Berufschancen Auf Umwegen

Eine alte Regel unter Juristen lautet: Nur wer sein Examen mit Prädikat macht, bekommt einen guten Job. Topfirmen, Großkanzleien oder Staatsdienst - alles kein Problem. Doch stimmt das wirklich?

Als Anna Haetge* auch im zweiten Staatsexamen nur mit fünf Punkten abgeschlossen hatte, wurde der heute 30-Jährigen langsam mulmig zumute. »Schließlich habe ich nicht jahrelang studiert, um anschließend arbeitslos zu werden oder als unterforderte Sachbearbeiterin zu enden«, sagt sie.

Fünf Punkte – das waren vier zu wenig für einen Abschluss mit Prädikat: »voll befriedigend«, kurz »vb.«, ein Kürzel, das jeder Jurastudent schon am Anfang seines Studiums kennt. Wer die Auszeichnung in beiden Staatsexamina erreicht (oder sogar ein »gut« oder »sehr gut« erzielt), hat es erst mal geschafft. Prädikatsjuristen können in den Staatsdienst gehen, in den Rechtsabteilungen internationaler Topfirmen oder bei einer Großkanzlei anfangen. Sie haben alle Chancen.

Der große Rest, rund 85 Prozent der Absolventen, fällt zunächst in ein Loch und plagt sich mit Zukunftsängsten. In kaum einem anderen Fach spielen die Abschlussnoten eine so entscheidende Rolle beim Berufseinstieg wie bei Juristen. In keiner anderen Profession bleiben komplette Berufsfelder, wie zum Beispiel das Richteramt, den meisten Absolventen von Vornherein verschlossen. Deshalb hatte sich auch Anna Haetge auf eine Jobsuche mit Hindernissen eingestellt.

Doch tatsächlich fand sie bereits nach vier Wochen ihre erste Stelle – vermittelt von der Arbeitsagentur. Sie begann als Vorstandsassistentin in einem mittelständischen IT-Unternehmen in der Nähe von Augsburg. Schon beim Vorstellungsgespräch war klar, dass dort knallharte juristische Sachkompetenz gefragt war. Haetge war die erste Juristin unter 300 Mitarbeitern und baute im Alleingang die neue Rechtsabteilung auf. Kurze Zeit später wechselte sie auf eine Stabsstelle als Justiziarin.

Die Geschichte von Anna Haetge zeigt: Auch mit durchschnittlichem Examen kann man als Jurist Karriere machen, wenn man ein paar Umwege einlegt und etwas Geduld mitbringt. Vor allem kleine Unternehmen suchen derzeit Absolventen, weil sie deren Fachwissen dringend brauchen – etwa weil sie eine neue Firma gründen wollen, einen Umbau planen oder an die Börse gehen wollen.

Auch in der Öffentlichkeitsarbeit oder in der Gesundheits- und der Energiebranche entstehen mehr und mehr Jobs. Selbst Großunternehmen wie der Otto-Konzern oder Behörden wie das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung beschäftigen mittlerweile Juristen mit befriedigenden Examensleistungen. Für sie sind Kontakte, soziale Kompetenz und Berufserfahrung oft wichtiger als die Examensnote.

Auch Anna Haetge überzeugte ihren neuen Arbeitgeber, weil sie sich früh engagiert hatte: Neben dem Studium arbeitete sie in einer Anwaltskanzlei und war Mitglied in der Fachschaft. »Und ich habe sehr schnell studiert. Das hat mir sicher den Einstieg erleichtert«, sagt sie. Dass ihr Abschluss eher Durchschnitt war, half ihr bei ihrem ersten Job sogar weiter: »Meinem Chef war wichtig, dass ich menschlich mit der Belegschaft zurechtkommen würde. Vor einem ›Dr. jur.‹ mit Auszeichnung hätten die anderen Mitarbeiter einfach zu viel Respekt gehabt«.

Dennoch ist der Berufseinstieg ohne Prädikat schwerer als mit Auszeichnung – und er muss gut geplant sein.Wer absehen kann, dass die Examensnoten eher mittelmäßig ausfallen werden, sollte möglichst früh die möglichen Arbeitgeber im Blick behalten – und sich das passende Zusatzwissen aneignen.

»Bei Wirtschaftsunternehmen und Verbänden sind zum Beispiel betriebswirtschaftliche Fortbildungsqualifikationen sehr gefragt, im Bankenwesen kommt eine Lehre noch immer gut an«, rät Jörg-Christian Lorenz, ein Hamburger Rechtsanwalt, der sich seit Langem mit dem Berufseinstieg von Juristen beschäftigt. Auch eine Promotion, ein Master, gute Sprachkenntnisse und einige Aufenthalte im Ausland könnten helfen, den eigenen Marktwert zu steigern.

Grundsätzlich gilt: Je weiter die angestrebte Stelle von der klassischen Arbeit eines Juristen entfernt ist, desto wichtiger werden Soft Skills oder Spezialwissen. »Wer kommunikativ ist, viele Leute kennt, gern organisiert und motiviert, kann sich als Referent in einem Verband oder Verein bewerben«, sagt Sabine von Göler, Anwältin und Herausgeberin einer Jobbörse für Juristen. Zwar bestehen auch viele Verbände in ihren Ausschreibungen formal auf dem Prädikat. Doch wenn das Profil des Bewerbers passt, kann er das Manko leicht mit anderen Begabungen ausgleichen. »In einem Vorstellungsgespräch wird sehr schnell deutlich, ob da bloß ein juristischer Fachmann sitzt oder jemand, der auch schon einmal über den Tellerrand hinausgeblickt hat«, sagt Göler.

Wer gleich in die Wirtschaft statt in den Staatsdienst will, dem raten die Experten zu einem Studium an einer Fachhochschule. »Diplom-Wirtschafts- oder Arbeitsjuristen übernehmen in der Regel Managementpositionen und spezialisierte Tätigkeiten in der Wirtschaft«, sagt Lorenz. Typische Arbeitgeber sind Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, deren Rechts- und Personalabteilungen oft gut dotierte Jobs zu vergeben haben.

Allerdings legt sich, wer an der FH studiert, von Vornherein auf eine Karriere abseits der klassischen Juristenberufe fest. Denn in Deutschland können nur sogenannte Volljuristen mit zwei bestandenen Staatsexamina Richter oder Rechtsanwalt werden. »Wer an der Uni begonnen hat, sollte deshalb auf jeden Fall beide Examina absolvieren. Zum einen setzen viele Arbeitgeber dies bei der Einstellung noch immer voraus. Zum anderen kann man jederzeit eigene Mandate übernehmen, etwa um später die Rente etwas aufzubessern«, sagt Sabine von Göler. Eine eigene Kanzlei kann zum Einstieg durchaus lohnenswert sein: »Das Klischee vom Feld-, Wald- und Wiesenanwalt, der sein ganzes Berufsleben lang ums finanzielle Überleben kämpft, trifft längst nicht auf alle zu. Vielen Anwälten gelingt es durchaus, innerhalb von drei bis fünf Jahren einen soliden Mandantenstamm aufzubauen«, sagt Göler.

Für Jörn-Jacob Guthold war schon immer klar, dass er am liebstenunabhängig bleiben wollte. Die Zeit des Studium nutzte er deswegen, um Erfahrungen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen: Er vermietete Parkplätze am Messegelände, organisierte Sport-Events und arbeitete in verschiedenen Anwaltskanzleien. Am Ende hatte er zwar lange studiert und sein zweites Examen nur knapp bestanden, dafür aber in vielen Branchen gearbeitet und einen riesigen Bekanntenkreis aufgebaut. »Dieses Netzwerk hat mir den Start als Anwalt sehr erleichtert«, sagt der 36-Jährige.

2005 gründete er seine Ein-Mann-Kanzlei und teilt sich seither mit zwei Kollegen ein Loft in der Hamburger Speicherstadt: großzügige Glastüren, dunkle Dielenböden, hohe Decken. Die repräsentativen Büroräume waren eine Anfangsinvestition, die sich nun langsam auszuzahlen beginnt. Privat musste Guthold in der ersten Zeit hingegen seine Ansprüche zurückstecken. »Als Einsteiger braucht man Durchhaltevermögen und im Idealfall ein paar finanzielle Rücklagen. Gerade am Anfang ist es schwer, seine Arbeit auch zu einem angemessenen Wert zu verkaufen«, sagt Guthold.

Seine private Risikoversicherung hat er auch seinem Netzwerk zu verdanken: Seit Anfang 2006 gibt er regelmäßig den Strafverteidiger in der Fernseh-Gerichtsshow Alexander Hold. Den Job hatten ihm Freunde vermittelt. »Natürlich rümpfen einige die Nase darüber, dass ich mein Gesicht ins Privatfernsehen halte. Aber ich stehe dazu, und gerade in der Anfangsphase als Anwalt war es sehr beruhigend, eine regelmäßige Einkommensquelle zu haben.«

Seine Zukunft als Anwalt sieht Guthold mittlerweile optimistisch: »Ich kann inzwischen sehr gut von meiner Tätigkeit leben. Aber ich weiß auch, dass ich vermutlich niemals Millionen nach Hause tragen werde. Dafür bin ich jetzt mein eigener Herr.«

Auch Anna Haetge ist mit ihren ersten Berufsjahren zufrieden. Anfang April hat sie aus eigener Initiative die Stelle gewechselt, um als Vertriebsexpertin in der Rechtsabteilung eines größeren Augsburger Unternehmens anzufangen. Auch in dieser Bewerbungsrunde konnte sie sich am Ende durchsetzen – trotz ihrer Abschlussnote. Wichtiger war ihrem neuen Chef das erstklassige Arbeitszeugnis, das ihr vorheriger Arbeitgeber geschrieben hatte.

Trotzdem kam auch diesmal im Vorstellungsgespräch ihr durchschnittliches Examen zur Sprache: »Diese Notenfixiertheit der Juristen nervt schon. Nirgendwo sonst muss man sich auch nach einigen Jahren im Beruf noch für ein verpatztes Examen rechtfertigen«, sagt die 30-Jährige. »Aber ich weiß, dass ich gut bin. Und meine Arbeitgeber zum Glück auch!«

 
Leser-Kommentare
    • lawyer
    • 23.07.2008 um 1:41 Uhr

    Da nicht 15%, sondern etwa nur etwa 5-7% zweimal VB und besser haben, können es sich nur ganz, ganz wenige Topkanzleien leisten, ausschließlich solche Kandidaten einzustellen. Eine Mehrzahl dieser Kandidaten sind außerdem Kandidatinnen und Frauen zieht es häufig - wohl wegen der besseren Familienfreundlichkeit - eher in den Staatsdienst. Stellenanzeigen von Kanzleien mit astronomischen Anforderungen an die Kandidaten sind daher häufig als Marketing und Wunschdenken verstehen. Ich kenne Anwälte, die mit einem Schnitt von 6 Punkten in sehr renommierten internationalen Kanzleien gelandet sind. D.h. auch mit einem "ausreichend" ist die Karriere noch nicht völlig versaut. Die Notenfixierung ist allerdings trotzdem kompletter Wahnsinn, wenn man die Notenschwankungen zwischen verschiedenen Korrektoren betrachtet. Da kann es sein, dass der eine eine Klausur mit 11 Punkten bewertet und der andere - völlig unabhängig davon - mit 4 Punkten. Unterschiede von durchschnittlich (!) 3-4 Punkten zwischen Erst- und Zweitkorrektur von Examensarbeiten sind keine Seltenheit. Das heißt, ob eine Klausur etwa "ausreichend" (4-6 Punkte) oder "vollbefriedigend" (10 bis 12 Punkte) gelöst wurde, kann nicht objektiv unterschieden werden. Daher auch die geringe Anzahl von Kandidaten mit zweimal VB. In so einem System sind konstant gute Bewertunge nur mit etwas Glück zu erzielen. Kurz: die Qualität des Juristen ist mit den gängigen Klausuren und Korrekturgepflogenheiten kaum messbar. Und das sage ich als Prädikatsjurist, dem auch schon mal die lächerlich hohe Note von 18 Punkten im Staatsexamen verpasst wurde. 

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  • Quelle ZEIT Campus 04/ 2008
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