Handarbeit "Ich hatte einfach Lust, zu stricken"

Der Politikstudent Victor Wuthi-Udomlert leitet zwei Strickgruppen in München und bloggt über sein Hobby. Ein Interview

ZEIT CAMPUS: Herr Wuthi-Udomlert, Sie leiten in München gleich drei Strickgruppen. Warum ist Stricken cool?

Victor Wuthi-Udomlert: Im Gegensatz zu anderen Hobbys wie Computerspielen oder Lesen ist Stricken produktiv. Klar kann man auch einen Tisch schreinern, aber wenn man sich für Mode interessiert, warum sollte man nicht stricken? Man kann dann Dinge für sich selbst herstellen, die genau den eigenen Vorstellungen entsprechen – statt für viel Geld ein Massenprodukt im Laden zu kaufen.

ZEIT CAMPUS: Was haben Sie bisher für sich gestrickt?

Wuthi-Udomlert: Schals, Mützen, fingerlose Fäustlinge, Socken, Tücher, Schlüsselanhänger und einen Trachtenjanker. Zurzeit stricke ich am liebsten Pullis. Das meiste trage ich selbst, für andere Leute stricke ich nur ab und zu.

ZEIT CAMPUS: Wie kamen Sie zu diesem Hobby?

Wuthi-Udomlert: Als ich vor acht Jahren aus Thailand nach Deutschland kam, lebte ich bei einer Gastfamilie. An Weihnachten strickte meine Gastschwester Geschenke für die Familie. Das fand ich damals schon interessant. Jahre später fiel es mir wieder ein, als ich ein neues Hobby suchte. Ich habe dann im Internet
Anleitungen gesucht und mir das Stricken so selbst beigebracht. Darüber, ob das ein Frauenhobby ist oder ob mich die Leute schief anschauen würden, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich wusste auch nichts von dem Strickboom in den USA. Ich hatte einfach Lust zu stricken.

ZEIT CAMPUS: Wurden Sie denn schief angeschaut?

Wuthi-Udomlert: Ja, schon. Männer sind meistens erstaunt und fragen, was das soll. Frauen nehmen es viel besser auf, die finden es eher cool.

ZEIT CAMPUS: Stricken Sie auch in Ihren Vorlesungen?

Wuthi-Udomlert: Währenddessen nicht, aber ich stricke zwischen den Veranstaltungen. Angesprochen wurde ich deswegen nur einmal – von einer Kommilitonin, die selbst strickt.

ZEIT CAMPUS: Sie haben Gruppen wie die "Strickeria" gegründet. Warum trifft man sich zum Stricken?

Wuthi-Udomlert: Strickerinnen und Stricker reden gerne. Das war schon früher so. Heute trifft man sich immer noch, aber der Austausch hat sich vor allem ins
Internet verlagert. Wenn man etwas nicht kann, findet man dort andere, die es einem erklären. Das Internet spielt heute eine sehr wichtige Rolle für die Strickszene.

ZEIT CAMPUS: Kommen zu Ihren Gruppen außer Ihnen noch andere Männer?

Wuthi-Udomlert: In der Gruppe Münchner Strickeria strickt noch ein anderer Mann unter fünf bis zehn Frauen. Bei meiner Sonntagsgruppe gibt es ebenfalls einen weiteren Mann.

ZEIT CAMPUS: Das ist ja schon mal was. Glauben Sie, dass der Trend aus den USA jetzt auch nach Deutschland kommt?

Wuthi-Udomlert: Ja, aber die Deutschen sind allgemein etwas langsam, was neue Trends angeht. Mittlerweile gibt es schon eine eigene deutsche Strickszene im Netz, aber der Großteil der Strickforen und Blogs ist immer noch auf Englisch – und das verstehen nicht alle. Es könnte also noch eine Weile dauern.

Victor Wuthi-Udomlert, 26, studiert in München Politologie. Er leitet die Strickgruppen Münchner Strickeria und Stitch’n Bitch und bloggt auf www.numenna.blogspot.com

Die Fragen stellte Chris Köver

 
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    • Quelle ZEIT Campus 01/2009
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    • Schlagworte Computerspiel | Thailand | USA | Hobby | München | Internet | Blog
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