Ich weiß von nichts Fräulein Smillas Wissen über Schnee

Wir alle müssen lernen bis zum Umfallen – also ein Leben lang. Philipp Schwenke lernt vom Leben und fürs Leben. Diesmal: Populäre Irrtümer

Es gibt eine recht erfolgreiche Gattung Sachbücher, die ich glaube, ich mache lieber erst die Tür zu, Arbeit kann tödlich sein; und die Kollegen! Man weiß nie...so. Es gibt also diese Gattung Sachbücher, die ich Irrtumsaufklärungsliteratur nennen möchte. Die Bücher heißen 1000 Irrtümer der Allgemeinbildung oder Scheinbildung – Was an unserem Wissen alles falsch ist und werden meist von Wissenschaftsjournalisten in Tweedsakkos herausgegeben.

Man kann da einiges lernen. Chamäleons zum Beispiel wechseln die Farbe nicht, um auszusehen wie der Hintergrund, sondern aus emotionalen Gründen, Wut, Erschrecken und so. Auch interessant: An Kerzenflammen angezündete Zigaretten sind nicht ungesünder als andere. Und: Alkohol tötet keine Gehirnzellen, sondern lässt bloß neue langsamer wachsen.

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Alkohol und Zigaretten – gutes Stichwort! Eine beliebte Partygesprächspausenfüllungsbemerkung lautet: »Wusstest du, dass die Eskimos vierzig Wörter für Schnee kennen?« Das kann keiner mehr hören, und es stimmt auch gar nicht. Sie kennen nur zwei. Wahrscheinlich wird diese Partygesprächspausenfüllungsbemerkung deswegen bald auch abgelöst durch: »Wusstest du, dass es Superquatsch ist, dass die Eskimos vierzig Wörter für Schnee kennen?«

Das Gespräch geht meist so weiter, dass sich eine nach Patschuli riechende Frau mit Quäkstimme und Apfelschorle einschaltet: »Das heißt Inuit. Eskimo bedeutet Rohfleischesser und ist eine Beleidigung.« Man sollte dann ganz smart anführen, dass es die Stämme der Inupiat, Yupiget, Yuplit und Alutiit in Alaska gar nicht stört, wenn man sie Eskimos nennt, nur die Inuit in Kanada sollte man tatsächlich Inuit nennen, weil die schließlich so heißen. Und übrigens: In vielen Stämmen reiben sie zur Begrüßung wirklich die Nasen aneinander, und in manchen Eskimosprachen sind »Kuss« und »Geruch« sogar dasselbe Wort; und Patschuli ist insofern wirklich keine gute Idee, denk mal drüber nach! Die Frau wechselt dann die Farbe, und wenn sie zufällig vor einer roten Wand steht, kann man weiter mit seinem Wissen glänzen.

Diese Aufklärungsbücher sind nicht nur lehrreich, sie spenden auch Trost. Selbst Menschen, die zu sehr nach Patschuli riechen und sich darum Nacht für Nacht allein in ihr Bett kuscheln müssen selbst denen! Zum Beispiel, weil Bananenpflanzen schlimmer dran sind, die meisten hatten schon seit etwa 10000 Jahren keinen Sex mehr. Die hochgezüchteten Bananen, die der Mensch heute isst, stammen von Pflanzen, die seit 100 Jahrhunderten nur durch Ableger vermehrt wurden – so steht es in den Büchern.

Was Eskimos sich wohl auf Partys erzählen? Vermutlich so etwas: »Wusstest du, dass die Deutschen mehr als 30 Wörter für ›betrunken‹ kennen?« – »Ach?« – »Ja. Und wusstest du, dass jedes Jahr mehr Menschen bei der Arbeit sterben als im Krieg?« – »Ach?« – »Klaro! Und die dritthäufigste Todesursache am Arbeitsplatz ist Mord.« – »Toll.« – »Ich schließe im Büro jetzt immer die Tür ab.« – »Gute Idee. Das mach ich jetzt auch.«

Hausaufgabe fürs nächste Mal: ein Schloss kaufen (zur Sicherheit), die Farbe wechseln (im Sonnenstudio)

 
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