Unternehmensberater

Gesucht: Bunte Hunde

Welche Fähigkeiten ein Bewerber mitbringen sollte und warum Top-Beratungen gern Rentierforscher einstellen. Ein Gespräch mit dem Deutschlandchef der Boston Consulting Group

ZEIT Campus: Herr Veith, bei den großen Strategieberatungen bewerben sich jährlich mehrere Tausend Kandidaten, genommen werden nur wenige Hundert. Es heißt, Sie stellen nur Absolventen mit einer 1,0 im Zeugnis ein, stimmt das?

Christian Veith: Die Null hinterm Komma ist nicht zwingend. Wir suchen Leute mit herausragenden intellektuellen Fähigkeiten, und darüber geben die akademischen Leistungen Auskunft. Wichtig ist aber auch, dass ein Bewerber begeisterungsfähig ist und diese Passion auf seine Arbeit übertragen kann. Deswegen frage ich in Vorstellungsgesprächen immer auch nach persönlichen Interessen.

ZEIT Campus: Darüber hört man die wildesten Geschichten: Sie suchten Marathonläufer, Olympioniken, Soloviolinisten...

Veith: Wenn jemand in allen Bereichen nur durchschnittlich ist, wird ihn sein Weg nicht zu BCG führen. Das heißt aber nicht, dass er in der Bundesliga Tennis gespielt haben muss, um eingestellt zu werden.

ZEIT Campus: Sollte er denn ein bestimmtes Fach studiert haben?

Veith: Das Fach spielt keine Rolle. Nur die Hälfte unserer Mitarbeiter kommt aus den Wirtschaftswissenschaften. Spannend ist gerade die Kombination dieser Fachexperten mit Talenten, die einen ganz anderen Horizont haben. Die sind eher bereit, Herkömmliches infrage zu stellen – sie haben das ja auch in ihrer eigenen Biografie getan, indem sie nicht den klassischen Berufsweg eingeschlagen haben, sondern zu uns gekommen sind. Zum großen Teil sind das Naturwissenschaftler und Ingenieure, aber auch Juristen gibt es bei uns, Theologen, Musiker und sogar einen Rentierforscher.

ZEIT Campus: Wie kann denn jemand, der sich in seinem Studium mit Rentieren befasst hat, ein Unternehmen wieder auf Erfolgskurs bringen?

Veith: Jeder, der zu uns kommt, hat eine gewisse Affinität zur Wirtschaft. Und wer neugierig ist und schnell genug lernt, dem kann BCG in kurzer Zeit betriebswirtschaftliches Know-how vermitteln. Ich habe das selbst erfahren, als ich als Jurist hier angefangen habe.

ZEIT Campus: Aber die Fallstudien, die beim Einstellungstest gelöst werden müssen, lassen sich doch ohne Kenntnisse in Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre kaum bearbeiten.

Veith: Uns ist bewusst, dass sich ein Geisteswissenschaftler mit Cashflow-Analysen zunächst schwertut. Bei den Fallstudien testen wir daher vor allem, wie ein Bewerber an ein unbekanntes Problem herangeht. Die meisten Kandidaten scheitern auch nicht an den Fallstudien, sondern an mangelnden sozialen Fähigkeiten.

ZEIT Campus: Warum legen Sie auf die so großen Wert?

Veith: Ein Berater arbeitet auf Kundenseite mit sehr unterschiedlichen Menschen zusammen – mit Vorständen ebenso wie mit Mitarbeitern aus der Produktion. Wenn er denen mit Arroganz begegnet, werden sie seine Vorschläge ablehnen. Um sie zu überzeugen, muss er zu allen ein gutes Verhältnis aufbauen können, zugleich aber auch bereit sein, Entscheidungen konsequent durchzusetzen.

ZEIT Campus: Was braucht er noch?

Veith: Wichtig ist auch der Mut, im richtigen Moment eine andere Meinung zu haben. Natürlich findet es ein Kunde manchmal lästig, wenn ein Berater ihm sagt: »Ich sehe das ganz anders als Sie.« Aber schließlich werden wir nicht dafür bezahlt, bestehende Strukturen abzunicken, sondern dafür, das Unternehmen voranzubringen.

ZEIT Campus: Ein enormer Druck für einen Berater.

Veith: Die Kunden erwarten sehr viel von ihm und die Teammitglieder auch. Damit muss jemand, der sich bei uns bewirbt, umgehen können...

ZEIT Campus: ...und auch bereit sein, Nachtschichten einzulegen?

Veith: Ja, das stimmt. Wir sind von einem Nine-to-five-Job weit entfernt. Ein Bewerber muss bereit sein, spätabends, ja auch bis Mitternacht zu arbeiten. Wir fordern viel, dafür geben wir auch viel. Es gibt bei uns harte und weniger harte Phasen, das ist durch die Projektarbeit bedingt. Die Projekte erlauben aber auch ein hohes Maß an Flexibilität. Wenn sich jemand eine zweimonatige Auszeit nehmen möchte, um beispielsweise mit dem Motorrad eine Tour durch Iran zu machen, ist auch das nach Absprache möglich.

ZEIT Campus: Wieviel Zeit bleibt denn sonst fürs Privatleben?

Veith: An den Wochenenden haben unsere Mitarbeiter normalerweise frei. Es ist aber wichtig, dass die Partnerin oder der Partner akzeptiert, dass der Berater während der Woche oft unterwegs ist. Die Leute, die zu uns kommen, haben oft Partner, die selbst ambitioniert sind. Da sind dann beide beruflich stark eingebunden.

ZEIT Campus: In einigen Jahren wird für derzeitige Bewerber aber möglicherweise auch das Thema Familie interessant.

Christian Veith: Der Jurist ist seit 2007 Deutschlandchef der Boston Consulting Group

Christian Veith: Der Jurist ist seit 2007 Deutschlandchef der Boston Consulting Group

Veith: Bei BCG ist das Verständnis für Familie viel stärker ausgeprägt als in vielen anderen Unternehmen. Wobei der Vergleich natürlich zur Führungsebene eines großen Unternehmens gezogen werden muss, nicht etwa zu einem Einwohnermeldeamt.

ZEIT Campus: Das heißt?

Veith: Junge Väter nutzen bei uns häufig die Möglichkeit, eine mehrmonatige Auszeit zu nehmen und sich intensiv um die Familie zu kümmern. Jungen Müttern bieten wir beispielsweise an, in den ersten Monaten nach der Elternzeit im Büro vor Ort zu arbeiten, statt zu reisen. Des Weiteren beteiligen wir uns an den Kosten für die Kinderbetreuung und haben sehr flexible Teilzeitlösungen.

ZEIT Campus: Eine Drei-Tage-Woche für Berater?

Veith: Jeder Berater weiß, dass es in der Projektarbeit nicht möglich ist, an drei Wochentagen zu arbeiten und ansonsten nicht erreichbar zu sein oder das Kind täglich um fünf von der Krippe zu holen. Insgesamt gelingt es uns aber schon sehr gut, die Besonderheiten der Beratung, Flexibilität und Leistungsbereitschaft, mit den Anforderungen zu verbinden, denen gerade junge Mütter unterliegen.

ZEIT Campus: Viele Beratungsunternehmen werben ja seit einigen Jahren verstärkt um Frauen.

Veith: Mehr Frauen zu gewinnen ist für uns eine entscheidende Zukunftsfrage. BCG will weiterhin stark wachsen, da können wir auf die weiblichen Talente nicht verzichten. Gleichzeitig suchen immer mehr Frauen anspruchsvolle berufliche Aufgaben.

ZEIT Campus: Wie sehen denn die Entwicklungsmöglichkeiten aus? Es heißt, Berater machen Karriere auf der Überholspur.

Veith: Unsere Mitarbeiter brauchen etwa zwei Jahre, um die nächste Karrierestufe zu erreichen. So kann es ein Bewerber binnen sechs bis acht Jahren zum Partner bringen, wie bei uns die teilha-benden Geschäftsführer heißen. Im Gegensatz zu anderen Branchen muss er mit dem Aufstieg nicht warten, bis eine Position frei wird.

ZEIT Campus: Entwickelt er sich wirklich so rasant, dass dieser schnelle Aufstieg gerechtfertigt ist?

Veith: Die Geschwindigkeit, mit der ein Berater vor neue Aufgaben gestellt wird, bringt ihn unglaublich weiter. Er wirkt an den großen Themen in Unternehmen mit, etwa Fusionen, bei denen inhaltlich und menschlich viel mehr passiert als in einer klassischen Einstiegsposition. Auf diese Weise lernt er enorm schnell. Zudem führen wir sehr häufig Feedback-Gespräche und suchen für jeden persönlich die passenden Fördermöglichkeiten in Form von Trainings.

ZEIT Campus: 20 Prozent dieser teuer ausgebildeten Mitarbeiter verlieren Sie allerdings jedes Jahr an andere Unternehmen: Viele nutzen die Beratung als Karriereleiter, um in die Führungsebene eines Kundenunternehmens einzusteigen oder eine eigene Firma zu gründen.

Veith: Das ist Teil des Geschäftsmodells. Wir rechnen damit, dass viele unserer Leute nach vier oder fünf Jahren gehen. Über unser Alumni-Netzwerk bleiben wir aber in engem Kontakt mit den ehemaligen Kollegen und treffen sie auch als Kunden wieder. Und außerdem: Wer bei uns einsteigt, kocht ja nicht erst einmal ein halbes Jahr lang Kaffee, sondern arbeitet von Anfang an voll mit.

ZEIT Campus: Wie reagieren eigentlich Ihre Kunden, wenn so ein frischgebackener Universitätsabsolvent ihr Unternehmen umkrempeln will?

Veith: Es passiert durchaus, dass ein Kunde seine Fabrik am liebsten von jemandem optimieren lassen würde, der selbst 20 Jahre lang eine Fabrik geleitet hat. Aber solche Kräfte hat er doch selbst, dafür braucht er uns nicht. Außerdem schicken wir die Uni-Absolventen nicht alleine zum Kunden, sondern zusammen mit Experten mit zum Teil jahrzehntelanger Erfahrung. Und schließlich, was heißt eigentlich jung? Alexander der Große war 33, als er starb, und da hatte er bereits die Welt erobert!

Christian Veith, 49, ist seit 2006 Deutschlandchef von BCG. Vorher war er für die Auswahl und Förderung der Mitarbeiter zuständig. Der promovierte Jurist praktizierte als Rechtsanwalt, bevor er die Unternehmensberatung für sich entdeckte

Interview: Inge Kutter.

Anzeige
Leser-Kommentare

    • 11.09.2008 um 10:24 Uhr
    • SeppD

    von Thomas Leif sollte man als Hintergrundinformation lesen. Wenigstens ist der Berater ehrlich: "dem kann BCG in kurzer Zeit betriebswirtschaftliches Know-how vermitteln" - das erklärt einiges. Desweiteren das Bekenntnis zum "Alumni-Netzwerk" vulgo "Filz".

  1. sind also keine Naturwissenschaftler, oder zumindest muss man den Herrn so verstehen. Wow, man lernt viel bei BCG!

  2. ....was so gerne optimieren genannt wird ist nichts anderes als reduzieren, dieser typus Mensch in den U-Beratungen verabscheue ich zutiefst...

  3. könnte ich mir, angenommen ich wäre die boston consulting group, eine verdeckte stellenanzeige im redaktionellen teil kaufen, oder schreiben mir die redakteure von zeit campus die stellenanzeige im vorauseilenden gehorsam lieber für lau?

    letzteres würde mir natürlich besser passen.

    mit freundl. grüßen und der bitte um rückmeldung zwecks 'briefing',

    s. aeruginosa

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    einfache Antwort   johannes.kuhn

    Sehr geehrte(r) s. aeruginosa,
    eine einfache Antwort: Redaktion und Anzeigen sind klar getrennt. Das Interview dient dazu, Studenten und Absolventen mit Interesse an dieser Berufssparte einen Einblick in die Auswahlkriterien der Branche zu geben.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

  4. Sehr geehrte(r) s. aeruginosa,
    eine einfache Antwort: Redaktion und Anzeigen sind klar getrennt. Das Interview dient dazu, Studenten und Absolventen mit Interesse an dieser Berufssparte einen Einblick in die Auswahlkriterien der Branche zu geben.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...dass es sich nicht vorrangig um eine 'berufssparte' handelt, die da vorgestellt wird.

    explizit wird hier von der boston consulting group gesprochen, und viele interviewfragen sind darauf zugeschnitten, dass dieser herr die vorteile seines unternehmens gegenüber anderen seiner branche unkommentiert präsentieren kann.

    für mich riecht das nach einem klaren fall von corporate placement der eher, naja, ungeschickteren sorte.

  5. ...dass es sich nicht vorrangig um eine 'berufssparte' handelt, die da vorgestellt wird.

    explizit wird hier von der boston consulting group gesprochen, und viele interviewfragen sind darauf zugeschnitten, dass dieser herr die vorteile seines unternehmens gegenüber anderen seiner branche unkommentiert präsentieren kann.

    für mich riecht das nach einem klaren fall von corporate placement der eher, naja, ungeschickteren sorte.

    Antwort auf "einfache Antwort"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich sehe diese als Interview getarnte Schleichwerbung zwar auch kritisch, zumal Herr Veith an einigen Stellen seien Haltung durchblicken lässt: Zwar sollen Unternehmensberater ihm zufolge nicht arrogant auftreten, auf der anderen Seite impliziert seine Aussage "Wer bei uns einsteigt, kocht ja nicht erst einmal ein halbes Jahr lang Kaffee, sondern arbeitet von Anfang an voll mit.", dass er der Meinung ist, bei allen/vielen Unternehmen würden Berufseinsteiger nur Kaffe kochen. Wenn das mal nicht arrogant (und an der Realität vorbeigedacht) ist :-)

    Viel kritischer sehe ich allerdings die Werbung, die etwa Spiegel Online regelmäßig für Mozilla Firefox oder Google macht. Gerade bei Mozilla regt mich das auf. Mozilla wird als hippe weltverbessernde Organisation dargestellt. Dabei sitzt diese sogenannte "Stiftung" auch aufgrund der Kooperation mit Google auf einem millionenschweren Vermögen, währende viele naive Studenten unentgeltlich an der Weiterentwicklung von Firefox arbeiten. Längst hat Mozilla auch weitere Projekte angekündigt. Wenn dasmal keine Wettbewerbsverzerrung ist.

  6. Ich sehe diese als Interview getarnte Schleichwerbung zwar auch kritisch, zumal Herr Veith an einigen Stellen seien Haltung durchblicken lässt: Zwar sollen Unternehmensberater ihm zufolge nicht arrogant auftreten, auf der anderen Seite impliziert seine Aussage "Wer bei uns einsteigt, kocht ja nicht erst einmal ein halbes Jahr lang Kaffee, sondern arbeitet von Anfang an voll mit.", dass er der Meinung ist, bei allen/vielen Unternehmen würden Berufseinsteiger nur Kaffe kochen. Wenn das mal nicht arrogant (und an der Realität vorbeigedacht) ist :-)

    Viel kritischer sehe ich allerdings die Werbung, die etwa Spiegel Online regelmäßig für Mozilla Firefox oder Google macht. Gerade bei Mozilla regt mich das auf. Mozilla wird als hippe weltverbessernde Organisation dargestellt. Dabei sitzt diese sogenannte "Stiftung" auch aufgrund der Kooperation mit Google auf einem millionenschweren Vermögen, währende viele naive Studenten unentgeltlich an der Weiterentwicklung von Firefox arbeiten. Längst hat Mozilla auch weitere Projekte angekündigt. Wenn dasmal keine Wettbewerbsverzerrung ist.

  7. Diejenigen Unternehmensberater die ich, z.B. auf Jobmessen kennengelernt habe erschienen mir allerdings eher wie graue Mäse und bei weitem nicht wie bunte Hunde.

    Es wird zwar immer wieder betont man suche eben nicht den 08/15-Durchschnitts-BWLer - aber wenn ich mir Unternehmensberater anschaue so glaube ich das Gegenteil ist der Fall. Jedes Waschmittel behauptet von sich noch reiner als die Konkurrenz zu waschen, jedes Shopping Center verspricht ein Erlebnis zu werden, jede Fluggesellschaft behauptet gaaanz anders als die anderen zu sein - in der Regel ist aber genau das Gegenteil der Fall.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Inge Kutter
  • Datum 6.10.2008 - 17:07 Uhr
  • Quelle ZEIT Campus 05/2008
  • Kommentare 10
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service