Roger Willemsen studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn, Florenz, München und Wien © Sean Gallup/Getty Images

Roger Willemsen kann nicht kochen. "Entweder ich lasse mich bekochen, oder ich esse Wackersteine", sagt er und freut sich über den Bohneneintopf in der Bonner Mensa. "Gegen Gebühren!" steht daneben auf den Tisch gekritzelt. "Toll, polysemantisch!", sagt er. Willemsen ist in Bonn aufgewachsen und verbrachte die ersten Semester an der Universität mit Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Dann wechselte er die Uni, wurde später Talkshow-Moderator, interviewte Arafat, Madonna und den Dalai Lama; schrieb Bestseller, reiste quer durch Afghanistan – und ist überhaupt ständig unterwegs und liest und schaut und schreibt und staunt. Er hat viel über das Leben gelernt und legt Wert darauf, dass zu einem richtigen Mensaessen ein Nachtisch gehört.

ZEIT Campus: Hier ein Klischee: Wer in seiner Jugend so viel gelesen hat wie Sie, dürfte damals kein Glück bei den Mädchen gehabt haben. Richtig?

Roger Willemsen: Zu der Zeit war ich sehr unattraktiv, hatte langes Haar, das sich wie angewestes Sauerkraut auf die Schultern runterbewegte. Wenn meine Nase das Haar mal scheitelte, dann holten die Leute die Kinder von der Straße.

ZEIT Campus: Sie übertreiben.

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Willemsen: Keineswegs. Ich trug eine haarige Burka. Dazu einen Parka, der in einer hellen Durchfallfarbe gehalten war.

ZEIT Campus: Und die Mädchen?

Willemsen: Wegen dieser Voraussetzungen musste ich mein Auge auf die Spezies Frau werfen, die für die libidinös Unerlösten zur Erde gebracht worden ist: die englische Austauschschülerin. Wenigstens das klappte. Ich lag also mit dieser Frau im Bett; und während ich ein paar Griffe ausübte, die ich bei der DLRG gelernt hatte, fiel mir siedend heiß ein, dass ich vergessen hatte, wo jetzt ganz genau "es" ist – die Scham der Frau. Die Austauschschülerin lag derweil wie Lenin in seinem Mausoleum auf dem Rücken und rührte sich nicht. Mit Lenin im Bett fragte ich mich also: Wenn du Gott wärst, wo hättest du "es" hingetan?

ZEIT Campus: Und, fiel es Ihnen schwer, sich in Gott hineinzuversetzen?

Willemsen: Irgendwen muss man sich ja zum Vorbild nehmen! Ich dachte: Entweder ist es Gott peinlich gewesen, dann wird er sie dahin getan haben, wo niemand sie mit bloßem Auge sieht. Oder er war gut gelaunt, setzte den Bauchnabel mittendrauf und sagte sich: Nun ja, auf der Achse arbeite ich eh schon – zack! – direkt darunter. Ich ging mit einer sensiblen Akupressur an beiden Stellen zu Werke, die infrage kamen, und die Frau ging mit starkem Harndrang auf die Toilette. Sie kam nicht zurück.

ZEIT Campus: Wann haben Sie dann gemerkt, dass Intelligenz sexy macht?

Willemsen: Vorgestern.

ZEIT Campus: Ich meine nicht, wann Sie es zum letzten, sondern zum ersten Mal gemerkt haben.

Willemsen: Ich finde mich bis heute nicht sexy. Das Einzige, was ich tun kann, ist, Frauen besinnungslos zu quatschen.

ZEIT Campus: Im Internet findet sich seit einiger Zeit eine nie ausgestrahlte Sendung namens "Wahrheit oder Pflicht?" – eine Fernsehshow, die Charlotte Roche machen wollte. Sie erzählen da recht freimütig aus Ihrem Liebesleben. Ist es Ihnen peinlich, dass nun Tausende Menschen, die das Video bei YouTube abgerufen haben, Genaues über Ihre sexuellen Erfahrungen wissen?

Willemsen: Ich zucke darüber bloß mit den Achseln. Das war nicht mehr als ein Versuch für eine Sendung, und es ist durch eine Indiskretion rausgekommen. Wenn ich private Dinge erzähle, dann geht es mir nicht darum, was ich erzähle, sondern wie ich es erzähle. Deshalb fällt es mir nicht schwer, über bestimmte sexuelle Kühnheiten zu reden.

ZEIT Campus: Das Video ist recht beliebt. Vielleicht deswegen, weil man Intellektuellen genau solche Kühnheiten nicht zutraut?

Willemsen: Die Leute adoptieren ziemlich schnell ein Berufs-Ich. Der klassische Vorwurf gegen einen Intellektuellen lautet: Der hat Wirklichkeitsverlust, lebt im Elfenbeinturm. Jetzt erfährt man plötzlich: Der ist ganzkörpertätowiert, hat uferlosen Sex, geht ins Bordell, macht sich der Kleinkriminalität schuldig… Da möchte man am liebsten sagen: Der ist kein Intellektueller mehr! Dabei ändert das die Qualität seines Denkens nicht.

ZEIT Campus: Sie sind mit Charlotte Roche befreundet. Ihr Buch "Feuchtgebiete" haben Sie schon gelesen, als es noch ein Manuskript war.

Willemsen: Es ist mit Abstand das ekelerregendste Buch, das ich kenne. Aber in dieser Metapher der Hygiene steckt einiges: Ordnung, Entfernung von Lebensspuren, Verdrängung. Charlotte ist auf einen der letzten Bereiche zugelaufen, in denen es eine Form von gesellschaftlichem Konsens gibt. Und ihr fällt auf: Da ist ein Bereich von Erfahrung, in dem wir beengt und normiert werden.