Das erste Mal Einen Schüler nicht versetzen

Anna Schlauch, 33, ist Lehrerin für Mathe und Sport an der Erweiterten Realschule Homburg. Mit ihren Noten entscheidet sie über die Zukunft ihrer Schüler

Als ich vor dem Computer saß, wurde mir klar: Wenn ich da jetzt gleich die Taste Fünf drücke, besiegle ich damit Lukas’ Schicksal. Vor der Zeugniskonferenz müssen bei uns alle Lehrer die Noten ihrer Schüler in den Computer eingeben, und in Lukas’ Klasse war ich die Letzte, die damit dran war. Ich konnte sehen, welche Zensuren er von den Kollegen bekommen hatte. »Geschichte: 5«, stand da, »Sozialkunde: 5, Deutsch: 4, Englisch: 4«. Wenn ich ihm nicht mindestens eine Vier gäbe, würde er den Sprung in die zehnte Klasse nicht schaffen. Ich drückte auf die Fünf. Eine Sekunde lang passierte gar nichts. Dann erschien auf dem Zeugnisvordruck am Bildschirm eine rote Schrift: »Nicht versetzt«.

Ich unterrichte an einer erweiterten Realschule, da behält man als Lehrerin die Klassen sehr lange – was ich gut finde. So kann ich die Entwicklung der Schüler über Jahre hinweg verfolgen und meist recht genau einschätzen, warum jemand plötzlich einen Leistungsabfall hat.

Lukas hatte ich von der Fünften bis zur Neunten durchgehend in Mathe und Sport, sieben Stunden pro Woche. Als er zu uns kam, war er ein süßer, blonder Junge. Ein bisschen vorlaut zwar, aber trotzdem irgendwie charmant. Er war der Klassenclown, und ich mochte ihn. Seine Leistungen waren gut, den Wechsel vom Haupt- auf den Realschulzweig am Ende der sechsten Klasse schaffte er locker.

In der Siebten rutschte er dann allerdings ins Mittelfeld ab, und in der Achten kam er in die Pubertät. Aus dem süßen Jungen wurde ein unerträglich aufmüpfiger Kerl, der plötzlich aufhörte, seine Hausaufgaben zu machen, und im Unterricht nur noch störte. Nicht nur bei mir – alle haben sich über ihn beschwert. Die Versetzung in die Neunte schaffte er gerade so, aber dann wurden sein Verhalten und seine Noten unterirdisch.

In Mathe hatte er in den ersten drei Arbeiten eine Sechs, eine Fünf und eine Vier geschrieben. Kurz vor den Halbjahreszeugnissen sprach ich mit seinen Eltern; das mache ich immer so, wenn ich merke, dass es eng wird. Zu Lukas’ Eltern hatte ich einen relativ guten Kontakt. Manche Eltern fallen ja regelrecht in Ohnmacht, wenn man sie zum Halbjahr anruft, um den Stand der Dinge zu erklären – bei Lukas’ Eltern war das nicht so. Die wussten über seine schlechten Noten in Mathematik Bescheid. Aber sie konnten nichts dagegen tun. Nachhilfe war zu teuer, und beide Elternteile arbeiteten den ganzen Tag, da war keine Zeit für gemeinsames Hausaufgabenmachen.

Ich muss zugeben, kurz nach den Halbjahreszeugnissen war auch ich von Lukas so genervt, dass ich dachte, Mensch, der hat es nicht besser verdient, der soll sitzen bleiben. Er ließ sich gar nichts mehr sagen, und irgendwann ist auch für mich mal Schluss mit lustig. Aber dann kam diese Klassenfahrt.

Ich fuhr mit der Klasse nach Frankreich, zum Surfen, und dort habe ich Lukas nicht wiedererkannt. Er hielt sich an alle Regeln und Vereinbarungen, war unglaublich nett und hilfsbereit. Wir mussten jeden Tag die schweren Surfbretter an den Strand schleppen, und er half allen Mitschülern – wirklich allen. Da denkt man dann plötzlich: Mensch, der Junge hat doch ein gutes Herz, den kann ich doch nicht einfach sitzen lassen!

Natürlich sollte man als Lehrer bei Entscheidungen über Noten völlig frei von Emotionen sein. Aber ganz ehrlich – ich kenne keinen Kollegen, der das schafft. Wir arbeiten schließlich mit Menschen zusammen, nicht mit Maschinen. Manchmal macht das unseren Job echt zu einer Herausforderung: Einerseits muss man alle gleich behandeln – und ich hoffe, das gelingt mir auch die meiste Zeit –, andererseits gibt es natürlich Sympathien zu manchen Schülern und Antipathien zu anderen, und das merken die Schüler auch. Denen geht es ja genauso, sie sagen: »Die Frau Stroh kann ich besser leiden als die Frau Schlauch.« Ich finde, das ist völlig normal. Man muss aber versuchen, diese Emotionen so klein wie möglich zu halten.

Wir saßen auf dieser Klassenfahrt abends oft am Strand zusammen, die Lehrer und die Schüler. Einmal fragten die Schüler uns: »Wie sieht es aus, schaffen wir alle dieses Schuljahr?« Ich habe nichts gesagt, aber am nächsten Tag nahm ich Lukas beiseite, um mit ihm zu reden: »Wenn in deiner letzten Klassenarbeit nicht noch ein Weltwunder geschieht, kann ich für dich nichts tun.« Er versprach, eine Drei oder sogar eine Zwei zu schreiben, »und dann reicht es ja für die Versetzung«. Vielleicht hat er das wirklich geglaubt.

Aber als er am Tag der letzten Mathearbeit sein Heft bei mir abgab, murmelte er schon, es sei doch nicht so gut gelaufen. Und so war es dann auch: Ich musste eine glatte Fünf daraufschreiben. Als ich ihm die benotete Arbeit in die Hand drückte, musste er schwer schlucken und sagte leise »Scheiße«. In der Gesamtkonferenz wurde der Fall Lukas natürlich auch angesprochen, aber nur sehr kurz. Die Klassenlehrerin las seine Zensuren vor: »Sozialkunde: 5, Geschichte: 5, Mathematik: 5, der Schüler wird nicht versetzt.« Das war’s dann.

Im Studium wird man nicht auf solche Situationen vorbereitet. Obwohl es einem schon im Referendariat zum ersten Mal passieren kann, dass man über die Versetzung eines Schülers entscheiden muss. Aber auch damals hat nie ein Ausbildungsleiter mit mir über die Notenvergabe gesprochen. Es wird wohl angenommen, dass jeder Lehrer das mit sich allein ausmacht – was ich eigentlich unzureichend finde.

Das mit Lukas ist jetzt zwei Jahre her, und immer noch sehe ich ihn regelmäßig. Er ist ja weiterhin an unserer Schule, mittlerweile in der zehnten Klasse. Ich habe nicht das Gefühl, dass er mir böse ist, im Gegenteil. Neulich hat er mich sogar um Unterlagen gebeten, um sich auf seinen Realschulabschluss in Mathe vorzubereiten.

Und was war Ihr erstes Mal? Erzählen Sie es uns unter www.zeit.de/campus/erstesmal

 
Leser-Kommentare
  1. "Im Studium wird man nicht auf solche Situationen vorbereitet. Obwohl es einem schon im Referendariat zum ersten Mal passieren kann, dass man über die Versetzung eines Schülers entscheiden muss."

    Ich frage mich, was machen diese Leute eigentlich während des Studiums? Nie eine Bubliothek betreten, nie selber gedacht, immer nur wiedergekäut und nachgekaut?

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    Welchen tieferen Sinn sollte es haben, während des Studiums eine "Bubliothek" zu betreten, wenn man im Schuldienst später über Versetzung und Nichtversetzung zu entscheiden hat? Das Studium kann höchstens in Praktika einen Ansatz vermitteln, welche Verantwortung man später zu tragen hat. Aber da es sich nur um ein Praktikum handelt, hat man diese halt nicht.

    So viel Wissen man aus Büchern beziehen kann, so wenig helfen sie einem übrigens, Entscheidungen solcher Tragweite kalten Herzens zu treffen. Erstaunlicherweise sind nämlich die meisten Lehrerinnen und Lehrer nicht so zynisch und kaltherzig, wie das Klischee gern unterstellt.

    Welchen tieferen Sinn sollte es haben, während des Studiums eine "Bubliothek" zu betreten, wenn man im Schuldienst später über Versetzung und Nichtversetzung zu entscheiden hat? Das Studium kann höchstens in Praktika einen Ansatz vermitteln, welche Verantwortung man später zu tragen hat. Aber da es sich nur um ein Praktikum handelt, hat man diese halt nicht.

    So viel Wissen man aus Büchern beziehen kann, so wenig helfen sie einem übrigens, Entscheidungen solcher Tragweite kalten Herzens zu treffen. Erstaunlicherweise sind nämlich die meisten Lehrerinnen und Lehrer nicht so zynisch und kaltherzig, wie das Klischee gern unterstellt.

  2. ich habe ganz sicher keine bubliothek während meiner beiden ausbildungsphasen betreten...
    aber viel praxisbezug gehabt.
    ich hatte trotz guter vorbereitung nicht die erfahrung machen können, wie es ist, jemanden schon sehr lange zu kennen, eine persönliche bindung eingegangen zu sein und als letzte in der reihe scheinbar allein für die nichtversetzung zu voten.
    als mir das das erste mal passierte, bei einem sehr unangenehmen jungen mann, konnte ich nächtelang nicht schlafen vor verantwortungsdruck. bei einer lieblingsschülerin bin ich in tränen ausgebrochen - beides ist schon lange her, aber mitleid schadet auch in diesem beruf nicht!!! nebenbei bin ich als harter knochen verschrien ... und selbstverständlich habe ich meine note nicht den gegebenheiten angepasst, aber der konferenz das problem vorgestellt.
    wenn sich allerdings die konferenz nicht die mühe macht, möglichkeiten auszuloten und über pädagogische lösungen nachzudenken, diese auch gegebenenfalls GEMEINSAM zu verwerfen, stehen gerade die jungen kollegInnen allein da, eventuell auch in der konfrontation mit den eltern.

  3. 3. Hm...

    Welchen tieferen Sinn sollte es haben, während des Studiums eine "Bubliothek" zu betreten, wenn man im Schuldienst später über Versetzung und Nichtversetzung zu entscheiden hat? Das Studium kann höchstens in Praktika einen Ansatz vermitteln, welche Verantwortung man später zu tragen hat. Aber da es sich nur um ein Praktikum handelt, hat man diese halt nicht.

    So viel Wissen man aus Büchern beziehen kann, so wenig helfen sie einem übrigens, Entscheidungen solcher Tragweite kalten Herzens zu treffen. Erstaunlicherweise sind nämlich die meisten Lehrerinnen und Lehrer nicht so zynisch und kaltherzig, wie das Klischee gern unterstellt.

    Antwort auf "Unvorbereitet?"
  4. "Welchen tieferen Sinn sollte es haben, während des Studiums eine "Bubliothek" zu betreten, wenn man im Schuldienst später über Versetzung und Nichtversetzung zu entscheiden hat?
    Wenn es es keinen Sinn hätte, sich an Hand der Fachliteratur über die Problematik kundig zu machen - die durchaus alle Aspekte auch der Fragwürdigkeit von Notengebung abhandeln - welchen Sinnn hat dann die folgende Klage? "Im Studium wird man nicht auf solche Situationen vorbereitet. Obwohl es einem schon im Referendariat zum ersten Mal passieren kann, dass man über die Versetzung eines Schülers entscheiden muss."

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    • Kometa
    • 30.12.2008 um 14:06 Uhr

    Scholare Intelligenz: Notoperationen von intelligenten Sch.innen, das Schulsystem zu überstehen...

    Man könnte ja an Hand von solchen Beiträgen und der schnell formulierten Besonderswisserei die Problem nachlesen, was Sitzenblieben verursacht und ausmacht in vita ... - und darüber nachdenken - und - wow-schlau - dann temperamentvoll entscheiden, dass man 3/4 aller Lehrer an allen Schulformen aus dem Dienst entfernen könnte, wenn man die Bildung, das Fachwissen, das pädagogische Engagement, die sprachliche Fähigkeit der Empathie und das Sprachvermögen, sich fürsorglich und beratend mit Schülern zu unterhalten ... und die lebenslange (... na, bis zur Pensionierung) Selbstständigkeit, sich gegen Kollegen- und Vorgesetzten-Deppen durchzusetzen - dass man dieses Dreiviertel der beamteten Lehrer als Fehlbesetzung austesten und rausschmeißen sollte aus dem Staatsdienst; ja, mit Abfindung als Dienstpesonal in verkrachten Bänken.

    (Man findet dieser austestbare Quote gezielt unter den Besonders-Räten und Haupt-Lehrern, die sich für unersetzlich wichtig halten. (Ja-yeah-wow-jau, der Beamtenstatus steht dem entgegen und muss erhalten bleiben als Sperr-Mentallität; wie könnte auch sonst eine Dummheits-Diktatur (genannt Bildungsinnovation sich so folgenreich nicht erfolgreich - etablieren.

    *

    Ja, natürlich: In dem herrlich ausgebildeten Vorrat der neu herausgezüchteten Nachwuchs-Referendare (und...-innen) hätte man auch dieselbe Elendquote. - Aber die Kultus- und Schulminister/innen in diesen Länderverwaltungen murksen ja genauso rum - und wissen natürlich, wo sie eigenen Kinder und die der Parteigenossen schicken können, dass sie nach dem Schul-Ritt (... ohne Abwurf!) ihre Chancen an Uni oder in direkter Berufausbildung sich einkaufen.

    Solche Qualifikationen - verallgemeinert in Elternstiftungen und Schülerdrills und jeweiliger religiöser Anapassung - könnte man als scholare Intelligenz cultivieren, wenn das Wort nicht als ein angeberischer Euphemismus missverständlich wäre.

    Aber Hilfe ist nah (wie bei der Messias bei 1 Kön 19,16 u.a.; auch von Jesaja 7,14f.), weihfestlich annonciert wurde): Künstler, besonders Dramatiker, haben viele Handlungsvorlagen und Textbeispiele überliefert, wie die Menschlein als Schaulerner und -spieler diese gesellschaftlich fixe Zwangsphase überspielen können (s. B. Brecht):

    Es gibt nix Gutes an deutschen Schulen; außer dass man sie mit geringstmöglichem Schaden zu überleben sucht. (Mit Erich Kästner nach-gedacht!)

    • Kometa
    • 30.12.2008 um 14:06 Uhr

    Scholare Intelligenz: Notoperationen von intelligenten Sch.innen, das Schulsystem zu überstehen...

    Man könnte ja an Hand von solchen Beiträgen und der schnell formulierten Besonderswisserei die Problem nachlesen, was Sitzenblieben verursacht und ausmacht in vita ... - und darüber nachdenken - und - wow-schlau - dann temperamentvoll entscheiden, dass man 3/4 aller Lehrer an allen Schulformen aus dem Dienst entfernen könnte, wenn man die Bildung, das Fachwissen, das pädagogische Engagement, die sprachliche Fähigkeit der Empathie und das Sprachvermögen, sich fürsorglich und beratend mit Schülern zu unterhalten ... und die lebenslange (... na, bis zur Pensionierung) Selbstständigkeit, sich gegen Kollegen- und Vorgesetzten-Deppen durchzusetzen - dass man dieses Dreiviertel der beamteten Lehrer als Fehlbesetzung austesten und rausschmeißen sollte aus dem Staatsdienst; ja, mit Abfindung als Dienstpesonal in verkrachten Bänken.

    (Man findet dieser austestbare Quote gezielt unter den Besonders-Räten und Haupt-Lehrern, die sich für unersetzlich wichtig halten. (Ja-yeah-wow-jau, der Beamtenstatus steht dem entgegen und muss erhalten bleiben als Sperr-Mentallität; wie könnte auch sonst eine Dummheits-Diktatur (genannt Bildungsinnovation sich so folgenreich nicht erfolgreich - etablieren.

    *

    Ja, natürlich: In dem herrlich ausgebildeten Vorrat der neu herausgezüchteten Nachwuchs-Referendare (und...-innen) hätte man auch dieselbe Elendquote. - Aber die Kultus- und Schulminister/innen in diesen Länderverwaltungen murksen ja genauso rum - und wissen natürlich, wo sie eigenen Kinder und die der Parteigenossen schicken können, dass sie nach dem Schul-Ritt (... ohne Abwurf!) ihre Chancen an Uni oder in direkter Berufausbildung sich einkaufen.

    Solche Qualifikationen - verallgemeinert in Elternstiftungen und Schülerdrills und jeweiliger religiöser Anapassung - könnte man als scholare Intelligenz cultivieren, wenn das Wort nicht als ein angeberischer Euphemismus missverständlich wäre.

    Aber Hilfe ist nah (wie bei der Messias bei 1 Kön 19,16 u.a.; auch von Jesaja 7,14f.), weihfestlich annonciert wurde): Künstler, besonders Dramatiker, haben viele Handlungsvorlagen und Textbeispiele überliefert, wie die Menschlein als Schaulerner und -spieler diese gesellschaftlich fixe Zwangsphase überspielen können (s. B. Brecht):

    Es gibt nix Gutes an deutschen Schulen; außer dass man sie mit geringstmöglichem Schaden zu überleben sucht. (Mit Erich Kästner nach-gedacht!)

  5. "ich habe ganz sicher keine bibliothek während meiner beiden ausbildungsphasen betreten...
    aber viel praxisbezug gehabt.
    ich hatte trotz guter vorbereitung nicht die erfahrung machen können, wie es ist, jemanden schon sehr lange zu kennen, eine persönliche bindung eingegangen zu sein und als letzte in der reihe scheinbar allein für die nichtversetzung zu voten."

    Vielleicht deshalb, weil Sie keine Bibliothek betreten und keine Fachliteratur zur Kenntnis genommen haben?

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    nicht genau schreiben, nicht genau lesen, nicht genau denken - schade um Ihre zeit

    nicht genau schreiben, nicht genau lesen, nicht genau denken - schade um Ihre zeit

    • akraft
    • 28.12.2008 um 15:04 Uhr

    Als Späteinsteiger "geniese" ich gerade die zweite Ausbildungsphase und stehe kurz vor dem 2. Staatsexamen - mit 37 Jahren. Zuvor musste ich in einigen Projekten bereits über das Ausscheiden von Mitarbeitern entscheiden und mir oft bewusst, dass sie auch direkt von ihrem eigenen Unternehemn entlassen werden. Damit sollte man eigentlich meinen, dass ich auch einigermaßen objektiv und gelassen der Entscheidungsfindung von Noten gegenüberstehen kann.

    Dem ist nicht so!

    Weder Studium, noch Referendariat noch Gespräche mit Mentoren können auf die Gedanken vorbereiten, die zwangsläufig aufkommen. Sicherlich ist das auch eine etwas neuere Entwicklung. Vor 20 oder 30 Jahren wurden Noten noch "härter" vergeben. Heute hat die Noteninflation dafür gesorgt, dass nur noch 1 und 2 als akzeptabel angesehen werden.

    Und natürlich ist da auch noch das gesamte Umfeld zu sehen. Nicht versetzt, wiederholt, ohne Abschluss von der Schule. Das bedeutet unwillkürlich Hartz IV. Wer möchte dafür schon gerne verantwortlich sein?

    Ich glaube aber, dass wir uns das Leben unnötig schwer machen. Zu einem gewissen Teil müssen und können wir die Verantwortung den Kindern und Jugendlichen schon selbst zumuten.

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    Sie schreiben, "einigermaßen objektiv und gelassen der Entscheidungsfindung von Noten gegenüberstehen kann."

    Wer sich ausreichend auf seine Rolle auch als Zensurenverteiler vorbereitet hat, weiß, dass derlei nicht möglich ist - objektiv schon gar nicht, gelassen nur, wenn man über das Gemüt eines Fleischerhundes verfügt.

    Aber gerade deshalb ist eine - mentale - Vorbereitung so bitter nötig. Die das nicht tun, mutieren im Berufsalltag am schnellsten vom Philantropen zum Zyniker.

    PS Das Buch von Ingenkamp stammt aus den 1960ern/1970ern, sprich, die Problematik ist so alt wie die Schule. Und wer da behauptet, man könne sich darauf nicht vorbereiten, der sollte seine Vorstellung vom Lehrerberuf schleunigst revidieren.

    Auch als Späteinsteiger sollten Sie sich der Tatsache bewusst sein, dass die Lehrkraft orthographisch ein Vorbild sein sollte: "geniese"!
    Ob Früh- oder Späteinsteiger - die meisten zu werdenden Lehrer/innen sind Mittelmaß und leben in der Hoffnung, bei geschlossener Zimmertür für 45 Minuten das Alphatier sein zu können. So dies nicht gelingt, flüchtet man in berufsjugendliche Anbiederungspädagogik und trägt gerne zur ministeriell abgesegneten Noteninflation bei.
    Das Bruttodurchschnittseinkommen eines vollbeschäftigten Arbeitnehmers lag laut statistischem Bundesamt im Jahre 2004 bei 39 815€. Bei Nichtversetzung fehlt dem Betroffenen dieses Jahreseinkommen in seiner Biographie.
    Alle Verantwortlichen sollten die personellen und sächlichen Voraussetzungen so einrichten, dass tausenden von Schülern pro Jahr dieser Verlust im doppelten Wortsinne erspart bleibt. Dazu gehört politischer Wille und die Bereitschaft, einige Hundert Millionen zu investieren. Finnland hat uns dies vorgelebt. Das Argument fehlenden Geldes ist angesichts der Milliarden zur Kompensation verspekulierter Gelder schwer nachvollziehbar.

    Sie schreiben, "einigermaßen objektiv und gelassen der Entscheidungsfindung von Noten gegenüberstehen kann."

    Wer sich ausreichend auf seine Rolle auch als Zensurenverteiler vorbereitet hat, weiß, dass derlei nicht möglich ist - objektiv schon gar nicht, gelassen nur, wenn man über das Gemüt eines Fleischerhundes verfügt.

    Aber gerade deshalb ist eine - mentale - Vorbereitung so bitter nötig. Die das nicht tun, mutieren im Berufsalltag am schnellsten vom Philantropen zum Zyniker.

    PS Das Buch von Ingenkamp stammt aus den 1960ern/1970ern, sprich, die Problematik ist so alt wie die Schule. Und wer da behauptet, man könne sich darauf nicht vorbereiten, der sollte seine Vorstellung vom Lehrerberuf schleunigst revidieren.

    Auch als Späteinsteiger sollten Sie sich der Tatsache bewusst sein, dass die Lehrkraft orthographisch ein Vorbild sein sollte: "geniese"!
    Ob Früh- oder Späteinsteiger - die meisten zu werdenden Lehrer/innen sind Mittelmaß und leben in der Hoffnung, bei geschlossener Zimmertür für 45 Minuten das Alphatier sein zu können. So dies nicht gelingt, flüchtet man in berufsjugendliche Anbiederungspädagogik und trägt gerne zur ministeriell abgesegneten Noteninflation bei.
    Das Bruttodurchschnittseinkommen eines vollbeschäftigten Arbeitnehmers lag laut statistischem Bundesamt im Jahre 2004 bei 39 815€. Bei Nichtversetzung fehlt dem Betroffenen dieses Jahreseinkommen in seiner Biographie.
    Alle Verantwortlichen sollten die personellen und sächlichen Voraussetzungen so einrichten, dass tausenden von Schülern pro Jahr dieser Verlust im doppelten Wortsinne erspart bleibt. Dazu gehört politischer Wille und die Bereitschaft, einige Hundert Millionen zu investieren. Finnland hat uns dies vorgelebt. Das Argument fehlenden Geldes ist angesichts der Milliarden zur Kompensation verspekulierter Gelder schwer nachvollziehbar.

  6. nicht genau schreiben, nicht genau lesen, nicht genau denken - schade um Ihre zeit

    Antwort auf "Erfahrung?"
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    "nicht genau schreiben, nicht genau lesen, nicht genau denken" - mit Selbstportraits in aller Öffentlichkeit sollte man vorsichtig sein.

    "nicht genau schreiben, nicht genau lesen, nicht genau denken" - mit Selbstportraits in aller Öffentlichkeit sollte man vorsichtig sein.

  7. Mir fällt zu diesem Thema nur eine Bemerkung ein: Das System ist fehlerhaft.

    Ich möchte hiermit nicht den einzelnen Lehrer angreifen und verstehe in welcher schwierigen Situaiton man sich befinden muss, wenn man einem Kind/Jugendlichen die Versetzung verweigern muss bzw. eventuell sogar den Schulabschluss.

    Allerdings macht man sich als Lehrer in diesem Moment mitverantwortlich für ein unsinniges und dummes System, dass zwangsläufig Verlierer produzieren muss.

    Kinder/Jugendliche über Noten zu "bestrafen" oder "motivieren" zu wollen ist unsinn, vor allem wenn die Notenverteilung viel eher einer Rangverteilung innerhalb der Klasse entspricht. Liest man einmal quer, was Psychologen und Lernwissenschaftler seit Jahren, vor allem über die Notenvergebung und das System Schule schreiben, so muss man endlich folgende Punkte akzeptieren:

    a) Noten sind zu einem großen Grad willkürlich - Sie sind immer Subjektiv. Bei Untersuchungen wurde ein und die selbe Arbeit von 100 Lehrern bewertet und mit Noten von 1 - 6 belegt.

    b) Lehrer sind nicht in der Lage (auch nur Menschen) "objektiv" zu urteilen. Es wird immer die "Persönlichkeit" usw mitbewertet.

    c) Noten sind bestenfalls Rangordnungen - es wird der "Rang" in einer Klasse bewertet und nicht die relative Stärke bzw. der Lernfortschritt.

    Weitere Probleme werden mit den Worten "Abschulung" (da Loswerden von unbequemen Schülern durch einen Schulartenwechsel) und "Sitzenbleiben" beschrieben.

    Welcher nutzen zieht ein Schüler aus einer Klassenwiederholung? Muss das Problem mit einer Verlängerung der Schulzeit um 1 Jahr gelöst werden? Versagt hier nicht das System schon viel früher?

    Ein weiteres Stichwort ist das Fehlen von männlichen Rollenvorbildern und die Bevorzugung von "braven" und "angepassten" Schülern. Das System verweiblicht und benachteiligt Jungs systematisch. Im Zweifel sind die Kinder ADS-Krank und müssen medikamentös behandelt werden bzw. die "Erziehung" der Eltern versagt.

    Dabei wird gerade an den Schulen an Sprotunterricht gespart, obwohl alle Untersuchungen den positiven Effekt von Sportuntterricht ("austoben") auf schulische Leistungen belegen.

    Das System ist Mist und "vergewaltigt" die Bedürfnisse und Wünsche der SchulPFLICHTIGEN. Der Lehrer regiert die Klasse absolutistisch. Dabei sind sowohl er, als auch die Schüler opfer eines kranken Systems und eines Kommunikationsversagens. Der Lehrer wird als allwissender Einzelpäpfer in die Arena geschickt und jeder Schüler musste die Hilflosigkeit erleben, wenn er ungerecht behandelt wurde. Sei es bei einer Bestrafung, einer Benotung oder nur durch die Behandlung eines Lehrers.

    Das System hat sich verbessert - zu Zeiten unserer Väter war der Rohrstock noch adequat - aber es ist immer noch in sich Fehlerhaft.

    Wäre es eine richtige Entscheidung jemanden sitzen bleiben zu lassen - müsste man nicht Magenschmerzen bekommen, wenn man diese Entscheidung trifft. Aber eigentlich ist es doch willkürlich. Schreibt er eine 4+ -> Wiederholen, schreibt er eine 3-4 oder 3- --> ab in die 10 Klasse. Im Zweifel entscheidet ein Zahlendreher über das Shicksal, ein schlechter Tag oder Pech in einer MC Aufgabe.

    Die meisten Studien sind der Überzeugung - Sitzen bleiben zu lassen nutzt niemanden - weder den Schülern, noch dem System. Jeder aufgrund dessen Entscheidung ein Kind abgeschult wird, sitzen bleibt oder von der Schule fliegt, der muss sich vor sich selbst, vor der Gesellschaft, vor seinem Gewissen und vielleicht auch vor Gott rechtfertigen, wieso or so gehandelt hat. Er ist Helfer eines fehlerhaften Systems.

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    Die Fragwürdigkeit des Systems wird seit Jahrzehntsachkundig und in aller Breite und Tiefe durchaus erschöpfend diskutiert, z. B. in

    Ingenkamp: Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung.

    Wer sich damit auseinandersetzt, dürfte ausreichend auf seine Rolle als staatlich angestellter Zensurengeber vorbereitet sein.
    Auch frage ich mich, wie sich Leute ihren Beruf vorgestellt haben, die 13 Jahre lang die Schule besuchten und dann als Lehrer überrascht sind, dass sie Schüler zu benoten haben und dass auch als Folge davon Schüler nicht versetzt werden. Hatten sie das während ihrer Schulzeit nicht bemerkt?

    • Anonym
    • 29.12.2008 um 13:08 Uhr

    Seit Jahrzehnten wird in der Bildungspolitik verdrängt, dass wir uns ständig neu bewähren müssen, neu beweisen müssen und stets beurteilt werden, ob das nun formal passiert oder nicht.

    Letztlich ist es kein Beinbruch nicht versetzt zu werden, allerdings verursacht die jahrzehntelange Knappheit von Ausbildungsplätzen selbst nach unbedeutenden formalen Kriterien eine Vorauswahl zu treffen, nur um die Anzahl der Bewerber die man einlädt zu senken.

    Das Problem ist nicht das "Aussortieren", das zu kritisieren ist sozialistischer Schwachsinn. Manchmal ist die Konfrontation mit einer solchen Minderleistung heilsam und fördert den Reifungsprozess. Denn es bringt nichts Kinder oder Jugendliche zu lange vor den durchaus bewältigbaren Härten des realen Lebens zu schützen. Die Frage ist eher, wieso Schüler ein so geringes Selbstwertgefühl, so wenig Motivation haben, dass sie eine solche Niederlage sofort und dauerhaft umwirft (auch wenn das bei dem im Artikel geschiderten Fall wohl nicht so war).
    Im Grunde nimmt doch in solchen Fällen das Scheitern in der Schule das Scheitern im Leben nur vorweg. Hier ist nicht die Schule gefragt, sondern die Sozialpolitik.

    Die wichtigere Frage ist also die nach den Gründen des Scheiterns bzw. der Nachhaltigkeit des Scheiterns.
    Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles zum Nachteil gewendet. Der Artikel liefert hier einige Ansätze bezüglich des häuslichen Umfeldes des Schülers und auch nach meiner Erfahrung über Mitschüler meiner Kinder sind hier die unabgefederten sozialen Veränderungen wesentlich bestimmender als die Schule selbst, auch wenn der formale Anspruch der Schulen sich z.T. bis zum Absurden gesteigert hat und völlig überbewertet wird und damit die häusliche Unterstützung weit mehr benötigt wird, als das zu meiner Schulzeit erforderlich war.

    Berthold Grabe

    Die Fragwürdigkeit des Systems wird seit Jahrzehntsachkundig und in aller Breite und Tiefe durchaus erschöpfend diskutiert, z. B. in

    Ingenkamp: Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung.

    Wer sich damit auseinandersetzt, dürfte ausreichend auf seine Rolle als staatlich angestellter Zensurengeber vorbereitet sein.
    Auch frage ich mich, wie sich Leute ihren Beruf vorgestellt haben, die 13 Jahre lang die Schule besuchten und dann als Lehrer überrascht sind, dass sie Schüler zu benoten haben und dass auch als Folge davon Schüler nicht versetzt werden. Hatten sie das während ihrer Schulzeit nicht bemerkt?

    • Anonym
    • 29.12.2008 um 13:08 Uhr

    Seit Jahrzehnten wird in der Bildungspolitik verdrängt, dass wir uns ständig neu bewähren müssen, neu beweisen müssen und stets beurteilt werden, ob das nun formal passiert oder nicht.

    Letztlich ist es kein Beinbruch nicht versetzt zu werden, allerdings verursacht die jahrzehntelange Knappheit von Ausbildungsplätzen selbst nach unbedeutenden formalen Kriterien eine Vorauswahl zu treffen, nur um die Anzahl der Bewerber die man einlädt zu senken.

    Das Problem ist nicht das "Aussortieren", das zu kritisieren ist sozialistischer Schwachsinn. Manchmal ist die Konfrontation mit einer solchen Minderleistung heilsam und fördert den Reifungsprozess. Denn es bringt nichts Kinder oder Jugendliche zu lange vor den durchaus bewältigbaren Härten des realen Lebens zu schützen. Die Frage ist eher, wieso Schüler ein so geringes Selbstwertgefühl, so wenig Motivation haben, dass sie eine solche Niederlage sofort und dauerhaft umwirft (auch wenn das bei dem im Artikel geschiderten Fall wohl nicht so war).
    Im Grunde nimmt doch in solchen Fällen das Scheitern in der Schule das Scheitern im Leben nur vorweg. Hier ist nicht die Schule gefragt, sondern die Sozialpolitik.

    Die wichtigere Frage ist also die nach den Gründen des Scheiterns bzw. der Nachhaltigkeit des Scheiterns.
    Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles zum Nachteil gewendet. Der Artikel liefert hier einige Ansätze bezüglich des häuslichen Umfeldes des Schülers und auch nach meiner Erfahrung über Mitschüler meiner Kinder sind hier die unabgefederten sozialen Veränderungen wesentlich bestimmender als die Schule selbst, auch wenn der formale Anspruch der Schulen sich z.T. bis zum Absurden gesteigert hat und völlig überbewertet wird und damit die häusliche Unterstützung weit mehr benötigt wird, als das zu meiner Schulzeit erforderlich war.

    Berthold Grabe

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  • Serie Das erste Mal
  • Quelle ZEIT Campus 01/2009
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