VerhaltensökonomieFairness zahlt sich aus

Bislang haben Wirtschaftswissenschaftler behauptet, der Mensch sei ein Egoist. Stimmt aber gar nicht, sagen jetzt die Verhaltensökonomen. Ein Gespräch mit Armin Falk von Hans/Brost

Für ZEIT Campus hat Armin Falk sein Lieblingsexperiment aufgezeichnet. Im Schaubild links kann Spieler 1 von zehn Euro entweder zwei oder fünf an Spieler 2 abgeben. Gibt er nur zwei, lehnt Spieler 2 meist ab - und beide gehen leer aus. Im Schaubild rechts hat Spieler 1 keine Wahl. In diesem Fall willigt Spieler 2 ein. Er straft also Spieler 1 für eine unfaire Intention, nicht für das Ergebnis

Für ZEIT Campus hat Armin Falk sein Lieblingsexperiment aufgezeichnet. Im Schaubild links kann Spieler 1 von zehn Euro entweder zwei oder fünf an Spieler 2 abgeben. Gibt er nur zwei, lehnt Spieler 2 meist ab - und beide gehen leer aus. Im Schaubild rechts hat Spieler 1 keine Wahl. In diesem Fall willigt Spieler 2 ein. Er straft also Spieler 1 für eine unfaire Intention, nicht für das Ergebnis  |  © Armin Falk

ZEIT CAMPUS: Als Sie am Ende Ihres VWL-Studiums Ihre Diplomarbeit schreiben wollten, mochte kein Professor das Thema »Ökonomie des Vertrauens« betreuen. Warum nicht?

Armin Falk: Es war wie so oft bei solchen Themen: Man kann damit ein bisschen zu früh kommen, man kann natürlich auch ein bisschen zu spät sein, damals war es wahrscheinlich für viele noch ein bisschen zu früh. Stattdessen habe ich dann etwas ganz Furchtbares gemacht: eine Arbeit über Finanzmarktinnovationen.

ZEIT CAMPUS: Derzeit befinden sich die Wirtschaftswissenschaften in einem radikalen Wandel, den Sie mit Ihren Forschungen selbst antreiben. Worum geht es genau?

Falk: Das traditionelle ökonomische Modell geht vereinfacht gesagt davon aus, dass Menschen vollkommen rational handeln, um ihren eigenen Nutzen zu mehren. Der Homo oeconomicus weiß zu jedem Zeitpunkt genau, was er will, und holt nach Möglichkeit das Maximum heraus. Die Experimente in der Verhaltensökonomie stellen dieses Bild infrage.

: Wie laufen diese Experimente ab?

Falk: Ein berühmtes Beispiel ist das Ultimatumspiel mit zwei Akteuren: Einer bekommt vom Versuchsleiter zehn Euro. Diesen Betrag kann er nach Belieben mit der anderen Person teilen, wobei der andere die Aufteilung entweder akzeptieren oder den Vorschlag ablehnen muss. Wenn er die Aufteilung akzeptiert, wird das Geschäft gemacht. Wenn er ablehnt, bekommen beide nichts. Nach dem alten ökonomischen Modell würde man erwarten, dass jemand akzeptiert, wenn er von zehn Euro nur einen abbekommt, denn das ist besser als nichts. Im Labor passiert aber etwas anderes: Angebote, die bei weniger als 40 Prozent liegen, werden regelmäßig abgelehnt. Lieber hat der eine gar nichts, als dass der andere 80 Prozent für sich behalten darf. Er bestraft ihn also und ist auch bereit, die Kosten dafür zu tragen.

ZEIT CAMPUS: Gibt es auch das Gegenteil, dass jemand Fairness belohnt, auch wenn ihm das schadet?

Falk: Das können wir zum Beispiel im sogenannten Vertrauensspiel beobachten: Wieder gibt es zwei Akteure, diesmal bekommt jeder zehn Euro. Der erste Spieler kann nun dem zweiten jeden Betrag zwischen null und zehn Euro überweisen. Die Summe, die er überweist, wird vom Experimentator verdreifacht. Vertrauen kann sich also lohnen: Angenommen, der erste Spieler überweist alles, dann hätte der zweite Spieler 40 Euro…

ZEIT CAMPUS: …seine zehn Euro plus die 30 aus der Überweisung. Der erste Spieler hätte zu diesem Zeitpunkt aber nichts.

Falk: Genau. Jetzt ist der zweite Spieler am Zug: Er kann jeden Betrag zurücküberweisen, diese Überweisung wird aber nicht verdreifacht. Wenn er nett ist, überweist er die Hälfte der Summe, immerhin hat der andere ihm ja geholfen. Dann haben beide am Ende 20 Euro.

ZEIT CAMPUS: Aber warum sollte er das tun? Er könnte seine 40 Euro doch einfach behalten.

Falk: Im Labor handelt es sich um eine anonyme Interaktion, die Teilnehmer kennen sich nicht. Trotzdem ist es in den allermeisten Fällen so, dass der zweite Spieler etwas zurückgibt, wenn der erste etwas überwiesen hat. Er verhält sich also bedingt kooperativ.

ZEIT CAMPUS: Was prägt eigentlich unser Vertrauen?

Falk: Wir haben uns in einer repräsentativen Studie deutsche Haushalte angeschaut und festgestellt: Wenn die Eltern vertrauen, vertraut auch das Kind. Das gilt genauso für die Risikoeinstellung: Wenn die Eltern risikobereiter sind, sind auch die Kinder risikobereiter, selbst wenn sie schon erwachsen sind und längst nicht mehr zu Hause leben. Die Sozialisation spielt dabei gewiss eine Rolle, aber nicht allein: In einer neuen Studie können wir zeigen, dass eine bestimmte Genmutation zu mehr Vertrauen führt.

ZEIT CAMPUS: Ist Fairness so etwas wie ein Grundbedürfnis aller Menschen?

Falk: Alles deutet darauf hin. Und wir konnten sogar zeigen, dass die Erfahrung von Unfairness direkte Auswirkungen auf unseren Körper hat.

ZEIT CAMPUS: Wie das?

Falk: Wir haben wieder zwei Teilnehmer ins Labor eingeladen. Einer bekam die Rolle des Chefs, der andere die des Arbeiters. Der Arbeiter bekommt Blätter mit Nullen und Einsen. Er muss die Nullen zählen und in den Computer eingeben, eine totale Idiotenaufgabe. Wenn das Ergebnis stimmt, erwirtschaftet er mit jedem Blatt einen Mehrwert von drei Euro. Am Ende darf der Chef das Geld zwischen beiden aufteilen.

ZEIT CAMPUS: Was macht der Chef in der Arbeitszeit?

Falk: Der Chef macht nichts. Er kann lesen oder für die Uni lernen. Seine Aufgabe ist es nur, hinterher den Arbeiter nach eigenem Ermessen zu bezahlen. Eine Aufteilung wie im richtigen Leben: Kapital und Arbeit. Wenn der Arbeiter eine gewisse Summe erwirtschaftet hat, fragt ihn der Leiter des Experiments: Was wäre denn ein fairer Anteil? Im Schnitt verlangen die Arbeiter etwa zwei Drittel.

ZEIT CAMPUS: Schließlich haben sie die ganze Arbeit alleine gemacht.

Falk: Die Chefs geben ihnen aber nur etwa 40 Prozent. Wir erzeugen also eine Diskrepanz zwischen dem, was der Arbeiter fair finden würde, und dem, was er tatsächlich bekommt. Mittels EKG können wir an seiner Herzfrequenz ablesen, wie gestresst er ist. Je stärker die Bezahlung von dem abweicht, was der Arbeiter als fairen Anteil genannt hat, desto schlimmer sind die Stress-Symptome. Dies ist nicht unwichtig, weil Stress die Hauptursache für Herzerkrankungen in westlichen Ländern ist. Fairness hat also eine unmittelbare physiologische Konsequenz.

ZEIT CAMPUS: Kann der Arbeiter in diesem Versuch den Chef wenigstens für sein unfaires Verhalten bestrafen?

Falk: Nein, wir haben in diesem Versuch die Möglichkeit zur Reziprozität nicht gegeben. Aber wir haben gefragt: Wenn ihr dem was schreiben könntet, was würdet ihr schreiben?

ZEIT CAMPUS: Und?

Falk: Das Zeug können wir nicht veröffentlichen, da steht Klartext drin.

ZEIT CAMPUS: Kann man denn feststellen, wie Wohlstand verteilt sein muss, damit Menschen ihn als grundsätzlich gerecht empfinden?

Falk: Ich denke, es kommt nicht so sehr darauf an, wie der Wohlstand absolut verteilt ist, sondern auf die Umstände, unter denen er verteilt wird.

ZEIT CAMPUS: Woraus schließen Sie das?

Falk: Lassen Sie mich das wieder an einem Experiment erklären. Das Setting ist ähnlich wie im Ultimatumspiel. Der Spieler, der das Geld bekommt, hat aber nur zwei Möglichkeiten: Er kann entweder den Vorschlag machen, acht Euro für sich zu behalten und zwei abzugeben, oder er macht halbe-halbe (grünes Schaubild, Anm. d. Red.). Wählt er acht für sich, lehnt sein Gegenüber meistens ab.

ZEIT CAMPUS: Sie bestrafen den Spieler dafür, dass er nicht halbe-halbe gemacht hat.

Falk: Genau. Jetzt ändern wir eine Regel: Der erste Spieler bekommt zehn Euro, aber er bekommt keine Wahlmöglichkeit, er darf nur zwei anbieten und acht behalten (rotes Schaubild, Anm. d. Red.). Hier akzeptiert Spieler zwei das Angebot. Das heißt: Obwohl in beiden Spielen die Konsequenz dieselbe ist, wird einmal abgelehnt und einmal nicht.

ZEIT CAMPUS: Warum?

Falk: Weil die Intention im ersten Fall klar ist: Der hätte die Möglichkeit gehabt, nett zu sein, war er aber nicht. In der Variante zwei hat er die Möglichkeit, nett zu sein, gar nicht. Wofür soll ich ihn dann bestrafen? Unsere Wahrnehmung ist also nicht nur durch die Fakten getrieben, sondern durch die Absichten, die dahinterstehen.

ZEIT CAMPUS: Was sagt das über Gerechtigkeit in der Gesellschaft aus?

Falk: Sie sehen das zum Beispiel in Unternehmen: Wenn der Vorstand den Lohn kürzt, dann spielt es eine wichtige Rolle, warum er das tut: um mehr Geld zu verdienen oder weil er den Bankrott abwenden muss? Auch im letzten Fall wissen die Angestellten genau, dass die Konsequenzen schlecht sein werden, aber es steckt keine böse Absicht dahinter. Also ist es auch nicht unfair.

ZEIT CAMPUS: Was kann die Politik aus solchen Experimenten lernen?

Falk: Wenn es um Konfliktbewältigung in Gesellschaften geht, ist die Frage sehr wichtig, warum wir zum Beispiel die Erbschaftsteuer erhöhen. Waren die Verfahren, die dazu geführt haben, fair oder nicht? Das Ergebnis ist exakt dasselbe, aber ich akzeptiere es, weil der Prozess, der dorthin geführt hat, für mich als fair erkennbar ist.

ZEIT CAMPUS: Wenn wir also keine egoistischen Gewinnmaximierer sind – ist der Mensch dann besser als bisher angenommen?

Falk: Man darf das nicht mit Altruismus verwechseln! Gegenseitigkeit kann auch negative Folgen haben. Das Ultimatumspiel ist ein Beispiel dafür: Wenn der zweite Spieler zustimmt, beträgt die Summe immer zehn Euro, egal, wer wie viel bekommt. Lehnt er ab, ist alles verloren.

ZEIT CAMPUS: Wo finden wir das in der Realität?

Falk: Denken Sie an Blutfehden, bei denen es nur darum geht, die Ehre zu verteidigen. Ein cooler Egoist würde sagen: »Komm, wir verlieren hier doch nur, was soll das?« Weil dem Menschen aber Status wichtig ist, weil er emotional betroffen ist, weil er sich persönlich herausgefordert fühlt, macht er unter Umständen ganz viel kaputt. Einige Evolutionstheoretiker sagen sogar: Es ist vielleicht kein Zufall, dass wir alle einen kleinen Egoisten in uns tragen.

ZEIT CAMPUS: Die meisten Ihrer Experimente machen Sie mit Studenten. Sind BWLer egoistischer als zum Beispiel Sozialpädagogen?

Falk: Das ist mir im Labor noch nicht aufgefallen. Ich finde nur, die schlimmsten Versuchspersonen sind VWLer und Psychologen: Die fragen zu viel nach und glauben immer, sie wüssten schon, worum es in dem Versuch geht.

Interview: Marc Brost und Julian Hans

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Leserkommentare
  1. bis die Ökonomen mal auf den Gedanken gekommen sind, ihren Modellen ein etwas realistischeres Menschenbild zugrundezulegen, aber letztendlich ist es gut, dass sie es geschafft haben...;-)

  2. kam vor Längerem schon mal die These, dass sich Altru- und Egoismus normalerweise die Waage halten.

    • geusau
    • 11. Februar 2009 13:26 Uhr

    In der Wirtschaftssoziologie sind diese Überlegungen bereits usus. Wird auch Zeit, dass sich die VWLer von ihren abstrakt-reduktionistischen Modellen verabschieden.
    Aber es geht ja nicht zuletzt auch um Diskurshoheit.

  3. Das Festhalten an der "Egoismus"-Theorie zeigt nur, wie stark die VWL von der Ideologie des Kapitalimus geprägt ist.

    • Anonym
    • 11. Februar 2009 20:40 Uhr

    hinken alle, da möchte ich mich gar nicht näher drauf einlassen. Hier scheint vor allem die Maxime zu gelten dass jeder die Menschen so sieht wie er sie sehen will, wie es in sein Weltbild passt. Und dieser "jeder" ist auch ein Mensch, wodurch schon die Individualität der Sichtweisen bewiesen wäre.

    Interessanter finde ich die Aussage dass nicht alle Menschen Egoisten sind (eigentlich nicht erwähnenswert, dies wird täglich durch Millionen Menschen bewiesen die sich im Ehrenamt für andere engagieren). Selbst wer Egoist ist kann viele Exzesse nicht wollen, auch ein Egozentriker ist auf ein funktionierendes halbwegs sicheres Gemeinwesen angewiesen indem er seinem Hedonismus ohne ständige Todesangst und Überlebenskampf fröhnen kann. Jeder muss also ein Interesse an einem gesellschaftlichen Grundkonsens haben - und sei es nur aus Eigennutz (was ich gar nicht verurteilen will, meiner Meinung nach gibt es auch ein Recht auf Ignoranz).
    Nebenbei gesagt ist der verstiegende Kollektivismus dem viele Menschen gerade in Deutschland anhängen auch nicht weniger problematisch, man schaue sich nur historische Entwicklungen a lá "Volksgemeinschaft" an. Es gibt also nicht nur ein Recht auf Egoismus und gegenseitiges Mißtrauen, es ist sogar bis zu einem gewissen Maß wichtig und richtig.

  4. 6. WOW

    das sind ja bahnbrechende Erkenntnisse.

    Der Mensch ist nicht nur Egoist, sondern auch von Rachsucht (= Gefühl für Fairness) getrieben.

    • Medley
    • 11. Februar 2009 20:43 Uhr

    Warum DOCH Egoismus? Na, wenn ich fair bin nützt es mir und wenn es mir nützt, dann befriedigt es meinen Egoismus. Also bitte... Die (zweifelsohne richtige)Theorie die der Mann da aufstellt, ist doch nur alter Wein in neunen Schläuchen. Man nennt sie nämlich auch: "Eine Hand wäscht die Andere" Was ist also daran neues? Zudem Unfairness schadet mir nicht nur materiell, sie kränkt mich auch in meiner Selbstachtung und demütigt mich, indem sie mich als jemanden mit geringeren Wert herabsetzt. Es ist also vorallem auch! eine emotionale Sache.

  5. ... einfliessen lassen.

    Denn je fairer ein Mensch die Höhe seiner Besteuerung ansieht umso eher wird er gewillt sein zu zahlen und keine Steuerschlupflöcher zu suchen.

    Intelligente Steuersenkungen könnten dadurch sogar zu einem höheren Gesamtsteueraufkommen führen.

    In Liechtenstein würden sie dann Champignons züchten oder Hinterglasmalkurse anbieten ...

    Na, das wär doch was ... ;-)

    Grüße Bettina

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  • Schlagworte Altruismus | Chef | Diplomarbeit | Erbschaftsteuer | Euro | Bonn
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