Juristen Wir lernen um
Ist die goldene Zeit für Staranwälte in Großkanzleien vorbei? Ein Interview mit Konstantin Mettenheimer, Chef von Freshfields
ZEIT CAMPUS: Herr Mettenheimer, Sie sind Chef der größten Anwaltskanzlei Deutschlands, einer der führenden Adressen in der Branche. Müssen sich Ihre Anwälte vor der Wirtschaftskrise fürchten?
Konstantin Mettenheimer: Natürlich sind wir betroffen, wenn unsere Mandanten weniger Geschäft machen. Wir sind in einer weltweiten Rezession, das bedeutet auch weniger Umsatz für uns. Bei uns geht es aber nicht zu wie bei einer Investmentbank. Gewinn und Risiko sind in unserem Beruf moderater.
ZEIT CAMPUS: Tragen nicht die Wirtschaftsjuristen Mitschuld an der Krise? Ihre Kanzlei hat einen erheblichen Teil ihres Geschäfts mit der Beratung bei strukturierten Finanzierungen gemacht – den Konstrukten, die Deutschland in die Krise gerissen haben.
Mettenheimer: Im Moment wird gern nach einem Schuldigen gesucht. Aber wo wollen Sie anfangen? Nehmen Sie den Konsumenten, der immer nur die billigste Butter kauft, komme, was wolle. Das ist der größte Neoliberale, ein absoluter Verfechter freier Märkte. Oder den Sparer, der zu seiner Bank geht und sagt: Vier Prozent Zinsen reichen mir nicht, gib mir acht. Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung, eine Art Freibiermentalität. Es wäre unfair, dafür pauschal bestimmte Branchen haftbar zu machen.
ZEIT CAMPUS: Der normale Bürger hat die Krise aber nicht verursacht.
Mettenheimer: Unbestritten tragen die Marktakteure, zu denen wir uns zählen, besondere Verantwortung. Und sicher gab es Banker, die gesagt haben: Ich mache hier meinen Job, streiche meinen Bonus ein und bin wieder weg. Das war falsch und muss sich ändern, zum Beispiel durch bessere Vergütungssysteme. Und doch ist das nur die halbe Geschichte. Ich denke noch immer an einen Horaz-Satz, der über der Tür meiner Universität in Pennsylvania stand: Leges sine moribus vanae Gesetze ohne Sitten sind eitel. Man kann so viel regulieren, wie man will – wenn das Verständnis für das Richtige und Falsche in einer Gesellschaft fehlt, können Gesetze das nicht ausgleichen.
ZEIT CAMPUS: Trotzdem haben Sie sehr schnell reagiert: Ihre Experten beraten heute neben der Finanzindustrie die Regierungen und Zentralbanken, die versuchen die Krise einzudämmen.
Mettenheimer: Wir haben dort zuletzt einige neue Mandate bekommen. Wir vertreten Regierungen und Finanzinstitute, aber auch Zentralbanken. Außerdem beraten wir Regierungen in bankenaufsichtsrechtlichen Fragen. Wir hatten jetzt 25 Jahre lang eine Phase freier Märkte. Nun erwarten wir eine lange Phase mit mehr Staatseingriffen und Regulierung. Dafür braucht der Staat Gesetze. Langfristig kann das eine Volkswirtschaft hemmen, kurzfristig bringt es eine Stabilisierung und mehr Arbeit für uns.
ZEIT CAMPUS: Inwiefern?
Mettenheimer: Die Regierungen greifen den Unternehmen überall auf der Welt unter die Arme. Rechtlich betreten die Staaten dabei oft Neuland. Sind die Staatsgarantien für die Banken zum Beispiel mit EU-Recht konform? Unsere Expertise ist dort sehr gefragt.
ZEIT CAMPUS: Können Anwälte so einfach die Seiten wechseln?
Mettenheimer: Wir wechseln nicht die Seiten, wir beraten in verschiedenen Mandaten auf verschiedenen Seiten. In Deutschland gibt es die Erwartung, dass der Staat alles besser wissen muss – und sich keinen Rat suchen darf. Wir als internationale Kanzlei wissen aber manchmal genauer, wie die Franzosen ihren Finanzmarkt regulieren und was in London oder New York los ist und können damit helfen. Und als Freiberufler müssen wir natürlich dahin gehen, wohin der Markt sich bewegt.
ZEIT CAMPUS: Und wohin bewegt sich der Markt?
Mettenheimer: Das kommt auf das Rechtsgebiet an. Große Immobilienportfolio-Verkäufe finden heute fast gar nicht mehr statt. Bei Unternehmensbeteiligungen durch Private-Equity-Fonds gibt es bedeutend weniger Geschäft. Dafür gewinnt die Refinanzierung und Restrukturierung an Bedeutung: Die Unternehmen suchen neues Kapital, weil es schwieriger wird, an Kredite zu kommen. Auf die veränderte Nachfrage müssen sich unser Unternehmen und jeder Anwalt auch persönlich einstellen.
ZEIT CAMPUS: Das bedeutet?
Mettenheimer: Umlernen. Neue Schwerpunkte bilden. Natürlich fangen wir nicht bei null an, wer handwerklich einmal etwas gelernt hat, kann auch umsatteln oder etwas Neues lernen. Flexibilität ist ein Muss für Wirtschaftsanwälte.
ZEIT CAMPUS: Wenn Sie schon die erfahrenen Anwälte zur Fortbildung schicken: Haben Berufsanfänger überhaupt noch Chancen?
Mettenheimer: Unbedingt! Als Unternehmen können wir es uns nicht leisten, jetzt auf die guten Mitarbeiter von morgen zu verzichten. Wer heute anfängt, ist erst in drei oder fünf Jahren richtig sattelfest, und bis dahin sieht die wirtschaftliche Lage ganz anders aus.
ZEIT CAMPUS: Was erwarten Sie denn von Ihren Bewerbern?
Mettenheimer: Ich rate immer dazu, sich auf die Themen zu konzentrieren, an denen man Freude hat. Wenn jemand zu uns will, sollte er am besten Gesellschafts- oder Handelsrecht studieren und sich dann etwa im Bereich Steuer-, Finanz- oder Kartellrecht spezialisieren. Außerdem muss er zwei Prädikatsexamen mitbringen, sollte ein gutes Englisch sprechen und ein sympathischer und aufgeschlossener Mensch sein, der in unser Team passt.
ZEIT CAMPUS: Nur 15 Prozent aller Absolventen schließen ihr Examen mit zwei Prädikaten ab. Seit Jahren liefern Sie sich mit anderen Großkanzleien einen harten Wettbewerb um den Spitzennachwuchs.
Mettenheimer: Ja, das Angebot an exzellenten Juristen steigt nicht im gleichen Maße wie die Nachfrage. Der Wettbewerb ist groß, da müssen auch wir uns tummeln, um die Besten zu überzeugen.
ZEIT CAMPUS: Zum Beispiel mit Geld – schon Berufsanfänger konnten bei Freshfields und den anderen Großkanzleien zuletzt mehr als 100000 Euro im Jahr verdienen. Das ist deutlich mehr, als der Professor bekommt, der den Juristen eben noch ausgebildet hat.
Mettenheimer: Der Markt macht auch hier den Preis. Allerdings sind gerade die Einstiegsgehälter in den letzten Jahren explodiert; das wird so nicht weitergehen. Auch die Gehälter und Boni der erfahreneren Anwälte werden wahrscheinlich eher sinken als steigen. Das Geld kommt für die meisten Bewerber aber ohnehin nur an dritter Stelle. Viele wollen zu uns, weil sie schnell in Mandate kommen wollen und weil wir eine exzellente Ausbildung und Betreuung bieten. Wer nur wegen des Geldes kommt, ist bei uns sowieso falsch.
ZEIT CAMPUS: Und hoch spezialisierte Fachleute?
Mettenheimer: Wir brauchen Spezialisten und Generalisten. Wenn Sie Spezialist sind, müssen Sie aber zu den besten drei auf Ihrem Gebiet gehören. Als Generalist müssen Sie sich über die Jahre viel Wissen aneignen. Das ist immer auch eine Fleißarbeit. Beide Typen müssen aber heute beweglicher sein als früher und weit mehr beherrschen als juristische Technik. Gerade in Zeiten der Krise wird der persönliche Kontakt mit den Mandanten wichtiger.
ZEIT CAMPUS: Wird der Leistungsdruck Ihrer Mitarbeiter nun mehr oder weniger?
Mettenheimer: Der Leistungsdruck bleibt. Andererseits sinkt die Arbeitsbelastung im Moment für viele Mitarbeiter auch, weil es insgesamt einfach weniger zu tun gibt. Das wird sich im nächsten Aufschwung ändern.
Konstantin Mettenheimer steht seit 2004 als erster Deutscher an der Spitze einer internationalen Großkanzlei. Er ist in Frankfurt am Main Senior Partner bei Freshfields Bruckhaus Deringer, einer der deutschlandweit und international führenden Anwaltskanzleien
Interview: Philip Faigle und Maren Söhring
- Datum 02.04.2009 - 12:04 Uhr
- Quelle ZEIT Campus, 18.02.2009
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Interessant, dass zZ umsatzstarke Spezialisierungen wie Insolvenzrecht/ Restrukturierung oder Dispute Resolution bei FF nicht gefragt sein sollten. Oder hängt das damit zusammen, dass Herr Mettenheimer selbst Steuerrechtler ist und ihm der Einblick in andere Practice Groups fehlt? Fehlender Einblick ließe tief blicken!
Abgesehen davon, daß durch die Spaltungsprozesse in der Familie und der Gesellschaft vor allem die Justiz profitierte, kann man nur seinen Nächsten raten, diese Art Justiz zu meiden.
Der einfache Mensch hat inzwischen schmerzvoll lernen müssen, daß die Justiz der Macht Recht spricht aber nicht mehr nach Recht oder der Vernunft des gewöhnlichen Menschen entscheidet. Beispiele gab es genug.
Mit der Vokabel der Menschenrechte wird international versucht, politisch andere Länder zu destabilisieren (Janne Matlary: VERUNTREUTE MENSCHENRECHTE) hier im eigenen Lande werden politische Demonstranten wie Schwerverbrecher angesehen.
Warum schreibt unsere Presse nicht über diese Anwaltsringe in Bayern und ihre lügendedektorverliebten Gutachter ?
Warum hinterfragt die Presse nicht das GWG-System unter Herrn Salzgeber?
Warum darf ein einflußreicher Berater unserer Ministerien wie Herr W.Fthenakis behaupten, daß ihm kein deutscher Richter widersprechen würde (das ist gerichtlich belegt)?
Nein unsere Justiz ist nicht unabhängig-und deshalb hat die Demokratie einen großen Schaden genommen
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