Studentenwerke Organisierte Besessenheit

Sammeln ist ein Instinkt, sagt die Fotografin Hannah Schuh, die Menschen mit Sammelleidenschaft porträtiert hat. Ein Interview

ZEIT Campus: Frau Schuh, in der Steinzeit haben die Menschen alles Mögliche gesammelt und gehortet, um den Winter zu überleben. Warum wird heute immer noch gesammelt?

Hannah Schuh: Es ist ein Instinkt, eine Sucht nach Ordnung, die englische Historikerin Susan Pearce spricht von einer »organisierten Besessenheit«. Den Sammler reizt nicht der Besitz von Dingen, sondern das Strukturieren und Systematisieren dieser Dinge. Oft identifiziert er sich selbst mit der Sammlung. Das geht so weit, dass jemand, der bei einem Brand seine Sammlung verliert, das Gefühl hat, es sei ein Stück von ihm selbst verbrannt.

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ZEIT Campus: Sigmund Freud hat Skarabäus-Käfer gesammelt, Hugh Hefner sammelt in seiner Villa barbusige Blondinen: Was sagt denn eine Sammlung über den Menschen aus, der sie anlegt?

Schuh: Das muss der Betrachter meiner Bilder selbst beantworten. Auf jeden Fall erfahren wir etwas über die persönliche Leidenschaft dieser Leute. Anders als bei anderen Menschen werden die Sehnsüchte von Sammlern durch die Objekte ihrer Sammelleidenschaft sichtbar gemacht.

ZEIT Campus: Verstehen Sie das Sammeln als einen Versuch, den Überblick in einer unübersichtlichen Welt zu behalten?

Schuh: Das kann man nicht pauschalisieren, die Menschen auf meinen Fotos hatten ganz unterschiedliche Motive: Einige sammeln das, womit sie auch beruflich zu tun haben, wie der Tierpräparator, der ausgestopfte Tiere sammelt, die bei ihm bestellt, aber nie abgeholt wurden. Bei anderen ist der Grund in der Kindheit zu finden.

ZEIT Campus: In der Kindheit?

Schuh: Ja, fast alle Kinder sammeln etwas, Briefmarken, Spielzeugautos oder Pferdefiguren, so wie Alyssa. Ein Kind lernt auf diese Weise, seinen Besitz zu strukturieren. Dass einem diese Leidenschaft bis zum Erwachsenenalter erhalten bleibt, kann emotionale Gründe haben, das kann zum Beispiel die Bindung zum Vater sein. Der Vater des Waffensammlers war Soldat. Vielleicht entwickelte sein Sohn eine Begeisterung für Waffen, um die Welt des Vaters besser zu verstehen.

ZEIT Campus: Und welches Kindheitserlebnis verleitet einen dazu, Spucktüten aus Flugzeugen zu sammeln, so wie Oliver?

Schuh: Vielleicht hat auch diese Leidenschaft ihren Ursprung in der Liebe zum Vater. Der arbeitete in einem anderen Land, wenn er ihn sehen wollte, musste er zu ihm fliegen. Die Spucktüten steckte er als Erinnerung an die Reisen ein. Heute arbeitet er selbst am Flughafen und sammelt Spucktüten aus reiner Freude.

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    • Serie Studentenwerke
    • Quelle ZEIT Campus 01/2009
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