Ich war übermüdet und verkatert. Am Abend zuvor hatten wir in Berlin bis in die Puppen die Abschlussprüfung unserer Schauspielschule gefeiert. Jetzt stand ich im Schauspielhaus in Düsseldorf – mein erstes Engagement! Das Ensemble probte schon seit ein paar Tagen, Vorher/Nachher hieß das Stück von Roland Schimmelpfennig, ich platzte mitten in die Proben und musste auch sofort auf die Bühne. Die Regieanweisung meiner ersten Szene: »Sie vögeln wild.« Klar, dachte ich, ich bin ja jetzt beim richtigen Theater, hier geht’s um alles oder nichts! Die wollen, dass ich mich sofort ausziehe. Mach ich, kann ich, dachte ich. Ganz echt, ganz absolut wollte ich sein. Alles richtig machen.

Das Bühnenbild war ein karges Hotelzimmer. Ein Unort, an den Leute kommen und wieder gehen. Wo man sich kurz kennenlernt, aber nicht wirklich, wo man einsam ist. Der etwas ältere Mann und das junge Mädchen reden kurz und kommen dann zur Sache. Der Mann, mein Kollege, lag auch schon auf dem Hotelbett. Ich riss mir sofort die Klamotten vom Leib, wollte »wild vögeln«. Ich war eben dabei, mir die Unterhose auszuziehen, als der Regisseur rief: »Stopp, Lisa, lass mal, das brauchst du doch noch gar nicht! Das kommt später.«

Der Aufschub währte nicht lange: Bei den Endproben musste ich mich dann doch ausziehen. Obwohl der Unterschied geringfügig erscheinen mag, war er für mich enorm. Das war ein ganz anderes Gefühl als mit Unterwäsche: Nackt war ich schutzlos, verletzlich, angreifbar. Wie finden die Leute das, was sie sehen?, fragte ich mich. Denken sie, die Lisa hat einen kleinen Busen? Finden sie meinen Körper hässlich? Oder schön, vielleicht sogar sexy? Will ich überhaupt, dass mich hier jemand sexy findet? Bei den ersten Berührungen habe ich mich ein bisschen erschrocken. Da kam ich plötzlich einem Mann sehr nahe, der mir eigentlich völlig fremd war. Das entsprach ziemlich genau der Situation im Stück – es war also zumindest gut für die Szene.

Es gibt keine Regeln, wie man »wild vögeln« spielt; man muss eben darstellen, was in der Anweisung steht. Manche küssen sich dabei neben den Mund, manche auf die Lippen, das macht jeder, wie er will. Keiner zwingt einen dazu, sich gegenseitig die Zunge in den Hals stecken, doch es kam schon vor, dass sich die Zungenspitzen berühren. Erotisch war das aber nicht, eher technisch. Ich musste währenddessen so vieles organisieren: Wo ist die Bluse, die ich gleich wieder anziehen muss? Manchmal sahen wir uns beim Proben an und mussten laut lachen, weil es so absurd war: Was haben wir eigentlich für einen Beruf? Das Lachen hat die Situation entspannt. Es hilft, wenn man sich auch privat sympathisch ist. Eine Sexszene mit jemandem zu spielen, den man nicht mag, muss sehr unangenehm sein – zum Glück ist mir das noch nie passiert.

Es kam vor, dass der Regisseur mitten im Akt unterbrach: »Moment, das sieht nicht gut aus, leg dein Bein höher, mach weniger mit den Armen.« Leute kamen auf die Bühne, veränderten das Licht, das Bühnenbild; alle standen um uns herum, während wir da nackt aufeinanderlagen. Die Spielatmosphäre, die mich schützte, zerbrach. Plötzlich war ich nicht mehr das Mädchen aus dem Stück, sondern Lisa, und die dachte nur: Hoffentlich geht das jetzt ganz schnell vorbei.

Wenn eine Szene gut gebaut ist, fühle ich mich als Schauspielerin nicht nackt. Ich vergesse dann schon fast, dass ich nichts anhabe, weil es so zum Spielen dazugehört. Wenn die Situation hingegen nicht stimmt, fühle ich mich verloren und unsicher. Manchmal wird Nacktheit als Mittel eingesetzt, um Wahrhaftigkeit zu symbolisieren, weil manche Regisseure glauben, sie seien damit per se pur und ehrlich. Dann wird das Ausziehen zu einer hohlen Geste, die für alle Beteiligten ziemlich peinlich sein kann. Es ist mir auch schon so gegangen, dass ich mich an schlechteren Abenden angezogen nackter gefühlt habe als nackt in guten Inszenierungen.

Ich glaube, dass Nacktheit auf der Bühne für das Publikum oft sogar unangenehmer ist als für uns Schauspieler. Ich erinnere mich an meinen Onkel, der mich in dem Stück Casting in Kursk am Deutschen Theater in Berlin sah. Ich spielte ein junges Mädchen, das einen Striptease tanzt. Ich hatte nichts an, nur silberne Lamettapuschel in den Händen, mit denen ich mich bedeckte, so gut es eben ging. Meine Eltern hatte ich vorher gewarnt, »erschreckt euch nicht«. Die fanden das auch nicht schlimm. Aber mein Onkel war total schockiert, hat sich richtig fremdgeschämt. Der konnte mir danach kaum in die Augen sehen. Für den war das Pornotheater.