Laufbahn Alles oder nichts

Jeder vierte Absolvent würde gern eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen. Aber zum Professor bringt es nur jeder hundertste – die anderen bleiben auf der Strecke

Sein Schreibtisch sieht nicht so aus, als habe sich Simon Fink darauf eingestellt, hier noch ein paar Jahre zu bleiben: keine Papierstapel, nur ein Computer und eine kleine Lampe, die zum Inventar gehören. Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln sitzt der Politikwissenschaftler in seinem Büro an der Bamberger Universität. Noch hat Fink hier, in einem Graduiertenkolleg der Hochschule, eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, doch was nach diesem Wintersemester werden soll, weiß er nicht. Eine Suchmaschine im Internet durchforstet gerade Stellenangebote nach einem Job, der auf sein Profil passt. Viermal hat sich Fink bereits auf Juniorprofessuren oder Projektstellen beworben. Viermal ist er gescheitert.

Eigentlich dürfte es diese Szene gar nicht geben. Fink müsste die Wahl haben zwischen etlichen Stellenangeboten – die Aussichten für junge Wissenschaftler wie ihn müssten so gut sein wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dafür sprechen gleich mehrere Gründe: Die betreuungsintensiven Bachelor- und Masterstudiengänge erfordern mehr Personal an den Hochschulen. Zudem rechnen die Kultusminister der Länder damit, dass in den nächsten Jahren ein »Studentenberg« in die Hörsäle drängt. Die doppelten Abiturjahrgänge, die aus der Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre entstehen, sowie eine wachsende Studierneigung unter Abiturienten könnten, so die Prognose, ab 2010 für einen Ansturm auf die Unis sorgen, der Mitte des kommenden Jahrzehnts seinen Höhepunkt erreicht: 2,7 Millionen Studenten soll es dann in Deutschland geben. Derzeit sind es knapp zwei Millionen.

Anzeige

Außerdem geht eine ganze Wissenschaftler-Generation in den Ruhestand. Rund ein Viertel der deutschen Professoren sind in den letzten fünf Jahren emeritiert worden, meldet das Statistische Bundesamt. Sie waren im Zuge der Bildungsexpansion ab 1965 eingestellt worden, fast 60 neue Hochschulen wurden damals gegründet. In den Unis waren die Schwarzen Bretter voll mit Stellenausschreibungen, weil zusätzliche Fakultäten Mitarbeiter brauchten – und die erreichen nun fast gleichzeitig das Rentenalter. Einige Hochschulen, darunter etwa die Uni Osnabrück, verlieren deswegen derzeit die Hälfte ihrer Professoren.

Für Naturwissenschaftler und Ingenieure hat sich die Situation durch die Ruhestands-Welle tatsächlich verbessert. Dort gibt es gerade mehr Stellenangebote als Nachwuchskräfte. Für Geisteswissenschaftler wie Fink sieht es dagegen immer noch schlecht aus. Der 30-Jährige spricht sich weiter Mut zu, alles sei nur eine Frage der Zeit: »Wir Nachwuchsleute kreisen alle auf einer Umlaufbahn. Ab und zu wird einer angezogen, der Rest wartet weiter.« Gerade hat Fink eine Bewerbung für einen Lehrstuhl an die Uni Duisburg-Essen verschickt. Er ist optimistisch, wie auch nicht, er will sich nicht lähmen lassen von dieser ewigen Ungewissheit. Was aber, wenn trotz aller Mühen der Erfolg ausbleibt? »Dann werde ich Hausmann«, sagt Fink und lacht. Es klingt nicht so, als ob er an solch ein Schicksal glaubt.

Wer sich als 25-jähriger Hochschulabsolvent nach fünf Jahren Studium für eine wissenschaftliche Laufbahn entscheidet, setzt alles auf eine Karte: Zunächst hat er noch einmal gut fünf Jahre bis zur Promotion vor sich. Wenn er nicht zu den wenigen Glücklichen gehört, die eine Juniorprofessur bekommen, schließt er eine Habilitation an. Die ist Voraussetzung für die Bewerbung auf eine reguläre Professur und dauert im Schnitt weitere sieben Jahre. In all dieser Zeit verdient er wenig oder nichts, hangelt sich von Projekt zu Projekt, wechselt immer wieder die Stadt. Bleibt dann der ersehnte Ruf auf einen Lehrstuhl aus, steht er als hoch spezialisierter Wissenschaftler ohne jede Erfahrung in der Wirtschaft vor dem Nichts.

»Wissenschaft war schon immer eine Risikokarriere«, sagt der Kasseler Hochschulforscher Ulrich Teichler. Studien zeigten, dass einer von 100 Absolventen am Ende auf einer Professur oder einer vergleichbaren Position eines Forschungsinstituts lande. Im Schnitt ist er dann 42 Jahre alt und in einer Lebensphase, in der andere längst eine gesicherte Position und ein regelmäßiges Einkommen haben.

Wird in den kommenden Generationen mehr als ein Prozent diesen Sprung schaffen? Müssten nicht Studentenberg, Generationswechsel und neue Studiengänge die Aussichten für Jüngere verbessern? Ulrich Teichler ist skeptisch, und auch dafür gibt es Gründe. Einer sei, dass »vielleicht zu viele in diese Karriere wollen«. Ein zweiter, dass sich der Nachwuchs höchst unterschiedlich auf die einzelnen Fächer verteile. Insgesamt sehen mehr als 25 Prozent aller Studenten in der Abschlussphase die Wissenschaft als Berufsoption, schätzt Teichler. Bei rund 200000 Absolventen pro Jahr wären das immerhin 50000 potenzielle Forscher. Wie ihre Aussichten sind, hängt stark von ihrer Fachdisziplin ab.

Gute Chancen könnte zum Beispiel Eva Koch haben. Der Lebenslauf der Chemiestudentin liest sich wie ein akademischer Idealweg: Chemie-Olympiaden in der Schulzeit. Aufnahme in die Studienstiftung des deutschen Volkes. Hilfskraft an einem Lehrstuhl der Uni Leipzig, wo sie im Labor hilft oder Literatur in Fachzeitschriften recherchiert. Die Semesterferien verbringt Koch im Warnemünder Institut für Ostseeforschung. In diesem Semester gibt die 22-Jährige ihr erstes Seminar.

Sie strebe eine leitende Position in der Wissenschaft an, sagt Eva Koch selbstbewusst. Warum diese Karriere für Studenten so attraktiv ist? Koch überlegt nur kurz: »Man hat viel Freiheit und zugleich Einfluss. Ich könnte mitentscheiden, was wichtig ist, was erforscht werden soll. Mit Wasserstoff die Energieprobleme lösen wäre so ein Ziel.«

Eva Kochs Träume von einer Zukunft in der Forschung könnten tatsächlich in Erfüllung gehen. In den Natur- und Ingenieurwissenschaften herrscht gerade ein Überangebot an Stellen. So gab es nach Angaben des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) zwischen 1997 und 2006 in den Ingenieurwissenschaften im Schnitt nur 91 frisch Habilitierte pro Jahr – zu wenig, um alle frei werdenden Professuren zu besetzen. Den Hochschulen bleibe nichts weiter übrig, als Kandidaten aus der Industrie abzuwerben, heißt es im »Bericht zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses«, den das Bundesforschungsministerium im Februar 2008 veröffentlicht hat. Denn anders als Geisteswissenschaftler haben Ingenieure und Naturwissenschaftler derzeit auch außerhalb der Hochschulen hervorragende Berufsperspektiven.

»Wie auf dem Transfermarkt für Profifußballer« gehe es in diesen Fächern inzwischen zu, sagt Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München. Immer mehr Unis hätten Probleme, ihre Positionen überhaupt zu besetzen, und versuchten, sich gegenseitig die besten Forscher abzuwerben. Er führe »so viele Bleibeverhandlungen wie nie zuvor«. Wenn eine Stelle neu zu besetzen ist, sei die Suche so schwierig, dass er künftig Headhunter für diese Aufgabe verpflichten wolle, kündigt Herrmann an.

Dass der Stellenmarkt zugleich ein anderes Extrem kennt, musste Sven Glawion in den vergangenen Monaten erfahren. Auch seine Vita macht Eindruck: sehr guter Studienabschluss, eine lange Publikationsliste, Konferenzen und Lehraufträge an der Uni. Doch der 34-Jährige ist Germanist – und strebt somit eine Karriere in einem Fach an, das von Nachwuchskräften geradezu überschwemmt wird.

So geriet Glawions Laufbahn im Frühjahr 2008 ins Stocken. Bis dahin hatte er eines der angesehenen Doktorandenstipendien der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhalten. Weitere Bewerbungen für Stellen oder Stipendien scheiterten jedoch. Glawion lebte von Hartz IV und einem Job als Aushilfslehrer an einer Berliner Berufsschule. Für die Seminare, die er an der Uni gab, bekam er kein Honorar. Andere Doktoranden in seinem Umfeld hielten sich mit Kellnerjobs, einer Stelle im Callcenter oder Ersparnissen über Wasser, sagt er.

Wenn Sven Glawion im kommenden Jahr seine Dissertation einreicht, ist das der Schlusspunkt seiner Forscherkarriere. Er hat Angst, dass die Wissenschaft sonst zur Sackgasse wird. Für junge Forscher bleibe neben Aufsätzen, Konferenzen oder Lehraufträgen kaum Zeit, »sich außerhalb dieses Elfenbeinturms umzusehen«. Man häufe Qualifikationen an, um überhaupt im Rennen zu bleiben. Er habe das als »demotivierenden Hürdenlauf« erlebt. Wenn er jetzt, mit Mitte 30, nicht nach Alternativen suche, verpasse er womöglich den Absprung in andere Berufe. Ausstieg oder Warteschleife? Glawion hat sich für die erste Option entschieden: In diesem Winter wechselt er ganz in den Lehrerberuf.

In der Warteposition, aus der Glawion nun aussteigt, befinden sich Tausende Akademiker. Laut dem Bundesbericht zum Hochschulnachwuchs strömen immer mehr Nachwuchskräfte ins System: Die Zahl der Promotionen ist zwischen 1995 und 2005 um knapp 15 Prozent angestiegen; Habilitationen haben an deutschen Unis im gleichen Zeitraum sogar um mehr als 30 Prozent zugenommen. Zugleich ist die Zahl der regulären Professuren seit 1995 um 1500 gesunken.

Mehr als 2100 Wissenschaftler qualifizieren sich jedes Jahr über eine Habilitation oder eine Juniorprofessur dafür, einen Lehrstuhl zu übernehmen. In den vergangenen Jahren kamen jedoch nie mehr als 40 Prozent von ihnen tatsächlich in diese Position. 1200 Wissenschaftler begeben sich in die Warteschleife. Ein regelrechter Stau vor dem Professorenbüro.

Vor allem in den Sprach- und Kulturwissenschaften gibt es weit mehr Bewerber als Stellen. Im Zeitraum zwischen 1997 und 2006 habilitierten sich nach Angaben des DHV 4110 Nachwuchswissenschaftler auf diesem Gebiet. Allerdings gibt es in diesen Fächern insgesamt nur 5400 ordentliche Professuren – viel zu wenige, um alle Habilitanden unterzubringen. Wer in den Arbeitsmarkt außerhalb der Universitäten nur schwer einsteigen könne, betrachte die Wissenschaft eher als Berufsoption, sagt Ulrich Teichler. Im Bundesbericht zum Hochschulnachwuchs geben zehn Prozent der Doktoranden an, sie promovierten, weil sie »keine andere Stelle gefunden« hätten.

Ob der prognostizierte »Studentenberg« die Chancen für den Nachwuchs verbessern wird, ist fraglich. Die Hochschulrektoren fordern mindestens zweieinhalb Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr, um den Andrang zu bewältigen. Stellen im Mittelbau und neue Lehrstühle müssten geschaffen werden. Wie viel Geld wirklich fließen wird, wollen Bund und Länder im Frühjahr 2009 entscheiden. Die Rechenbeispiele, die bislang kursieren, lassen die Unis aber befürchten, dass es nur für eine Billiglösung reichen könnte. Man sei dann gezwungen, »ohne erhöhten Betreuungsaufwand« durch die Hochphase zu kommen, warnt Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Ulrich Teichler vermutet sogar, dass die Finanzausstattung der Unis nicht einmal genügen wird, um die jetzt frei werdenden Stellen neu zu besetzen.

Sie stelle sich darauf ein, dass Politik und Hochschulen »aufs Durchwurschteln setzen«, sagt Rajah Scheepers, 34, Kirchenhistorikerin an der Leibniz Universität Hannover. Der Mehraufwand in der Lehre werde von einem Heer neuer Lehrbeauftragter und Privatdozenten bewältigt, die wenig oder gar kein Geld für ihre Seminare bekommen. Wer über die Arbeitsbedingungen klage, gelte schon jetzt bei den etablierten Professoren als »Nestbeschmutzer« und verspiele alle Chancen.

Scheepers hat ein dreijähriges Kind und ist im siebten Monat schwanger. 2009 will sie ihre Habilitation einreichen – und danach am liebsten an der Uni bleiben. Wissenschaftler mit Kindern träfen die Unsicherheiten einer Forscherkarriere besonders hart, sagt Scheepers. Sie müsse »jederzeit flexibel und mobil« sein, um die Aussicht auf eine feste Stelle zu wahren. Ihren Mann sehe sie nur noch zwischen Veranstaltungen, um das erste Kind zu übergeben. Dass sie »schon wieder schwanger« sei, könne doch »nur ein Unfall« gewesen sein, vermutete kürzlich ein Professor. Mit zwei Kindern solle sie ihre wissenschaftliche Karriere gleich vergessen.

Der Kampf um die wenigen festen Stellen sorgt zugleich für Missgunst unter den Nachwuchswissenschaftlern. Man beäuge einander, sagt Scheepers: Wie viele Aufsätze veröffentlichen die Kollegen, wie oft halten sie Vorträge? Wo bewerben sie sich? »In der Community freut man sich heimlich, wenn andere einen Bandscheibenvorfall haben.«

Auch die Art und Weise, wie die wenigen Stellen vergeben werden, weckt den Unmut der Nachrücker. Oft entschieden »Willkür und intransparente Verfahren« darüber, wer aufsteigt, kritisiert die Psychologin Özen Odag, 35. Nach ihrer Promotion 2008 hatte sie sich auf eine Juniorprofessur in Baden-Württemberg beworben. Zwei Monate lang bereitete sie sich auf Vortrag und Auswahlgespräch vor. Mittendrin kam ein Anruf von der Gleichstellungsbeauftragten der Universität. Ob Odag wisse, dass ein weiterer Kandidat und der Professor, der die Stelle ausgeschrieben hatte, sich gut kennen? Sie habe aus dem Anruf gefolgert, dass sie »nur Zählkandidatin« sei, sagt Odag. Trotzdem fuhr sie zum Termin. »Meinen Vortrag hat dieser Professor als Schwachsinn abgetan, ich wurde nur fertiggemacht«, sagt sie heute. Für die Stelle wurde der Favorit des Professors empfohlen. Inzwischen hat Odag eine neue Stelle gefunden, und auch sie könnte aufzeigen, worauf sich die jungen Wissenschaftler einrichten müssen: Die Psychologin arbeitet seit diesem Winter an der privaten Jacobs University in Bremen als »Lecturer«. Das bedeutet viel Lehre, wenig Forschung.

In der Wissenschaft werden auch künftig etliche Bewerber auf die wenigen sicheren Positionen kommen, glaubt Ulrich Teichler, der seit fast 40 Jahren das deutsche Hochschulwesen untersucht. Für alle, die nach langem Warten hinten runterfallen, sorge das zwar für »persönliche Dramen«. Im Schnitt erhöhe die harte Auswahl aber die Qualität im System. Ob er damit recht hat? Ein Unternehmen, das seinen Führungsnachwuchs während der biografisch produktivsten Jahre auf befristeten Stellen ohne soziale Absicherung schmoren lässt, wäre wohl längst pleite.

 
Leser-Kommentare
  1. Leider kann ich nichts über die Situation in den Geisteswissenschaften sagen, allerdings ist die Situation in den Naturwissenschaften lange nicht so rosig wie sie hier gemalt wird.
    Eigentlich gibt es nur zwei Optionen für Naturwissenschaftler nach der Promotion: Das Ausland oder die Industrie. Warum?
    In Deutschland bricht einfach der Mittelbau an den Universitäten weg. Eine W3 (ehemals C4) Professur bekommt heutzutage bei Berufungen gerade mal eine feste Stelle zugesprochen. Wie soll das funktionieren? Einen ganzen Lehrstuhl leiten mit 2 Personen leiten und den Rest mit Postdocs und Doktoranden bestreiten. Bei Gruppengrößen von 30 bis 40 Mann eher wahnwitzig.
    Zwei Lösungden des Problems zumindest bei den Naturwissenschaften fallen mir ein. Leider sind beide mit zusätzlichen Ausgaben verbunden und daher wohl eher unrealistisch.
    Erstens mehr Professorenstellen schaffen und die Gruppengröße somit reduzieren. die Qualität steigt, weil mehr qualifiziertes Personal da ist.
    Zweite Möglichkeit den Mittelbau stärken, indem unterhalb der Professuren mehr stellen geschaffen werden. Hierzu könnte man sogenannte Lecturer einstellen. Das Ergebnis ist ähnlich wie beim ersten Lösungsvorschlag.
    Der Vorteil beider Vorschläge: die Perspektive für Wissenschaftler wird besser und auch klarer.

  2. Ich denke nicht das es in den Geisteswissenschaften relativ gesehen weniger Stellen gibt als in den Naturwissenschaften in denen mehr als 50% eines Jahrganges promovieren (Chemie/Biologie ~ 70%). So sind die Chancen auf einen Lehrstuhl in der Psychologie fast viermal so hoch wie in der Chemie. Der Unterschied ist, dass promovierte Naturwissenschaftler eher in der Lage sind, ihre wissenschaftliche Karriere im Ausland fortzusetzen.

    Ich habe mit einem Kollegen mal die Wahrscheinlichkeiten fuer verschiedene Faecher ermittelt (Mathematik, Physik, Biologie, Chemie, Informatik, Psychologie, Ingenieurwissenschaften; Link: Wissenschaftliche Karriere in den Naturwissenschaften). Nur in Mathematik und Psychologie ist die Chance auf einen Lehrstuhl groesser als 10%; in den Naturwissenschaften ist die Wahrscheinlichkeit deutlich geringer.

    Ein weiteres Problem des Artikels ist die Fokussierung auf die Habilitation. Ein Grossteil der Nachwuchswissenschaftler (vor allem wahrscheinlich in den Naturwissenschaften) sieht keinen Sinn in der Habilitation und verlaesst Deutschland fruehzeitig. Etwa 90% meiner deutschen Kollegen arbeiten wie ich im Ausland. Nur ein Bruchteil dieser Leute sind habilitiert.

  3. Nein, hat er nicht. Die Geschichte von Ogad ist die Regel in Sozial- und Geisteswissenschaften. An den Hochschulen herrscht eine Futterwirtschaft, keine freie kompetitive Wirtschaft. Viele der frei werdenden Stellen werden einfach vererbt. Warum? Das weiß sogar die 22 jährige Chemikerin. Alle wollen Einfluß haben, sogar nach Emritierung. Möchte-gerne-Prof-werden bringen die Arbeit voran. Das sind die Pferde der Wissenschaft.

  4. Möchte mich meinen Vorrednern teilweise anschliessen, Ja, für viele bliebt nur der Weg ins Ausland aber ich bezweigle, dass die Chancen da eine Stelle zu finden ausserhalb der Naturwissenschaften so viel geringer sind. Klar, gerade in den Naturwissenschaften gibt es viele offene Stellen aber auch in anderen Forschungsgebieten. Ich bin seit 19 Jahren in den Niederlanden, habe eine Festanstellung als sogenannter Assistant Professor möchte das Land aus verschiedenen Gründen aber verlassen. Auf verschiendenen einschlägigen Suchmaschinen wie z.B. www.jobs.ac.uk; www.timeshighereducation.... und euraxess gibt es ein recht vielfältiges Angebot für die verschiedenen Sparten. In den Wirtschaftswissenschaften in NL kann man viele Stellen nicht mehr besetzen. Aktuell in meiner Abteilung: zwei offene Festanstellungen und keine Bewerber. Mittlerweile geht man – wie im Artikel beschrieben – zum ‚Headhunting’ über und probiert den Kollegen van den anderen Unis die Mitarbeiter auszuspannen. Wer also sucht sollte vielleicht auch offene Bewerbungen in die Niederlande schicken. Es gibt ja einige Unis im Grenzgebiet. Aber ich möchte doch auch etwas kritisch sein was das Thema Publikationen betrifft. Man kann jetzt eine Grundsatzdiskussion lostreten über dieses Thema und auch ich sehe diesen Wandel sehr sehr kritisch aber meine Erfahrungswerte sind die Folgenden. In NL ist in meinem Fachgebiet das Publizieren in sogenannten High-Ranking Journals – und da zählt nur ISI – seit mittlerweile 10 Jahren ein Muss. Ohne diese Publikationen in relativ grosser Anzahl kann man sich den Full-Prof von der Backe schmieren (kann dann aber bequem mit Festanstellung als Assistant oder Associate Prof weiterwurschteln). Auch wenn Deutschland auf dem gleichen Weg ist (ob man nun will oder nicht), im Vergleich zu den Hollis hinkt Deutschland hinterher. Und jetzt das Problem: wer als Doktorand oder Post-Doc bei einem Prof kleben bleibt der selber nicht international publiziert, der wird die gröβten Schwierigkeiten haben sich das Netzwerk und die ‚Skills’ anzueignen die es halt braucht um international mitmischen zu können. Darum mein Rat für die Studenten die sich promovieren möchten. Ganz genau die Publikationsliste des Professors anschauen: was hat er oder sie international publiziert und wann und mit wem? Oder gleich die Diss im Ausland machen und diese (ich weiss nicht ob das in Deutschland möglich ist) auf internationalen Artikeln aufbauen.

  5. eine persönliche geschichte:
    ich selbst bin Biologe und stehe kurz vor Abschluß der Promotion. nun habe ich 3 möglichkeiten wie es weiter geht.
    1) als "jobangebot" steht mir nach der Promotion eine HiWi Stelle zur Verfügung: d.h. gerade mal 80 Euro mehr pro Monat verdienen als jemand der in Deutschland offiziell als arm gilt. ach ja, ich vergaß, ich hab dann ein diplom und einen Dr.....
    2) Job in der Industrie: hohe Anforderungen (z.B. Postdoc, MBA), viel Konkurrenz, Weltwirtschaftskrise (" wie stellen momentan niemanden ein.....")
    3) Arbeitslosengeld: schon beantragt....

    Mein Wunsch: an der Uni bleiben, forschen, Studenten betreuen und ausbilden. selbst wenn ich eine stelle irgendwo in einer uni bekommen sollte, dann geht doch nach 3 jahren das gleiche spiel wieder von vorne los. und was macht man nach 4*3 jahren ohne festanstellung?????
    mit anfang/mitte 40 in die industrie gehen wird wohl nur schwer möglich sein. so muss ich mich wohl von meinem traum verabschieden ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    2) Job in der Industrie: hohe Anforderungen (z.B. Postdoc, MBA), viel Konkurrenz, Weltwirtschaftskrise (" wie stellen momentan niemanden ein.....")

    Wenn Sie irgend kriegen, nehmen Sie einen Job in der Industrie:

    1.) Forschen können Sie auch dort --- der Zeitdruck ist höher, dafür dauert es aber auch nicht semesterlang, bis Sie mal Rückmeldung für Ihre Ergebnisse kriegen.

    2.) Der Konkurrenzdruck ist nicht höher als an der Uni; meiner Erfahrung nach eher geringer, weil der Abteilungserfolg in der Regel von der Zusammenarbeit des Teams abhängt, und weil die Leute in der Industrie sozial besser abgesichert sind.

    3.) Studenten ausbilden werden Sie dort nicht können, aber nach einigen Jahren jüngere Kollegen einarbeiten. Oder ein Werkstudentenprogramm aufziehen.

    4.) Ich weiß nicht, wie es in Ihrem Gebiet ist; in meinem kann man sich durchaus auch nach zwei Jahren Industrie noch auf eine Juniorprofessur oder ähnliches bewerben. Umgekehrt wird das mit jedem Jahr schwieriger.

    2) Job in der Industrie: hohe Anforderungen (z.B. Postdoc, MBA), viel Konkurrenz, Weltwirtschaftskrise (" wie stellen momentan niemanden ein.....")

    Wenn Sie irgend kriegen, nehmen Sie einen Job in der Industrie:

    1.) Forschen können Sie auch dort --- der Zeitdruck ist höher, dafür dauert es aber auch nicht semesterlang, bis Sie mal Rückmeldung für Ihre Ergebnisse kriegen.

    2.) Der Konkurrenzdruck ist nicht höher als an der Uni; meiner Erfahrung nach eher geringer, weil der Abteilungserfolg in der Regel von der Zusammenarbeit des Teams abhängt, und weil die Leute in der Industrie sozial besser abgesichert sind.

    3.) Studenten ausbilden werden Sie dort nicht können, aber nach einigen Jahren jüngere Kollegen einarbeiten. Oder ein Werkstudentenprogramm aufziehen.

    4.) Ich weiß nicht, wie es in Ihrem Gebiet ist; in meinem kann man sich durchaus auch nach zwei Jahren Industrie noch auf eine Juniorprofessur oder ähnliches bewerben. Umgekehrt wird das mit jedem Jahr schwieriger.

  6. 2) Job in der Industrie: hohe Anforderungen (z.B. Postdoc, MBA), viel Konkurrenz, Weltwirtschaftskrise (" wie stellen momentan niemanden ein.....")

    Wenn Sie irgend kriegen, nehmen Sie einen Job in der Industrie:

    1.) Forschen können Sie auch dort --- der Zeitdruck ist höher, dafür dauert es aber auch nicht semesterlang, bis Sie mal Rückmeldung für Ihre Ergebnisse kriegen.

    2.) Der Konkurrenzdruck ist nicht höher als an der Uni; meiner Erfahrung nach eher geringer, weil der Abteilungserfolg in der Regel von der Zusammenarbeit des Teams abhängt, und weil die Leute in der Industrie sozial besser abgesichert sind.

    3.) Studenten ausbilden werden Sie dort nicht können, aber nach einigen Jahren jüngere Kollegen einarbeiten. Oder ein Werkstudentenprogramm aufziehen.

    4.) Ich weiß nicht, wie es in Ihrem Gebiet ist; in meinem kann man sich durchaus auch nach zwei Jahren Industrie noch auf eine Juniorprofessur oder ähnliches bewerben. Umgekehrt wird das mit jedem Jahr schwieriger.

    Antwort auf "eine persönliche"
  7. Meine Erfahrungen, kurz beigefügt

    1) International publizieren in den "ISI"-journals ist klar ein Muss. Die scientific community braucht nämlich niemanden, der seine Ergebnisse nicht publiziert. Ergebnisse, die nicht publiziert werden, existieren gar nicht.

    2) Im Ausland ist es sehr schön.

    3) Wissenschaftler werden ist schwer und erfordert langfristige Lebensplanung.

    4) Im modernen Wissenschaftsbetrieb ist es bestimmt nicht weniger stressig als in der Industrie.

    aj

    • F Holm
    • 20.01.2009 um 0:56 Uhr

    Einen kurzen Dank an die Autoren und Kommentare.

    Als selbst vor der Entscheidung Uni- bzw. Industrie- laufbahn Stehender, weiss ich den Dialog im Kommentarbereich zu wuerdigen. Auch wenn ich die Aussicht Forschung und Studenten ausbilden sehr hoch einschaetze, so sagt mir meine Vernunft doch, sicher Dich ab. Sprich, weg von der Uni.

    Wenn ich die Laufbahn von Bekannten verfolge, die mit aller Kraft die Unilaufbahn anstreben, so sehe ich auch deren Verausgabung zum halben Preis. Für eine offizielle halbe Stelle werden dort 60 Std+ investiert ohne eine bindende Job-Zusage zu erhalten. Ich glaube nicht, dass sich die Unis auf lange Sicht damit einen Gefallen tun, diese "Ziehpferde" (Anlehnung an Kommentar 3) zu zuechten. Sollte die fortlaufende Privatisierung von Bereichen der Universitäten ("Hochschulgerechtigkeits-Finanzierungsgesetz" --> Unis rentabel gestalten) und somit der Wettbewerb mit der freien Industrie forciert werden, könnte ein grosser Teil der von den billigen Hilfskräften getragenden Bereichen wegbrechen.

    Bin mir nicht ganz sicher ob meine letzte Aussage in sich schluessig ist. Koennte diese Entwicklung stattfinden?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sollte die fortlaufende Privatisierung von Bereichen der Universitäten ("Hochschulgerechtigkeits-Finanzierungsgesetz" --> Unis rentabel gestalten) und somit der Wettbewerb mit der freien Industrie forciert werden, könnte ein grosser Teil der von den billigen Hilfskräften getragenden Bereichen wegbrechen.

    Bin mir nicht ganz sicher ob meine letzte Aussage in sich schluessig ist. Koennte diese Entwicklung stattfinden?

    Das wäre dann und nur dann so, wenn die billigen Hilfskräfte in großer Zahl einsehen, dass es an der Uni nicht besser ist als in der Industrie, und dann auch die Konsequenzen ziehen.

    Es hat in der Tat in der Vergangenheit dafür Anhaltspunkte gegeben. So konnten z. B. Ende der neunziger Jahre Habilstellen häufig nicht besetzt werden --- aber das war zu Zeiten des Internetbooms. Zwei Jahre später waren die Juniorprofessoren alle wieder da.

    Sollte die fortlaufende Privatisierung von Bereichen der Universitäten ("Hochschulgerechtigkeits-Finanzierungsgesetz" --> Unis rentabel gestalten) und somit der Wettbewerb mit der freien Industrie forciert werden, könnte ein grosser Teil der von den billigen Hilfskräften getragenden Bereichen wegbrechen.

    Bin mir nicht ganz sicher ob meine letzte Aussage in sich schluessig ist. Koennte diese Entwicklung stattfinden?

    Das wäre dann und nur dann so, wenn die billigen Hilfskräfte in großer Zahl einsehen, dass es an der Uni nicht besser ist als in der Industrie, und dann auch die Konsequenzen ziehen.

    Es hat in der Tat in der Vergangenheit dafür Anhaltspunkte gegeben. So konnten z. B. Ende der neunziger Jahre Habilstellen häufig nicht besetzt werden --- aber das war zu Zeiten des Internetbooms. Zwei Jahre später waren die Juniorprofessoren alle wieder da.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service