Bundesliga Pfeifen oder nicht pfeifen

In der 28. Minute seines zweiten Erstligaspiels traf der jüngste Bundesliga-Schiri eine falsche Entscheidung: Weil Michael Kempter nicht pfiff, siegte statt Hertha die Ungerechtigkeit. Ein Protokoll

Bielefeld spielte gegen Hertha, mein zweites Spiel als Schiedsrichter in der Ersten Bundesliga. Es lief die 28. Minute, der Berliner Verteidiger verlängerte den Ball etwas unglücklich zu einem Bielefelder Stürmer. Der schoss und traf. Mein Assistent hatte vor dem Treffer die Fahne gehoben, ich aber ließ weiterspielen. Ich war mir sicher, dass es kein Abseits war. Tor für Bielefeld also, 1:0. Damit war das für mich erledigt. Eigentlich.

Ich war damals 23 und der jüngste Schiri der Ersten Bundesliga. Wenn man so jung ist, muss man sich in der Spielklasse erst etablieren. Dazu muss man gute Spiele machen. Gute Spiele sind Spiele ohne Fehlentscheidung. Fehler bleiben natürlich nicht aus, und sie ärgern einen jedes Mal enorm.

An jenem Abend aber war ich von meiner Entscheidung völlig überzeugt. Ich stand zwanzig Meter weit weg, hatte die Situation gut im Blick. Ich war der Meinung, dass der Verteidiger kontrolliert zum Ball hochsprang, dass eine neue Spielszene begonnen hatte und der Stürmer deshalb nicht im Abseits stand. Darum habe ich nicht unterbrochen, auch wenn die Hertha-Spieler nach dem Fahnenwink des Assistenten stehen geblieben sind. Ich entscheide. Ich habe nicht gepfiffen.

Erst als ich nach dem Spiel die Aufzeichnung sah, merkte ich, dass ich danebenlag. 2:2 ging es aus. Falsch entschieden, unentschieden. 2:1 hätte Hertha gewinnen können. Es war schon spät, zu spät für die Abreise, die Partie war ein Abendspiel gewesen, also ging ich mit den Assistenten noch etwas essen. Im Restaurant habe ich mich tierisch geärgert. Ich habe mich gefragt, wie ich den Fehler hätte vermeiden können. Mich ließ die Sache nicht los.

Das Schiedsrichter-Rezept heißt: Wahrnehmen und entscheiden. Aber in manchen Situationen, wenn man nicht richtig steht und nicht alles sieht, liegt zwischen der Wahrnehmung und der Entscheidung noch die Erfahrung. Manche Spielabläufe hat man bei sich auf der Festplatte gespeichert. Die sagt einem dann: Das und das kann so und so nicht gewesen sein. Da muss etwas faul sein. Das ist ein Gefühl, das sich erst entwickeln muss.

Die meisten Entscheidungen treffe ich unmittelbar, sozusagen während ich pfeife. Wenn es um Personalstrafen geht, kann man noch mal überlegen: War das jetzt gelb oder eher rot – frage ich besser den Assistenten? Bei einem Strafstoß aber habe ich keine Zeit. Da muss man sofort entscheiden: Weiterspielen, Elfmeter oder Schwalbe?

Ob sich dabei ein Zig-Millionen-Euro-Mann wie Oliver Kahn vor mir aufbaut, ist mir egal. Auch wenn jemand unschuldig guckt, irritiert mich das nicht. Die Visage der Spieler ist kein Gradmesser. Als Schiedsrichter muss man die Fakten erkennen, um eine Entscheidung zu treffen. Die Regeln sind für alle gleich.

Klar braucht man dafür ein stabiles Selbstbewusstsein. Es tut gut, wenn ich nach dem Spiel im Fernsehen noch einmal meine richtigen Entscheidungen ansehe. Meine Motivation ist ziemlich einfach: Ich will Gerechtigkeit herstellen. Wenn das gelingt, ist das ein tolles Gefühl. Wenn nicht, ärgere ich mich.

Für Fußballfans klingt es wahrscheinlich absurd, aber ich wollte schon als Kind Schiedsrichter werden. Meine Fußballer-Karriere wäre ohnehin mit der Bezirksliga zu Ende gewesen– ohne mich überschätzen zu wollen. Wenn sonntags um drei bei uns daheim der VfR Sauldorf gespielt hat, war ich beeindruckt, wie schnell der Schiedsrichter entscheiden musste. Er konnte es nie beiden Parteien recht machen. Es hat mir imponiert, dass er sich nicht hängen ließ, obwohl er das arme Schwein auf dem Platz war. Das wollte ich auch machen.

Aber nur zusätzlich. Mein erstes Standbein steht in Pfullendorf-Messkirch. Da arbeite ich in der Sparkasse als Kundenberater für Altersvorsorge und Riester-Rente. Die Riester-Rente ist eine gute Sache, die habe ich auch. Mein Job gibt mir Sicherheit. Fußball ist ein Tagesgeschäft, das kannst du vielleicht bis 35 machen, aber dann bist du fertig. Und was machst du dann? Ich fühle mich hier wohl, es ist schön, nach dem Wochenende wieder zurück im Geschäft zu sein, bei meiner Arbeit. Das erdet. Auf dem Sportplatz habe ich mit weit größeren Summen zu tun als in der Bank-Filiale.

Mit meinen Kollegen rede ich natürlich über die Spiele. Neulich habe ich Gladbach gepfiffen und dem Gegner einen Elfmeter zugesprochen, eine korrekte Entscheidung. Am nächsten Tag hatte ich gleich einen Arbeitskollegen am Hals, einen Gladbach-Fan. Aber wir werden uns schon wieder vertragen.

Protokoll: Sven Behrisch.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Super!

    ..jetzt gibt auch ZEIT Campus schon mit eingebauter Riester-Renten-Werbung - ganz ohne Mehrkosten. Eine Spitzenleistungder PR!Zu den Kosten des "Riesterns" siehe z.B. den Artikel "Gebühren fressen Riester-Zulagen auf" (Die WELT, 18.08.08, auch onlineverfügbar).

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