Mensagespräch "Uns fehlen die Parolen"Seite 3/3
Zeh: Gesellschaftliches Engagement muss auch ohne Ideologie möglich sein, sonst wären 250 Jahre Aufklärung für die Katz.
ZEIT Campus: Braucht es nicht die Überzeugung, hundertprozentig recht zu haben, um politisch zu handeln?
Zeh: Nein. Ich würde sagen, wer so undifferenziert denkt, ist eher gefährlich.
ZEIT Campus: Kommen wir noch einmal zurück auf das Thema Innere Sicherheit. Sie haben kürzlich gesagt, wir lebten in einem "hysterischen Zeitalter".
Zeh: Ja. Die Hysterie äußert sich momentan in zwei Bereichen: Sicherheit und Gesundheit. Das Thema Terrorismus wird von Politikern benutzt, um eine Hysterie zu erzeugen. Bei der Gesundheit ist es fast noch schlimmer.
ZEIT Campus: Wo? Beim Rauchverbot?
Zeh: Zum Beispiel. Wir streben ein risikofreies Leben an, dabei ist das vollkommen abwegig. Veränderungen bringen immer Risiken mit sich, und die Welt verändert sich ständig, das risikofreie Leben ist eine Illusion.
ZEIT Campus: Woher kommt diese Hysterie?
Zeh: Ich bin keine Psychologin. Vielleicht gibt es in der Psyche jedes Menschen eine feste Portion Angst, so wie ein Liebesbedürfnis. Und diese Angst braucht Ziele– und wenn sich keine anbieten, sucht sie sich welche.
ZEIT Campus: Wäre das nicht mal einen Roman wert?
Zeh: Kann sein. So funktioniert Literatur bei mir aber nicht. Ich habe noch nie ein gesellschaftspolitisches Anliegen gehabt und gesagt: Darüber schreibe ich jetzt einen Roman!
ZEIT Campus: Aber Ihr Roman "Spieltrieb" hatte doch diesen aufklärerischen Duktus.
Zeh: Das war nicht mein Antrieb. Wenn ich schreibe, interessieren mich Persönlichkeiten.
ZEIT Campus: Was war Ihr Antrieb in "Spieltrieb"?
Zeh: Die Figur Ada.
ZEIT Campus: Die hochintelligente Außenseiterin also. Sie haben vor einiger Zeit in der Zeitschrift Brigitte einen Brief an sich selbst als 16-Jährige geschrieben. Es schien, als wären Sie damals ein bisschen wie Ada gewesen.
Zeh: Gewiss, solche Überschneidungen gibt es, übrigens auch bei anderen Figuren. Man kann Kunst nicht am langen Arm machen. Wer sich mit der Welt auseinandersetzt, der landet am Ende immer bei sich selbst.
ZEIT Campus: Haben Sie beim Schreiben manchmal Angst, etwas preiszugeben, ähnlich der Angst davor, Ihre Fingerabdrücke speichern zu lassen?
Zeh: Nein, ich plädiere ja nicht für einen hermetischen Lebensstil. Der Staat soll die Menschen nur nicht zur Offenheit zwingen. Ich kann als Performance-Künstlerin mein ganzes Privatleben ausstellen und trotzdem dagegen protestieren, dass meine Telefongespräche abgehört werden können, das ist für mich kein Widerspruch.
Interview: Philipp Schwenke.
- Datum 01.10.2009 - 12:12 Uhr
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- Serie In der Mensa mit
- Quelle ZEIT Campus 05/2008
- Kommentare 33
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Bewundernswerter Mensch die Frau. Ich glaub fast, dass ich doch mal ein Buch von ihr lesen muss, bei Gelegenheit.
Aber zur Interview-Überschrift im allgemeinen, also zu diesen Parolen, ist mir was eingefallen. Und zwar: wenn die heutige Generation wirklich ein zu komplexes Weltbild hat, um Parolen zu entwickeln, gut, aber wenn nicht, dann würde das auch nichts nutzen, weil Parolen heutzutage ihrer Schlagkraft beraubt sind, denn sobald man sie als eine Art Werbeslogan ausnutzt, sie kommerzialisiert, sind sie viel weniger Wert als es manche Parolen früher mal waren. Und man muss dann natürlich zusätzlich auch noch Angst haben, dass die heutigen Parolen hauptsächlich aus Anglizismen bestehen könnten. STOP THE ÜBERWACHUNGSSTAAT!
Die leidige Debatte über das Konzept der Wahrheit, die man nicht pachten kann.
Die Wahrheit ist und bliebt nicht relativ, nur unsere Auslegung davon.
Zudem werden Leute, die keine festen Überzeugungen und keinen Glauben an die Unbestreitbarkeit der Wahrheit haben, gerne mal zu lebenslangen Wändehälsen.
Vielleicht. Aber lebenslange Wendehälse errichten wenigstens keine Konzentrationslager "im Zeichen des Wendehalses" - im Zeichen irgendeiner imaginierten oder "realen" "Wahrheit" klappt das meist besser...
Vielleicht. Aber lebenslange Wendehälse errichten wenigstens keine Konzentrationslager "im Zeichen des Wendehalses" - im Zeichen irgendeiner imaginierten oder "realen" "Wahrheit" klappt das meist besser...
und unaufgeregt. ich sag's ja: juristinnen verändern die welt!
hoff ichs tatsächlich!!
hoff ichs tatsächlich!!
Vielleicht. Aber lebenslange Wendehälse errichten wenigstens keine Konzentrationslager "im Zeichen des Wendehalses" - im Zeichen irgendeiner imaginierten oder "realen" "Wahrheit" klappt das meist besser...
Es waren aber die Massen an Wendehälsen, die die Diktatur erst ermöglicht haben.
Es waren aber die Massen an Wendehälsen, die die Diktatur erst ermöglicht haben.
Nur weil man einen agnostischen Standpunkt einnimmt heißt das noch lange nicht, dass man die Wahrheit verleugnet. Man sagt nur, dass man sie nicht 100% beweisen kann.
Ein Wendehals oder "Fähnlein im Winde" ändert seine Meinung nach den eigenen Vorteilen. Ein Mensch der aufgrund neuer Informationen seine Überzeugungen Relativiert ist kein Wendehals sondern ein Vorbild. Dogmatiker verbrennen auch Menschen, wenns das Dogma sagt.
Ich kann mich mit den Aussagen des Frl. Zeh durchaus identifizieren.
Ach ja. Abstimmen zu Inhaltspunkten nennt man "direkte Demokratie". Das ist der Alptraum unserer Politiker. Und auch hier bin ich ein Befürworter. Natürlich muss die Abstimmung durch Informierte Personen erfolgen - was in einer BILD geprägten Welt ein paar Vorkehrungen bedürfte - aber das ist ein anderes Thema.
Dazu wäre mir auch noch was eingefallen. Ich hab aber nichts geschrieben, weil ich glaube erkannt zu haben, um welche Wahrheit es der Juli Zeh hier ging. Nämlich eher um eine politische, und alle Dinge betreffende Wahrheit. Diese ist tatsächlich relativ. Auf konkrete Situationen bezogen lässt sich natürlich schon eine unumstößliche Wahrheit festmachen. Wenn ich auf meinen Kalender schau, zeigt er mir an, dass heute der 22. September 2008 ist, und das ist die Wahrheit. Es ging ihr also praktisch nicht um Wahrheit als das Gegenteil von Lüge, sondern um Wahrheit im Sinne von: Was ist denn nun das einzig wahre und richtige Weltbild, das man haben sollte? Wäre ein solches festzumachen und würde dieses jeder annehmen, hätten wir wieder diese Konformität, dieses Uniforme, und die Welt wäre nicht mehr so bunt, wie sie ist. Was ich nicht gut fände. In so fern hat sie also schon recht meiner Meinung nach.
Im Chinesischen Kalender ist heute aber gar nicht der 22.09.08!
Wir sollten unsere Zeitrechnung abschaffen, die ist eurozentrisch;-).
Nee,
Spässle:-)
Das schlimme am Dritten Reich war , dass man nämlich nicht im Sinne der Wahrheit gehandelt hat. Die Versailler Verträge waren für Deutschland nicht tragbar.
Was hatte das mit den 6 Millionen ermordeten Juden zu tun?
Im Chinesischen Kalender ist heute aber gar nicht der 22.09.08!
Wir sollten unsere Zeitrechnung abschaffen, die ist eurozentrisch;-).
Nee,
Spässle:-)
Das schlimme am Dritten Reich war , dass man nämlich nicht im Sinne der Wahrheit gehandelt hat. Die Versailler Verträge waren für Deutschland nicht tragbar.
Was hatte das mit den 6 Millionen ermordeten Juden zu tun?
Wenn man eine Verfassungsklage gegen einen erfahrenen, abgeklärten und abgebrühten Bundepolitiker einlegt, muss man seiner Sache aber ganz schön sicher sein. Da kann man dann nicht mehr so schnell seine Meinung ändern -- denn diese wurde bereits schwarz auf weiß dokumentiert und öffentlich gemacht.
Bedeutet: diese Frau is vermutlich weniger "agnostisch" als der Text es vermuten läßt.
Sie beweist Rückrad. Juli Zeh hat eine genau Vorstellung von der Wahrheit und zieht ihre Konsequenzen daraus.
Der Relativismus der hier zwischen den Zeilen durchschimmert soll doch nur den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen--sie hält sich damit noch ein Türchen offen.
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Parolen sind stark vereinfachte Thesen, die Generalsierungen in sich bergen. Diese sollten natürlich immer kritisch gesehen werden. Vielleicht fehlen uns die Parolen, aber vielleicht ist das auch in mancherlei hinsicht gar nicht so schlecht.
Es waren aber die Massen an Wendehälsen, die die Diktatur erst ermöglicht haben.
bzw. den demokratischen Wechsel - ohne Wechselwähler ("Wendehälse") ewige Diktatur einer Partei...
bzw. den demokratischen Wechsel - ohne Wechselwähler ("Wendehälse") ewige Diktatur einer Partei...
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