Laufbahn Doktor: No
Wer Chemie und Medizin studiert, beendet die Hochschule in der Regel mit einer Promotion. Aber muss das eigentlich sein?
Am Anfang machte Kai Rutsch es wie die anderen. Schon während seines Medizinstudiums in Münster suchte er ein Thema für seine Promotion und entschied sich für Reproduktionsmedizin. Der Doktortitel gehörte einfach dazu, wenn man als Arzt später etwas werden wolle, dachte er. »Das Thema war mir fast gleich, auch die Note, ich wollte nur den Titel.«
Rutsch träumte von einer eigenen Praxis auf dem Land, die Dissertation sollte ihn schneller ans Ziel bringen. Doch je länger er studierte, umso weniger Zeit fand er dafür. Nach dem zweiten Staatsexamen steckte er die meiste Zeit in die Ausbildung zum Facharzt der Allgemeinmedizin. Dann bekam er vor zwei Jahren seine Zulassung und gründete in einer westfälischen Kleinstadt seine eigene Praxis. Von den fünf Mitarbeitern, die heute bei ihm sind, hat keiner einen Doktor. So wie Rutsch. Seine Promotion ruht bis heute unvollendet auf der Festplatte seines Computers.
Rutsch und seine Kollegen gehören damit zu einer Minderheit unter deutschen Medizinern. Im Jahr 2007 promovierten rund 60 Prozent der Medizinstudenten, die medizinischen Fakultäten verliehen zur gleichen Zeit mehr als 6000 neue Doktortitel. Die Studenten fangen meist kurz nach dem Physikum an, bewältigen die Arbeit neben dem Studium und schließen sie vor der Ausbildung zum Facharzt ab. Sie sind dann im Schnitt 32 Jahre alt, vier Jahre jünger als etwa Sprach- und Kulturwissenschaftler nach ihrer Promotion. Noch häufiger ist der Doktor unter angehenden Chemikern, bei denen neun von zehn Studenten promovieren. Auch ihnen wird im Studium oft eingeredet, dass der Titel unabdingbar sei. Fachleute sind sich aber uneins, ob das stimmt.
Lars Morawitz ist Arzt an der Berliner Charité, und er glaubt, dass »nicht wenige Mediziner nur aus einer Unsicherheit heraus promovieren«. Schließlich könne kein Student seine Karriere vorausahnen, und alle wollten sich die Option offenhalten, später in einer Uniklinik zu arbeiten, wo – anders als in Hausarztpraxen – der Doktortitel wirklich Pflicht sei.
Auch Karin Schmitz, Beraterin beim Karriereservice der Gesellschaft deutscher Chemiker, glaubt, dass viele Studenten nur aus Verlegenheit promovieren, weil sie noch nicht wissen, wo sie nach der Uni arbeiten sollen. »Es spricht sich aber mittlerweile herum, dass die zehn Prozent, die keinen Titel anpeilen, Studenten sind, die früh wissen, wohin sie wollen«, sagt Schmitz. Ihr Fazit: Eine Promotion kann nützlich sein – aber nur, wenn man auch weiß, warum man sie macht.
Andere Fachleute raten dringend zu einem Doktortitel. »Mediziner schärfen mit einer Promotion ihr berufliches Profil«, sagt Marcus Müller, Bundesvorsitzender des Interdisziplinären Netzwerks für Promovierende und Promovierte. Die Doktorarbeit sei eine Qualifikation, die Medizinern beim Berufseinstieg helfe. Und Chemiker fänden ohne sie kaum einen anspruchsvollen Job, behauptet er.
Bei Andreas Binder war das nicht so. Er studierte Wirtschaftschemie und begann nach seinem Diplom bei der Unternehmensberatung Roland Berger. Eine Doktorarbeit kam für ihn nicht infrage. Lieber wollte er praktisch arbeiten und lernen, wie chemische Produkte auf den Markt gebracht werden. Seit zwei Jahren arbeitet er jetzt im Competence Center Energy & Chemicals bei Roland Berger. Einen Titel hat dort noch keiner vermisst.
Auch Kai Rutsch wird seine Doktorarbeit vermutlich nie zu Ende bringen. Wozu auch? Wichtiger sei es, die eigene Praxis nach einem Schwerpunkt auszurichten und sich auf einem bestimmten Fachgebiet weiterzubilden, sagt er. Nur manchmal bedaure er es, keinen Titel zu tragen: »Im Urlaub – da wäre es doch schön, an der Hotelrezeption mit ›Herr Doktor‹ begrüßt zu werden.«
- Datum 13.01.2009 - 09:40 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 01/2009
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Doktortitel: Während man ihn in der Medizin in den meisten Fällen eher nebenbei machen kann (so wie auch im Artikel beschrieben), bedeutet er in den Natur- und Geisteswissenschaften eine jahrelange (und größtenteils ausschließliche!) Arbeit an einem Forschungsvorhaben. Insofern vergleicht der Autor Äpfel mit Birnen, wenn er den Mediziner dem Chemiker gegenüberstellt.
Ärgerlicherweise wiederholt der Autor auch einen weit verbreiteten Fehler: Nicht "60% der Medizinstudenten promovierten", sondern sie wurden promoviert. Dies ist für den Doktoranden ein passiver Akt, der betreffende Prof promoviert den Doktoranden.
:-)
Guter Kommentar - nur, "der betreffende Prof. promoviert den Doktoranden" leider auch nicht, sondern die entsprechende Fakultät.
Liebe Grüße
:-)
Guter Kommentar - nur, "der betreffende Prof. promoviert den Doktoranden" leider auch nicht, sondern die entsprechende Fakultät.
Liebe Grüße
Der Artikel ist leider sehr dünn, was die genauen Fakten angeht. Wie mein Vorredner schon schreibt, sind medizinische Doktorarbeiten keinesfalls mit naturwissenschaftlichen Massstäben zu messen. In meinen Augen ist das sogar gänzlich überflüssig. Sollen die Mediziner doch gleich mit Doktor abschliessen. Das spart Kosten (vielleicht den Dr. gleich in bar mit Studiengebühren eintreiben?) und beeinträchtigt die Forschung in keinster Weise. Wirtschaftschemie ist nun auch nicht der klassische Forschungsschwerpunkt und desweiteren ist der beschriebene Gang zu einer Beratungsgesellschaft sowieso der Ausstieg aus dem Forschungswesen. Es das Gleiche wie der Gang zum Amt nach dem Studium. Man hat eben studiert und nun hat man damit nichts mehr zu tun.
Wenn man im "Wissenschaftsland" Deutschland nicht bei 1000 euro monatlich in 1-Jahresverträgen stehenbleiben will, ist die Promotion Pflicht. Das habe ich auch von den Personalern einiger Firmen zu hören bekommen.
Die andere Alternative ist der akademischen Kochlöffel oder das Ausland. Mit dem deutschen Diplom kann man da noch was reissen (Bachelor sind da leider auch kaum noch gefragt).
Wie schon mein Vorredner sagt wurden hier Dr.s mit Dr. med.s verglichen. Waehrend man in D. nach einem Diplom oder Master in der Regel nochmal 3 Jahre fuer einen Ph.D. dranhaengen muss hat der Mediziner seinen Dr. med. oft schon in der Tasche (nach ungefeahr der gleichen Zeit). Kein Wunder dass das Niveau der entsprechenden Arbeiten (meist) meilenweit auseinander klafft.
Gruss,
pu
Das ein medizinischer Doktortitel vom Arbeitsumfang nicht mit einem Natur- oder Geisteswissenschaftlichen vergleichbar ist, ist unbestritten, aber darum geht es dem Autor (vermutlich) auch gar nicht.
Chemikern und Medizinern ist nun einmal gemein, dass die Mehrzahl von ihnen promoviert. Von diesen gibt es sicher nicht wenige, die das tun, weil man es eben tun sollte.
Fuer diese Leute Alternativen aufzuzeigen, wie z.B. die Beschæftigung als Hausarzt, ist sicher hilfreich.
Gerade bei den Chemikern ist der Versuch des Autors, andere Møglichkeiten abseits der Promotion zu benennen, mit einem Einzelfallbeispiel ausserhalb der Chemie, allerdings eher bescheiden ausgefallen...
Chemie/Pharma sind -- insbesondere in Deutschland sehr, sehr konservative Industrien. Der promovierte Chemiker übernimmt nach seiner Promotion oft direkt die Laborleitung mit einem kleinen Laborteam, was dann auch entsprechend hohe Einstiegsgehälter nach sich zieht. Diejenigen beweisen dann Mut, diese ausgetretenen Pfade zu verlassen, weil sie zwangsläufig mit denen gleichgesetzt werden, die die Promotion nicht mehr hin bekommen haben.
Solange die Chemie/Pharma, Biotech etc. den promovierten Chemiker als den üblichen Einstieg in das Berufsleben haben wollen, so lange werden genügend (eben oft auch von der Industrie gesponserte) Promotionsstellen in den Unis existieren und genügend Studenten die Chance auf ein höheres Einstiegsgehalt und schnelleren Aufstieg auch nutzen.
F. Mayer
Chemie/Pharma sind -- insbesondere in Deutschland sehr, sehr konservative Industrien. Der promovierte Chemiker übernimmt nach seiner Promotion oft direkt die Laborleitung mit einem kleinen Laborteam, was dann auch entsprechend hohe Einstiegsgehälter nach sich zieht. Diejenigen beweisen dann Mut, diese ausgetretenen Pfade zu verlassen, weil sie zwangsläufig mit denen gleichgesetzt werden, die die Promotion nicht mehr hin bekommen haben.
Solange die Chemie/Pharma, Biotech etc. den promovierten Chemiker als den üblichen Einstieg in das Berufsleben haben wollen, so lange werden genügend (eben oft auch von der Industrie gesponserte) Promotionsstellen in den Unis existieren und genügend Studenten die Chance auf ein höheres Einstiegsgehalt und schnelleren Aufstieg auch nutzen.
F. Mayer
Ich möchte hier doch einen klaren Unterschied zwischen dem Dr. med und dem Dr. rer. nat. klarmachen. Es ist in der Tat so, dass der Doktor in der Medizin weit weniger mit einer wirklichen wissenschaftlichen Arbeit zu tun hat, als in den Naturwissenschaften (wenn überhaupt entspricht der Dr. med meist einer mitteläßigen Diplomarbeit), allerdings ist das vielleicht nicht der Hauptunterschied.
Während ein Mediziner ohne Doktor keine weitergehenden Einkommenseinbußen befürchten muss und normalerweise relativ leicht ein Job findet, wie auch oben erwähnt, ist die Situation in den Naturwissenschaften eine andere.
Hier geht es sogar so weit, dass selbst Leute, die feierlich geschworen haben niemals eine Promotion zu machen nachdem sie schon das Diplom frustriert hatte, nach einem halben Jahr verglichen Suchens, doch mit der Promotion beginnen, da sie sonst keine Aussicht auf eine angemesse Anstellung hätten.
Wer "nur" ein Diplom vorzuweisen hat, kann sich entweder nochmals weiterbilden (MBA oder ähnliches), seine Seele an eine Counsulting Firma verkaufen oder sich nen Job als besserer technischer Angesteller suchen.
Wer dies berücksichtig wird schnell merken, dass in den Naturwissenschaften kein weg an der Promotion vorbeiführt, da sie eine wirkliche weitere Qualifikation des Promovenden darstellt (Was bei einem Mediziner bezweifelt werden darf).
Hier wäre noch hinzuzufügen, dass es sich bei der Medizin bisher nicht um einen Studiengang handelte, der in D mit einem Diplom abgeschlossen wurde, sondern durch ein Staatsexamen. Die medizinische Dissertation bot die einzige Möglichkeit, zusätzlich zu den mündlichen und schriftlichen Prüfungen im Staatsexamen auch eine wissenschaftliche Arbeit anzufertigen. Für eine wissenschaftliche Karriere in der medizinischen Forschung an den Hochschulen mit dem Ziel der Habilitation ist oft der Erwerb eines weiteren - sogenannten 'Großen Doktortitels', wie dem Dr.rer.nat - erforderlich, sofern der Kandidat nicht durch andere herausragende wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet wurde. Der Unterschied zwischen dem 'Dr.med' und dem Dr.rer.nat in Forschung und Lehre wird dadurch deutlich, dass bei dem dort tätigen Personal der sogenannte 'Doppel-Doktor' üblich ist und sich dieser i.d.R. aus dem während des Studiums erworbenen Dr.med. und dem im Rahmen der wissenschaftlichen Karriere auf Grund eigener Forschungen erworbenen 'Dr.rer.nat' bzw. auf Grund von herausragenden wissenschaftliche Leistungen vergebenen 'Dr. h.c.' zusammen setzt.
Hier wäre noch hinzuzufügen, dass es sich bei der Medizin bisher nicht um einen Studiengang handelte, der in D mit einem Diplom abgeschlossen wurde, sondern durch ein Staatsexamen. Die medizinische Dissertation bot die einzige Möglichkeit, zusätzlich zu den mündlichen und schriftlichen Prüfungen im Staatsexamen auch eine wissenschaftliche Arbeit anzufertigen. Für eine wissenschaftliche Karriere in der medizinischen Forschung an den Hochschulen mit dem Ziel der Habilitation ist oft der Erwerb eines weiteren - sogenannten 'Großen Doktortitels', wie dem Dr.rer.nat - erforderlich, sofern der Kandidat nicht durch andere herausragende wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet wurde. Der Unterschied zwischen dem 'Dr.med' und dem Dr.rer.nat in Forschung und Lehre wird dadurch deutlich, dass bei dem dort tätigen Personal der sogenannte 'Doppel-Doktor' üblich ist und sich dieser i.d.R. aus dem während des Studiums erworbenen Dr.med. und dem im Rahmen der wissenschaftlichen Karriere auf Grund eigener Forschungen erworbenen 'Dr.rer.nat' bzw. auf Grund von herausragenden wissenschaftliche Leistungen vergebenen 'Dr. h.c.' zusammen setzt.
Hier wäre noch hinzuzufügen, dass es sich bei der Medizin bisher nicht um einen Studiengang handelte, der in D mit einem Diplom abgeschlossen wurde, sondern durch ein Staatsexamen. Die medizinische Dissertation bot die einzige Möglichkeit, zusätzlich zu den mündlichen und schriftlichen Prüfungen im Staatsexamen auch eine wissenschaftliche Arbeit anzufertigen. Für eine wissenschaftliche Karriere in der medizinischen Forschung an den Hochschulen mit dem Ziel der Habilitation ist oft der Erwerb eines weiteren - sogenannten 'Großen Doktortitels', wie dem Dr.rer.nat - erforderlich, sofern der Kandidat nicht durch andere herausragende wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet wurde. Der Unterschied zwischen dem 'Dr.med' und dem Dr.rer.nat in Forschung und Lehre wird dadurch deutlich, dass bei dem dort tätigen Personal der sogenannte 'Doppel-Doktor' üblich ist und sich dieser i.d.R. aus dem während des Studiums erworbenen Dr.med. und dem im Rahmen der wissenschaftlichen Karriere auf Grund eigener Forschungen erworbenen 'Dr.rer.nat' bzw. auf Grund von herausragenden wissenschaftliche Leistungen vergebenen 'Dr. h.c.' zusammen setzt.
das einzige "Problem" sind doch die Mediziner. Für die ist die Diss. oft in 1-2 Semesterferien geschrieben (bösartig könnte man auch von einer "besseren" Seminararbeit sprechen). Am Ende gibts den Dr. wie bei anderen das Diplom. Chemiker schreiben eine ganz normale Diplomarbeit - eine Diss. kommt extra, ist nur quasi Grundvoraussetzung um einen Job zu bekommen.
Ob man das den Medizinmännern nun böse nehmen sollte? Nein, alle wissen wie es läuft. Alle wissen, was dieser "Dr." wert ist.
Was ich problematisch finde, ist die Reduzierung der Debatte auf marktwerttechnische Überlegungen. Auch den Titel des Beitrags finde ich unangebracht, impliziert er doch, daß das Schreiben einer Doktorarbeit nicht mehr zeitgemäß ist, nach dem Motto: Wer promoviert, ist selber schuld. Die Nähe zur Frau-No-Debatte in der New York Times vor einigen Wochen ist unübersehbar. Sicherlich gibt es Fächer, in denen die Titelvergabe in erster Linie auf Konventionen beruht. Für alle anderen Fächer aber gilt: Es darf bei einer Promotion nicht nur um Titel und Positionen gehen. Wo bleibt der emotionale Aspekt bei der Sache? Oder der fachliche? Schließlich kann es nur von Vorteil sein, wenn frau eine größere wissenschaftliche Arbeit verfaßt hat...
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