Nahost-Konflikt Ohnmacht der Bilder
Israelis und Palästinenser trennt nicht nur ein Grenzwall. Kaum einer interessiert sich für die Zustände auf der anderen Seite. Israelische Fotografen wollen das ändern

© Georg Cadeggianini
Ein Palästinenser hilft Keren beim Kleben
Die Palästinenser sehen ihm gleich an, dass er nicht auf diese Seite der Mauer gehört. Nicht auf das arabische Dorffest und nicht nach Anata, den Ort im Westjordanland nahe Jerusalem. Nir Landau, 29 Jahre alt, schwarze Hose, schwarzer Kapuzenpulli, eine teure Spiegelreflexkamera: Nir ist keiner von hier, so viel ist klar. Hinter ihm wächst die acht Meter hohe Betonmauer in den Himmel, die das Westjordanland von Israel abschneidet. Vor ihm hat sich ein Halbkreis aus drei Dutzend Palästinensern aufgebaut. Alles Männer. Sie bellen ihm ein paar Brocken Hebräisch entgegen, die sie am Checkpoint aufgeschnappt haben. »Ausweis. Weiter. Nach Hause.«
Nir spricht kein Arabisch. Er zählt auf Bilder, auf ihre Macht. Er nimmt einen Eimer hoch und pinselt Kleister auf die Mauer, der Fleck sieht aus, als ob der Beton an der Stelle noch nicht richtig trocken wäre. Als ob man mit der bloßen Hand eine Mulde hineindrücken könnte, mit etwas Kraft vielleicht sogar ein Loch hindurchbekäme. Dann entrollt er ein Plakat, das erste, und zieht es auf die Wand. Das Bild zeigt einen palästinensischen Jungen, eingeschüchtert, traurig, zu ernst für sein Alter. Er steht auf einem Balkon, im Hintergrund windet sich die israelische Sperranlage und teilt das Land in Grau und Grün, in Westjordanland und Israel. Es ist dieselbe Mauer, auf die Nir gerade seine Bilder klebt. Auf dem zweiten Plakat: 200 wartende Palästinenser. Links die haushohe Mauer, rechts ein Sicherheitszaun, im Fluchtpunkt der Checkpoint. Nir klebt ein Tropfen Kleister im Bart.
Google Maps: Blick auf die Trennlinie zwischen Israel und Gaza-Streifen
Nachdem ein drittes und viertes Bild an der Wand prangen, klatscht der erste Palästinenser, ein zweiter johlt. Sie haben erlebt, wie im Oktober 2005 Bagger auffuhren, eskortiert von Soldaten, um sie mit diesem Wall aus Beton aus Israel auszusperren; sie kennen israelische Panzer, palästinensische Autobomben – und viele gescheiterte Friedensprozesse. Aber einen Israeli, der sich auf die Seite der Palästinenser schlägt, der gegen die Besatzung protestiert, indem er das Leid fotografiert und seine Bilder plakatiert – das haben sie noch nicht gesehen. Bald rufen sie Parolen gegen Ehud Olmert, den damaligen israelischen Ministerpräsidenten. Und wenig später sitzt Keren, Nirs Kollegin, auf den Schultern eines Palästinensers, kleistert, klebt und koordiniert von oben. Nir reicht ihr ein neues Plakat. Ein Palästinenser zieht sein Handy, macht Fotos.
Vor neun Jahren, als Nir Soldat war, kam er noch mit Sturmgewehr ins Westjordanland, um in einem Flüchtlingslager bei Hebron Wache zu schieben. Heute hat er die Seiten gewechselt. Es gehe ihm aber nicht darum, irgendetwas wiedergutzumachen, sagt er. Was er heute mache, sei keine Sühne, sondern Politik. »Alle schauen nur weg. Aber Ignoranz ist keine Entschuldigung.«
Seine Gruppe nennt sich ActiveStills, frei übersetzt: Standbilder, die bewegen. Sechs politische Fotografen aus Tel Aviv, Jerusalem und Bethlehem, die sich im November 2005 zusammengetan haben. Dazu kommen Unterstützer, die beim Kleben helfen. In einer einzigen Nacht bis zu 1600 Poster. Die Laserprints kosten 2,5 Schekel pro Stück, etwa 50 Cent. Geld, das die Aktivisten von befreundeten NGOs bekommen. Den Kleister machen sie selbst, kochen zu Hause in der WG Mehl mit Wasser und ein bisschen Zucker ein. Freunde aus Europa haben schon in Berlin, Paris und London plakatiert. Die Bilder bekommen sie per E-Mail. Drucken können sie vor Ort. Selbst in Los Angeles hängen Fotos aus Hebron.
Bethlehem, Gaza, Hebron und Jerusalem sind Themen der Bilderzyklen. Einer dieser Zyklen aus dem vergangenen Jahr besteht aus 40 Bildern, je eines für die 40 Jahre, die Israel die palästinensischen Gebiete seit dem Sechstagekrieg besetzt hält. Der Jahrestag war Grund für die israelische Regierung, ausgiebig zu feiern. In einer Festschrift heißt es, Israels überwältigender Sieg im Jahre 1967 habe den arabisch-israelischen Friedensprozess auf der Grundlage des Prinzips »Land gegen Frieden« überhaupt erst ermöglicht. »Es war ein bitterer Sieg, für den drei Millionen Menschen bis heute zahlen«, sagt die Aktivistin Keren Manor, 31, hager, mit Haarlocken wie Korkenziehern. Sie wolle das Leben der Palästinenser so zeigen, wie es heute aussieht. »Eine Wirklichkeit, für die wir Israelis verantwortlich sind.« Und von der die meisten Menschen in Israel nichts wissen – und auch nichts wissen wollen, meint sie. »Die leben ihren Alltag, spüren nicht, dass etwas wirklich Falsches passiert. Wenn du heute in Jerusalem fragst, wo es nach Ramallah geht, kann dir das niemand sagen – obwohl es nur drei Kilometer sind.«
Später sitzen Keren und Nir im Auto, auf dem Weg zurück nach Tel Aviv, das Gejohle der Palästinenser noch im Ohr, die Volksfeststimmung im Kopf. Wie sie beim Plakatieren mit anpackten, wie sie gemeinsam über den lausigen Kleister fluchten. Die Verbrüderung auf Plastikstühlen mit Limonade aus Pappbechern.
Die gute Stimmung hält bis zum Checkpoint. Bis eine blonde Soldatin am Wagenfenster steht, in israelischer Uniform, das Gewehr über die Schulter gehängt, nach ihren Ausweisen verlangt und mit den Dokumenten im Armeehäuschen verschwindet. »Pure Schikane«, motzt Keren. »Die denkt, dass sie uns piesacken kann. Die denkt, sie hätte Macht«, sagt Nir. Beim Wegfahren streckt er seinen Mittelfinger aus dem Fenster, brüllt Schimpfwörter.
Dann Schweigen. Nir versucht die Stimmung wieder aufzulockern. »Es war schon ein Riesenerfolg«, sagt er. Die ganze Ausstellung, direkt an der Mauer, mitten im Westjordanland, »sie ist ein Symbol«. Aber wen wollen sie dort aufklären über die Schrecken der Besatzung? Wem nützt die Ausstellung dort? Man müsse den Palästinensern auch zeigen, dass für sie gekämpft werde, sagt Keren. Nir nickt, zieht an seiner Zigarette. Morgen werden sie in Tel Aviv plakatieren. Nachts und illegal.
Die Mauer ist ständig präsent in ihren Gesprächen: dass sie nicht auf der Green Line, der Waffenstillstandslinie von vor dem Sechstagekrieg 1967, verlaufe, sondern tief ins Gebiet der Palästinenser eindringe. Dass sie Bauern von ihren Olivenbäumen abschneide, Kinder von Schulen. Dass sie letztlich nicht für mehr Sicherheit sorgen wird, sondern nur für mehr Hass. Natürlich seien Selbstmordattentate grausam, meint Nir, und keinesfalls wolle er sie rechtfertigen. Allerdings: Dies sei nun mal die einzige Möglichkeit der Palästinenser zu kämpfen. »Hätten sie Panzer, würden sie mit Panzern kämpfen«, sagt Nir. Das sehe vielleicht sauberer, legitimierter, kontrollierter aus. »Ist es aber nicht: Sie töten Zivilisten. Wir töten Zivilisten. Aber wir töten mehr Zivilisten.«
Es ist halb drei Uhr nachts, die Luft ist kühl, im Habima-Theater im Zentrum Tel Avivs ist es dunkel. Endlich hat sich der Staub der Stadt gelegt. Durch eine Querstraße ein paar hundert Meter weiter ziehen Jugendliche vom Club nach Hause, krakeelen hebräische Lieder. Ein Taxi braust die Straße entlang. Sonst Ruhe. Nir steigt vom Motorroller, klappt den Sitz auf und holt Pinsel, Poster und Kleister heraus.
Die eine leimt, der andere klebt, ein Dritter steht Schmiere. Nach 14 Minuten stehen Keren, Nir und Oren auf der anderen Straßenseite. Sie rauchen, sehen sich die Ausstellung an. Sie sind zufrieden. Manchmal schreiben die Leute später Kommentare auf die Bilder. Das gefällt Keren, »die Straße wird zum Forum«, sagt sie.
Oren erzählt, wie er beschimpft wurde, als er am Morgen nach einer großen Aktion die Ausstellungen abklapperte und fotografierte: »Verräter, Nestbeschmutzer, Staatsfeind.« Und vor dem Dizengoff Center, einer großen Shopping- mall, hielt ihn sogar ein Sicherheitsmann fest. Er drohte, die Polizei zu rufen. Noch im Gerangel gelang es Oren, mit der freien Hand die Bilder von der Speicherkarte seiner Kamera zu löschen. Dann konnte er sich doch noch losreißen. Denn die Strafen hierfür sollen drakonisch sein. 500 Schekel pro geklebtes Poster. Gut 100 Euro. Noch nie ist einer von ihnen erwischt worden.
Nir geht in die Hocke. Müde? »Ja, aber glücklich.« Den ganzen Tag hat er Essen fotografiert. Einen Obstkorb für eine Joghurtwerbung und Gerichte für die Speisekarte eines Restaurants. »Sinnloses Zeug, aber gutes Geld.« Früher hat Nir für solche schönen, perfekten, verkaufbaren Bilder gelebt. Landschaften, Leute auf der Straße. »Als Israeli ist es ein Privileg, schöne Bilder zu machen; du kannst in dieser Illusion leben, wie in einer Blase– als ob um dich herum nichts passiert.«
Nir ist seit mehr als einem Jahr bei ActiveStills. Er kennt die Gruppe von der Hochschule für Fotografie in Tel Aviv, einer Schule, die Dokumentarfotografie unterrichtet. Hier habe er gelernt, die Macht von Fotografie zu verstehen, »und sie für soziale Aktivitäten zu benutzen«, sagt er. ActiveStills ist das, woran Nir glaubt. »Seitdem ich hier bin, fühle ich mich wie eine Zwiebel, von der man all die Schalen nimmt.«
Es gibt ein Bild aus Nirs Soldatenzeit: Da ist dieserVater mit seinem weinenden Jungen im Arm. Nir hat das Bild nicht aufgenommen, aber es hat sich eingebrannt in seinen Kopf. Zu dritt standen sie auf einem Dach, direkt neben der Moschee in El Arub, einem Flüchtlingslager nahe Hebron im Westjordanland. Langeweile lähmte sie. Und sie begannen, die Kinder, die vor der Moschee herumlungerten, herumzukommandieren und zu beschimpfen – bis der erste Stein flog.
»Damals musste man jedes Geschoss rechtfertigen, das man abfeuerte«, erklärt Nir. »Und Steine waren ein guter Grund.« Sie ballerten. Die Kinder liefen weg. Nir sah den Vater eines Jungen, den ein Gummigeschoss getroffen hatte. Er hielt seinen Sohn auf dem Arm, vielleicht zehn Jahre alt, der wimmerte. »Wir waren oben, er unten. Er sagte nur ein Wort, immer wieder: ›Lama? Lama? – Warum? Warum?‹ Der Soldat neben mir verzog die Mundwinkel, grinste. Dann nahm er das Funkgerät und sagte ganz cool: ›Wir haben einen neuen Zwischenfall.‹ Er legte sein Gewehr an und zerschoss die Neonröhre im Minarett.«
Der Mehlkleber auf den Wänden des Habima-Theaters ist noch feucht, Nir steht davor, müde und nachdenklich.Es wird nicht lange dauern, dann werden Leute kommen und seine Plakate wieder herunterreißen, »vielleicht sogar noch in dieser Nacht«. Das sei sehr ärgerlich, sagt er. »Aber immerhin reagieren diese Leute, das heißt doch, es passiert etwas mit ihnen!« Nir und Keren hatten hier schon einmal plakatiert, genau an derselben Stelle, vor zwei Wochen. Die Stadt hat es weiß überstreichen lassen. »In Israel hängt nichts länger als ein paar Tage«, sagt Nir. In den Palästinensergebieten sei das ganz anders, da reiße niemand ihre Plakate herunter. Das Problem dort sei eher, sie überhaupt zu kleben: »Die Mauer ist wahnsinnig porös. Es hält nichts.«
Von Weitem sieht Nir ein betrunkenes Pärchen kommen, sie wanken den Gehweg entlang, an der Ausstellung vorbei. Wie sie die Plakate finden? »Hm, die wollen wahrscheinlich, dass man auf ihre Website geht«, sagt der Typ. »Wofür ist das denn Werbung?«, fragt sie. Nir schaut den beiden lange hinterher, dann nimmt er Schultern und Arme nach oben, entschuldigend, fast hilflos: »Es ist eben verdammt einfach, in Tel Aviv zu vergessen, was um einen herum passiert.«
- Datum 16.02.2009 - 11:27 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 01/2009
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Warum gibt es den Grenzzaun?
Zweite Intifada: Fast 1000 Tote durch Selbstmordattentate.
Wer ist Schuld? Arafat!
Wer wollte die "Mauer"?
Die israelische Linke und die Friedensbewegung!
Peace lines (12 m Hoch) in Belfast haben dort den Frieden gebracht!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren