Wissenschaft Computer lachen nicht
Ein Gespräch mit dem amerikanischen Physiker und Informatiker Douglas Hofstadter über die Grenzen Künstlicher Intelligenz, die Unsterblichkeit der Seele und Prostatakrebs bei Robotern
ZEIT Campus: Herr Hofstadter, vor 50 Jahren schwärmten die Forscher auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz von Robotern, die unsere Hunde spazieren führen, unsere Kinder erziehen und unsere Hemden bügeln. Bis heute ist nichts von diesen Träumen wahr geworden. Waren das alles nur Fantasien einer größenwahnsinnigen Wissenschaft?
Douglas Hofstadter: Es gab Enttäuschungen, gewiss. Andererseits wurde manche Vision Wirklichkeit. Ich war überrascht, als der damalige Schachweltmeister Garri Kasparow 1997 von dem IBM-Computer Deep Blue geschlagen wurde. Überrascht und sogar ein wenig enttäuscht. Denn damit war gezeigt, dass Schach mit einem rein mathematischen, algorithmischen Ansatz meisterlich beherrscht werden kann, unabhängig davon, wie menschliche Spieler vorgehen. In vielerlei Hinsicht wurden die Probleme in den sechziger und siebziger Jahren jedoch stark unterschätzt.
ZEIT Campus: Zum Beispiel in Hinblick auf die Komplexität einer ganz alltäglichen Unterhaltung zwischen zwei Menschen. Es gibt bis heute kein Programm, das diese Leistung überzeugend simulieren könnte. Warum ist das so schwer für einen Computer?
Hofstadter: Ist mit einem "alltäglichen Gespräch" der Austausch gedankenloser Gemeinplätze gemeint, so existieren durchaus Programme, die das können. Die gab es schon vor 40 Jahren. Aber es wird wohl noch sehr lange dauern, bis ein Programm den sogenannten Turing-Test besteht. Dabei geht es darum, dass ein intelligenter Mensch durch einen längeren, offenen Austausch über verschiedenste Themen herausfinden soll, ob er es mit einem Menschen oder einer Maschine zu tun hat. Bisher ist es noch keinem Programm gelungen, sich als Mensch auszugeben. Denken Sie einmal an andere menschliche Fähigkeiten, zum Beispiel das Betrachten eines Stilllebens. Es gibt kein einziges Programm, das etwas mit einem Stillleben anzufangen wüsste. Nicht einmal in Ansätzen.
ZEIT Campus: Und woran forschen Sie gerade gemeinsam mit Ihren Studenten?
Hofstadter: Es geht hauptsächlich um sogenannte Mikrowelten. Unsere Forschung steht damit im Gegensatz zur leitenden Forschungsphilosophie, insbesondere in Bezug auf das Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Im Gegensatz zu diesem Forschungsbereich wollen wir herausfinden, wie das menschliche Bewusstsein arbeitet und funktioniert.
ZEIT Campus: Könnten Sie ein konkretes Beispiel für solch eine Mikrowelt geben?
Hofstadter: Ich spreche von winzigen Analogien und Analogieschlüssen. Zum Beispiel die Frage: Wenn die Buchstabenfolge ABC zu ABD wird, wozu wird dann die Buchstabenfolge PQR? Das ist eine Aufgabe, für die fast jeder erwachsene Mensch die Lösung PQS anbietet. Diese Antwort ist von zahlreichen stillschweigenden und nicht zuletzt ästhetischen Voraussetzungen bedingt. Schließlich böte sich auch PQD als Antwort an, nach dem Prinzip: Der letzte Buchstabe wird durch D ersetzt. Oder auch ABD, nach dem Prinzip: Jede Buchstabenfolge wird durch ABD ersetzt. Meine besten Doktoranden verbringen mehrere Jahre damit, Programme zu schreiben, die solche Probleme bearbeiten können. Schon bei der nächsten Komplexitätsstufe, etwa der Frage, wozu wohl die Buchstabenfolge PPQQRR würde, vervielfacht sich das Problem.
ZEIT Campus: Und mit der Lösung solcher Aufgaben haben die besten Programme Probleme?
Hofstadter: Die Frage ist bereits, was es bedeutet, "Probleme mit der Lösung zu haben". Instinktiv würden wir im ersten Fall sicher nicht an PQD als Lösung denken. Andererseits verstehen wir schon, wie man auf diesen Vorschlag kommen kann. Und schlägt uns einer ABD als Lösung vor, denken wir vielleicht, was für ein Schelm, und lachen dann gemeinsam. Aber ein Computerprogramm findet die Lösung ABD einfach nicht lustig. Das ist nur ein winziges Beispiel, das zeigt, wie unermesslich komplex die Leistungen des menschlichen Geistes sind. Was mich interessiert, sind solche Fortschritte im Kleinen, nicht die sogenannten großen Durchbrüche.
ZEIT Campus: In Ihrem jüngsten Buch "Ich bin eine seltsame Schleife" untersuchen Sie unter anderem die Macht von Metaphern auf unser Denken, insbesondere auf unser Nach- denken darüber, was es bedeutet, ein Ich zu sein. Sie kritisieren zum Beispiel die von Ihnen so genannte Vogelkäfig-Metapher, nach der gilt: "Ein Gehirn – eine Seele", als ob jedes menschliche Gehirn nur ein einziges Ich beherbergen könne.
Hofstadter: Das hat verschiedene Aspekte. Es gibt eine ganze philosophische Schule, die von einer fundamentalen, unüberbrückbaren Grenze ausgeht, die es uns unmöglich machen soll, zu wissen, wie es ist, jemand anderes zu sein. Das halte ich für vollkommen falsch. In dem Maße, in dem wir immer intensiver voneinander abhängen, als Menschen immer stärker miteinander verbunden sind, nicht zuletzt durch Kommunikation, leben wir wirklich immer mehr ineinander.
ZEIT Campus: "Ineinander leben", das ist auch metaphorisch gemeint, oder?
Hofstadter: Nein, das meine ich ganz wörtlich. Meinem Verständnis nach ist eine individuelle Seele oder ein menschliches Ich – ich verwende diese beiden Begriffe, als seien sie austauschbar – in vielen menschlichen Gehirnen gleichzeitig beheimatet. Natürlich gibt es so etwas wie ein Hauptquartier für jedes Ich, das eigene Hirn, aber gleichzeitig sind die Muster und Prozesse, die mein Ich ausmachen, auch in anderen Hirnen präsent.
ZEIT Campus: Sie stellen diese These in einem sehr speziellen Kontext auf, nämlich der Frage nach der Unsterblichkeit der Seele.
Hofstadter: Mich beschäftigt die Frage, ob die tieferen Aspekte einer Person, diejenigen, die ihr Selbst ausmachen, in andere Personen übertragen werden können. Tritt die Situation ein, dass das Gehirn der ersten Person nicht mehr funktionsfähig ist, zum Beispiel im Falle des Todes, bleiben Fragmente dieser verstorbenen Person – ihres Ich-Musters – in der anderen Person lebendig.
ZEIT Campus: In Ihrem Buch sprechen Sie ganz konkret von Ihrer verstorbenen Frau Carol, die gewissermaßen in Ihnen weiterlebe.
Hofstadter: Nach den vielen Jahren intensiven Zusammenlebens wurde Carols Art, Menschen und die Welt zu sehen, natürlich auch ein wesentlicher Teil meines Ichs. Wir waren wirklich so etwas wie Seelenverwandte. Wir wussten bis zu einem gewissen Grade sehr wohl, wie es sich anfühlt, der jeweils andere zu sein. Als sie überraschend verstarb, verloschen auch ihre Hirnfunktionen und damit die eigentlichen Träger des Musters, das sie war. Aber denken Sie an ein Kunstwerk und eine Kopie dieses Kunstwerks. Das Original ist zerstört, die Kopie ist noch da, nicht perfekt, aber doch von anständiger Qualität. Nun, diese Kopie mag auch eines Tages zerstört werden, sodass nur noch Kopien dieser Kopie existieren. Ähnlich ist es auch mit den Ich-Mustern, die einen bestimmten Menschen ausmachen. Sie existieren in anderen Gehirnen weiter, als mehr oder minder getreue Kopien.
ZEIT Campus: Was, wenn es möglich wäre, das individuelle Muster und damit das Ich exakt zu kopieren und immer weiter zu kopieren? Das wäre doch dann Unsterblichkeit.
Hofstadter: Vorsichtig. Natürlich müssen wir uns über den Begriff "kopieren" genauer verständigen. Sprechen wir von einer kopierbaren Computersoftware? Mein Gehirn ist Teil eines Körpers, der Empfindungen hat, Hände, Augen, Beine, all das, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Wenn wir von dem Ich als einem abstrakten Muster sprechen, ist noch immer die Frage offen, ob es sich – eingelassen in einen Computer, also in eine ganz andere Hardware – noch um eine relevant ähnliche Verkörperung des Musters handeln kann.
ZEIT Campus: Angenommen, es gäbe ein Programm, das in der Lage wäre, Ihre Denkart perfekt zu imitieren, sodass ein von diesem Programm geschriebenes Buch ununterscheidbar wäre von einem Buch, das Sie zu demselben Thema geschrieben hätten. Würden Sie dann sagen, dieses Muster sei mit Ihrem Ich-Muster, Ihrem Ich identisch?
Hofstadter: Das ist reine Science-Fiction. Sollte es allerdings wirklich solch ein Programm geben, das Tausende von Seiten schreibt, die eigenständige Reaktionen auf unser Universum enthalten und die, nach dem Urteil meiner besten Freunde und beispielsweise meines Lektors, identisch wären mit dem, was ich zu diesem Thema geschrieben hätte, natürlich, dann würde es sich um dasselbe Ich-Muster handeln. Aber solch ein Programm wird es nicht geben.
ZEIT Campus: Ist das aus philosophischen Gründen ausgeschlossen oder eine empirisch offene Frage?
Hofstadter: Sie ist empirisch offen. Aber der Begriff "Programm" mag in die Irre führen. Wir sprechen dann nämlich nicht von einem Objekt, das nach Silicon Valley fliegen kann, um sich dort bei seinem Lieblingsimbiss Falafel zu kaufen. Das ist einfach nicht der Aufgabenbereich von Computerprogrammen. Und wenn es darum ginge, die Software in einer Art Roboter zu installieren, der in der Welt herumspringt und all das tut, was wir Menschen tun, um was für einen Roboter müsste es sich da handeln? Brauchte er eine Haut, würde er Musik hören, würde er sich darüber Sorgen machen, ob er möglicherweise Prostatakrebs hat? Also, wenn sich Roboter ernsthaft darüber Sorgen machen, ob sie Prostatakrebs haben, dann können wir vielleicht darüber reden, ob sie menschlichen Wesen gleichen. Im Moment gibt es keinen Anlass, sich über so etwas ernsthaft Gedanken zu machen.
ZEIT Campus: Herr Hofstadter, wenn es ein allwissendes Wesen gäbe, welche Frage würden Sie ihm oder ihr stellen?
Hofstadter: (Lange Pause) Das ist schwer zu sagen. Aber eine Frage wäre: Worin besteht der Unterschied zwischen einem Elektron und einem Myon?
ZEIT Campus: Und was wäre daran so interessant?
Hofstadter: Nun, ein Myon ist, sehr grob gesagt, ein schwereres Elektron. Aber warum und wozu diese Myonen existieren, vermag niemand zu erklären. Es ist nur ein Beispiel für die Kernrätsel, die es in der Physik noch zu lösen gilt. Wer sich mit diesen Welten beschäftigt, entdeckt Dinge, die ungeheuer komplex, rätselhaft und doch gleichzeitig bestechend einfach sind. In mir löst das sehr kraftvolle Gefühle aus. Staunende Bewunderung und auch Demut.
ZEIT Campus: Klingt nach einer religiösen Erfahrung.
Hofstadter: Ich würde sagen: ein kosmisches Gefühl.
Douglas Richard Hofstadter, 63, arbeitet als Physiker und Informatiker an der Indiana University. Für sein Buch "Gödel, Escher, Bach – ein Endloses Geflochtenes Band" bekam er 1980 den Pulitzerpreis. 2008 erschien sein jüngstes Werk "Ich bin eine seltsame Schleife" bei Klett-Cotta; 532 Seiten, 29,50 €
Interview und Übersetzung: Wolfram Eilenberger.
- Datum 05.09.2008 - 16:10 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 05/2008
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