Äffchenschule. Das ist ein Wort, das Alexandra Ivanova, 20, gern benutzt, wenn sie von ihrem Bachelorstudium erzählt. So nennt sie es, wenn sie mit 50 Kommilitonen vor Klausurcomputern hockt und auswendig gelernte Antworten anklickt. Oder wenn sie wie angeleint im Japanologie-Seminar sitzt und täglich Stotterreferate von Kommilitonen hören muss, weil im Bachelorstudium Anwesenheitspflicht herrscht. Oder wenn ein Dozent ein lange vorbereitetes Gruppenreferat absagt und keiner von ihren Kommilitonen – den "Ja sagenden Äffchen" – Einspruch erhebt. Alexandra Ivanova ist wütend. Auf das deutsche Bachelorstudium. Auf Politiker, die Kritik nicht hören wollen. Und auf die Kommilitonen, die nicht gegen die Situation aufbegehren.

Fragt man Ivanova, was im Bachelorstudium schiefgeht, dann öffnet sie ihre linke Hand und zählt die Probleme an ihren Fingern ab. Ihr Zeigefinger, das sind die Kreditpunkte, die die Studenten sammeln wie Supermarktkunden ihre Rabattmärkchen. Will Ivanova mit einem bestimmten Seminar Punkte sammeln, muss sie erst im Studienverlaufsplan nachsehen, ob sie das darf, selbst entscheiden darf sie nicht. Ihr Mittelfinger, das ist der Notendruck – jede Note zählt für die Endnote, wer sich im ersten Semester seinen Schnitt verdirbt, findet sechs Semester später keinen Masterstudienplatz. Ihr Ringfinger, das ist die Oberflächlichkeit der Module, die eine intellektuelle Magersucht verursacht – "Bulimie-Learning" nennt das Ivanova, wenn sie Hunderte Manuskriptseiten für Klausuren memoriert und schon eine Woche später wieder vergessen hat. So spricht sie weiter, Finger für Finger, eine ganze Stunde lang.

Gespräche wie das mit Alexandra Ivanova kann man in ganz Deutschland führen. An allen großen Hochschulen kritisieren Studentenvertreter die Reform, für Juni sind bundesweit Demonstrationen geplant. In Göttingen stürmt ein Aktionsbündnis aus wütenden Studenten regelmäßig Vorlesungen mit Transparenten und Sprechchören. An den Kiosken liegen Zeitungen mit Überschriften wie: Der Bachelor-Bluff (taz), Die Mogelpackung (Süddeutsche Zeitung), Erst nur schlucken, gedacht wird später (FAZ). Im März musste sich Bildungsministerin Annette Schavan im Bundestag bereits scharfe Fragen der Opposition gefallen lassen. Und im StudiVZ hat die Gruppe "Ich bin Bachelor und schreibe gerne 37 Klausuren in fünf Tagen" schon 8000 Mitglieder.

Wut und Enttäuschung – solche Gefühle sollte es im Bachelorstudium eigentlich nicht geben, im Gegenteil. Als Europas Bildungsminister die Reform 1999 beschlossen, hatten sie beste Absichten: Schluss mit dem Chaos-Studium der Vergangenheit – mit seinen oft willkürlichen Noten, unsinnigen Studienverläufen und ratlosen Studenten. Stattdessen sollte alles besser werden. Kosmopolitischer sollten die Studenten werden – ein Auslandssemester sollte in jedem Lebenslauf der Standard sein. Mehr Praxis wollte man ihnen vermitteln – damit aus Absolventen qualifizierte Berufseinsteiger würden und nicht Dauerpraktikanten. Mehr Betreuung war geplant. Mehr Vergleichbarkeit. Mehr Effizienz. Weniger Studienabbrecher. Es war ein großer politischer Traum, voll verwegener Hoffnung. Der Zehnjahresplan für eine bessere Hochschulwelt. Heute, im zehnten Jahr des real existierenden Bachelorismus, ist keines der Versprechen von 1999 eingelöst worden.

1. Einfacher sollten Auslandssemester werden – durch ein europaweit anerkanntes System aus Kreditpunkten. In der Realität erkennen viele Unis die Punkte anderer Hochschulen nicht an, mit dem Argument, die Leistungsanforderungen seien zu unterschiedlich. Zudem haben viele Hochschulen ihre Bachelor- lehrpläne so eng geplant, dass keine Auslandsaufenthalte möglich sind. Bachelorstudenten gehen deshalb seltener ins Ausland als andere: Laut Hochschul-Informations-System (HIS) machen nur 15 Prozent von ihnen ein Auslandssemester. Im Diplomstudium sind es 24, im Magisterstudium sogar 34 Prozent.

2. Die Betreuung sollte besser werden. In Wirklichkeit fühlen sich laut dem Studienqualitätsmonitor 2008 des HIS die Bachelorstudenten nicht besser betreut als Studenten der alten Studiengänge. Dass die Professoren sehr gut oder gut erreichbar seien, sagen an Universitäten nur rund 58 Prozent der Studenten, egal, ob sie auf Bachelor studieren oder nicht.