Bologna-Prozess

Studenten im Punktefieber

An den Hochschulen wird viel über die neuen Studiengänge geschimpft. Mittlerweile sehen selbst Bildungspolitiker Nachbesserungsbedarf

Äffchenschule. Das ist ein Wort, das Alexandra Ivanova, 20, gern benutzt, wenn sie von ihrem Bachelorstudium erzählt. So nennt sie es, wenn sie mit 50 Kommilitonen vor Klausurcomputern hockt und auswendig gelernte Antworten anklickt. Oder wenn sie wie angeleint im Japanologie-Seminar sitzt und täglich Stotterreferate von Kommilitonen hören muss, weil im Bachelorstudium Anwesenheitspflicht herrscht. Oder wenn ein Dozent ein lange vorbereitetes Gruppenreferat absagt und keiner von ihren Kommilitonen – den »Ja sagenden Äffchen« – Einspruch erhebt. Alexandra Ivanova ist wütend. Auf das deutsche Bachelorstudium. Auf Politiker, die Kritik nicht hören wollen. Und auf die Kommilitonen, die nicht gegen die Situation aufbegehren.

Fragt man Ivanova, was im Bachelorstudium schiefgeht, dann öffnet sie ihre linke Hand und zählt die Probleme an ihren Fingern ab. Ihr Zeigefinger, das sind die Kreditpunkte, die die Studenten sammeln wie Supermarktkunden ihre Rabattmärkchen. Will Ivanova mit einem bestimmten Seminar Punkte sammeln, muss sie erst im Studienverlaufsplan nachsehen, ob sie das darf, selbst entscheiden darf sie nicht. Ihr Mittelfinger, das ist der Notendruck – jede Note zählt für die Endnote, wer sich im ersten Semester seinen Schnitt verdirbt, findet sechs Semester später keinen Masterstudienplatz. Ihr Ringfinger, das ist die Oberflächlichkeit der Module, die eine intellektuelle Magersucht verursacht – »Bulimie-Learning« nennt das Ivanova, wenn sie Hunderte Manuskriptseiten für Klausuren memoriert und schon eine Woche später wieder vergessen hat. So spricht sie weiter, Finger für Finger, eine ganze Stunde lang.

Gespräche wie das mit Alexandra Ivanova kann man in ganz Deutschland führen. An allen großen Hochschulen kritisieren Studentenvertreter die Reform, für Juni sind bundesweit Demonstrationen geplant. In Göttingen stürmt ein Aktionsbündnis aus wütenden Studenten regelmäßig Vorlesungen mit Transparenten und Sprechchören. An den Kiosken liegen Zeitungen mit Überschriften wie: Der Bachelor-Bluff (taz), Die Mogelpackung (Süddeutsche Zeitung), Erst nur schlucken, gedacht wird später (FAZ). Im März musste sich Bildungsministerin Annette Schavan im Bundestag bereits scharfe Fragen der Opposition gefallen lassen. Und im StudiVZ hat die Gruppe »Ich bin Bachelor und schreibe gerne 37 Klausuren in fünf Tagen« schon 8000 Mitglieder.

Wut und Enttäuschung – solche Gefühle sollte es im Bachelorstudium eigentlich nicht geben, im Gegenteil. Als Europas Bildungsminister die Reform 1999 beschlossen, hatten sie beste Absichten: Schluss mit dem Chaos-Studium der Vergangenheit – mit seinen oft willkürlichen Noten, unsinnigen Studienverläufen und ratlosen Studenten. Stattdessen sollte alles besser werden. Kosmopolitischer sollten die Studenten werden – ein Auslandssemester sollte in jedem Lebenslauf der Standard sein. Mehr Praxis wollte man ihnen vermitteln – damit aus Absolventen qualifizierte Berufseinsteiger würden und nicht Dauerpraktikanten. Mehr Betreuung war geplant. Mehr Vergleichbarkeit. Mehr Effizienz. Weniger Studienabbrecher. Es war ein großer politischer Traum, voll verwegener Hoffnung. Der Zehnjahresplan für eine bessere Hochschulwelt. Heute, im zehnten Jahr des real existierenden Bachelorismus, ist keines der Versprechen von 1999 eingelöst worden.

1. Einfacher sollten Auslandssemester werden – durch ein europaweit anerkanntes System aus Kreditpunkten. In der Realität erkennen viele Unis die Punkte anderer Hochschulen nicht an, mit dem Argument, die Leistungsanforderungen seien zu unterschiedlich. Zudem haben viele Hochschulen ihre Bachelor- lehrpläne so eng geplant, dass keine Auslandsaufenthalte möglich sind. Bachelorstudenten gehen deshalb seltener ins Ausland als andere: Laut Hochschul-Informations-System (HIS) machen nur 15 Prozent von ihnen ein Auslandssemester. Im Diplomstudium sind es 24, im Magisterstudium sogar 34 Prozent.

2. Die Betreuung sollte besser werden. In Wirklichkeit fühlen sich laut dem Studienqualitätsmonitor 2008 des HIS die Bachelorstudenten nicht besser betreut als Studenten der alten Studiengänge. Dass die Professoren sehr gut oder gut erreichbar seien, sagen an Universitäten nur rund 58 Prozent der Studenten, egal, ob sie auf Bachelor studieren oder nicht.

3. Straffer sollte das Studium werden . Das wurde es auch, allerdings so straff, dass Studenten wie Clemens Lockner, 21, schon im ersten Semester erwägen, ihr Studium abzubrechen. »Sechs Klausuren in einer Woche, vollgestopfte Wochenpläne, Blockseminare am Samstag, es ist alles zu viel«, sagt der Lüneburger BWL-Student. Statt Lehrpläne auszumisten, pressten viele Hochschulen den Diplomstoff aus acht Semestern einfach in sechs und nannten das Ergebnis Bachelor. Was Studenten heute fehlt, sind die kleinen Freiräume; die Zeit, sich an der Uni zu orientieren oder Nachhilfe zu nehmen, wenn das Abi-Wissen nicht reicht.

4. Weniger Studienabbrecher sollte es eigentlich geben. Auch weil die Stundenpläne so vollgestopft wurden, sind mit der Einführung des Bachelors die Abbrecherquoten aber um rund vier Prozent gestiegen, wie es im aktuellen Bildungsreport der Bundesregierung heißt. Zwar zweifeln Experten an der Aussagekraft dieser Zahlen, weil Fächer mit niedrigen Abbrecherquoten (Jura, Medizin) noch nicht reformiert sind und so den Schnitt verzerren. Und in manchen Geisteswissenschaften haben sich die Abbrecherquoten sogar verringert. Gerade im Technikbereich aber hat sich die Lage deutlich verschlechtert. »In Maschinenbau und Elektrotechnik an Fachhochschulen sind die Abbrecherzahlen deutlich gestiegen – sogar auf über 30 Prozent«, sagt der HIS-Experte Ulrich Heublein, »die Ursache dafür ist eindeutig die Einführung des Bachelors«.

5. Bessere Berufschancen wurden den Bachelorstudenten versprochen – durch mehr Praxisbezug und ein schnelleres Studium. In der Tat haben viele Absolventen Vorteile: Wer früher zu einem langen Magisterstudium gezwungen wurde, kann heute schon nach sechs Semestern auf den Arbeitsmarkt. Allerdings hat dort nur ein Masterabschluss denselben Wert wie früher ein Diplom- oder Magisterzeugnis. In einer Umfrage der Universität Freiburg sagten von 627 Unternehmen nur die Hälfte, dass Bachelorabsolventen gleiche Chancen haben wie bisherige Akademiker. Wenn alle Absolventen nach ihrem Bachelorstudium die Option auf einen Masterplatz hätten, wäre das unproblematisch – haben sie aber nicht. Die Hochschulen lassen oft nur ein Drittel der Absolventen zum Masterstudium zu. Sie sparen durch das kürzere Studium Geld, viele Studenten aber finden diese Begrenzung ungerecht.

Wer solche Fakten anschaut, muss den Bachelor für ein missglücktes Experiment deutscher Hochschulgeschichte halten. Es gibt aber auch eine freundlichere Sicht der Dinge. Die Befürworter der Reform antworten auf jeden der fünf Kritikpunkte mit einem »Zugegeben« und einem »Aber«.

Zugegeben, sagen sie, viele Bachelorstudiengänge eigneten sich nicht für Auslandssemester. Aber dann könnten die Studenten ja nach dem Abschluss ins Ausland gehen. Zugegeben, die Betreuung habe sich nicht verbessert, aber sie sei auch nicht schlechter geworden. Zugegeben, Bachelorabsolventen hätten schlechtere Berufschancen als Diplomabsolventen, aber das Diplom entspreche ja auch dem Master, nicht dem Bachelor. Zugegeben, die Abbrecherzahlen seien in technischen Fächern gestiegen, aber in den Geisteswissenschaften seien sie gesunken. Zugegeben, es gebe Ecken und Kanten, aber mit der Zeit schliffen sie sich ab; keine Reform sei perfekt. »Das muss sich einpendeln«, sagt zum Beispiel Andreas Pinkwart, der Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, und lächelt freundlich. So verteidigen die Bachelor-Befürworter ihre Reform. Und für sich genommen sind ihre Argument auch wahr. Allerdings nicht aus der Sicht der Studenten.

Es stimmt schon: Studenten können nach dem Bachelor ins Ausland gehen, aber dann bekommen sie kein Auslands-Bafög, kein Erasmus-Stipendium und haben als Nichtstudenten bürokratische Probleme an der Auslandshochschule. Sicher ist die Betreuung nicht schlechter geworden, aber das Versprechen war ja, sie zu verbessern. Natürlich haben Masterabsolventen weiterhin die gleichen Berufschancen wie Diplomstudenten, aber nicht alle Studenten werden für das Masterstudium zugelassen. Es stimmt, die Abbrecherquoten sind in manchen Fächern gesunken, aber das beschönigt nicht eine Steigerung in anderen. Mag sein, dass sich Probleme »einpendeln«, aber wer heute studiert, profitiert nicht von Lösungen, die in der Zeit nach seinem Abschluss gefunden werden. Er braucht die Lösung in diesem Semester. »Der Schaden ist bei den Studenten. Denen möchte ich nicht in fünf Jahren sagen: Ihr habt in einer ganz unglücklichen Reformphase studiert und seid jetzt leider minderqualifiziert«, sagt Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands (DHV), gewissermaßen der Gewerkschaft der Professoren.

Geht es um den Bachelor, wird oft über leblose Zahlen und Statistiken diskutiert, bonbonfarbene Graphen und Tortenstücke auf Papier. Insgesamt sind es 60000 Bachelorstudenten, die ins Ausland gegangen wären, hätten sie auf Diplom oder Magister studiert. Aber was heißt das schon? Fassbar werden die Probleme erst im Einzelfall – zum Beispiel im Fall Ölçüm.

Gülseren Ölçüm, 24, ist eine Orientalistik-Studentin der FU Berlin, die für zwei Semes- ter in London studieren wollte. Normalerweise wäre das keine große Sache, in Ölçüms Fall aber schon, denn sie ist Bachelorstudentin – und da fangen die Probleme an. Ein Auslandssemester? So etwas ist in ihrem Orientalistik-Studium nicht vorgesehen, der straffe Studienverlaufs- plan lässt längere Abwesenheit nicht zu. Wer trotzdem ein Semester fehlt, muss anschließend ein Semester warten, bis die Module, die er verpasst hat, wieder auf dem Stundenplan stehen – als würde man Orientalistik-Studenten für ihr Interesse an fernen Ländern bestrafen wollen. Für Ölçüm hätte das bedeutet: Sie verbringt das fünfte Semester in London, tut im sechsten nichts und holt im siebten ihre Module nach. »Reine Zeitverschwendung«, sagt sie. Trotzig packt sie ihre Koffer und fliegt dennoch nach London. Dort angekommen, beginnt sie, sich zu wehren. Es fliegen E-Mails hin und her – zwischen Ölçüm in London und der Universität in Berlin, dem Erasmus-Büro, dem Asta und ihrem Professor. Am Ende werden Ölçüm trotzdem nur zwei von vier Londoner Kursen anerkannt, 30 verlorene Kreditpunkte sind das, umgerechnet 900 Stunden, die Ölçüm auch im Hyde Park hätte verbringen können statt am Schreibtisch und im Hörsaal. »Es gibt überhaupt keine klaren Regeln für die Anerkennung ausländischer Kreditpunkte! Ich fühle mich wie ein Versuchskaninchen in dieser Reform«, sagt sie. Kinderkrankheiten, könnte man meinen, Ölçüms Jahrgang ist ja erst der zweite Bachelor-Jahrgang – doch unflexible Lehrpläne sind auch anderswo ein Problem. »Die Modularisierung hat generell zu einer Verdichtung der Lehrpläne geführt. Da gibt es für viele nicht mehr die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen«, sagt Erich Thies, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz (KMK), deren Wissenschaftsminister für die Einführung des Bachelorstudiums verantwortlich sind.

Selbst schuld, wer mitten im Studium ins Ausland will, sagt Jörg Dräger, der Geschäftsführer der Bildungs-Denkfabrik Centrum für Hochschulentwicklung (CHE): »Das Auslandssemester gehört nicht in das Bachelorstudium, sondern in die Zeit danach.« Für Studenten wie Ölçüm aber ist das keine Option, sie ist auf Auslands-Bafög und Erasmus-Stipendium angewiesen. »Ohne das könnte ich mir das Auslandsjahr nicht leisten.«

Schlimmer als Ölçüm trifft es alle, die ihr Studium wegen der Bachelorprobleme ganz abbrechen. Clemens Lockner, Erstsemester BWL an der Uni Lüneburg, denkt manchmal schon darüber nach. Sein Problem sind die straffen Lehrpläne, sie lassen ihm keine Verschnaufpausen. Er kann nicht denken, nicht entspannen, sogar seinen Job im Klamottengeschäft musste er aufgeben. Jetzt lebt er vom Kindergeld. Fragt man Lockner nach Rückschlägen, fallen ihm viele Beispiele ein. Die Statistikklausur, in der er durchgefallen ist. Die Hausarbeit, die von der Professorin nicht angenommen wurde. Das Referat, das der Professor nicht akzeptabel fand. Lockners Geschichte ist die von einem, der nicht sicher ist, ob er zum Akademiker taugt. Niemand kann sagen, ob in seinem Fall das Bachelorstudium schuld ist, denn das alte Studium gibt es nicht mehr, und Lockner hat nur dieses eine Leben. Fragt man ihn aber, was er denkt, antwortet er: »Es ist nicht der Stoff, der mich überfordert, sondern der Zeitmangel. Mir fehlt die Ruhe, mich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen.« Er will seinen eigenen Lernrhythmus finden und es nächstes Semester an einer anderen Universität probieren. Wenn das nichts wird, will er hinschmeißen – endgültig.

Clemens Lockners Erfahrungen werden von Bildungsexperten bestätigt. »Durch zu dichte Studienpläne können sich die Abbrecherquoten erhöhen – gerade in den technischen Fächern«, sagt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel. Studentenvertreter finden deutlichere Worte: »Die überladenen Studienpläne müssen umgehend auf ein sozial verträgliches und studierbares Maß reduziert werden«, sagt Sarina Schäfer, Vorstandsmitglied des Dachverbandes der Studierendenvertretungen. Auch Jörg Dräger dringt auf eine »Entrümpelung des Curriculums«.

Es sind nicht allein Studenten, die das Bachelorstudium kritisieren, selbst die einstigen Verfechter der Reform räumen heute Fehler ein. »Es gibt Umsetzungsdefizite, wir müssen die Reform weiterentwickeln«, sagt Jörg Dräger, der das Bachelorstudium gewöhnlich gegen alle Angriffe verteidigt. »In Deutschland ist die Reform im ersten Anlauf nicht optimal gelungen«, gibt sogar Terence Mitchell zu, der als Bologna-Promoter jahrelang im Auftrag der EU-Kommission für diese Hochschulreform in ganz Europa Werbung machte. »Die Ziele der Reform waren erstrebenswert, aber bei der Umsetzung muss nachgebessert werden«, bestätigt auch Margret Wintermantel. Und der DHV-Präsident Bernhard Kempen sagt schlicht: »So wie das in Deutschland umgesetzt wurde, ist die Reform gescheitert. Punkt.«

Eigentlich klingt das nach Konsens. So, als seien sich alle einig, dass das Bachelorstudium besser werden muss. Dass die Reformziele gut waren, bislang aber nicht erreicht wurden. Und dass die lange hochgelobte Hochschulreform nun selbst reformbedürftig ist, noch vor Ende der Zehnjahresfrist. Doch fragt man Bildungsexperten, wer die Misere beheben soll, tut sich ein großer Graben auf: Die Bildungspolitiker stehen auf der einen, die Hochschulen auf der anderen Seite. Die Hochschulen sagen, die Politik habe Schuld, zu strikt seien die Vorgaben zur Gestaltung der Studiengänge, zu groß sei der Geldmangel, denn der Bachelor sei 15 Prozent teurer als Magister oder Diplom. Die Politiker sagen, die Hochschulen seien schuld – zu passiv seien sie in der Lösung der Probleme vor Ort. Der Schwarze Peter wird reihum gereicht – sogar auf dem Campus: »Die Studenten geben den Dozenten die Schuld an den Problemen, die Dozenten beschuldigen die Studenten, sich zu wenig gegen die Missstände zu wehren«, sagt Alexandra Ivanova. Fragt sich: Wer hat die Bachelor-Versprechen eigentlich gebrochen? Wer traut Ivanova keine Freiheit zu? Wer überfordert Lockner mit sechs Klausuren pro Woche? Wer erkennt nur zwei von Ölçüms Londoner Kursen an? Bei Ivanova war es die Universität Frankfurt, die ihren Studiengang zu schulisch konzipiert hat. Bei Lockner war es die Universität Leuphana, deren Lehrpläne zu straff sind. Und bei Ölçüm waren es die Professoren, die ausländische Kreditpunkte nicht anerkennen.

 
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Leser-Kommentare

    • 22.04.2009 um 10:42 Uhr
    • Rudi09

    "Notendruck"? Dass jede Note ab dem 1. Semester fuer den Abschluss zaehlt?

    Ich sehe es tagtaeglich von der anderen Seite: Bachelorstudenten, die ueberhaupt gar nichts lernen im ersten Jahr, weil die Noten nicht fuer den Abschluss zaehlen. Egal, wie man versucht, den Studenten was beizubringen- es geht zu einem Ohr rein, zum anderen wieder raus. Es ist extrem frustrierend, wenn man Laborberichte durchschauen und feststellen muss, wie wenig sich die Studenten mit der Materie befassen (von "verstehen" oder "reflektieren" sprechen wir mal gar nicht!).

    Ich bin der Meinung, dass ein gewisser Notendruck gut ist, sonst kommt kein Student in die Poette und befasst sich mit dem Lehrstoff!
    Ich beglueckwuensche die Autorin von Herzen, dass sie anscheinend organisierter und strukturierter ist als ihre Kommilitonen und ihr Studium selbst in die Hand nehmen moechte. Leider kann/ will das nicht jeder Abiturient.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dass wenigstens bei den Studiengängen der TUM in vielen Bereichen in den ersten Semestern eines Diplomstudienganges extrem hart "ausgesiebt" wurde. Als man nun auf Bachelor/Master umgestellt hat, wurden die Prüfungen allerdings nicht angepasst. Die Folge ist, dass im direkten Notenvergleich die Bachelor/Master- Absolventen unglaublich schlecht abschneiden.
    Wenn ich mir dazu den Aufwand anschaue, den meine Freundin bzw. ein paar meiner jüngeren Freunde betreiben müssen, um das Studium einigermaßen gut über die Runden zu bekommen, bin ich heil froh dass ich mein Diplom in der Tasche hab und nicht heut nochmal studieren muss.
    Im Übrigen ist selbst die Meinung der Professoren mit denen ich bisher sprechen konnte eher kritisch.

  1. dass wenigstens bei den Studiengängen der TUM in vielen Bereichen in den ersten Semestern eines Diplomstudienganges extrem hart "ausgesiebt" wurde. Als man nun auf Bachelor/Master umgestellt hat, wurden die Prüfungen allerdings nicht angepasst. Die Folge ist, dass im direkten Notenvergleich die Bachelor/Master- Absolventen unglaublich schlecht abschneiden.
    Wenn ich mir dazu den Aufwand anschaue, den meine Freundin bzw. ein paar meiner jüngeren Freunde betreiben müssen, um das Studium einigermaßen gut über die Runden zu bekommen, bin ich heil froh dass ich mein Diplom in der Tasche hab und nicht heut nochmal studieren muss.
    Im Übrigen ist selbst die Meinung der Professoren mit denen ich bisher sprechen konnte eher kritisch.

    Antwort auf "Was ist falsch am"
  2. Früher diente ein Studium auch, nicht nur, aber auch der Persönlichkeitsbildung. Diesen Raum bietet die Hochschule (mit Betonung auf "Schule") heute kaum noch. Stattdessen erlebt man Absolventen, die nicht mehr brennen, sondern ausgebrannt sind, die von der Persönlichkeitsstruktur kaum mehr sind als besser qualifizierte Abiturienten.

    Schade, denn gerade der hohe Reifegrad unserer Studierenden hat sie so begehrt gemacht im Ausland. Fachlich vielleicht kaum oder nicht besser als andere Absolventen, aber lebenserfahrener, verantwortungsbewusster und charakterlich gefestigter. Das wird nun alles wegbolognalisiert. So kann man Harmonisierung von Bildungsgängen auch verstehen.

    • 22.04.2009 um 12:05 Uhr
    • Anonym

    Zitat. "Statt Lehrpläne auszumisten, pressten viele Hochschulen den Diplomstoff aus acht Semestern einfach in sechs und nannten das Ergebnis Bachelor."

    Ich halte auch nicht viel von den aktuellen Bachelor-Modellen, aber diese Aussage ist ganz und gar falsch. Tatsächlich wurden die Inhalte zusammengestrichen auf das, was früher in den ersten 4 Semestern im Diplom gelehrt wurde. Dazu kommen die "Zusatzleistungen", die das Bachelor-Studium ja erst ausmachen sollen: Spezialqualifikationen im Umfang von vielleicht ein oder zwei früheren Hauptfächern des Diplomstudienganges. Alles in allem ist der Umfang so groß, dass er tatsächlich 6 Semestern Diplom entspricht.

    Der größte Fehler daran ist, dass am Ende doch keine anwendungsorientierten Studiengänge entstanden, mit denen Studenten sich auf den Beruf vorbereiten könnten. Stattdessen kann man heute völlig zusammenhanglose Modulgruppen wählen, sinnvolle Kombinationen sind teils gar nicht möglich. Aber das könnte ja noch besser werden.

  3. Ich habe in meinem Anglistik-/Germanistikstudium an der Uni Frankfurt von 1992-1995 so viele verpeilte Studenten gesehen (und war zeitweise selbst einer), die mit der vielgepriesenen und besonders an der liberalen Frankfurter Uni vorhandenen akademischen Freiheit gar nichts anfangen konnten, das war erschütternd. Viele von denen sind 2,3,4 oder mehr Semester herumgeirrt und haben dann irgendwann still und leise die Segel gestrichen und somit ein gutes Stück allerbeste Lebenszeit verschwendet. Eine Abbrecherquote von annähernd 70% in Germanistik spricht da eine deutliche Sprache. die Regelstudienzeit betrug 9 Semester, die mittlere tatsächliche Studiendauer betrug 13-14. Das sind SIEBEN Jahre.

    Der Magisterstudiengang stammt noch aus einer Zeit, in der eine Universität eine echte Eliteeinrichtung für eine kleine Minderheit war. Das ist sie schon längst nicht mehr. Daher ist sie gefordert, die Studienanfänger zumindest in etwa da abzuholen, wo die Schule sie entlässt, und in der ersten Zeit die nötige Anleitung, aber auch den nötigen Druck zu erzeugen, um ein Fundament zu schaffen, auf dem die akademische Freiheit auch ausgenutzt werden kann. Dafür ist meiner Ansicht nach das BA/MA-System der richtige Ansatz.

    ABER: Die Zustände, wie sie hier für deutsche Unis geschildert werden, klingen skandalös und ruinös.
    Wer wissen will, wie ein BA/MA-System hervorragend funtktionieren kann, und Studenten dabei auch genug Zeit bleibt, um das Studentendasein zu genießen, möchte bitte mal nach Großbritannien und Irland schauen: Dort werden Studenten nicht nur gefordert, sondern auch nach Kräften gefördert. Die Lehrpläne sind durchdacht und im zweiten Teil des BA zunehmend flexibel, und man findet dort eine Infrastruktur und Hilfsangebote vor, die bei uns ihresgleichen suchen. So macht Studieren Spaß. Ich durfte es selbst ein Jahr lang erleben (Galway, Irland).

    Stefan R.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    denn dann ereilt Sie wirklich das grosse Grauen:
    Studenten, die in der Schule nicht mal gelernt haben, dass man in einer Vorlesung sitzt, ohne dass man den iPod in den Ohren hat oder SMS schreibt, dass Handouts einer Vorlesung nicht ausreichend sind, um den Lehrstoff zu verstehen sondern dass Eigeninitiative ("Eigenstudium") gefragt ist, dass Plagiarism nicht in Ordnung ist, dass man puenktlich zu Vorlesung erscheint und nicht eine halbe oder dreiviertel Stunde spaeter und anlaesslich ihrer Bachelorarbeit fragen, wo denn eigentlich die Bibliothek ist, werden selbst im verschulten Bachelorstudium scheitern. Wobei "scheitern" relativ ist, da hier sowieso niemand durchfaellt. Und das wissen die Studenten auch. Ihren Bachelorabschluss und Masterabschluss moechten viele fuer ihre Anwesenheit erhalten, nicht fuer erbrachte Studienleistungen!

    Sicher mag eine Rolle spielen, dass die englischen Universitaeten fast jeden Bewerber annehmen (muessen) und die Regierung sehr ehrgeizig ist, was die Anzahl der Hochschulabgaenger angeht.

    Wer als Deutscher nach UK geht, um dort seinen Master zu machen, wird gut klarkommen. Wer aber England als Vorbild fuers Bildungssystem sieht (inklusive Schule), der wird boese ueberrascht werden.
    Ich schaue mir das hier seit 3 Jahren an und bin ENTSETZT!

  4. Das Schönste an meinem 5-jährigen (2003-2008) Magisterstudium war sicher die Erkenntniss, dass ich in den besten und schönsten Jahren meines Lebens eben nicht ganz in den Produktions- und Arbeitsprozess eingebunden bin (wobei ich vom Bafög lebte und als Kellner und Gärtner in den Semesterferien malochen musste). Denn dazu ist das Studium meiner Meinung nach da - Sich Zeit lassen. Das ist der eigentliche Unterschied zur Lehre, kaufmännischen Berufen, Bund usw. - Zeit zur freien Verfügung, Zeit, die noch nicht in einem rigorosen Masse ökonomisiert wird. Ich meine damit nicht nur die Zeit, die man braucht, um sich an der Uni zurecht zu finden und die man braucht, um sich mit einer wissenschaftlichen Fragestellung intensiv auseinanderzusetzen, ich meine auch die Zeit zum verplämpern - Zeit für Träumen, Zeit für Freundschaft, für kaputte Beziehungen, für Alkoholabstürze und Drogenexperimente, für Reisen, Zeit zum Kreativsein, vor allem aber - ZEIT ZUM VERSCHWENDEN UND ZEIT ZUM GENIESSEN - denn das ist das eigentliche Privileg der Studienjahre, das mit keinem Geld aufzuwiegen ist.
    Zugleich ist dieses Privileg eine Notwendigkeit, wenn man bedenkt, dass es beim klassischen Bildungssystem es nicht nur darum geht wissnschaftliche Inhalte zu vermitteln, sondern in erster Linie um die GEISTIGE ERZIEHUNG. Dieses kann aber nicht in Seminarräumen erfolgen, sondern nur durch persönliche Erfahrungen und die Zeit diese Erfahrungen zu reflektierren - das macht einen reifen, verantwortungsbewussten Menschen aus. Darum geht es beim Studium im Grunde - das Leben zu studieren, denn unterm Strich zählt ja nicht die Note und nicht mal Prkatikumsnachweise, oder Auslandserfahrung, unterm Strich zählt das, was man wirklich kann. Es geht um innere Stabilität.
    Und auch in dem Fall, dass im Magistersystem viele, wie man sie nennt "verwahrloste Studenten" gab, die scheinbar "nichts mit ihrer Freiheit anfangen könnten", und nach einigen Semestern das Studium abbrachen - auch in diesem Fall halte ich die Zeit an der Uni für extrem sinnvoll und keinesfalls verschwendet.
    Was verpasst man in der Zukunft? Nichts, außer Verantwortung und Geld verdienen MÜSSEN. Sind da die 4 Semester eines abgebrochenen Studiums nicht eine viel wertvollere Erfahrung?
    Diese Argumente kann der Bachelorstudiengang allerdings nicht berücksichtigen, denn es geht dabei um Effizienz, um ein Armenmärchen, dass das Studium auf ein ERGEBNIS hinauslaufen muss, das vermeintlich einen warmen Sessel in der Chefetage garantiert.
    Beim Magisterstudiengang ging es hingegen um den STUDIENPROZESS, bei dem man sich Zeit lässt, das Leben zu betrachten und sich selbst zu finden.

    • 22.04.2009 um 13:38 Uhr
    • Yman
    7. Wow

    So ein Artikel in dem Blatt, das BAMA jahrelang hochgejubelt hat. Respekt- die Berichterstattung scheint sich zunehmend in Richtung Realität zu bewegen.

    Ich hoffe für alle Befürworter dieser schlechten Reform, daß sie alsbald von einem Bachelor of medicine (siehe Uni Zürich) behandelt werden. Nachdem Sie das mit einer schweren Behinderung überlebt haben, verliert der BA of Law den Prozeß – erklärt ihnen aber, daß er das nur noch 5 Mal machen muß, dann kann er sich einen Master leisten und sie besser vertreten. Zu eben dieser Zeit werden sie obdachlos, weil ein BA of dancing and architecture, der ohnehin keinen Bauplan lesen konnte, aufgrund eines gebrochenen Rückens, den ihm ein BA of nursing beschert hat, nicht auf der Baustelle sein konnte und ihr neues Haus deshalb zusammengebrochen ist. Trotz ihrer Versuche für ihre Behandlung und den neuen Prozeß einen Kredit von der Bank zu bekommen, erklärt ihnen der Sachbearbeiter, der über das „bachelor welcome program“ fit für finance gemacht wurde, aber im Kopf für seinen 80000 Euro - MBA lernt, daß sie keinen Kredit mehr kriegen, weil ihr Steuerberater Mist gebaut hat und das Finanzamt Ihnen mehrere tausend Euro vom Konto abgebucht hat. Ihr Steuerberater hatte zwar einen Berufsakademiebachelor „High Finance Control“ und hatte auch fast alles richtig in die Spalten eingetragen, leider hatte ihm niemand gezeigt wie man den neuen Abschnitt F ausfüllt.
    Daraufhin melden sie sich bei einer privatisierten staatlichen Behörde, um Gerechtigkeit in der Haussache zu erfahren. Der Philosophiedoktor in Bauwesen (PhD) macht ihnen aber deutlich, daß sie einfach nur Pech hatten und im Grunde niemand Schuld ist.
    Zu diesem Zeitpunkt kommt ihre Tochter heulend aus der Schule. Sie hat nun einen Schulabschluß, kann aber nicht auf eine Uni. Die Schule hatte kein Geld und konnte deshalb nur einen BA of reading beschäftigen, ein BA of education in math war nicht mehr drin. Sie verkaufen den Familienschatz und schreiben ihre Tochter in der Eliteuniversity „HinterdemBerg“ ein. Bis vor wenigen Minuten sagte Ihnen diese Uni nichts, aber im Internet war diese University excellent bewertet worden. Den Rektor kennen sie sogar. Einer Ihrer Kommilitonen aus dem Psychologiestudium (Diplom), der abgebrochen hatte - aber viel Geld erbte. Er hatte die University eröffnet und sich zum Geschichtsprofessor ernannt. Natürlich war Ihnen flau im Bauch, weil dieser Typ auch bei der Agentur für Unirankings im Vorstand saß, und sämtliche Drittmittel von seinen Freunden aus der Kosmetikindustrie eingeworben worden waren, aber nur so konnte Ihre Tochter einen 20000 Euro Bachelor of Hairdressing bekommen. Sie wußten nicht, daß Ihre Tochter auf einer Party total betrunken der „komischen Partei“ beigetreten war, aber glücklicherweise erhält sie für dieses gesellschaftspolitische Engagement ECTS. Außerdem sammelt sie noch einige Punkte im Sportprogramm. Sie ist Cheerleader für die Analphabeten, welche für ihr Footballspiel den BA of philosophie bekommen werden. Inzwischen hatte sie so viele Punkte gesammelt, daß sie nach ihrem BA auf dem Elitecollege in Barcelona einen Master of Cut draufsetzen konnte. Den Wert von 50000 Euro mußte sie allerdings bei der Bank abarbeiten, welche ihr den Studienkredit gab. Nach weiteren Jahren „evidenzbasierter Forschung“ in einer SuperSchool und mehrere tausend Euro später, steht Ihre Tochter mit einem PhD in Life Scince Fachrichtung strong and coloured hair vor Ihnen. Sie sitzen als obdachloser Behinderter erstaunt unter Ihrer Brücke und Ihre Erinnerung an eine akademische Studienzeit verblaßt langsam. Sie fangen an zu weinen- aus Wut auf Sie selbst- weil Sie das neue Studiensystem nicht sofort verstanden und die großartigen Chancen genutzt haben. Sie geloben Besserung…..

    • 22.04.2009 um 14:15 Uhr
    • tzeuch

    Geneigte Leser der Kommentare zu Zeitonline-Artikeln wissen um die im vorliegenden Beitrag genannten Probleme seit Jahren.

    Zum Prüfungswahn durch Diktat der Verfahren von oben und zur hirnlosen Globalisierungsideologie-Gläubigkeit der Super-Refomer (mit seinem Hang zum Lemmingeglobalismus hätte Dräger wohl auch jede Landesbank sicher in den Ruin geführt):

    http://kommentare.zeit.de...
    http://kommentare.zeit.de...

    Hier eine Fehleranalyse und Prognose zur Bolognareform von 2006, die im aktuellen Beitrag auf schönste bestätigt wurde!

    http://kommentare.zeit.de...

    Auch von 2006, zur (Un-)Vergleich der Abschlüsse allein innerhalb Niedersachsens

    http://kommentare.zeit.de...

    Ausmerzen funktionierender, exzellenter Studiengänge, 2006

    http://kommentare.zeit.de...
    http://kommentare.zeit.de...

    Erste Schuldzuweisungen der verantwortlichen Funktionäre an die Hochschulen:

    http://kommentare.zeit.de...

    Hier die Entscheidende Vorhersage von 2007: Wirtschaft brummt nicht mehr in 2009 und die Übergangsquotierung zum Master greift mit drastischen, hochgradig frustrierenden Folgen für die Studierenden, alles komplett absehbar, nur gab es keine Reaktion auf das angesetzte Gebräu, weder durch Politiker und schon gar nicht durch die "Bologna-Propaganda" trommelnde Zeit-Campusredaktion.

    http://kommentare.zeit.de...

    Zum Abschluss das gesamte Dilemma der Bachelorüberfrachtung mit Ursachenforschung und Einbettung in den Gesamtzusammenhang:

    http://kommentare.zeit.de...

    Hier kam der Moment als ich aufhörte die Zeit zu kaufen wegen des aus meiner Sicht unerträglich gewordenen Chancenteils.

    Es gibt viele noch viele neuere Beiträge von mir und vielen anderen Zeitlesern, die wissen wie die Unis ticken und alle Probleme schon seit Jahren diskutieren. Leider haben sich Politik und die Zeitredaktion lange Zeit gesträubt der Realität ins Auge zu schauen.

    Beste Grüße von einer "Eliteuni"

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