Lexikon der Arbeitswelt Liebevolle Erkundigungen

Jens Jessen über Phänomene des Berufsalltags. Diesmal: Sekretärinnen

Berufsanfänger mag es verblüffen, aber tatsächlich gilt es in einem neuen Job nicht nur, die unmittelbaren Kollegen günstig zu stimmen, sondern mindestens ebenso die dienstbaren Geister im Hintergrund, die Hausmeister, Techniker, Büroboten (falls es sie noch gibt).

Nur der Hausmeister kann den Schlüssel zum Fahrradkeller beschaffen, der auf dem Dienstweg unerreichbar bliebe. Nur der Nacht- wächter kann ein Zimmer aufschließen oder den Weg zum Drucker bahnen, wenn alles Leben in der Firma bereits erloschen ist. Es gibt Sekretärinnen, von deren Wohlwollen allein es abhängt, ob ein wichtiger Chef auch für den Jungkollegen zu sprechen ist. Ganz abgesehen von all den inoffiziellen Schleichwegen zu Entscheidungen, Genehmigungen oder auch zu Formularen, die selbst der unmittelbare Vorgesetzte nicht kennt oder nicht verraten will.

Auch sind Sekretärinnen, vor allem die älteren, oft Quellen kostbaren Trostes, psychologischer Raffinessen und Hintergrundinforma- tionen. Und selbst wenn sie es nicht sind, wenn es sich um gefährliche Drachen handelt – umso wichtiger, sie gnädig zu stimmen! An Sekretärinnen kann man auch scheitern. Zumal sie ihre Abneigungen, anders als der Vorgesetzte, nicht begründen müssen.

Der Wert inoffizieller Kontakte und Sympathien steigt mit der Größe und Unübersichtlichkeit der Firma. Ist der Betrieb aber winzig, führt an der Chefsekretärin oder der Anwaltsgehilfin erst recht kein Weg vorbei. Hier sind Blumen, Popkonzertkarten und Pralinen (Vorsicht bei Schlankheitsfanatikerinnen!) die beste Investition, die der Anfänger tätigen kann. Auch ein Flirt oder liebevolle Erkundigungen nach der Gesundheit können angebracht sein, zumal sie nicht so leicht als Schleimerei missverstanden werden können wie gegenüber Vorgesetzten. Jedoch sollte man nicht zum Charmeur der Abteilung aufsteigen. Die Geister, die man rief, wird man sonst nie wieder los.

Jens Jessen ist Feuilleton-Chef der ZEIT.

 
Leser-Kommentare
  1. Hier sind Blumen, Popkonzertkarten und Pralinen (Vorsicht bei Schlankheitsfanatikerinnen!) die beste Investition, die der Anfänger tätigen kann.

    Dass man sich als Neuer ins Team integrieren sollte, ist ein wertvoller Ratschlag. Aber die Menschen, denen man begegnet, gleich mal - je nach Posten - in reichlich chauvinistische Schubladen zu stecken, würde ich nicht empfehlen.
    Dass der kichernden Sekretärin nämlich vor lauter Freude über die schönen Blumen vom neuen Bürohengst der pinke Nagellack abblättert, dürfte mittlerweilen eher ein seltenes Bild sein. Ich nehme an, um den Hausmeister gnädig zu stimmen, sollte man eine Pulle Doppelkorn investieren? Für den Nachtwächter den neuen Playboy?
    Ein allgemeingültiges Rezept für den Erstkontakt mit Kollegen gibt es nicht wirklich, aber ein offener Umgang und ehrliches Interesse, ohne Hierarchien im Alltag zu sehr zu betonen, sind nie verkehrt und bringen einen oft weit genug. Weiter auf jeden Fall als das Herumstochern in Klischees.

    • Ascag
    • 23.03.2009 um 16:27 Uhr

    In den modernen Zeiten sind es inzwischen 3 Personen, mit denen man es sich in einem Unternehmen auf gar keinen Fall verscherzen darf:

    Natürlich: Die Sekretärin
    Schon immer: Der Hausmeister
    Und neu hinzugekommen: Der IT-Systemadministrator

  2. Was soll die Illustration mit dem Photo einer Frau, die auf dem Boden liegt, als wenn sie gerade vergewaltigt worden waere? Jung, nackte Beine, enger Rock, hohe Absatzschuhe?
    Da wird mal wieder eine ganze Berufsgruppe (weiblich natuerlich) herabgesetzt, zur Unterhaltung des vermuteten maennlichen, universitaetsgebildeten Lesers. Schwer zu sagen, ob es sich um Geschlechter- oder Klassenverachtung handelt, oder um beides? Auf jeden Fall: schwer zu ertragen.

  3. Das Bild ist wirklich bescheuert - keine Sekretärin liegt so doof rum! Manche stehen wie Kampfhunde vor der Tür ihres Chefs, manche verhalten sich wie Hexen, die meisten sind freundlich und gute Managerinnen. Gleich raus mit dem Bild!

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