Lehramtsstudium Trau keinem Pauker unter 30!

Immer mehr Gymnasien werben Studenten als Lehrkräfte an. Oft wissen die Schüler nicht, dass ihr Lehrer selbst noch lernt

Eigentlich ist es Cäcilie Steinschulte egal, ob Schüler Kaugummi kauen. Aber in der Französischstunde müssen alle Kaugummis raus. Es geht um die Frage, wer den Rest des Jahres den Ton angibt: sie – oder die Klasse. Cäcilie ist 22 Jahre alt und unterrichtet seit Anfang des Schuljahres eine achte und eine neunte Klasse an einem Bonner Gymnasium in Französisch. Sie benotet Klassenarbeiten, trägt Zuspätkommer und notorische Schwätzer ins Klassenbuch ein und entscheidet in der Lehrerkonferenz über Versetzungen.

»Manchmal wundert es mich, wie viel Macht und Verantwortung ich habe«, sagt sie – dabei bekommt Cäcilie an der Uni selbst noch Noten, lernt für Klausuren und hebt im Seminar brav die Hand, um sich zu Wort zu melden. Sie studiert Französisch und Geschichte auf Lehramt an der Uni Köln; der Lehrerjob ist für sie so etwas wie Zubrot und Berufspraktikum in einem.

Weil Lehrer knapp sind, stellen die Schulen immer öfter Studenten als Vertretungslehrer ein. In Krankheitsfällen etwa oder wenn sich nicht rechtzeitig voll ausgebildete Lehrer finden. Gedacht ist das als Zwischenlösung, doch oft werden die Stellen auf ein ganzes Schuljahr ausgeweitet. Wie viele Studenten deutschlandweit vor den Klassen stehen, weiß niemand: Die jeweiligen Kultusministerien delegieren die Auswahl der Lehrer weiter an die Schulleiter, die wiederum rekrutieren ehemalige Schüler und Praktikanten, machen Aushänge in den umliegenden Universitäten oder wenden sich direkt an die Fakultäten.

Wer Lehrer sein darf und wer nicht, diese Entscheidung wird eher lasch gehandhabt. Pädagogikscheine sind keine Bedingung, auch nicht eine Mindestzahl an Semestern. Allein der Schulleiter entscheidet, ob ein Student geeignet ist. Je nachdem, wie groß die Not ist, kann er sogar einen Mathematikstudenten einstellen, der gar nicht auf Lehramt studiert. Zustimmen muss dann nur noch die Bezirksregierung – eine Formalie, Hauptsache, der Unterricht fällt nicht aus.

Bei ihrer ersten Stunde hatte Cäcilie rote Wangen und feuchte Hände. Dass sie keine echte Lehrerin ist, hat sie ihren Schülern nie gesagt. »Damit sie nicht den Respekt verlieren.« Und neulich, am Elternsprechtag, war sie einfach »Frau Steinschulte«, die Französischlehrerin. Ungewohnt sei das schon, sagt sie, und anstrengend.

Sieben Stunden unterrichtet Cäcilie in der Woche, für 530 Euro im Monat. Statt an Seminararbeiten zu schreiben, sitzt sie oft im Lehrerzimmer und korrigiert Klassenarbeiten. Zum Glück ist ihr Hochschullehrer aber nicht so streng wie sie mit ihren Schülern. Wer bei Frau Steinschulte dreimal keine Hausaufgaben macht, muss nämlich Kuchen backen.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Lehrerknappheit führt wohl schon jetzt dazu Studenten die im Grunde selber noch Kinder sind, Aushilfslehrer zu sein? Und das weil keine Sau Lehrer werden will?.Traurige Realität im Bildungsland Deutschland.

  2. Naja, was heißt Kinder. Ich kenne durchaus jemanden, der mit 22 mit dem Lehramtsstudium fertig war. Es soll doch den einen oder anderen geben, der mit der Mindeststudiendauer hinkommt.

  3. Nicht unterschätzen sollte man für die Studierenden den Trainingseffekt, der ihnen mangels hinreichender Praxisbezogenheit des Studiums so geboten wird. Leider bleibt der Unterricht mangels Begleitung unreflektiert, aber Schülerinnen und Schüler sind auch kein schlechter Indikator für Unterrichtserfolg und -versagen. Unser letzter Student war durchaus eine Bereicherung. Leider konnte er natürlich nur kurzfristig einspringen.

  4. Wie sagte mein Professor immer so schön? Junge Leute müssen ausgebildet werden, Fehler hin oder her.

    • Timo K
    • 17.04.2009 um 7:10 Uhr

    Schlimmer als die Kombination Gruppenarbeit und Referate kann das auch nicht sein.
    Naja, steter Tropfen höhlt den Stein, auf Wiedersehen Abitur.
    Ach, Du bist ja schon seit gut 10 Jahren weg.

  5. Es freut mich, dass Öffentlichkeit hergestellt wird in Bezug auf den Personalnotstand in einigen Fächern an vielen deutschen Schulen.
    Schulleiter werden immer mehr im Stich gelassen. Immer häufiger stellt sich die Frage, ob Unterricht in Mathematik einfach gestrichen wird (auch in der Hoffnung Eltern ins Boot zu holen) oder ob arbeitslose Wirtschaftsmathematiker oder Maschinenbauer geholt werden. Daneben glänzt fast schon die Alternative motivierte Studierende zu engagieren. Übrigens gibt es in jedem Leistungskurs einen Schüler, der nach seinem Abitur einen Grundkurs besser übernehmen könnte aufgrund von Fachwissen und natürlichem Talent als viele Quereinsteiger. Aber leider haben diese potentiellen Lehrer etwas Besseres zu tun.

  6. Typisch deutsch ist wieder folgende Tatsache: Da werden händeringend Lehrer gesucht, ein Seiteneinstieg als "Nicht-Lehrer" zwar ermöglicht, aber extrem erschwert; vor allem in die "heilige Kuh" Sekundarstufe II.
    Beispiel: Auch wenn ein promovierter Diplombiologe schon seit Jahren Studenten an der Uni Biologie lehrt (Alter der Studenten ab 19 Jahre), darf er als Seiteneinsteiger nur Schüler der Sekundarstufe I unterrichten (und das auch nur in Ausnahmefällen und nach einer entsprechend unterbezahlten Ausbildung). Das heißt also, bis 16 Jahre - Ok, zwischen 16 und 19 - No, ab 19 Ok. Versteht das jemand? Begründet wird dies mit dieser "speziellen pädagogischen Befähigung", die man benötigt. Als ob irgendeine pädagogische, schwerpuntsmäßig theoretische Ausbildung einen jungen Uni-Abgänger den Umgang mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen erleichtert!! Dazu kommt noch, dass der Staat für den Seiteneinstieg eine Altersgrenze (meist zwischen 40 und 42 Jahren) setzt (Verstoß gegen das neue Antidiskriminierungsgesetz?). Viele hochqualifizierte Diplomler würden gerne an Schulen unterrichten; der Staat hat da aber wieder enorme Hürden gesetzt oder es unmöglich gemacht. Wieder ein gutes Beispiel, wie der Ausweg aus einer Misere verbaut wird!

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    also diskriminierung würde ich nicht meinen, es geht - vermutlich - um die altersgrenze für verbeamtungen, eine solche müsste ja - vermutlich aus formaljuristischen gründen - auch dem quereinsteiger zumindest als "möglichkeit" angeboten werden, also: er kommt mit 42, will vielleicht ins referendariat, danach ist er/sie - weil mit mangelfach-bonus versehen? - 43, 43,5 - und muss dann bis 45 verbeamtet sein, wozu sie/er unter günstigsten (bonus-)bedingungen noch mal 1-1,5 jahre braucht... dabei ist aber nicht eingeplant, dass "normale" laufbahn-kollegInnen gegen die bonus-regelungen klagen - und diese klagen wird es geben, das ist sicher, gerne auch wg. "diskriminierung"...

    die andere altersgrenze (16-19) muss gründe haben - vermutlich auch hier juristische probleme wg. abitur. ein philosophie-lehrer mit "halber fakultas" darf auch keinen leistungskurs in der oberstufe haben - er darf aber die MÜNDLICHE abitur-prüfung für grundkurs-schülerInnen abnehmen (wird nach bundesland verschieden sein) - WEIL, so vermute ich, die schülerInnen das RECHT haben, nur von voll ausgebildeten lehrerInnen ("voll-fakultas") geprüft zu werden. und diese voll-fakultas hängt nun einmal an dem studiengang und der ist eben KEIN diplom-studiengang...

    vielleicht hat bei dem erwähnten typus "promovierter dipl.-biologe" jemand die leise befürchtung, dass an den schulen, in den sek. II, demnächst vermehrt solche "promov. dipl.-biol." auftauchen, die an der uni nicht reüssierten - warum auch immer. und das geht nun gar nicht, dass schulen/sek. II zur sinekure oder "rückfallposition" für - gewiss grundsätzlich qualifizierte und interessante - zeitgenossen/-innen werden, die erst mal geguckt haben, was sich in uni und wirtschaft tut... wie sich solche in einer alteingesessenen fachschaft wohlfühlen werden, muss man sehen...

    man sollte nicht vergessen, dass der betriebsfrieden - sofern noch vorhanden - in einem kollegium schwer gestört werden KÖNNTE, wenn quereinsteiger wg. mangelfach ratz-fatz verbeamtet bzw. befördert werden, während nicht-mangelfächler, die sich in den orchideenfächern deutsch, sprachen usw. krumm und krank korrigieren, gar nicht oder nur zögerlich befördert werden...

    schließlich muss ja der "seiteneinsteiger" geschützt werden - z.b. vor klagefreudigen eltern, die bei evtl. schlechteren noten diese auf den quereinstieg zurückführen KÖNNTEN und entsprechende klageversuche unternehmen.
    es müsste sich mal jemand durch das gestrüpp der jeweils aktuellen abitur-prüfungsordnungen samt den daran hängenden aktuellen rechtsprechungen verschiedener verwaltungsgerichte arbeiten, da lauert garantiert manche überraschung...

    gruß

    • elover
    • 17.04.2009 um 22:46 Uhr

    Wir haben mehrere Quereinsteiger, die nur deshalb bei uns gelandet sind, da sie im "normalen" Berufsleben mehr oder weniger gescheitert sind. Wenn deren Unterricht z. B. um 15:00 Uhr endet, sind 75 % spätestens um 15:05 Uhr aus der Schule verschwunden. Dafür verwenden sie viel Zeit darauf, zu kontrollieren, ob sie eineStudne mehr als andere zusätzlich arbeiten müssen, z. B. Vertretung...
    Im vorherigen Leben hätten diese genau solch ein Verhalten am stärksten kritisiert.
    Trotz zweijähirger Vorbereitungsphase ohne jeglichen Druck besteht der Unterricht aus Tafelanschrieben, die aus Schulbüchern einfach abgeschrieben wurden. Falls jemand dies kritisiert, heißt es, das Erstellen eines Arbeitsblattes wurde uns nie gezeigt (uns zwar auch nicht, aber im Referendariat wurde dies trotzdem verlangt und auch benotet). Und das Beste war, dass die Quereinsteiger von unseren "normalen" Referendaren unterstützt und mit Unterlagen versorgt wurden und fast das Doppelte verdient haben und auch noch die Garantie hatten, an der Schule mindest weitere fünf Jahre zu bleiben. Ich bewundere bis heute unsere Referendare, dass diese mitgespielt haben...

    also diskriminierung würde ich nicht meinen, es geht - vermutlich - um die altersgrenze für verbeamtungen, eine solche müsste ja - vermutlich aus formaljuristischen gründen - auch dem quereinsteiger zumindest als "möglichkeit" angeboten werden, also: er kommt mit 42, will vielleicht ins referendariat, danach ist er/sie - weil mit mangelfach-bonus versehen? - 43, 43,5 - und muss dann bis 45 verbeamtet sein, wozu sie/er unter günstigsten (bonus-)bedingungen noch mal 1-1,5 jahre braucht... dabei ist aber nicht eingeplant, dass "normale" laufbahn-kollegInnen gegen die bonus-regelungen klagen - und diese klagen wird es geben, das ist sicher, gerne auch wg. "diskriminierung"...

    die andere altersgrenze (16-19) muss gründe haben - vermutlich auch hier juristische probleme wg. abitur. ein philosophie-lehrer mit "halber fakultas" darf auch keinen leistungskurs in der oberstufe haben - er darf aber die MÜNDLICHE abitur-prüfung für grundkurs-schülerInnen abnehmen (wird nach bundesland verschieden sein) - WEIL, so vermute ich, die schülerInnen das RECHT haben, nur von voll ausgebildeten lehrerInnen ("voll-fakultas") geprüft zu werden. und diese voll-fakultas hängt nun einmal an dem studiengang und der ist eben KEIN diplom-studiengang...

    vielleicht hat bei dem erwähnten typus "promovierter dipl.-biologe" jemand die leise befürchtung, dass an den schulen, in den sek. II, demnächst vermehrt solche "promov. dipl.-biol." auftauchen, die an der uni nicht reüssierten - warum auch immer. und das geht nun gar nicht, dass schulen/sek. II zur sinekure oder "rückfallposition" für - gewiss grundsätzlich qualifizierte und interessante - zeitgenossen/-innen werden, die erst mal geguckt haben, was sich in uni und wirtschaft tut... wie sich solche in einer alteingesessenen fachschaft wohlfühlen werden, muss man sehen...

    man sollte nicht vergessen, dass der betriebsfrieden - sofern noch vorhanden - in einem kollegium schwer gestört werden KÖNNTE, wenn quereinsteiger wg. mangelfach ratz-fatz verbeamtet bzw. befördert werden, während nicht-mangelfächler, die sich in den orchideenfächern deutsch, sprachen usw. krumm und krank korrigieren, gar nicht oder nur zögerlich befördert werden...

    schließlich muss ja der "seiteneinsteiger" geschützt werden - z.b. vor klagefreudigen eltern, die bei evtl. schlechteren noten diese auf den quereinstieg zurückführen KÖNNTEN und entsprechende klageversuche unternehmen.
    es müsste sich mal jemand durch das gestrüpp der jeweils aktuellen abitur-prüfungsordnungen samt den daran hängenden aktuellen rechtsprechungen verschiedener verwaltungsgerichte arbeiten, da lauert garantiert manche überraschung...

    gruß

    • elover
    • 17.04.2009 um 22:46 Uhr

    Wir haben mehrere Quereinsteiger, die nur deshalb bei uns gelandet sind, da sie im "normalen" Berufsleben mehr oder weniger gescheitert sind. Wenn deren Unterricht z. B. um 15:00 Uhr endet, sind 75 % spätestens um 15:05 Uhr aus der Schule verschwunden. Dafür verwenden sie viel Zeit darauf, zu kontrollieren, ob sie eineStudne mehr als andere zusätzlich arbeiten müssen, z. B. Vertretung...
    Im vorherigen Leben hätten diese genau solch ein Verhalten am stärksten kritisiert.
    Trotz zweijähirger Vorbereitungsphase ohne jeglichen Druck besteht der Unterricht aus Tafelanschrieben, die aus Schulbüchern einfach abgeschrieben wurden. Falls jemand dies kritisiert, heißt es, das Erstellen eines Arbeitsblattes wurde uns nie gezeigt (uns zwar auch nicht, aber im Referendariat wurde dies trotzdem verlangt und auch benotet). Und das Beste war, dass die Quereinsteiger von unseren "normalen" Referendaren unterstützt und mit Unterlagen versorgt wurden und fast das Doppelte verdient haben und auch noch die Garantie hatten, an der Schule mindest weitere fünf Jahre zu bleiben. Ich bewundere bis heute unsere Referendare, dass diese mitgespielt haben...

  7. voraussetzung: an einer schule brauchen wir ungefähr: ein drittel junge, ein drittel mittlere, ein drittel alte hasen. diese einteilung ist an den meisten schulen perdü.

    lehramtsstudenten - gerne! fragt sich allerdings, ob es genug kollegInnen gibt, die sich um diese "neulinge" kümmern können, da gibt es z.T. reichlich beratungsbedarf, vor allem, wenn eltern der meinung sind, den "jungspund" weichklopfen zu können.

    lehramtsstudent/-Innen sind wohl besser als "quereinsteiger" (irgendwie klingt das sofort so ungeheuer positiv, sowie "querdenker") - es gibt wohl etliche erfahrung mit QE's, die nach 2-3 monaten schreiend den laden verlassen, weil sie sich das SO stressig nicht vorgestellt hatten...

    wogegen sich etliche kolleg-/-Innen wehren? es besteht die befürchtung, dass mit zunehmender zahl an im unterricht eingesetzten studentInnen und praktikantInnen eine schleichende entwertung des vollausgebildeten paukers einsetzt: "da seht ihr, es geht auch billiger!" - tatsächlich aber muss die angestammte besatzung einer schule alles daransetzen zu verhindern, dass die jungen kollegInnen nicht in kürzester zeit verheizt werden. das bedeutet aber - wieder und zum x-ten male - unbezahlte mehrarbeit, beratungsbedarf - ew reicht eben nicht (immer), dem "jungen hasen" mal eben per email 2 GB an "bewährtem" unterrichtsmaterial rüberzuschieben...

    berufserfahrene QE's sollten, wenn sie eingesetzt werden, auf jeden fall und fairer Weise 1-2 monate suce (und mit hilfe von zunächst herzustellenden schriftlichen unterlagen) vorbereitet und eingeführt werden, die müssen - wie die jungen kollegInnen - einfach ganz klar wissen, wo die fallstricke und vor allem die juristischen probleme (notengebung!) des lehrerberufes stecken; dazu gehört aber auch, wenn sie im schulbetrieb arbeiten - ein supervisions-ANGEBOT (à la "anonyme paidagroggies") und volle rückendeckung durch die schulleitung.

    gruß

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  • Quelle DIE ZEIT, 15.04.2009 Nr. 03
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