Ich weiß von nichts Tom & Carrie

Wir alle müssen lernen, ein Leben lang. Philipp Schwenke lernt vom Leben und fürs Leben. Diesmal: Sich selbst kennen

Wie ich vorhin erfahren habe, bin ich Carrie Bradshaw, und abgesehen davon habe ich eine Frage. Folgendes: Eine Frau stirbt. Auf der Beerdigung sieht ihre Tochter einen Mann, in den sie sich sofort rasend verliebt. Sie spricht ihn nicht an, später weiß keiner, wer er war. Wochenlang sucht sie ihn. Vergeblich. Dann bringt sie ihren Vater um. Warum? Darüber möge nun bitte jeder nachdenken.

Die Frage stammt aus einem Test, der psychopathische Persönlichkeiten entlarven soll, und mein Freund A. hat sie mir neulich gestellt. Ähnliche Tests findet man ja nicht nur in der Psychiatrie, sondern auch in Zeitschriften. Mit ihnen kann man seine Persönlichkeit vermessen, zum Beispiel: »Sind Sie gierig?« – »Sind Sie beliebt?« – »Welcher Dessous-Typ sind Sie?« Scheint eine Schrulle der Postmoderne zu sein, dass der Mensch, wenn schon nichts mehr im Leben eindeutig ist, zumindest wissen will, welche Figur aus Sex and the City er ist. (Ich: Carrie Bradshaw.)

Auch Scientology hat mir neulich einen Persönlichkeitstest in den Briefkasten geworfen. Er bestand aus 200 Fragen und war insofern ganz raffiniert, als mir etwa ab Frage 105 tatsächlich das Gefühl die Seele hinaufkroch, ich sollte mich mit einem Nervenarzt unterhalten: »Blättern Sie einfach zu Ihrem Vergnügen in Eisenbahnfahrplänen, Telefonbüchern oder Wörterbüchern?« – »Wenn wir in ein anderes Land einmarschieren würden, hätten Sie Verständnis für die Kriegsdienstverweigerer in diesem Land?« Frage 126 hat mir besonders Sorgen gemacht: »Werden Ihre Entscheidungen von persönlichen Interessen beeinflusst?«

Ich habe den Zettel dann doch nicht an Scientology geschickt, weil ich kein persönliches Interesse daran habe, dass Tom Cruise vor meiner Tür steht. Ich bin nämlich eher der George-Clooney-Typ. Sagt der Test »Welcher Star passt zu dir?« auf testedich.de. Denn: »George Clooney ist charmant und immer gut gekleidet!« Die Seite testedich.de ist übrigens generell superdufte, ich habe noch andere interessante Dinge über mich erfahren: »You have great personal hygiene« (Ergebnis bei »Are you gross?«); »You’re a wimp, a damn wimp and suck!« (»Are you strong?«); »Du ziehst gerne Röcke an, allerdings möchtest du nicht allzu aufreizend herumlaufen« (»Kannst du Miniröcke tragen?«).

Ich könnte außerdem jederzeit den Gabelstaplerschein machen, und die Frage nach meinem Geisteszustand wurde mir auch beantwortet: »Gestört bist du nicht, aber ab und zu denkst du wie ein Psychopath.« Dieser Test bestand insgesamt aus zehn Fragen, das wirkt zuverlässig: »Würde es dir Spaß machen, einen Atomkrieg im Fernsehen zu verfolgen?« – »Ist Nina Hagen ein Vorbild für dich?« Nein und nein – also: Hurra! »Wenn du willst, kannst du ein ganz normaler Mensch sein.«

Die Frage nach dem Mädchen, das seinen Vater umbringt, konnte ich ja auch nicht beantworten. Lösung: Sie tötet ihn, weil sie hofft, dass der Unbekannte wieder bei der Beerdigung erscheint. Wer darauf kommt – ist Psychopath, sagt mein lieber Freund A. und macht sich Sorgen. Die Einzige, die bislang spontan die Antwort wusste, war seine Freundin.

Hausaufgabe fürs nächste Mal: Liegestütz

 
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