Das erste Mal Eine Rede im Bundestag halten
Jens Spahn, heute 28, war gerade ein halbes Jahr lang Abgeordneter, als er im Bundestag sprechen musste. Bei der wichtigsten Debatte des Jahres redete er vor der versammelten Politprominenz
Es war im März 2003, als mein Telefon klingelte. Ich war erst seit einem halben Jahr Bundestagsabgeordneter, 22 Jahre alt, und Berlin kam mir groß vor in diesen Tagen, groß und grau. Ich nahm den Hörer ab.
– Spahn?
– Ja, Volker Kauder hier. Herr Spahn, es wäre gut, wenn bei der nächsten Haushaltsdebatte auch ein junger Kollege spricht. Kriegen Sie das hin?
– Ja, also, ich denke schon.
– Bestens, schönen Tag noch!
Das war’s. Ich stand auf der Rednerliste. Die erste Bundestagsrede ist immer etwas Besonderes, allerdings halten die meisten sie am Ende eines langen Sitzungstages, nachts um halb eins, vor leeren Rängen und einer Handvoll Phoenix-Zuschauern, die nicht schlafen können. Ich hingegen sollte bei der Debatte um den Kanzleramtsetat reden, dem größten politischen Schlagabtausch des Jahres. Ich sollte im Namen der CDU/CSU-Fraktion dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder die Leviten lesen. Und nicht nur das: Direkt nach meiner Rede sollte eine namentliche Abstimmung stattfinden, das heißt, fast alle der über 600 Bundestagsabgeordneten würden anwesend sein!
Ich nahm ein leeres Blatt Papier und dachte nach. Die Debatte um den Kanzleramtsetat ist immer eine Generalabrechnung, es geht nicht darum, wie hoch die Stromrechnung für Schröders Büro war oder ob der Kanzler einen Ministerialdirigenten einsparen sollte. Es geht um die große Politik, den großen Wurf. Ich überlegte, welche Unterschiede es gab zwischen dem, was Gerhard Schröder für gute Politik hielt, und dem, was ich darunter verstand. Die wichtigsten Punkte notierte ich auf meinem Zettel. Zum Beispiel, dass wir junge Menschen besser ausbilden müssen – sie sind die Zukunft!
Normalerweise spreche ich gern frei, weil das lebendiger klingt. Für diese Rede aber schrieb ich ein komplettes Manuskript, Wort für Wort. Als ich fertig war, veranstaltete ich eine Generalprobe in meinem Büro. Meine drei Mitarbeiter waren das Testpublikum. Ich stellte mein Stehpult in die Mitte des Raumes und referierte den Text genau so, wie ich ihn im Bundestag vortragen wollte: Ich hob und senkte die Stimme. Ich klopfte energisch auf das Pult. Und ich bemühte mich, dem Kanzler in die Augen zu schauen, wenn ich über ihn sprach. Ich schaute also in die Augen von Frau Trempler, meiner Sekretärin, und sagte: »Herr Bundeskanzler, gehen Sie ehrlich mit den jungen Menschen in diesem Land um!«
Es kommt in einer Bundestagsrede nicht nur darauf an, was man sagt, sondern auch darauf, wie man es sagt. Jemandem, der mit gesenktem Kopf und im Nuschelton seinen Text herunterleiert, hört niemand zu. Ich bemühe mich daher, alle Parlamentarier anzuschauen, wenn ich spreche, auch die der anderen Fraktionen. Deshalb bin ich immer in Bewegung, schaue nach rechts, dann in die Mitte, dann nach links. Im Fernsehen sieht das dann manchmal aus, als würde ich mich im Kreis drehen.
Der Tag der Rede war ein Mittwoch. Ich trug einen schwarzen Anzug, dazu ein kariertes Hemd und eine senfgelb-weiß gestreifte Krawatte, über mir glitzerte die Reichstagskuppel, und alle Spitzenpolitiker waren da. Schröder. Merkel. Struck. Fischer. Das ganze Kabinett. Bis heute bin ich vor wichtigen Reden aufgeregt – trotz meiner Routine nach über sechs Jahren Parlamentsarbeit. Ich brauche das, um auf Touren zu kommen. Aber so aufgeregt wie damals war ich wohl nie wieder. Mein Herz klopfte wie wild. Bumbum, bumbum, bumbum. Der damalige Vizepräsident des Bundestags, Hermann Otto Solms, sagte dann: »Der Kollege Jens Spahn von der CDU/CSU-Fraktion wird das Wort erhalten. Er hält seine erste Rede im Deutschen Bundestag. Ich bitte um Aufmerksamkeit.«
Ich ging nach vorn und stellte mich an das Rednerpult, hinter mir hing der große Bundesadler, darunter die deutsche Flagge. Nur drei Meter entfernt saß der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Es war eine der ersten unmittelbaren Begegnungen mit ihm, und ich dachte noch, wie klein er ist, der Gerhard Schröder, wenn man ihn in echt sieht und nicht im Fernsehen. Der geht mir ja nur bis zur Brust!
Ich umfasste das Pult an beiden Seiten und fing an. »Herr Präsident! Meine Damen und Herren!« Mir kam es vor, als würde meine Stimme zittern. In Wirklichkeit – das habe ich später auf Video gehört – tat sie das gar nicht. Nach ein paar Sätzen schon kam der erste Applaus, natürlich von der CDU/CSU-Fraktion, ein lautes Klatschen von Merkel, ein leiseres von Schäuble und von einigen FDPlern. Da wurde ich mit einem Mal ganz ruhig und sprach mit fester Stimme weiter. »Die Menschen wollen keine sozialistische Bevormundung, Herr Bundeskanzler!« Das brachte mir den ersten Zwischenruf ein, vom Kollegen Jörg Tauss aus der SPD-Fraktion, einem Mann mit einem besonders tiefen Organ, der für seine vielen Zwischenrufe bekannt ist.
Andere SPDler machten eine Handbewegung, die wir Parlamentarier den »Scheibenwischer« nennen, sie wedelten mit der Hand vor dem Gesicht, als wäre der Redner bescheuert. Carl-Ludwig Thiele von der FDP hingegen rief immerzu »Sehr richtig!« und »Sehr wahr!«. Ich sah auch, wie manche im rot-weiß gestreiften Kürschner blätterten– das ist das Register aller Abgeordneten – weil sie nicht wussten, wer ich war.
Nach dem zehnten Zwischenapplaus kam ich zum Schluss, mit den Worten: »Ein neuer Kanzler, wahlweise eine neue Kanzlerin, wäre ein wirkliches Zeichen des Aufbruchs!« Meine Fraktion johlte, der Bundestagspräsident gratulierte mir zu meiner ersten Rede, dann klatschten alle, und ich war mit mir und der ganzen Welt zufrieden. Eigentlich würde ich heute alles wieder so machen. Nur diese Kombination aus Karohemd und senfgelber Krawatte, die würde ich im Schrank lassen.
Und was war Ihr erstes Mal? Erzählen Sie es uns unter www.zeit.de/campus/erstesmal
- Datum 13.03.2009 - 13:06 Uhr
- Serie Das erste Mal
- Quelle ZEIT Campus, 18.02.2009
- Kommentare 6
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Irgendwie fasziniert diese Serie, weil sie die jungen Menschen noch unverblümt zeigt, weil sie die Erwartungen des Individuums an die große Welt spiegelt, weil die "Erstlinge" noch nicht von den Routinen und Gesetzen des Arbeitsmarktes überrannt sind. Deswegen wirken sie manchmal auch etwas weltfremd und unbedarft. Aber so ist der Übergang zwischen Hochschule und Beruf, zwischen (noch) selbstbestimmten Studium und Jobwelt eben.
[Entfernt. Bitte beachten Sie, dass Werbung im Forum der ZEIT nicht erwünscht ist. Vielen Dank. / Die Redaktion as]
zuerst wollte ich wieder kotzen wegen diesem Yuppie, aber jetzt bin ich echt geschockt über die Dreistigkeit meines Vorposters.
Seit wann darf man dieses Forum für Werbezwecke mißbrauchen?
Oder fließt da geld? Aber dann sollte das auch als Werbung da stehen und nicht als normaler Forumseintrag.
!!!Redaktion, schlaft ihr? Ist das zulässig?
[Anmerkung: Vielen Dank für Ihren Hinweis. Der Kommentar wurde inzwischen moderiert. / Die Redaktion as]
naja, so wie es da steht nun, klingt es fast ehrlich gemeint, dabei sollte das blabla nur vorbereiten auf die Ankündigung der Lösung aller Absolventenprobleme...und wo natürlich für andere noch Geld zu holen ist...
Zum Artikel:
Kann mich der Vorposterin in einem Punkt anschließen: ich bin auch fasziniert. Aber ich finde die "Erstlinge" nicht so putzig, drollig, zum Kuscheln wie meine Vorposterin. Gut, für mich gibts da auch kein Geld zu holen, aber das ist nicht der Grund.
man sieht was da eigentlich läuft: es sind keine Leute mit Idealen, die eine klare Vorstellung von dem haben, was sie ändern müssen. Der Junge wird angerufen und er wird gefragt ob er labbern kann. Die Antwort lautet: "Klar kann ich labbern, deswegen bin ich doch Politiker geworden!". Das grobe Thema wird einfach vorgegeben. Alles andere kann man in den Parteirichtlinien abschauen.
Dann wird die Rede geprobt. Spontane Emotionen? »Herr Bundeskanzler, gehen Sie ehrlich mit den jungen Menschen in diesem Land um!« Was für ein Schauspiel...
Jo, das sind unsere putzigen "Erstlinge". Unsere Großen von morgen...Man kann sie manchmal halbwegs gut ignorieren, aber meist blasen sie sich so weit auf, dass einem die Luft wegbleibt.
.....wer hoert da schon hin??? Wen interessiert es wenn der Herr was falsches sagt??? Wenn er es tut ist er in wenigen Minuten wieder vergessen! Aber so als Karrieresprung hilft das natuerlich im Dossier zu erwaehnen, dass man im Bundestag eine Rede gehalten hat . lol
... der inhalts- und substanzfreien Rede - Teil 08/15.
Ein Cicero wird wohl nicht mehr aus ihm werden.
... Fortsetzung folgt ...
als sehr politik-interessierter mensch war ich wenig überrascht, wie unflexibel unsere politiker geworden sind. wenn jemand so in seine karriere als abgeordneter startet, kann er doch bestimmt die probleme des landes lösen :D
interessant finde ich die ehrlichkeit mit der herr spahn umschreibt, dass seine argumente nicht wirklich einen kontrast zur spd gebildet haben. die forderung nach mehr bildung ist in der opposition eine leichte, in der regierungsverantwortung schon schwieriger.
schade, dass man anscheindend nur mit fraktionszwängen, schauspielerei und populismus in deutschland ein erfolgreicher politiker werden kann. es bräuchte mal einen "Yes-we-can"-Politiker, der authentisch zu seinen worten steht und sich nicht beirren lässt. stattdessen gibts vor der wahl rentenerhöhungen um sich 20mio. wähler zu sichern.
leider sind auch diverse politik-talk-shows zu einer art debatte ohne folgen geworden, vernünftige vorschläge anderer parteien werden zunächst öffentlich abgelehnt und wenige wochen später als eigene vorschläge präsentiert...
schade, dass politik nicht den mut zu mehr ehrlichlichkeit hat.
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