Sein Schreibtisch sieht nicht so aus, als habe sich Simon Fink darauf eingestellt, hier noch ein paar Jahre zu bleiben: keine Papierstapel, nur ein Computer und eine kleine Lampe, die zum Inventar gehören. Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln sitzt der Politikwissenschaftler in seinem Büro an der Bamberger Universität. Noch hat Fink hier, in einem Graduiertenkolleg der Hochschule, eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, doch was nach diesem Wintersemester werden soll, weiß er nicht. Eine Suchmaschine im Internet durchforstet gerade Stellenangebote nach einem Job, der auf sein Profil passt. Viermal hat sich Fink bereits auf Juniorprofessuren oder Projektstellen beworben. Viermal ist er gescheitert.

Eigentlich dürfte es diese Szene gar nicht geben. Fink müsste die Wahl haben zwischen etlichen Stellenangeboten – die Aussichten für junge Wissenschaftler wie ihn müssten so gut sein wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dafür sprechen gleich mehrere Gründe: Die betreuungsintensiven Bachelor- und Masterstudiengänge erfordern mehr Personal an den Hochschulen. Zudem rechnen die Kultusminister der Länder damit, dass in den nächsten Jahren ein "Studentenberg" in die Hörsäle drängt. Die doppelten Abiturjahrgänge, die aus der Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre entstehen, sowie eine wachsende Studierneigung unter Abiturienten könnten, so die Prognose, ab 2010 für einen Ansturm auf die Unis sorgen, der Mitte des kommenden Jahrzehnts seinen Höhepunkt erreicht: 2,7 Millionen Studenten soll es dann in Deutschland geben. Derzeit sind es knapp zwei Millionen.

Außerdem geht eine ganze Wissenschaftler-Generation in den Ruhestand. Rund ein Viertel der deutschen Professoren sind in den letzten fünf Jahren emeritiert worden, meldet das Statistische Bundesamt. Sie waren im Zuge der Bildungsexpansion ab 1965 eingestellt worden, fast 60 neue Hochschulen wurden damals gegründet. In den Unis waren die Schwarzen Bretter voll mit Stellenausschreibungen, weil zusätzliche Fakultäten Mitarbeiter brauchten – und die erreichen nun fast gleichzeitig das Rentenalter. Einige Hochschulen, darunter etwa die Uni Osnabrück, verlieren deswegen derzeit die Hälfte ihrer Professoren.

Für Naturwissenschaftler und Ingenieure hat sich die Situation durch die Ruhestands-Welle tatsächlich verbessert. Dort gibt es gerade mehr Stellenangebote als Nachwuchskräfte. Für Geisteswissenschaftler wie Fink sieht es dagegen immer noch schlecht aus. Der 30-Jährige spricht sich weiter Mut zu, alles sei nur eine Frage der Zeit: "Wir Nachwuchsleute kreisen alle auf einer Umlaufbahn. Ab und zu wird einer angezogen, der Rest wartet weiter." Gerade hat Fink eine Bewerbung für einen Lehrstuhl an die Uni Duisburg-Essen verschickt. Er ist optimistisch, wie auch nicht, er will sich nicht lähmen lassen von dieser ewigen Ungewissheit. Was aber, wenn trotz aller Mühen der Erfolg ausbleibt? "Dann werde ich Hausmann", sagt Fink und lacht. Es klingt nicht so, als ob er an solch ein Schicksal glaubt.

Wer sich als 25-jähriger Hochschulabsolvent nach fünf Jahren Studium für eine wissenschaftliche Laufbahn entscheidet, setzt alles auf eine Karte: Zunächst hat er noch einmal gut fünf Jahre bis zur Promotion vor sich. Wenn er nicht zu den wenigen Glücklichen gehört, die eine Juniorprofessur bekommen, schließt er eine Habilitation an. Die ist Voraussetzung für die Bewerbung auf eine reguläre Professur und dauert im Schnitt weitere sieben Jahre. In all dieser Zeit verdient er wenig oder nichts, hangelt sich von Projekt zu Projekt, wechselt immer wieder die Stadt. Bleibt dann der ersehnte Ruf auf einen Lehrstuhl aus, steht er als hoch spezialisierter Wissenschaftler ohne jede Erfahrung in der Wirtschaft vor dem Nichts.

"Wissenschaft war schon immer eine Risikokarriere", sagt der Kasseler Hochschulforscher Ulrich Teichler. Studien zeigten, dass einer von 100 Absolventen am Ende auf einer Professur oder einer vergleichbaren Position eines Forschungsinstituts lande. Im Schnitt ist er dann 42 Jahre alt und in einer Lebensphase, in der andere längst eine gesicherte Position und ein regelmäßiges Einkommen haben.