Schreiben Wie die Uni uns versaut
Studenten glauben, dass schlau wirkt, wer kompliziert schreibt. Wie konnte das passieren? Eine Erklärung
Neulich habe ich meine Abschlussarbeit weggeworfen. Romanistik, eine Abhandlung über einen Dichter des 16. Jahrhunderts. Ich zog um, brauchte Platz und war froh, als ich sie los war. Die Arbeit steht für fünf verschenkte Monate und liest sich so, wie ich mich beim Schreiben gefühlt habe. 68 Seiten Langeweile.
Eigentlich bin ich einmal zur Uni gegangen, weil ich gern gelesen und geschrieben habe. Heute weiß ich, dass das naiv war. Im Literaturstudium lernte ich zwar, dass es barbarisch ist, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, dass sich die Struktur der Öffentlichkeit gewandelt hat und Systeme selbstreferenziell sind. Wie man gut schreibt, habe ich jedoch nicht gelernt. Im Gegenteil: Ich habe sogar vergessen, dass ich das überhaupt einmal wollte.
Vielen meiner Freunde ging es so. Statt klares Deutsch zu schreiben, erlagen wir der »Faszination des Unverständlichen«. Die Formulierung stammt von Wolf Wagner, Professor für Sozialwesen in Erfurt, der in seinem Ratgeber Uni-Angst und Uni-Bluff heute beschreibt, wie die Uni intellektuelle Hochstapler heranzieht. Sie bluffen, weil sie Angst haben, sich zu blamieren, und drücken sich so kompliziert wie möglich aus, weil sie hoffen, dass ihre Leser komplex mit kompliziert verwechseln.
Das klingt dann so: »Die Applikation der Dialektologie im Bereich der Kulturraumforschung wie Volks- und Landeskunde basiert auf einer Adaption der diatopischen Betrachtungsweise und der damit verbundenen kartographischen Darstellungsverfahren sowie auf der hilfsdisziplinären Funktion dialektaler Erscheinungen im Rahmen kulturgeographischer Untersuchungen und führt generell zu einer Stützung kulturanthropologisch-geographischer Aussagen.« Alles klar?
Der emeritierte Professor für Wissenschaftstheorie, Helmut Seiffert, hat diesen Nullsatz in der Arbeit eines Sprachwissenschaftlers entdeckt, dessen Namen er gnädig verschweigt. Seiffert zitiert ihn in einem Aufsatz, der den schönen Titel Die Sprache der Wissenschaftler als Imponiergehabe trägt. »Imponiergehabe«, schreibt Seiffert, »ist ein Ausdruck aus der Verhaltensforschung. Man denkt etwa an einen Hahn im Hühnerhof.«
Wie die Hähne stolzieren viele Wissenschaftler über den Campus und plustern sich auf. Sie schreiben vor allem, um andere Wissenschaftler zu beeindrucken und für ihr Renommee. Das geht offenbar am besten mit Theoriegekrähe, das möglichst gewichtig klingt.
Das wäre nicht weiter dramatisch, würden viele Studenten nicht glauben, dass ihre Professoren und Dozenten recht haben. Sie glauben, dass nur der eine Eins in der Hausarbeit bekommt oder später zum Hiwi berufen wird, der seinem Professor nacheifert. Eine Generation überträgt den schlechten Stil an die nächste, so pflanzt er sich fort. Je weltferner und abgehobener, desto besser.
Dann klingen die Haus- und Diplomarbeiten an deutschen Hochschulen, als hätten alle ein Lehrbuch für Rhetorik gelesen und sich darauf geeinigt, die Ratschläge in ihr Gegenteil zu verkehren. Fremdwörter sind elitär? Ein Grund mehr, sie zu benutzen! Verben machen einen Text lebendig? Dann nehmen wir doch lieber Hauptwörter – zum Beispiel »Dekonstruktion«! Dazu noch Schachtelsätze und Satzgirlanden. Falls die Hausarbeit kryptisch geschrieben ist, vergeht dem Professor vielleicht die Lust, sie genau zu lesen. So steigen die Chancen, dass er nur schaut, ob sein Name im Literaturverzeichnis auftaucht, und sich dann zufriedengibt.
Sicher mag man einwenden, dass viele der heutigen Gedanken komplexe Sprache benötigen. Früher wurde der Wissenschaftler berühmt, der etwas Neues erfand und der sich bemühte, das große Ganze zu beschreiben. Heute widmen sich vor allem Geisteswissenschaftler immer kleinteiligeren Gedanken oder kauen Althergedachtes nach. So entstanden schwierige Theorien und Sprachgebäude.
In der Naturwissenschaft ist die Lage kaum anders. Theodore H. Savory, ein britischer Spinnenforscher, hat es einmal so formuliert: »Es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Wissenschaft in vielerlei Hinsicht der natürliche Feind der Sprache ist.« Klar, die Naturwissenschaft kann kaum ohne Fremdwörter auskommen. Es braucht Namen für die Phänomene der Teilchenphysik und der Spinnenwelt. Ein Grund, sich hinter klug klingenden Schachtelsätzen zu verstecken, ist das nicht.
Dass Komplexes nicht kompliziert sein muss, ist übrigens hinlänglich bewiesen. Es gibt Philosophen wie den mittlerweile verstorbenen Karl Popper, der sein Leben lang alles daransetzte, seine verzweigten Gedanken in einfache Botschaften zu verwandeln. Er wollte verstanden werden und verzichtete deshalb auf unnötige theoretische Ausführungen und Fremdwörter, die den Blick auf seine Gedanken verstellten.
Vielleicht hätte ich in den Vereinigten Staaten studieren sollen. Nicht dass es dort keine Wackelpudding-Sätze und Theorie-Gummiburgen gäbe, aber wenigstens müssen Studenten dort regelmäßig schreiben. Gerade am Anfang des Studiums hält man sie dazu an, jede Woche einen kleinen Essay zu verfassen. Der ist experimentell und persönlich, er will keine ewigen Wahrheiten verbreiten, sondern begibt sich auf eine Suche mit offenem Ende.
Kann schon sein, dass sich viele dieser Essays wie Hausarbeiten ohne Fußnoten lesen. Aber wenn sich die Studenten um eine klare Sprache bemühen, statt sich hinter Fremdwörtern zu verschanzen, beweisen sie mehr Mut, als ich ihn damals gezeigt habe. Unverständlichkeit erzeugt Gedanken-Amöben, die die Neugier fressen und intellektuelles Ödland hinterlassen. Dafür bin ich bestimmt nicht zur Uni gegangen.
Serge Debrebant, 34, hat in Bonn, Brest und Konstanz Romanistik und Germanistik studiert. Nach dem Examen hatte er fast verlernt, gerne Literatur zu lesen
- Datum 10.04.2009 - 11:12 Uhr
- Quelle ZEIT Campus, 18.02.2009
- Kommentare 22
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Also ich studiere Informatik und Mathematik, und kann das in diesem Artikel geschilderte überhaupt nicht nachvollziehen.
Von daher sollte man das lieber nicht verallgemeinern.
Ich habe für meinen Teil Chemie studiert und kann den Artikel, mit einigen Abstrichen, sehr wohl nachvollziehen,denn:
Weniger die Studentensprache ist kompliziert, sondern viel mehr die teilweise echt miesen deutschen Lehrbücher und die Bonsai-Francos an deutschen Unis.
Als Student mussten wir in unseren Seminaren zu jedem Laborpraktikum einen Vortrag halten.Mir ist nach wie der Satz eines Dozenten in Erinnerung geblieben den er einem Kommi an den Kopf warf:
"Entweder holen sie jetzt die Kuh vom Eis oder sie halten die Schnauze!"
-" In Folie zwölf komme ich auf das Problem näher zu sprechen."
"Kommen sie nachher in meine Sprechstunde, dann bereiten wir die Slideshow nochmal vor"
Der Inhalt war okay, verstanden hat er die Thematik auch, nur war der Kern des Vortrags komplett in History und Nebenschauplätzen eingebettet .
Die Ausbildung zu klarer Sprache und Präsentation wurde also großflächig ausgeübt, dennoch frage ich mich wieso die Lehrbücher nur von Komplexität strotzen.
Als ich mich für die organische chemische Dipl-Prüfung vorbereitet habe war ich beinahe verzweifelt. Im Gegensatz zur phys. und anorg. Chemie gibt es selten Momente wo es "So ist",denn jeder neue Reaktionstyp bedarf umfangreicher Erklärung. Man hat keine mathematische Basis wie in der physik. Chemie oder kann sich wie ein Festkörperchemiker auf die Diffusion verlassen (naja auch PC).
Dieses Teilgebiet, also die OC, habe ich mit dem damals brandneuen 'Clayden' mit viel Spaß am Lesen&Verstehen vorbereitet.
Der Clayden ist ein englischsprachiges Buch, dass mit wenigen Seiten viel erklären kann. In den deutschen Büchern wurde in einen Satz so viel Information "gekloppt" wie bei Clayden in drei und dadurch zu umständlich zu Lesen, zumindest unter Diplomsprüfungsdruck/Lampenfieber.
In meiner Studizeit habe ich mein Herz an Norwegen übers Erasmusprogramm verloren und war recht erstaunt das die Wissenschaft in "english teaching" Ländern um einiges lockerer ist. Nicht nur die Sprache war gut, sondern auch Der-Prof-ist-dein-Freund und das Mitarbeiter keine Feinde sind.
Ich habe mich immer gefragt ob das ein deutsches naturwissenschaftliches Problem ist?
Die Annahme, dass die Profilierungssucht der Naturwissenschaftler zum großen Teil aus frustrierten Ex-Schulhof verkloppten und aalglatten Karriereopfern besteht, die der Welt nun zeigen wollen wie toll sie alle sind, hat sich für mich auffallend oft bestätigt.
"Dazu noch Schachtelsätze und Satzgirlanden. [...] So steigen die Chancen, dass er (der Professor) nur schaut, ob sein Name im Literaturverzeichnis auftaucht, und sich dann zufriedengibt."
:)
... sogar schon vor neunzig Jahren.
Schauen Sie mal hier; da macht sich Albert Einstein diesbezüglich über Ludwig Bieberbach lustig (ich find jetzt leider nur die englische Übersetzung; im deutschen Original klingt's noch komischer).
Ich habe für meinen Teil Chemie studiert und kann den Artikel, mit einigen Abstrichen, sehr wohl nachvollziehen,denn:
Weniger die Studentensprache ist kompliziert, sondern viel mehr die teilweise echt miesen deutschen Lehrbücher und die Bonsai-Francos an deutschen Unis.
Als Student mussten wir in unseren Seminaren zu jedem Laborpraktikum einen Vortrag halten.Mir ist nach wie der Satz eines Dozenten in Erinnerung geblieben den er einem Kommi an den Kopf warf:
"Entweder holen sie jetzt die Kuh vom Eis oder sie halten die Schnauze!"
-" In Folie zwölf komme ich auf das Problem näher zu sprechen."
"Kommen sie nachher in meine Sprechstunde, dann bereiten wir die Slideshow nochmal vor"
Der Inhalt war okay, verstanden hat er die Thematik auch, nur war der Kern des Vortrags komplett in History und Nebenschauplätzen eingebettet .
Die Ausbildung zu klarer Sprache und Präsentation wurde also großflächig ausgeübt, dennoch frage ich mich wieso die Lehrbücher nur von Komplexität strotzen.
Als ich mich für die organische chemische Dipl-Prüfung vorbereitet habe war ich beinahe verzweifelt. Im Gegensatz zur phys. und anorg. Chemie gibt es selten Momente wo es "So ist",denn jeder neue Reaktionstyp bedarf umfangreicher Erklärung. Man hat keine mathematische Basis wie in der physik. Chemie oder kann sich wie ein Festkörperchemiker auf die Diffusion verlassen (naja auch PC).
Dieses Teilgebiet, also die OC, habe ich mit dem damals brandneuen 'Clayden' mit viel Spaß am Lesen&Verstehen vorbereitet.
Der Clayden ist ein englischsprachiges Buch, dass mit wenigen Seiten viel erklären kann. In den deutschen Büchern wurde in einen Satz so viel Information "gekloppt" wie bei Clayden in drei und dadurch zu umständlich zu Lesen, zumindest unter Diplomsprüfungsdruck/Lampenfieber.
In meiner Studizeit habe ich mein Herz an Norwegen übers Erasmusprogramm verloren und war recht erstaunt das die Wissenschaft in "english teaching" Ländern um einiges lockerer ist. Nicht nur die Sprache war gut, sondern auch Der-Prof-ist-dein-Freund und das Mitarbeiter keine Feinde sind.
Ich habe mich immer gefragt ob das ein deutsches naturwissenschaftliches Problem ist?
Die Annahme, dass die Profilierungssucht der Naturwissenschaftler zum großen Teil aus frustrierten Ex-Schulhof verkloppten und aalglatten Karriereopfern besteht, die der Welt nun zeigen wollen wie toll sie alle sind, hat sich für mich auffallend oft bestätigt.
"Dazu noch Schachtelsätze und Satzgirlanden. [...] So steigen die Chancen, dass er (der Professor) nur schaut, ob sein Name im Literaturverzeichnis auftaucht, und sich dann zufriedengibt."
:)
... sogar schon vor neunzig Jahren.
Schauen Sie mal hier; da macht sich Albert Einstein diesbezüglich über Ludwig Bieberbach lustig (ich find jetzt leider nur die englische Übersetzung; im deutschen Original klingt's noch komischer).
Ich finde auch, dass dieser Artikel unzulaessig verallgemeinert. Fuer die Studienfaecher Germanistik und Romanisktik mag zutreffen, dass Studenten dazu angehalten werden, so kompliziert wie moeglich zu schreiben und dafuer auch noch gut benotet werden.
So weit mein Einblick an die Ansprueche meiner Uni reicht, wird sehr darauf geachtet, dass jeder Schreiberling praezise und kurz (und in der entsprechenden Form!!) den Sachverhalt darstellt. Das wird verlangt und nix anderes! Interessanterweise faellt das ganz besonders den Bachelorstudenten schwer (und demoralisiert oder amuesiert grenzenlos denjenigen, der das ganze Geschreibsel benoten soll).
Zitat aus dem Artikel: "Wie die Hähne stolzieren viele Wissenschaftler über den Campus und plustern sich auf. Sie schreiben vor allem, um andere Wissenschaftler zu beeindrucken und für ihr Renommee."
Das ist totaler Quark. Als Wissenschaftler weiss man, dass man erst dann beeindruckt, wenn man komplizierte Zusammenhaenge einfach erklaeren und kleine Details ins Gesamtbild einfuegen kann. Wer sich durch komplizierte Wortwahl beeindrucken laesst, ist selber Schuld.
Wer seine Studien veroeffentlichen will, muss so einfach wie moeglich schreiben- schlicht und ergreifend deshalb, weil der Kollege Reviewer ansonsten ellenlange Kommentare und Fragen zurueckschickt oder man als Autor riskiert, dass das Manuskript rundweg abgelehnt wird.
Wer seine Studien veroeffentlichen will, muss so einfach wie moeglich schreiben- schlicht und ergreifend deshalb, weil der Kollege Reviewer ansonsten ellenlange Kommentare und Fragen zurueckschickt oder man als Autor riskiert, dass das Manuskript rundweg abgelehnt wird.
Mit ganz vielen Ausrufenzeichen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Gruessle,
pu
Wer seine Studien veroeffentlichen will, muss so einfach wie moeglich schreiben- schlicht und ergreifend deshalb, weil der Kollege Reviewer ansonsten ellenlange Kommentare und Fragen zurueckschickt oder man als Autor riskiert, dass das Manuskript rundweg abgelehnt wird.
Mit ganz vielen Ausrufenzeichen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Gruessle,
pu
So ganz von der Hand zu weisen ist Serge Debrebants provokante These nicht. Und auch das Gockelgehabe einiger KollegInnen ist treffend beschrieben.
Ich sehe im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften zwei Tendenzen: Es gibt die, die versuchen, klar und deutlich eine eigene These zu formulieren, gerne auch mit Hilfe ausgewählter theoretischer Konzepte; und es gibt die, die ihre eigenen Gedanken mit komplizierten Fremdwörtern und großartigen Theoriegebäuden aufzuwerten versuchen. Es hängt also vieles davon ab, auf wen man im Unialltag so trifft.
Ich kann allen StudentInnen nur wärmstens ans Herz legen, im verwirrenden Labyrinth der Denk-Möglichkeiten an der Uni konsequent ihren eigenen Weg zu verfolgen und sich nicht etwa, wie Serge Debrebant es recht drastisch formuliert hat, versauen zu lassen. Beim Schreiben von Hausarbeiten zum Beispiel sollte man sich immer mal wieder die eine große Frage stellen: Was will ich hier eigentlich sagen? Das hilft enorm, so banal das klingen mag.
In der Regel wissen auch die Professoren, die eine sichtliche Vorliebe für Fremdwörter haben, es zu schätzen, wenn sie einen unabhängigen Geist vor sich haben.
In den 'harten' Wissenschaften (Naturwissenschaften, Mathematik, Informatik) ist dieses Problem natürlich nicht so stark ausgeprägt. Die Ergebnisse sollten hier zumindest prinzipiell stringent reproduzierbar sein oder mathematische Beweise können formal verifiziert werden.
Nichtsdestotrotz gab es auch schon in diesen Wissenschaftszweigen ähnliche Vorfälle.
Ein Beispiel ist der sogenannte 'SCIgen-Generator' (http://pdos.csail.mit.edu...), der von Studenten als Übung zu sog. 'context-free grammars' programmiert wurde. Dieses Programm generiert etwas, was auf den ersten Blick wie ein Paper aus dem Bereich 'computer science' aussieht, aber nur mit reinem Humbug gefüllt ist. Es haben Leute schon mehrfach geschafft, ein SCIgen-Paper zu Konferenzen einzureichen und tatsächlich angenommen zu bekommen!
Dieses Beispiel ist natürlich eher humorig zu sehen. Leider nur teilweise witzig, denn dies gibt einen Hinweis auf einen viel tiefergehenden Mißstand in der heutigen Wissenschaft: Der unglaubliche Druck gegenüber dem man bestehen muß, um nicht im Kampf um begrenzte Forschungsmittel unterzugehen. Und es geht für viele Nachwuchswissenschaftler um die nackte berufliche Existenz, weshalb immer häufiger zweifelhafte Mittel zum Einsatz kommen.
Das führt leider häufiger als man glaubt dazu, daß z.B. Daten 'interpretiert' werden nur damit sie schnellstens 'publikationswürdig' werden; und daß teilweise Ergebnisse rundherum gefälscht werden. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Nur als Beispiel: Ich wurde von meinem Professor mehrfach mit scharfem, eindeutigem Tonfall dazu aufgefordert, daß ich mir eigentlich unbrauchbare Meßdaten 'doch nochmal anschauen solle...'. Ergebnis: Ein naturwissenschaftliches Konferenzpaper (Biophysik) mit sehr, sehr zweifelhaftem Inhalt, was aber trotzdem problemlos angenommen wurde, und bei der Präsentation ist auch niemandem aus dem Auditorium das geringste aufgefallen. Es gibt genügend Techniken auch im naturwissenschaftlichen, um Unsinn hinter Kompliziertheit zu verstecken. Ich habe die schwere Vermutung, daß so etwas häufiger vorkommt als man meint.
Ich möchte an so spektakuläre Vorkomnisse erinnern wie an den 'Fall Schön' in der Festkörperphysik. Herr Dr. Schön wurde schon als heißer Nobelpreiskandidat gehandelt, bis mehr durch Zufall herausgefunden wurde, daß er größtenteils frei erfundene Ergebnisse veröffentlicht hatte. Lange, viel zu lange hatte er es geschafft, die 'Scientific Community' mit völligem Blödsinn zu blenden; vielleicht auch deshalb weil seine Ergebnisse einfach zu toll waren, und diese Community sich hat blenden lassen wollen.
Das schlimme ist: Als ich damals von dem 'Fall Schön' hörte, hatte ich spontan Mitgefühl mit ihm. Das heisst nicht daß ich seine Taten befürworte; aber ich kann durchaus nachvollziehen warum er zum Betrüger wurde. Und viele Mitstudenten von mir hatten sich ähnlich geäußert. Zitat: "Dr. Schön? Ja, schlimm, nicht gut... aber irgendwie zu verstehen... "
Einfachheit ist das Resultat der Reife. Schade das viele noch nicht so weit sind.
Ich habe für meinen Teil Chemie studiert und kann den Artikel, mit einigen Abstrichen, sehr wohl nachvollziehen,denn:
Weniger die Studentensprache ist kompliziert, sondern viel mehr die teilweise echt miesen deutschen Lehrbücher und die Bonsai-Francos an deutschen Unis.
Als Student mussten wir in unseren Seminaren zu jedem Laborpraktikum einen Vortrag halten.Mir ist nach wie der Satz eines Dozenten in Erinnerung geblieben den er einem Kommi an den Kopf warf:
"Entweder holen sie jetzt die Kuh vom Eis oder sie halten die Schnauze!"
-" In Folie zwölf komme ich auf das Problem näher zu sprechen."
"Kommen sie nachher in meine Sprechstunde, dann bereiten wir die Slideshow nochmal vor"
Der Inhalt war okay, verstanden hat er die Thematik auch, nur war der Kern des Vortrags komplett in History und Nebenschauplätzen eingebettet .
Die Ausbildung zu klarer Sprache und Präsentation wurde also großflächig ausgeübt, dennoch frage ich mich wieso die Lehrbücher nur von Komplexität strotzen.
Als ich mich für die organische chemische Dipl-Prüfung vorbereitet habe war ich beinahe verzweifelt. Im Gegensatz zur phys. und anorg. Chemie gibt es selten Momente wo es "So ist",denn jeder neue Reaktionstyp bedarf umfangreicher Erklärung. Man hat keine mathematische Basis wie in der physik. Chemie oder kann sich wie ein Festkörperchemiker auf die Diffusion verlassen (naja auch PC).
Dieses Teilgebiet, also die OC, habe ich mit dem damals brandneuen 'Clayden' mit viel Spaß am Lesen&Verstehen vorbereitet.
Der Clayden ist ein englischsprachiges Buch, dass mit wenigen Seiten viel erklären kann. In den deutschen Büchern wurde in einen Satz so viel Information "gekloppt" wie bei Clayden in drei und dadurch zu umständlich zu Lesen, zumindest unter Diplomsprüfungsdruck/Lampenfieber.
In meiner Studizeit habe ich mein Herz an Norwegen übers Erasmusprogramm verloren und war recht erstaunt das die Wissenschaft in "english teaching" Ländern um einiges lockerer ist. Nicht nur die Sprache war gut, sondern auch Der-Prof-ist-dein-Freund und das Mitarbeiter keine Feinde sind.
Ich habe mich immer gefragt ob das ein deutsches naturwissenschaftliches Problem ist?
Die Annahme, dass die Profilierungssucht der Naturwissenschaftler zum großen Teil aus frustrierten Ex-Schulhof verkloppten und aalglatten Karriereopfern besteht, die der Welt nun zeigen wollen wie toll sie alle sind, hat sich für mich auffallend oft bestätigt.
"Dazu noch Schachtelsätze und Satzgirlanden. [...] So steigen die Chancen, dass er (der Professor) nur schaut, ob sein Name im Literaturverzeichnis auftaucht, und sich dann zufriedengibt."
:)
Als Beweis dafür, daß auch im naturwissenschaftlichen bis zum Anschlag geschwafelt wird, ein paar Links zu meiner Lieblings-Websatire 'Piled Higher and Deeper'. Viel Spaß!
"Deciphering Academese":
http://www.phdcomics.com/...
Eine praktische Vorlage für einen Abstract:
http://www.phdcomics.com/...
Der Beweis, daß man das berühmt-berüchtigte 'Buzzword Bingo' (http://de.wikipedia.org/w...) nicht nur mit Marketing- und Managergeschwafel spielen kann, sondern auch perfekt in einem wissenschaftlichen Seminar:
http://www.phdcomics.com/...
Wie man vernichtende Reviewer comments am besten pariert:
http://www.phdcomics.com/...
Und zu guter Letzt: Was passiert, wenn eine ganz normale Person von außerhalb des Fachgebietes versucht, eine Doktorarbeit zu lesen:
http://www.phdcomics.com/...
Eine gute Satire zeichnet sich dadurch aus, daß sie von der Realität eingeholt wird. Ich hatte den Fehler gemacht, einen nichtsahnenden, noch unverdorbenen Studenten auf PhDComics aufmerksam zu machen. Schon einige Tage später kam er völlig entgeistert auf mich zu und meinte, daß dieser Comic exakt sein derzeitiges Leben wiedergeben würde...
... sogar schon vor neunzig Jahren.
Schauen Sie mal hier; da macht sich Albert Einstein diesbezüglich über Ludwig Bieberbach lustig (ich find jetzt leider nur die englische Übersetzung; im deutschen Original klingt's noch komischer).
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren