Lexikon der Arbeitswelt Aus Chefs werden Muttersöhnchen
Jens Jessen über Phänomene des Berufsalltags. Diesmal: Familie am Arbeitsplatz

© Anne Lück
Offenbarungen aus dem Privatleben können Autorität untergraben
Wie viel Familie verträgt der Arbeitsplatz? Jedenfalls weniger, als man zu denken geneigt wäre. Selbst wenn die Familie sich nicht in Kindern zeigt, die lautstark zur Abholung durch den Flur stürmen, kann sie allein schon stören, indem sie zum unablässigen Gesprächsthema wird. »Wat meene Frau ihr Cousin is, weeßte, zu dem ha’ ick jesacht, sacht se, ha’ ick aba janich jesacht, verstehste?«
Aber auch eine ganze Fotogalerie von Angehörigen auf dem Schreibtisch oder bunt gekrakelte Kinderbilder an der Wand können einen Außenstehenden mit Intimität überwältigen. Dabei sind Kinder noch am unverfänglichsten, sowohl als Foto wie als Besuch. Schon weniger neutral: die Ehepartner. Hoch bedenklich, weil mit Abstand am neugierigsten: die Eltern. Und doch kommt es immer wieder vor, dass selbst gestandene Chefs plötzlich von ihren bis über die Toppen aufgetakelten Müttern besucht werden, vor denen sie, kleinlaut zusammenklappend, plötzlich mit einer nie zuvor gehörten zärtlichen Piepsstimme stammeln: »Ja, Mutter, wenn du meinst.«
Wirklich fatal aber sind Betriebsfeste mit Ehepartnern oder Lebensgefährten. Denn hier kann zusammenströmen, was bisher peinlich getrennt wurde: die Realität und die Erzählung davon. Wenn dann die Frau entdeckt, wie peinlich der Mann in der Firma agiert, oder die Firma bemerkt, wie unglücklich die Rolle des Kollegen zu Hause ist, oder alle gemeinsam das Gespinst der Lügen und Rollenzuweisungen entdecken – nun, das ist nicht schön. »Mein Schatz, hast du nie bemerkt, dass alle über dich lachen?« Und noch etwas macht Familie gefährlich: Sie präzisiert den sozialen Hintergrund, der bisher vielleicht nur vermutet wurde, und lässt den einen womöglich als Aufschneider, den anderen als Spießer, einen Dritten gar als befremdend wohlsituiert erscheinen. Also Familie auf Abstand halten!
Jens Jessen ist Feuilleton-Chef der ZEIT.
- Datum 21.12.2008 - 16:47 Uhr
- Serie Lexikon der Arbeitswelt
- Quelle ZEIT Campus 01/2009
- Kommentare 4
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Also: keine Familie am Arbeitsplatz, weil man sonst Gefahr läuft sich als der Mensch zu zeigen, der man IST - mit allen (Rollen-)Widersprüchen?
Das ist meiner Meinung nach genau das alte Denken, das Finanzkrisen und Kriege ermöglicht, so nach dem Motto: die Welt ist eine Bühne, die Realität kann ich locker von ihr fernhalten!!!
Wenn Du etwas wissen willst, frag keinen Gelehrten, sondern einen Erfahrenen!
Dieses Essay ist mit Abstand das blödeste, das ich je auf dieser Website gelesen habe.
Und jetzt mal etwas konstruktiver:
Das Stilmittel der Hyperbel ist eines, das man zwar gerne einsetzt aber zeugt es auch von Ignoranz und Intolleranz.
Klar kann und sollte man gewisse Zustände festellen und darüber diskutieren aber Ihr Artikel, wehrter Herr Jessen, klingt mehr nach einer Hasstirade auf eine Gesellschaft, die versucht gerade diese beiden Lebensinhalte, Familie und Arbeit, zusammen zu führen, als dass er versucht, diesen Umstand verändern zu wollen.
Wenn ich als gestandener Mann nicht einmal das Rückgrat habe zu meiner Familie zu stehen, dann bin ich, mit Verlaub, schon ein ziemlich erbärmlicher Hund.
Mehr kann man zu diesem Machwerk nicht sagen.
Richtig beobachtet. Obwohl es richtig und wichtig ist, auch private Seiten von sich preiszugeben, um für seine Kollegen greifbarer zu sein, darf man sich am Arbeitsplatz auch nicht sozial entblößen. Scheinbare Greifbarkeit und soziale Wohldefinierbarkeit erzeugen den Eindruck von Bekanntheit und damit von Vertrauen. Dies ist überaus wichtig, um klar als Mensch, nicht als apersonale Maschine aufzutreten. Aber letztendlich gilt: Die Arbeitswelt ist kein Ponyhof. Das scheinbar vertraute muß abstrakt bleiben, die persönlichen Inhalte, die Kollegen vermittelt werden, müssen in Umfang und Inhalt wohlkontrolliert bleiben, um Konflikte zu vermeiden. Im Gegensatz zu meinen Freunden kann ich mir meine Kollegen ja nicht raussuchen. Echte Privatkontexte haben in der Arbeitswelt sowenig zu suchen wie Politik und Religion.
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