Akademische Karriere Hoffnungslos idealistisch
Nach einer entbehrungsreichen Laufbahn hat Sandra Richter die ersehnte Professur bekommen. Heute betrachtet sie ihren Traumberuf nüchterner
Als ich vor zwanzig Jahren zum ersten Mal durch Heidelberg schlenderte, gingen mir die Augen über: Professoren mussten etwas Besonderes sein. Für den Mathematikprofessor Lünenschloß etwa wurde im Jahr 1722 ein Palais errichtet. Ordinarien wie Lünenschloß zählten zur Elite der Stadt.
Noch dreihundert Jahre später prägt dieses Bild öffentliche Vorurteile über die Wissenselite in Deutschland. Professoren, so die Annahme, verdienen viel Geld, genießen ein hohes Ansehen und akademische Freiheit. Die Wirklichkeit des frühen 21. Jahrhunderts sieht anders aus: Aus Professoren sind akademische Dienstleister geworden.
Meine Heidelberger Kollegen leben heute in Mannheim, weil sie sich Heidelberg nicht leisten können. In der Vorlesung tragen sie Jeans und Turnschuhe. Das Gerede von der Wissenselite wirkt auf mich wie ein Märchen aus vergangener Zeit: Weder haben wir die Zeit noch das Geld noch die Freiheit, elitären Gelüsten nachzugehen.
Keine Zeit: Das enge Korsett meiner Semesterwoche sieht so aus: neun Stunden Lehre, auf die ich mich etwa doppelt so lange vorbereite. Außerdem halte ich Sprechstunden, korrigiere Hausarbeiten und Klausuren, betreue Doktoranden und Habilitanden. Damit umfasst meine Woche im Schnitt 48 Stunden Dienst.
Gegen das Pensum habe ich nichts einzuwenden, ich arbeite gern 60 Stunden die Woche. Problematisch ist nur, dass ich in diesen 48 Stunden mit Routineaufgaben beschäftigt bin. Für die Forschung bleiben nur 12 Stunden und das Wochenende. Privatleben findet selten statt.
Zu viel Kontrolle: Diese Entbehrungen könnte ich ertragen, wenn nicht ein weiteres Übel hinzukäme: die Uni-Bürokratie, die alles kontrolliert. Die Umstellung des deutschen Uni-Systems auf leistungsbezogene Mittelzuweisungen wird international zwar als Bekenntnis zum akademischen Wettbewerb begrüßt, aber für mich ist sie weder effizient, noch bietet sie Anreize, mehr zu leisten. Denn die wenigen Mittel, um die ich mich bewerben kann, wurden zuvor von meinem ohnehin schon bescheidenen Ins- titutsetat abgezogen. Was ich jetzt neu einwerbe, gehörte zuvor zur Grundausstattung. Eine Verbesserung ist es nicht.
- Datum 19.01.2009 - 09:34 Uhr
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- Quelle ZEIT Campus 01/2009
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Schön, dass die ZEIT diesen Gastbeitrag einer Professorin abdruckt, nachdem über zehn Jahre lang vorwiegend solche Journalisten regelmäßig über Professoren schrieben, die selbst allem Anschein nach mit dieser Berufsklasse noch ein Hühnchen zu rupfen hatten. Der "faule Professor" war ein beliebtes Sujet in vielen Artikeln im Hochschulteil der ZEIT. Auf Grund dieser Medienarbeit war es dann möglich, durch Bundesgesetz 2005 die Struktur der Professorengehälter "leistungsbezogen" zu gestalten - pikanterweise als einzige Berufsgruppe in der gesamten Beamtenschaft. Das heisst seither konkret: "junge" Professoren (die 15 bis 20 Jahre wissenschaftlichen Dauerlauf gewonnen haben) werden jetzt zu Gehältern eingestellt, die Realschullehrern entsprechen, dafür kann man die "Stars" etwas besser bezahlen, denn das Gesamtbudget der Gehälter für Professoren ist gedeckelt. Wenn sich nun diese jungen Leute bei ihren Universitätsleitungen darüber beklagen, wird ihnen gesagt, dass ein Aufstieg an Ort und Stelle ausgeschlossen sei; sie könnten sich ja wegbewerben. Muss man dies noch weiter kommentieren?
Ich kann den Tenor des Beitrags von Sandra Richter nur unterstreichen: in Deutschland ist der Beruf des Universitätsprofessors systematisch zugrundegerichtet worden - von ein paar wissenschaftsfremden Ideologen angestiftet, und von der Presse aktiv unterstützt.
Es ist traurig, aber wahr. Heute noch Professor zu werden lohnt sich leider in keiner Weise mehr. Jeder, der eine wissenschaftliche Karriere einschlagen will, weiß, dass dies entbehrungsreich sein wird. Früher wurden die Wenigen, die es auf einen Lehrstuhl geschafft hatten, wenigstens mit einem anständigen Gehalt, das der akademischen Ausbildung und der verantwortungsvollen Position einigermaßen entsprach, belohnt. Heute sieht das anders aus. Der Weg dorthin ist steinig und führt über schlecht bezahlte, befristete Arbeitsverhältnisse und erfolgreich am Ziel angekommen, findet sich nur noch eine lächerliche Entlohnung dank der neuen Besoldungsstufen. Wie soll ein Land wie unseres, das nichts als seine Köpfe als Rohstoff hat, überhaupt weiterhin erfolgreich sein, wenn es die geistige "Elite" systematisch herunterwirtschaftet und verhindert, dass noch vernünftig von den Besten geforscht wird. Diese tummeln sich schon lägst nicht mehr in den deutschen Universitäten.
Es ist gut, dass die junge Professorin über ihre Situation spricht, denn das ist sicher kein guter Zustand! Dennoch fällt auf, dass im Zusammenhang mit der Hochschulkarriere ständig gejammert wird. Für Nachwuchswissenschaftler wäre es dagegen viel wichtiger, sich richtig zu informieren.
Für mein gerade erschienenes Buch "KARRIERE AM CAMPUS. TRAUMJOBS AN UNI UND FH" habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die an Universität und Fachhochschule beschäftigt sind. Mein Fazit: Viele haben keine klaren Zielvorstellungen und verbleiben schon aus diesem Grund lange in Qualifizierungspositionen. Diejenigen, die sich vorab informieren und wissen, worauf sie sich einlassen, kommen nicht nur schneller in die gewünschten Positionen, sondern sind auch mit ihrem Job wesentlich glücklicher!
Dies soll mangelhafte Zustände bei dauerhaften Stellen und Professorenpositionen nicht entschuldigen, sondern aufzeigen, dass sich durch gute Information zumindest auf dem Weg in die Dauerposition einiges gewinnen lässt. Nachwuchsforscher, bitte informiert euch!
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