Ritalin : Ich bin ein Zombie, und ich lerne wie eine Maschine

Ritalin macht leistungsfähig. Experten sagen, das Medikament sei eine Gefahr für die Gesundheit und unser Bildungssystem. Ein Selbstversuch

Das erste Mal in meinem Leben nahm ich Ritalin mit 17. Ich war Austauschschüler in Washington , D. C., und Adam, mein Gastbruder, hatte die Pillen besorgt. Wir zerstampften sie mit einem Gewürzmörser aus der Küche und zogen das Pulver mit einer Zehndollarnote durch die Nase, das Bild von Alexander Hamilton hatte danach ein kleines Hitler-Bärtchen aus Staub.

Adam sprang auf, schrie: Look! It’s Adolf Hamilton und fiel über den Mülleimer auf den Boden. Es war die Nacht, in der wir später mit Fahrrädern durch Washington fuhren und Güterzüge mit Graffiti besprühten. Wir flohen schließlich vor der Polizei, dann lag ich im Bett mit weit aufgerissenen Augen, unfähig, einzuschlafen. Mein Herz schlug hart und schnell, meine Augen sprangen sinnlos von einer Ecke zur anderen, ich schwitzte; es war ein Scheißgefühl. Ich wollte nie wieder synthetische Drogen nehmen. Auch nicht Ritalin.

Das zweite Mal in meinem Leben nahm ich Ritalin vor ein paar Wochen, nachdem ich einen Artikel in der Zeitung gelesen hatte. Dort stand, Ritalin sei die neue Modedroge unter Studenten – viele nähmen es, weil sie sich damit besser konzentrieren könnten. In Amerika sei jeder vierte Student und sogar jeder fünfte Professor auf der Pille, für Deutschland seien noch keine Zahlen bekannt. Der Artikel klang wie ein Enthüllungsbericht von der Tour de France.

Konzentrationsprobleme. Kenne ich. Ich studiere Philosophie, und wenn ich in der Bibliothek sitze und Fachliteratur lese, überkommt mich manchmal diese Müdigkeit. Ich sitze vor den Büchern, aber die Wörter ergeben keinen Sinn als würde ich sie vorlesen, mir selbst aber nicht zuhören. Mein Kopf knüpft derweil Assoziationsketten, die ich nicht stoppen kann: Ich schaue aus dem Fenster, sehe einen Gärtner, der einen Baum schneidet, und ich frage mich, ob seine Säge nicht zu klein ist, was mich daran erinnert, dass ich die Zimmerpflanze schneiden wollte, die zu Hause auf dem Tisch steht, auf dem der Brief liegt, auf den ich einen Kaffeefleck gemacht habe, den ich ja noch zur Post… – apropos Kaffee: Ob ich mal eine Pause machen sollte? – Nein, stopp. Ich muss lernen!

Diese Konfusion hat mein Studium zu einem Kampf gegen mich selbst gemacht. Gewinnen kann ich ihn nicht. Manchmal liege ich eine halbe Stunde mit dem Kopf auf meinen Büchern, starre geradeaus und bewege mich nicht.

Natürlich ließe sich das Versagen psychologisch begründen: Ich spüre den Druck, im Studium zu brillieren, um auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben – und es ist dieser Druck, der mich blockiert. Um zu brillieren, müsste ich den Druck loswerden. Ich brauche Stille in meinem Kopf. Ich muss dieses Hintergrundrauschen aus meinem Hirn drängen, wenigstens bis zu meinen Abschlussprüfungen in drei Wochen.

Wenn Ritalin mir dabei helfen kann, dann will ich es sofort haben. Nur für einen Selbstversuch. Natürlich. Ich besorge mir eine Packung über einen Freund, dessen Vater Arzt ist – eine orangefarbene Pappschachtel, mit eingestanzter Blindenschrift und den großen Buchstaben: RITALIN, 10 mg. Der Beipackzettel hat etwa die Größe einer DIN-A4-Seite. Das Wort "Tod" kommt häufiger vor: "Der Missbrauch von Stimulanzien des Zentralnervensystems kann zu plötzlichem Tod und anderen ernsten Nebenwirkungen am Herz-Kreislauf-System führen." Sollte ich vielleicht doch mit einem Arzt oder Apotheker sprechen? Ich rufe Gerald Hüther an, Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Uni-Klinik Göttingen .

– Wie hoch sind die körperlichen Risiken tatsächlich, Herr Hüther?

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Kommentare

165 Kommentare Seite 1 von 26 Kommentieren

also der Artikel macht wirklich neugierig, vor allem wenn man die Situationen kennt. Aber eigentlich sollte man eher abschrecken.
Das der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszk sagt es wäre ok sich einen Vorteil zu verschaffen verstehe ich nicht. Dieser man sieht nicht die langfristigen Schäden für Konsument und seine Umwelt.
In Asien wurde oder wird noch Methamphetamin von Chefs an ihre Arbeiter abgegeben das sie mehr arbeiten können. Das Land konnte irgendwann dieses Geschwür nicht mehr kontrollieren und fing an. Süchtige und Dealer einfach zu erschiesen, es wurde zu einer richtigen Treibjagd.
Natürlich kann man das nicht ganz vergleichen aber man darf es auch nicht wie Sven Gábor Jánszk verharmlosen. Es gibt viel zu viele labile Wesen da drausen, bei denen dieses zeug zur Katastrophe wird...

Der Artikel erinnert mich daran, daß ich immer noch nicht Sartres Mescalin-Bericht gelesen habe... Selbstversuche um darüber zu berichten lesen sich wirklich interessant. Empfehlen kann ich auch Berichte über homöopathische Mittel, die sind wesentlich subtiler und betreffen ganz bestimmte Themata des lebensweltlichen Spektrums und beeinflussen erst indirekt die Biochemie.
Die Lernhemmung ist natürlich bekannt. Wenn man zweimal die Woche Boxen geht und sich durchwalken lässt dann stellt sich aber Ruhe schon ein. Anderseits weiß ich daß man hyperaktive Leute durch richtige Betreuung zu ihrem eigenen Lernstil, also staccato, bringen kann - sie sind dann extrem leistungsfähig aber gar nicht empathisch.
Schliesslich gibt es am Tag zwei Phasen wo es von der Lufelektrizität her gut zu arbeiten ist: "Im Zusammenhang mit Untersuchungen der Sonnenaktivität wurde festgestellt, dass die Häufigkeit der Sterberate zwischen 14-10 Uhr liegt. Wenn die Ladungsdichte der atmosphärischen Luft ihr Maximum hat und zwischen 19 und 20 Uhr, wenn das Minimum erreicht wird. Die Arbeitsfähigkeit des Menschen ist phasenverschoben. Sie erreicht ihr Maximum zwischen 10 – 12 Uhr, das Minimum gegen 14 Uhr und ein weiteres Maximum gegen 16 – 18 Uhr. Biosysteme des Menschen beginnen ihre Arbeitsfähigkeit bei einem Schwellwert der ladungsdichte und werden zerstört, wenn der Wert der Ladungsdichte in der doppelschichtigen Membran den Durchschnittswert erreicht. Die Ladungsdichte erreicht in der Atmosphäre im Mittel 3 x 10- (hoch 11) C/m3. Bedeutende Abweichungen davon führen zur Zerstörung der Impulsübertragung in den transmembranen Ketten."
(Karl Hecht, Literaturstudie für das Bundespostministerium 1994)

[...] Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

Doppelfolge

Fast alles ist richtig -- nur der letzte Satzteil nicht: die Jungen können nicht gebildeter werden, weil sie insgesamt "gedämpft" sind.
Folge: händelbar und lieb, aber doof und ungebildet...
Eine Sünde, an den Jungen (seltener Mädels) begangen.--
Waren das noch Zeiten, als Kinder noch Käfer sammelten und auf Bäumen rumkletterten: NATÜRLICHER STRESS-ABBAU war das --