"Was willst du denn in Dunkeldeutschland?" ist so ein Satz. "Wie gehst du denn mit den ganzen Nazis um?" noch so einer. Anne Braun, 24, kann diese Fragen nicht mehr hören. Ja, sie hat rübergemacht – in den Osten.

Seit acht Semestern studiert Anne Journalistik und Medienmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie sitzt auf einem schwarzen Ledersofa in der Mensa, blickt auf die grünen Wiesen zwischen den Seminargebäuden und schüttelt den Kopf, wenn sie davon erzählt, wie einseitig ihre ehemaligen Mitschüler über den Osten denken.

Aus ihrem kleinen Heimatort Salzböden im hessischen Hinterland ist sie zum Studium nach Sachsen-Anhalt gezogen. Nach "Magdeburch", wie sie sagt. Und nicht nach "Maaagdeburg", wie ihre Bekannten zu Hause die Landeshauptstadt immer noch falsch aussprechen. Viele Freunde verstehen Anne nicht. Wenn sie für ein Studium das Bundesland gewechselt haben, dann sind sie in den Norden gegangen oder in den Süden – meistens aber gleich in Hessen geblieben. Nach Ostdeutschland wollte keiner. "Ich bin diejenige, die am weitesten von zu Hause entfernt lebt", sagt Anne. Anne ist eine Ausnahme.

Auch 19 Jahre nach dem Mauerfall wirkt die Grenze noch nach. Während viele Ostdeutsche zum Studium in den Westen gehen, bleiben Westdeutsche lieber dort, wo sie sind. Es scheint, als habe sich über den Mauerstreifen von einst eine Membran gelegt, die nur einseitig durchlässig ist. Laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) gingen 22 Prozent der Ostdeutschen im Wintersemester 2006/07 zum Studieren in den Westen, aber nur vier Prozent schlugen die umgekehrte Richtung ein. Den meisten Westdeutschen seien die neuen Bundesländer "kulturell-mental" einfach zu fremd, heißt es in der Studie.

Wer in Magdeburg aus dem Zug steigt, findet sich auf einem charakterlosen kalten Platz aus Beton wieder. In den Bushaltestellen hängen Plakate der Ost-Illustrierten Super Illu, Friseure werben mit kyrillischen Buchstaben um Kunden, und in den Straßen dahinter verwahrlosen leer stehende Häuser. Das neu eröffnete Hundertwasser-Haus, die einmalige Aussicht vom Domplatz auf die Elbe und das Szeneviertel um den Hasselbachplatz sieht man erst auf den zweiten Blick.

Auch die Einheimischen machen es Neuankömmlingen nicht immer leicht. "Wenn man den Leuten im Osten auf der Straße ins Gesicht sieht, schauen sie eher weg. So, als wollten sie sagen: Bitte nicht anschauen!", sagt Anne Braun. Auf der anderen Seite sei das Gemeinschaftsgefühl ausgeprägter. "Wenn man die Ostdeutschen erst einmal kennengelernt hat, öffnen sie sich viel mehr und haben weniger Probleme mit Nähe als Westdeutsche."

Glaubt man den Umfragen, dann haben die meisten Wessis aber überhaupt keine Lust darauf, den Osten kennenzulernen. Ihr Desinteresse wird durch Vorurteile, negative Schlagzeilen und den Erfolg rechter Parteien in ostdeutschen Bundesländern genährt.