die immer etwas Besonderes sein wollte, habe eine Massenkrankheit. Ich, die so stark und intelligent sein wollte, bin reif für die Klapse.«
Am 19. März 2007 kam Lina ins St.-Rochus-Hospital Telgte, eine Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in der Nähe von Münster. Die Psychotherapeutin, die sie endlich aufgesucht hatte, hatte ihr dazu geraten. Bis zu 20 Prozent der Betroffenen finden den Weg aus der Krankheit auch ohne fremde Hilfe, zum Beispiel mit einem guten Selbsthilfebuch. »Ob jemand ambulant oder stationär betreut werden muss, hängt davon ab, wie schwer die Krankheit ist, und ob sie wie bei Lina mit Depressionen einhergeht«, sagt Karl Stricker, der die Abteilung für Psychosomatik der Klinik leitet. »Bei täglichen Essattacken über mehrere Monate hinweg ist eine Heilung ohne Therapie aber schwer vorstellbar.« Wichtig ist, dass die Patienten motiviert sind: Sie müssen aus eigener Entscheidung heraus Hilfe suchen.
Die Klinik hat den Vorteil, dass hier alle Aspekte der Krankheit behandelt werden können. »Wir setzen auf Verhaltenstherapie, das heißt, wir kümmern uns zuerst um das Essverhalten und die Körperwahrnehmung. Danach kommt die Auseinandersetzung mit den Ursachen«, sagt Stricker. Die Reihenfolge erscheine den Patienten zunächst unlogisch, »sie denken, man müsste zuerst Ursachenforschung betreiben. Aber mit einem Alkoholiker reden Sie ja auch nicht über seine Kindheit, wenn er noch betrunken ist.«
Das Gute an der Klinik: Sie ist wie eine gläserne Taucherglocke, die die Alltagsprobleme, abschirmt, und dem Patienten Gelegenheit gibt, in Ruhe zu sich selbst zu finden.
»Ich hatte die perfekte Studentin sein wollen – in der Klinik wollte ich die perfekte Patientin sein. Am liebsten alle Einheiten gleichzeitig belegen und ganz schnell Erfolge vorweisen. Ich war extrem angespannt und musste lernen, lockerzulassen. Dann habe ich versucht, mir wieder Gefühle zu erlauben. Als meine Kontrolle bröckelte, brachen sie über mich herein, und das war furchtbar anstrengend. Gleichzeitig aber fühlte ich mich in der Klinik so gut aufgehoben. Hier hatte ich Zeit, mich mit einem Problem nach dem anderen zu beschäftigen.
In der Therapie ist mir bewusst geworden, was mir die Fressanfälle gegeben haben: Sie waren die einzigen Momente, in denen ich mich fallen lassen konnte. Ich hatte mich an diese Art der Stressbekämpfung gewöhnt, anstatt zu hinterfragen, was mich überhaupt aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Jetzt musste ich mich mit den Ursachen auseinandersetzen, mit meinen Familienverhältnissen: meiner Furcht, von meinem Vater nicht geliebt zu werden, wenn ich keine Leistung brachte, und meinem Konkurrenzdenken gegenüber meiner älteren Schwester.
Um die Angst vor dem Essen abzulegen und mich an normale Portionen zu gewöhnen, habe ich eine Esstherapie gemacht. Ich habe auch Arbeiten gelernt, konzentriert, aber in Maßen, und durch die Gruppentherapie bin ich kritikfähiger geworden. In der Ergotherapie habe ich handwerklich gearbeitet und konnte zum ersten Mal seit Langem zufrieden mit einer Leistung sein, denn ich konnte sie sehen und anfassen.«
Drei Monate blieb Lina in der Klinik; später suchte sie regelmäßig einen Therapeuten auf, bis heute. »Wir raten den Patienten bereits vor der Aufnahme, sich um eine ambulante Nachbetreuung zu kümmern«, sagt Karl Stricker. »Ganz ohne Unterstützung klappt der Übergang selten.«
Oft brauchen seine Patienten zusätzlich ganz praktische Hilfestellungen: eine Paartherapie, eine Berufsberatung – oder auch eine Schuldnerberatung, denn es gibt Bulimiker, die für ihre Essanfälle mehr Geld ausgeben, als sie haben. Wer die Klinik verlässt, muss sein Leben nicht komplett ändern, wohl aber sein Essverhalten. Er muss aktiv die zugrunde liegenden Probleme angehen, anstatt sie über Essen zu kompensieren. Im Grunde sei die Bulimie eine gut zu behandelnde Störung, sagt Stricker.
»In die Klinik zu gehen war das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe.Das glaubt man vorher nicht. Als die Psychotherapeutin mir dazu riet, war mein erster Gedanke: ›Das geht gar nicht! Ich muss doch das Semester zu Ende bringen, ich kann mein Studium nicht einfach unterbrechen, und eine Praktikumszusage habe ich auch gerade bekommen!‹ Außerdem hatte ich panische Angst, man würde mich zwingen zu essen und ich würde zunehmen.
Ich habe sogar abgenommen. Vor allem aber habe ich gelernt, auf mich selbst zu hören, anstatt eine Rolle zu spielen. Ich bin kein völlig neuer Mensch geworden, weder habe ich mein Berufsziel geändert, noch gehe ich jetzt als Hippie nach Amerika. Aber ich habe mein Arbeitspensum reduziert. Ich habe nicht mehr das Gefühl, etwas tun zu müssen, und viel mehr Spaß an dem, was ich tue. Und ich mag mich selbst immer mehr.
Manchmal meldet sich während des Essens noch eine böse Stimme, vor allem, wenn ich gestresst bin. Aber ich erkenne sie jetzt als Signal dafür, dass ich mir zu viel zumute. Ich habe gelernt, mir in solchen Momenten etwas Gutes zu tun, banale Dinge, wie ein schönes Bad zu nehmen oder im Café zu lesen statt in der Bibliothek. Hunger fühle ich noch nicht, aber ich weiß, das kommt noch. Ich bin noch nicht fertig, aber ich bin auf einem guten Weg.
Es war bei der Kunsttherapie, als ich zum ersten Mal wieder so etwas wie Glück empfunden habe. Wir waren im Garten, um Lebensbäumchen zu basteln, aus Stöckchen und allem, was die Natur hergibt. Daran hängten wir Zettel mit dem, was uns wichtig ist. ›Liebe‹, habe ich geschrieben, ›Familie, Freundschaft, Gesundheit, Ruhe‹. Ich weiß, das sind große Worte, aber in dem Moment waren sie für mich nicht abstrakt. Und wie ich da stand und mein Lebensbäumchen ansah, merkte ich: Ich hatte ›Erfolg‹ vergessen.
Ich war so glücklich. Das Lebensbäumchen hat die Putzfrau später weggeschmissen. Aber das war dann egal.«
- Datum 18.07.2008 - 10:57 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 04/ 2008
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Dieser Artikel wurde aus der Sicht einer Bulimikerin geschrieben und Sie haben nichts besseres zutun als einen guten Artikel zu kritisieren, der NICHTS mit Recherche sondern etwas mit Lebensgeschichte zu tun hat!
Wenn sie Fakten wollen besuchen Sie Pro ana und Pro mia Foren.
Es gibt genug harte Fakten, in Büchern nachzulesen, in Videos und Artikeln massig zu finden.
Genau solche Artikel wie diesen gibt es so wenig und ich bin froh dass ein solcher verfasst wurde.
Eine Unverschämtheit!
Der Artikel ist sehr bewegend und gut geschrieben
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