Mensagespräch mit Roger Willemsen "Gott ist mein Vorbild"
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 Der feine Unterschied zwischen Bildung und Wissen

Willemsen: Als 1977 die Landshut von Terroristen nach Mogadischu entführt wurde, konnte ich die Reden lesen, die veröffentlicht werden sollten, wenn die Maschine nicht gerettet worden wäre. Das war ein ernüchternder Moment: Da ist eine ausgefeilte Rhetorik, die nur geschrieben wird für den Fall, dass … sie hat alle Empörung, alle Anklage, alles Entsetzen drin. Ohne sie zu empfinden.

ZEIT Campus: Trotz Ihrer Studentenjobs haben Sie aus Geldnot Bücher geklaut. Welche?

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Willemsen: Einmal habe ich mit einem Freund einen Bildband über Goya mitgehen lassen, ein umfangreiches Ding, sehr schwer zu klauen. Dann haben wir diesen Band in der Bahnhofsgaststätte von Troisdorf einer Prostituierten geschenkt. Wir waren mit ihr ins Gespräch gekommen, sie guckte das Buch an und sagte: Das ist das Schönste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Was hätten wir da tun sollen?

ZEIT Campus: Reden wir wieder über Bildung. Folgendes Wissen ist bei Günther Jauch eine Million wert: Wer bekam 1954 den Chemie- und 1962 den Friedensnobelpreis? a) Linus Pauling, b) Otto Hahn, c) Pearl S. Buck oder d) Albert Schweitzer?

Willemsen: Moment, nicht hetzen. Buck war Autorin, also nein. Schweitzer war Chemiker und hat den Friedensnobelpreis bekommen. Glaube ich. Aber ich logge noch nicht ein. Pauling war Chemiker … und Otto Hahn? Es ist fast zu leicht. Jeder würde jetzt Schweitzer sagen, aber dann wäre es keine Millionenfrage. Ich sage: Pauling.

ZEIT Campus: Richtig.

Willemsen: Fanfaren, Jubel, Konfettiregen!

ZEIT Campus: »Wer wird Millionär?« ist immer noch sehr erfolgreich. Steht Bildung also hoch im Kurs?

Willemsen: Das ist doch eine Notwehr des Zuschauers, der diese minimale Anforderung in der konsequenten Unterforderung des Fernsehens honoriert.

ZEIT Campus: Was ist der Unterschied zwischen Bildung und Wissen?

Willemsen: Wissen vermittelt Können und gibt ein Instrumentarium. Bildung formt den inneren Menschen. Bildung hat eine moralische Komponente, sie sagt, was gut und was weniger gut ist. Bildung heißt, das zu werden, was man schon ist: nämlich ein Mensch.

ZEIT Campus: Der Schweizer Philosoph Peter Bieri sagt: Bildung macht gedanklich unbestechlich.

 

Willemsen: Das ist heikel. Es haben NS-Funktionäre Beethoven gehört und waren nicht mal doof dabei. Darum geht es ja auch in Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten.

ZEIT Campus: Bildung macht nicht automatisch zu einem besseren Menschen?

Willemsen: Nein.

ZEIT Campus: Aber warum muss jemand dann wissen, dass Paris nicht nur eine Stadt und eine Hotelerbin, sondern auch der Auslöser des Kriegs um Troja ist?

Willemsen: Bildung schließt die Möglichkeit ein, sich zu orientieren. Und wenn ich nichts weiß, stoße ich mir dauernd den Kopf. Das, was man nicht weiß, unterdrückt einen: Ich werde unablässig zurückgeworfen auf die Instanz der Person, die nicht ist – weil ich allem gegenüber nicht bin. Schon gegenüber der Neonröhre, die dort brennt, bin ich nicht – weil ich nur so unvollständig weiß, wie sie funktioniert.

ZEIT Campus: Macht Bildung glücklich?

Willemsen: Es gibt ein Glück des Denkens, das durch andere Glückszustände nicht ersetzbar ist. Bildung gibt einem manchmal diese sanfte Täuschung von Orientierung, Souveränität, Durchschaubarkeit der Dinge. Aber wer glaubt, Erkenntnisse zu erwerben, um glücklich zu werden, der sollte Erkenntnisse ganz schnell abbauen.

Die Interview führte Anna Kemper

 
Leser-Kommentare
  1. Irgendwie ticke ich da anders, als die "Promis" - nicht, daß ich mich meiner ersten stümperhaften sexuellen Versuche schämen würde - allerdings verspüre ich auch kein übermäßiges Bedürfnis, meine Haut derart zu Markte zu tragen und einem Millionenpublikum über Details meiner ersten Ejakulation zu informieren...
    Trotzdem Respekt vor seiner Offenheit - schönes Interview, das da im Sommerloch rumstochert - und mit definitiv hohem Unterhaltungswert!
    Zur ernsten Überschrift dieses schönen, humorvollen Interviews:
    Ich halte mich da lieber an die "Meister" als Vorbilder -  also Jesus, Buddha und deren Kollegen...
    Gott als Vorbild impliziert schließlich ein Gottesbild - da komme ich -ähm -nicht ganz ran - so sehr ich mich auch strecke, deshalb versuche ich es erst gar nicht - auch ohne, daß es mir eine Religion verbieten müßte...
    Und HerrWillemsen ist doch Katholik, soweit ich weiß?
    Wie war das noch bei denen mit dem Bilde Gottes ?
    1) (AT)Wir sind nach seinem Ebenbilde geschaffen. Aye.
    2) (AT)Wir sollen uns kein Bild vom ihm machen. Aye.
    3) (NT)Nur durch den Meister gelangen wir zu Ihm zurück. Aye.
    Also sollte der Meister unser Vorbild sein - und nicht der Alte der Tage, den wir nicht erkennen können?!
    Möge jeder nach seiner Fasson selig werden
    - auch ein Alter, aber ein anderer

  2. Hah, der Willemsen... ich lach mich krumm und schief...hehehe.

  3. dass laufend Leuten applaudiert wird, die keine Ahnung von Mathematik, Naturwissenschaften und dem Islam haben. Diesen halbgebildeten Geistes-"Wissenschaftlern" dürfen wir uns gar keinen Falls anvertrauen, sie führen uns an den Abgrund.
     
    Leider hat diese Spezies auch in der Politik das Sagen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Falls mein Kurzzeitgedächtnis einigermaßen funktioniert, war in dem Interview vom Islam mit keinem Wort die Rede. Schade eigentlich, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass Herr Willemsen Ihnen zu diesem Thema einiges Erhellende zu sagen hätte.Abgesehen davon: Glückwunsch, Roger, das ist mit Abstand das Witzigste, was ich je von Ihnen gelesen habe. Viel besser als die Deutschlandreise. Vielleicht wäre Standup Comedian ja noch eine Karrieremöglichkeit.v.

    ...Spezies ist aber nur voruebergehend. Es weisst vieles darauf hin dass die Nachfolger ein sehr viel pragmatischeres Verhaeltniss zu vielen Dingen haben (Atomkraft, Einwanderung etc.). Also Kopf hoch!!

    Gruss

    Hannes

    Falls mein Kurzzeitgedächtnis einigermaßen funktioniert, war in dem Interview vom Islam mit keinem Wort die Rede. Schade eigentlich, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass Herr Willemsen Ihnen zu diesem Thema einiges Erhellende zu sagen hätte.Abgesehen davon: Glückwunsch, Roger, das ist mit Abstand das Witzigste, was ich je von Ihnen gelesen habe. Viel besser als die Deutschlandreise. Vielleicht wäre Standup Comedian ja noch eine Karrieremöglichkeit.v.

    ...Spezies ist aber nur voruebergehend. Es weisst vieles darauf hin dass die Nachfolger ein sehr viel pragmatischeres Verhaeltniss zu vielen Dingen haben (Atomkraft, Einwanderung etc.). Also Kopf hoch!!

    Gruss

    Hannes

  4. Falls mein Kurzzeitgedächtnis einigermaßen funktioniert, war in dem Interview vom Islam mit keinem Wort die Rede. Schade eigentlich, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass Herr Willemsen Ihnen zu diesem Thema einiges Erhellende zu sagen hätte.Abgesehen davon: Glückwunsch, Roger, das ist mit Abstand das Witzigste, was ich je von Ihnen gelesen habe. Viel besser als die Deutschlandreise. Vielleicht wäre Standup Comedian ja noch eine Karrieremöglichkeit.v.

    Antwort auf "Es ist ein Fiasko,"
    • Colon
    • 30.07.2008 um 13:40 Uhr

    Unter Garantie wird Herr Willemsen in den nächsten Wochen, ob seiner phänomenalen Selbstauskünfte, ein gern gesehener Interview-Partner in Talk-Runden und Print- Magazinen sein. Klappern gehört zum Handwerk. Die "Informationen" und Ansichten zu den hier gestellten Fragen verbreitet der Interviewte seit Jahr und Tag, immer ein wenig abgewandelt. - Liegt es eventuell daran, dass Herr Willemsen dann, wenn er ironisch ernst, sachlich und kritisch wird, -er kann es-, von den Publikumsmedien nicht gerade geschätzt wird? -  Dazu wurden jedoch keine Fragen gestellt.Der Ausweg. Werde irgendwie pseudopersönlich, spiele den Intellektuellen und  gib´ den Affen ein Stück Zucker. GrüßeChristoph Leusch

    • hagego
    • 30.07.2008 um 17:37 Uhr
    6. Nine!

    Rhetorik, gepaart mit prononcierter Meinung, sind heute im Medienzeitalter beinahe unschlagbar. Da spielt die vollkommene Entkleidung einer Integral-Rechnung nur noch eine winzige Marginal-Rolle.

    Lasst uns quatschen! Über Feuchtgebiete. Über Trockenbeerauslese. Und über das Leben als solches. Aber rechnet nicht damit, dass 3x3 gleich neun ist. Nine!

  5. Drei mal drei macht sechs, widewidewitt, und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide-wie sie mir gefällt.Auch mein großes Vorbild ist Gott ;-)

  6. Je länger man nachdenkt, desto konfuser wird einer. "Grosses Vorbild", dann "Gott" noch dazu. Keiner hat die allergeringste Idee, was "Gott" bedeuten soll, auch nicht Herr Ratzinger. Und wie ein total unerkennbarer Begriff (=Gott) ein "Vorbild" sein soll, kann man nur super-ironisch verstehen. Eins ist klar: keiner will auf "ewig" (was immer "ewig" heissen sollte?) in einem r.k. Himmel (vielleicht mit Herrn Ratzinger anwesend?) herumsitzen, mit den allerfeinen Auserwälten des Jesus himmlische Hallelujas anstimmen. Wenn ein "Gott" solchen dissonanten Katzenjammer täglich anhören könnte u. dass schon seit Jahrtausenden, länger sogar, müsste Er wirklich recht apart sein, d.h., keinen einzigen Gen von banaler Mensch- o. Tierlichkeit. Alle Auserwählte singen seine selbstkomponierten Hallelujas (Ihn) zu ehren u. Ihm, Gott, gefällt's! Welch ein Vorbild. 

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