Roger Willemsen kann nicht kochen. "Entweder ich lasse mich bekochen, oder ich esse Wackersteine", sagt er und freut sich über den Bohneneintopf in der Bonner Mensa. "Gegen Gebühren!" steht daneben auf den Tisch gekritzelt. "Toll, polysemantisch!", sagt er. Willemsen ist in Bonn aufgewachsen und verbrachte die ersten Semester an der Universität mit Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Dann wechselte er die Uni, wurde später Talkshow-Moderator, interviewte Arafat, Madonna und den Dalai Lama; schrieb Bestseller, reiste quer durch Afghanistan – und ist überhaupt ständig unterwegs und liest und schaut und schreibt und staunt. Er hat viel über das Leben gelernt und legt Wert darauf, dass zu einem richtigen Mensaessen ein Nachtisch gehört.

ZEIT Campus: Hier ein Klischee: Wer in seiner Jugend so viel gelesen hat wie Sie, dürfte damals kein Glück bei den Mädchen gehabt haben. Richtig?

Roger Willemsen: Zu der Zeit war ich sehr unattraktiv, hatte langes Haar, das sich wie angewestes Sauerkraut auf die Schultern runterbewegte. Wenn meine Nase das Haar mal scheitelte, dann holten die Leute die Kinder von der Straße.

ZEIT Campus: Sie übertreiben.

Willemsen: Keineswegs. Ich trug eine haarige Burka. Dazu einen Parka, der in einer hellen Durchfallfarbe gehalten war.

ZEIT Campus: Und die Mädchen?

Willemsen: Wegen dieser Voraussetzungen musste ich mein Auge auf die Spezies Frau werfen, die für die libidinös Unerlösten zur Erde gebracht worden ist: die englische Austauschschülerin. Wenigstens das klappte. Ich lag also mit dieser Frau im Bett; und während ich ein paar Griffe ausübte, die ich bei der DLRG gelernt hatte, fiel mir siedend heiß ein, dass ich vergessen hatte, wo jetzt ganz genau "es" ist – die Scham der Frau. Die Austauschschülerin lag derweil wie Lenin in seinem Mausoleum auf dem Rücken und rührte sich nicht. Mit Lenin im Bett fragte ich mich also: Wenn du Gott wärst, wo hättest du "es" hingetan?

ZEIT Campus: Und, fiel es Ihnen schwer, sich in Gott hineinzuversetzen?

Willemsen: Irgendwen muss man sich ja zum Vorbild nehmen! Ich dachte: Entweder ist es Gott peinlich gewesen, dann wird er sie dahin getan haben, wo niemand sie mit bloßem Auge sieht. Oder er war gut gelaunt, setzte den Bauchnabel mittendrauf und sagte sich: Nun ja, auf der Achse arbeite ich eh schon – zack! – direkt darunter. Ich ging mit einer sensiblen Akupressur an beiden Stellen zu Werke, die infrage kamen, und die Frau ging mit starkem Harndrang auf die Toilette. Sie kam nicht zurück.

ZEIT Campus: Wann haben Sie dann gemerkt, dass Intelligenz sexy macht?

Willemsen: Vorgestern.

ZEIT Campus: Ich meine nicht, wann Sie es zum letzten, sondern zum ersten Mal gemerkt haben.

Willemsen: Ich finde mich bis heute nicht sexy. Das Einzige, was ich tun kann, ist, Frauen besinnungslos zu quatschen.

ZEIT Campus: Im Internet findet sich seit einiger Zeit eine nie ausgestrahlte Sendung namens "Wahrheit oder Pflicht?" – eine Fernsehshow, die Charlotte Roche machen wollte. Sie erzählen da recht freimütig aus Ihrem Liebesleben. Ist es Ihnen peinlich, dass nun Tausende Menschen, die das Video bei YouTube abgerufen haben, Genaues über Ihre sexuellen Erfahrungen wissen?

Willemsen: Ich zucke darüber bloß mit den Achseln. Das war nicht mehr als ein Versuch für eine Sendung, und es ist durch eine Indiskretion rausgekommen. Wenn ich private Dinge erzähle, dann geht es mir nicht darum, was ich erzähle, sondern wie ich es erzähle. Deshalb fällt es mir nicht schwer, über bestimmte sexuelle Kühnheiten zu reden.

ZEIT Campus: Das Video ist recht beliebt. Vielleicht deswegen, weil man Intellektuellen genau solche Kühnheiten nicht zutraut?

Willemsen: Die Leute adoptieren ziemlich schnell ein Berufs-Ich. Der klassische Vorwurf gegen einen Intellektuellen lautet: Der hat Wirklichkeitsverlust, lebt im Elfenbeinturm. Jetzt erfährt man plötzlich: Der ist ganzkörpertätowiert, hat uferlosen Sex, geht ins Bordell, macht sich der Kleinkriminalität schuldig… Da möchte man am liebsten sagen: Der ist kein Intellektueller mehr! Dabei ändert das die Qualität seines Denkens nicht.

ZEIT Campus: Sie sind mit Charlotte Roche befreundet. Ihr Buch "Feuchtgebiete" haben Sie schon gelesen, als es noch ein Manuskript war.

Willemsen: Es ist mit Abstand das ekelerregendste Buch, das ich kenne. Aber in dieser Metapher der Hygiene steckt einiges: Ordnung, Entfernung von Lebensspuren, Verdrängung. Charlotte ist auf einen der letzten Bereiche zugelaufen, in denen es eine Form von gesellschaftlichem Konsens gibt. Und ihr fällt auf: Da ist ein Bereich von Erfahrung, in dem wir beengt und normiert werden. 

 "Jeder Mann will wissen, wie sich der Orgasmus einer Frau anfühlt"

ZEIT Campus: Charlotte Roche behauptet: Jeder Mann bekommt beim Lesen eine Erektion. 

Willemsen: Da muss ich passen. Mich wundert auch der Ausdruck Pornografie, den sie selbst dafür verwendet. Für mich ist es keine Pornografie.

ZEIT Campus: Sie haben selbst mal eine Pornodarstellerin interviewt. Was wollten Sie wissen?

Willemsen: Alles: Wie sich der Orgasmus einer Frau anfühlt. Wie es ist, als Pornodarstellerin in den Mann verliebt zu sein, mit dem man dreht. Ob die Pornodarstellerin wirklich im Kopf ihren Einkaufszettel schreibt, während sie von hinten durchbohrt wird. Das führte dazu, dass das Interview in der Schweiz gedruckt wurde, ein deutsches Magazin aber abwinkte: Wie man sich denn dafür interessieren könnte. Ich meine: Dafür interessiert sich jeder!

ZEIT Campus: Ein schwieriges Interview?

Willemsen: Ja, weil es mich als Interviewer auch an einer weichen Stelle trifft. Die Frau weiß alles über Sex, was ich nicht weiß. Da fühle ich mich als Konfirmand.

ZEIT Campus: Sie werden gerne als Vorzeigeintellektueller beschrieben. Wovon haben Sie grundsätzlich keine Ahnung?

Willemsen: In Mathe und Naturwissenschaften bin ich ein hoffnungsloser Fall. Ich bin nicht umsonst zweimal in der Schule hängen geblieben.

ZEIT Campus: Ist das nicht der wohlfeile Snobismus des Geisteswissenschaftlers: Man sagt, man hatte in Mathe eine Fünf, und alle applaudieren?

Willemsen: Das kommt vor, aber eigentlich gibt es da nichts zu applaudieren.

ZEIT Campus: Der Physiker und Schriftsteller C. P. Snow klagt: "Jeder zählt Shakespeare zur Bildung, aber nicht den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik."

Willemsen: Stimmt, aber: Man kann die Welt durch ein Sonett von Shakespeare auf expansivere Weise erfahren als durch den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.

ZEIT Campus: Sie haben schon als Kind Samuel Beckett gelesen. Wann haben Sie gemerkt, dass es eine Welt außerhalb von Büchern gibt?

Willemsen: Das klingt auch wieder komisch, aber ich hatte ziemlich früh all das, was wirklich alle haben sollten: Ich habe gekifft, Alkohol getrunken, politische Parolen an Häuserwände gesprüht…

ZEIT Campus: Aber Sie haben Ihr Studium in der Stadt begonnen, in der Sie auch aufwuchsen: Bonn. Das klingt nach piefiger Bundeshauptstadt.

Willemsen: Ganz und gar nicht. Wir haben damals Feste in den Bunkern auf der Hardthöhe gefeiert, waren oft im Maddox, das war so eine halbe Unterwelt-Disco, und im Bordell…

ZEIT Campus: Sie waren als Jugendlicher im Bordell?

Willemsen: Um zu gaffen. In diesem Labyrinth des Bordells, das weiß gekachelt war, saßen die Frauen wie Pasteten auf ihren Betten. Und was ich damals anziehend und beängstigend zugleich fand, war ihr Flüstern: "Komm, gehste mit? Komm, gehste mit?" Diesen Flüsterton höre ich heute noch, der hat immer noch Wallung für mich.

ZEIT Campus: Als Sie in Bonn studierten, arbeiteten Sie nebenher als Nachtwächter – etwa bei der FDP.

Willemsen: Das ist schon fast eine Tautologie: Was gibt es bei der FDP anderes als Nachtwächter?

ZEIT Campus: Sehr intellektuell: Sie reden über Ihren Nebenjob und spielen dabei auf das urliberale Prinzip des Nachtwächterstaates an. Was haben Sie damals über Politik gelernt?

 Der feine Unterschied zwischen Bildung und Wissen

Willemsen: Als 1977 die Landshut von Terroristen nach Mogadischu entführt wurde, konnte ich die Reden lesen, die veröffentlicht werden sollten, wenn die Maschine nicht gerettet worden wäre. Das war ein ernüchternder Moment: Da ist eine ausgefeilte Rhetorik, die nur geschrieben wird für den Fall, dass … sie hat alle Empörung, alle Anklage, alles Entsetzen drin. Ohne sie zu empfinden.

ZEIT Campus: Trotz Ihrer Studentenjobs haben Sie aus Geldnot Bücher geklaut. Welche?

Willemsen: Einmal habe ich mit einem Freund einen Bildband über Goya mitgehen lassen, ein umfangreiches Ding, sehr schwer zu klauen. Dann haben wir diesen Band in der Bahnhofsgaststätte von Troisdorf einer Prostituierten geschenkt. Wir waren mit ihr ins Gespräch gekommen, sie guckte das Buch an und sagte: Das ist das Schönste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Was hätten wir da tun sollen?

ZEIT Campus: Reden wir wieder über Bildung. Folgendes Wissen ist bei Günther Jauch eine Million wert: Wer bekam 1954 den Chemie- und 1962 den Friedensnobelpreis? a) Linus Pauling, b) Otto Hahn, c) Pearl S. Buck oder d) Albert Schweitzer?

Willemsen: Moment, nicht hetzen. Buck war Autorin, also nein. Schweitzer war Chemiker und hat den Friedensnobelpreis bekommen. Glaube ich. Aber ich logge noch nicht ein. Pauling war Chemiker … und Otto Hahn? Es ist fast zu leicht. Jeder würde jetzt Schweitzer sagen, aber dann wäre es keine Millionenfrage. Ich sage: Pauling.

ZEIT Campus: Richtig.

Willemsen: Fanfaren, Jubel, Konfettiregen!

ZEIT Campus: "Wer wird Millionär?" ist immer noch sehr erfolgreich. Steht Bildung also hoch im Kurs?

Willemsen: Das ist doch eine Notwehr des Zuschauers, der diese minimale Anforderung in der konsequenten Unterforderung des Fernsehens honoriert.

ZEIT Campus: Was ist der Unterschied zwischen Bildung und Wissen?

Willemsen: Wissen vermittelt Können und gibt ein Instrumentarium. Bildung formt den inneren Menschen. Bildung hat eine moralische Komponente, sie sagt, was gut und was weniger gut ist. Bildung heißt, das zu werden, was man schon ist: nämlich ein Mensch.

ZEIT Campus: Der Schweizer Philosoph Peter Bieri sagt: Bildung macht gedanklich unbestechlich.

Willemsen: Das ist heikel. Es haben NS-Funktionäre Beethoven gehört und waren nicht mal doof dabei. Darum geht es ja auch in Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten.

ZEIT Campus: Bildung macht nicht automatisch zu einem besseren Menschen?

Willemsen: Nein.

ZEIT Campus: Aber warum muss jemand dann wissen, dass Paris nicht nur eine Stadt und eine Hotelerbin, sondern auch der Auslöser des Kriegs um Troja ist?

Willemsen: Bildung schließt die Möglichkeit ein, sich zu orientieren. Und wenn ich nichts weiß, stoße ich mir dauernd den Kopf. Das, was man nicht weiß, unterdrückt einen: Ich werde unablässig zurückgeworfen auf die Instanz der Person, die nicht ist – weil ich allem gegenüber nicht bin. Schon gegenüber der Neonröhre, die dort brennt, bin ich nicht – weil ich nur so unvollständig weiß, wie sie funktioniert.

ZEIT Campus: Macht Bildung glücklich?

Willemsen: Es gibt ein Glück des Denkens, das durch andere Glückszustände nicht ersetzbar ist. Bildung gibt einem manchmal diese sanfte Täuschung von Orientierung, Souveränität, Durchschaubarkeit der Dinge. Aber wer glaubt, Erkenntnisse zu erwerben, um glücklich zu werden, der sollte Erkenntnisse ganz schnell abbauen.

Die Interview führte Anna Kemper