Das erste MalNackt auf der Bühne

Lisa Hagmeister, 29, spielt das Gretchen im "Urfaust" am Thalia Theater Hamburg – ohne Kleidung. Heute ist das kein Problem mehr für sie, es war aber mal eins von 

Ich war übermüdet und verkatert. Am Abend zuvor hatten wir in Berlin bis in die Puppen die Abschlussprüfung unserer Schauspielschule gefeiert. Jetzt stand ich im Schauspielhaus in Düsseldorf – mein erstes Engagement! Das Ensemble probte schon seit ein paar Tagen, Vorher/Nachher hieß das Stück von Roland Schimmelpfennig, ich platzte mitten in die Proben und musste auch sofort auf die Bühne. Die Regieanweisung meiner ersten Szene: »Sie vögeln wild.« Klar, dachte ich, ich bin ja jetzt beim richtigen Theater, hier geht’s um alles oder nichts! Die wollen, dass ich mich sofort ausziehe. Mach ich, kann ich, dachte ich. Ganz echt, ganz absolut wollte ich sein. Alles richtig machen.

Das Bühnenbild war ein karges Hotelzimmer. Ein Unort, an den Leute kommen und wieder gehen. Wo man sich kurz kennenlernt, aber nicht wirklich, wo man einsam ist. Der etwas ältere Mann und das junge Mädchen reden kurz und kommen dann zur Sache. Der Mann, mein Kollege, lag auch schon auf dem Hotelbett. Ich riss mir sofort die Klamotten vom Leib, wollte »wild vögeln«. Ich war eben dabei, mir die Unterhose auszuziehen, als der Regisseur rief: »Stopp, Lisa, lass mal, das brauchst du doch noch gar nicht! Das kommt später.«

Der Aufschub währte nicht lange: Bei den Endproben musste ich mich dann doch ausziehen. Obwohl der Unterschied geringfügig erscheinen mag, war er für mich enorm. Das war ein ganz anderes Gefühl als mit Unterwäsche: Nackt war ich schutzlos, verletzlich, angreifbar. Wie finden die Leute das, was sie sehen?, fragte ich mich. Denken sie, die Lisa hat einen kleinen Busen? Finden sie meinen Körper hässlich? Oder schön, vielleicht sogar sexy? Will ich überhaupt, dass mich hier jemand sexy findet? Bei den ersten Berührungen habe ich mich ein bisschen erschrocken. Da kam ich plötzlich einem Mann sehr nahe, der mir eigentlich völlig fremd war. Das entsprach ziemlich genau der Situation im Stück – es war also zumindest gut für die Szene.

Es gibt keine Regeln, wie man »wild vögeln« spielt; man muss eben darstellen, was in der Anweisung steht. Manche küssen sich dabei neben den Mund, manche auf die Lippen, das macht jeder, wie er will. Keiner zwingt einen dazu, sich gegenseitig die Zunge in den Hals stecken, doch es kam schon vor, dass sich die Zungenspitzen berühren. Erotisch war das aber nicht, eher technisch. Ich musste währenddessen so vieles organisieren: Wo ist die Bluse, die ich gleich wieder anziehen muss? Manchmal sahen wir uns beim Proben an und mussten laut lachen, weil es so absurd war: Was haben wir eigentlich für einen Beruf? Das Lachen hat die Situation entspannt. Es hilft, wenn man sich auch privat sympathisch ist. Eine Sexszene mit jemandem zu spielen, den man nicht mag, muss sehr unangenehm sein – zum Glück ist mir das noch nie passiert.

Es kam vor, dass der Regisseur mitten im Akt unterbrach: »Moment, das sieht nicht gut aus, leg dein Bein höher, mach weniger mit den Armen.« Leute kamen auf die Bühne, veränderten das Licht, das Bühnenbild; alle standen um uns herum, während wir da nackt aufeinanderlagen. Die Spielatmosphäre, die mich schützte, zerbrach. Plötzlich war ich nicht mehr das Mädchen aus dem Stück, sondern Lisa, und die dachte nur: Hoffentlich geht das jetzt ganz schnell vorbei.

Wenn eine Szene gut gebaut ist, fühle ich mich als Schauspielerin nicht nackt. Ich vergesse dann schon fast, dass ich nichts anhabe, weil es so zum Spielen dazugehört. Wenn die Situation hingegen nicht stimmt, fühle ich mich verloren und unsicher. Manchmal wird Nacktheit als Mittel eingesetzt, um Wahrhaftigkeit zu symbolisieren, weil manche Regisseure glauben, sie seien damit per se pur und ehrlich. Dann wird das Ausziehen zu einer hohlen Geste, die für alle Beteiligten ziemlich peinlich sein kann. Es ist mir auch schon so gegangen, dass ich mich an schlechteren Abenden angezogen nackter gefühlt habe als nackt in guten Inszenierungen.

Ich glaube, dass Nacktheit auf der Bühne für das Publikum oft sogar unangenehmer ist als für uns Schauspieler. Ich erinnere mich an meinen Onkel, der mich in dem Stück Casting in Kursk am Deutschen Theater in Berlin sah. Ich spielte ein junges Mädchen, das einen Striptease tanzt. Ich hatte nichts an, nur silberne Lamettapuschel in den Händen, mit denen ich mich bedeckte, so gut es eben ging. Meine Eltern hatte ich vorher gewarnt, »erschreckt euch nicht«. Die fanden das auch nicht schlimm. Aber mein Onkel war total schockiert, hat sich richtig fremdgeschämt. Der konnte mir danach kaum in die Augen sehen. Für den war das Pornotheater.

Oft bin ich erstaunt und erschrocken, wie sehr Nacktheit im Theater immer noch thematisiert wird und wie verklemmt viele darauf reagieren. Eine Nacktszene im Stück, und zack ist dieses Bild nach der Premiere in der Presse, und das Publikum diskutiert nur darüber. Das steht in keinem Verhältnis zum Stellenwert dieser Szene im Stück.

Gerade ist das wieder so: Ich spiele das Gretchen im Urfaust am Thalia Theater in Hamburg. In einer Nacht besucht Faust das Gretchen. Sie sind sehr verliebt und schlafen miteinander; ich trage dabei nur eine Unterhose. Das Publikum sieht nur die Schemen unserer Körper, trotzdem höre ich hin und wieder Zuschauer genervt stöhnen. Das ach so religiöse Gretchen hat Sex, das passt doch nicht. Schüler kichern peinlich berührt. Ich denke dann immer: Hey, seid ihr denn nie nackt? Das gehört doch zum Leben dazu, und genau darum geht es doch im Theater!

Protokoll: Leonie Seifert

Und was war Ihr erstes Mal? Erzählen Sie es uns unter www.zeit.de/campus/erstesmal

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Leserkommentare
    • Anonym
    • 08. Mai 2009 11:41 Uhr
  1. "Eine Nacktszene im Stück, und zack ist dieses Bild nach der Premiere in der Presse, und das Publikum diskutiert nur darüber. Das steht in keinem Verhältnis zum Stellenwert dieser Szene im Stück."

    Theater ist von der Realität und Intensität unerreicht. Sehe ich Nazis im TV oder Kino den Hitlergruss zelebrieren, dann ist mir das egal. Passiert das jedoch von einem Schauspieler in 15 m Distanz beschäftigt mich das noch 3 Jahre später.
    Sehe ich Frau Jolie nackt am "Wild Vögeln" im Kino geht mir das nicht unter die Haut. Zieht sich aber eine junge Frau 5m vor mir für mich ("ich bezahle") aus, dann fühle ich mich irgendwie belästigt und genötigt. Ich will das nicht und es zerstört mir meine Freude am Stück.
    Unvergessen als ich meine Eltern und Schwiegereltern in ein "modernes" Stück eingeladen haben und sich dann der hässliche Hauptdarsteller vor uns allen entblösste. Glauben Sie mir, der Abend war gelaufen.
    Das Traurige dabei ist, die Nacktheit ist oftmals nicht nötig. Wer zwischen den Zeilen liest, merkt, dass die Dame sich diesem "Diktat der Bühne" als Profi beugen muss. Es ist aber ganz sicher nicht der Grund, warum sie sich für die Bühne entschieden hat. Es ist aber ganz sicher auch nicht der Grund, warum 99.99% ein Theater besuchen.

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    • Anonym
    • 08. Mai 2009 14:33 Uhr

    Ich finde dies eine recht prüde Einstellung zur Nacktheit.

    Auf der einen Seite haben wir die völlig übersexualisierte Darstellung von Nacktheit in den Medien. Eine Nacktheit, die für manipultive Zwecke eingesetzt wird. Und die an sich völlig unnatürlich ist.

    "Nacktheit" wird auch fleissig von verschiedenen Beteiligten (ich will mich da übrigens auch gar nicht ausnehmen) im Internet genutzt. Ein erheblicher Teil der dort bewegten Informationen dient dem digitalisierten Nacktheitstransport. Dort scheint es für die Mehrheit der Menschheit kein Problem zu sein, zumindest sprechen das die Fakten.

    Und gerade da, wo Nacktheit in ihrer Natürlichkeit vorhanden ist und (IMHO) nicht instrumentalisiert wird, wird sie abgelehnt. Theater ist nunmal Darstellung des Lebens. Aber Sexualität soll bitteschön ausgeklammert werden? Damit sich der gewöhnliche Spießer nicht peinlich berührt fühlt? Weil er lieber heimlich auf youporn surft als öffentlich dazu zu stehen, dass wir biologische Wesen sind?

    Menschen sind Menschen und Nacktheit gehört dazu. Wer gibt ihnen das Recht, den Hauptdarsteller als häßlich zu bezeichnen? Hat er sich nicht gewaschen oder was? Wollte er Sex mit Ihnen und sie standen nicht drauf?

    Wenn der "Abend für sie gelaufen" war, hatte das Theaterstück aber seine Wirkung zumindest voll entfaltet. Immerhin war es nicht möglich, sich einfach berieseln zu lassen. Klasse eigentlich, wenn Stücke so nachhaltig wirken...

    • Anonym
    • 08. Mai 2009 14:33 Uhr

    Ich finde dies eine recht prüde Einstellung zur Nacktheit.

    Auf der einen Seite haben wir die völlig übersexualisierte Darstellung von Nacktheit in den Medien. Eine Nacktheit, die für manipultive Zwecke eingesetzt wird. Und die an sich völlig unnatürlich ist.

    "Nacktheit" wird auch fleissig von verschiedenen Beteiligten (ich will mich da übrigens auch gar nicht ausnehmen) im Internet genutzt. Ein erheblicher Teil der dort bewegten Informationen dient dem digitalisierten Nacktheitstransport. Dort scheint es für die Mehrheit der Menschheit kein Problem zu sein, zumindest sprechen das die Fakten.

    Und gerade da, wo Nacktheit in ihrer Natürlichkeit vorhanden ist und (IMHO) nicht instrumentalisiert wird, wird sie abgelehnt. Theater ist nunmal Darstellung des Lebens. Aber Sexualität soll bitteschön ausgeklammert werden? Damit sich der gewöhnliche Spießer nicht peinlich berührt fühlt? Weil er lieber heimlich auf youporn surft als öffentlich dazu zu stehen, dass wir biologische Wesen sind?

    Menschen sind Menschen und Nacktheit gehört dazu. Wer gibt ihnen das Recht, den Hauptdarsteller als häßlich zu bezeichnen? Hat er sich nicht gewaschen oder was? Wollte er Sex mit Ihnen und sie standen nicht drauf?

    Wenn der "Abend für sie gelaufen" war, hatte das Theaterstück aber seine Wirkung zumindest voll entfaltet. Immerhin war es nicht möglich, sich einfach berieseln zu lassen. Klasse eigentlich, wenn Stücke so nachhaltig wirken...

    Antwort auf "Verklemmt?"
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    • opina
    • 08. Mai 2009 16:25 Uhr

    wenn mindestens einmal 'wild gevögelt' wurde?
    Bin ich im falschen Film oder Video? Ist das die 'nachhaltige Wirkung', die man im
    Publikum vom Stück zu erzeugen hofft?

    >Le jeu de l'amour et de la mort< , das Spiel von Liebe und Tod...

    was vermittelt das Theater heute noch von Grenzerfahrungen, die
    die Klassiker bewegten?

    Will man das New Age-Publikum nicht überfordern?
    Oder traut man den Darstellern nicht mehr zu, Leidenschaft und Tragik kraft ihrer
    schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten dem Publikum zu vermitteln?
    Denn, mal abgesehen vom Schamfaktor, gibt's nichts Leichteres, als die Hüllen fallen zu lassen und sich wechselseitig zu animieren, oder?

    Also unter Regie- und Schauspielkunst verstehe ich was Anderes.
    Den Spruch von der Kunst, welche 'Unsichtbares sichtbar macht', habt ihr
    zumindest in diesem Punkte wohl gründlich missverstanden ...

    • Daaje
    • 08. Mai 2009 15:08 Uhr

    Gretchen ist im Faust ein Spielball, ergo nackt.
    Franz Woyzeck ist dem Doktor ausgeliefert, also nackt.
    Mackie Messer ist selbstverliebt, daher nackt.

    Benötigt das Regietheater eigentlich noch einen Vorwand, um in jedem Stück einen Nackten unterzubringen? Wirklich provokant und revolutionär wäre es, wenn in einem Stück einmal alle Schauspieler bekleidet blieben. Wirklich verstörend könnte ein Stück sein, wenn es einmal auf all diese gewollt-verstörenden Momente verzichten würde. Muss denn jedes Stück mit brachialer Gewalt in die Gegenwart gezerrt werden, damit die Kritiker einmal mehr schreiben können "aktueller denn je"? Nicht aus Empörung sondern aus Langeweile möchte ich bei der obligatorischen Nackt-Szene aufspringen und unter lautem Protest den Saal verlassen.

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    Ich sehe das genau so. Ich moechte nicht wissen, wieviele Menschen ich bereits nackt in Theaterstuecken gesehen habe. Das "erste Mal" war im Brechthaus in Berlin, das ist mir in Erinnerung geblieben. Wenn ich heute in ein Theater gehe und sich wieder jemand auszieht, denke ich nur "schon wieder"?

    Wirklich ... ihr schockt damit niemanden ...

    Ich empfinde dieses staendige Ausziehen vielmehr als oberflaechlich, als Aufmerksamkeit heischend ...

    • opina
    • 08. Mai 2009 16:25 Uhr

    wenn mindestens einmal 'wild gevögelt' wurde?
    Bin ich im falschen Film oder Video? Ist das die 'nachhaltige Wirkung', die man im
    Publikum vom Stück zu erzeugen hofft?

    >Le jeu de l'amour et de la mort< , das Spiel von Liebe und Tod...

    was vermittelt das Theater heute noch von Grenzerfahrungen, die
    die Klassiker bewegten?

    Will man das New Age-Publikum nicht überfordern?
    Oder traut man den Darstellern nicht mehr zu, Leidenschaft und Tragik kraft ihrer
    schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten dem Publikum zu vermitteln?
    Denn, mal abgesehen vom Schamfaktor, gibt's nichts Leichteres, als die Hüllen fallen zu lassen und sich wechselseitig zu animieren, oder?

    Also unter Regie- und Schauspielkunst verstehe ich was Anderes.
    Den Spruch von der Kunst, welche 'Unsichtbares sichtbar macht', habt ihr
    zumindest in diesem Punkte wohl gründlich missverstanden ...

    Antwort auf "sorry, aber"
  2. "Das Publikum sieht nur die Schemen unserer Körper, trotzdem höre ich hin und wieder Zuschauer genervt stöhnen. Das ach so religiöse Gretchen hat Sex, das passt doch nicht. "

    nu beruhigen sie sich mal.
    das publikum stöhnt vermutlich nur, weil der regisseur seine zweifelhafte kompetenz damit unter beweis gestellt hat, dass er mit viel mühe eine nacktszene eingebaut hat.
    welchen gewinn bringt die sexszene und was für ein bild von seinem publikum hat das ensamble, dass es mit methoden aus der mottenkiste dumpf-dämlich eine moral einhämmern muss?
    entweder ist sie nicht im stück, dann sollten sich die leutchen wohl besser was eigenes schreiben. oder sie halten ihr publikum für zu doof, selbst eine aktualisierung des stückes vorzunehmen.

    warum beim faust jemand nackt sein muss, erschliesst sich mir nicht und das letzte mal, dass ein regiseur sein publikum mit nackheit provozieren konnte, dürfte wohl in den 60ern gewesen sein.

    wenn schauspielerr und regisseur sowenig respekt vor stücken und publikum haben, dass sie unbedingt "modernisieren" und verflachen müssen, und sei es durch nackte haut, die nichts zur sache beiträgt, dann sollten sie sich besser einen anderen job suchen.

    • TDU
    • 08. Mai 2009 22:00 Uhr

    Vielleicht sollte beim Gretchen durch die Nacktheit das veniedlichende "chen" abgestreift werden, vielleicht dadurch ihre Unschuld relativiert und Ihr Sein als Frau betont werden. Solange Nacktheit einen Erkenntnis oder Interprationsgewinn hat, sollte sie sein, dafür ist es ja Theater. Ansonsten ist es für mich wie Gewalt in Spielfilmen. Ergibt sie sich nicht aus der Handlung, der Geschichte oder dem dramaturgischen Zusammenhang wirkt sie aufgesetzt und gefällt mir nicht.

  3. Es ist wohl auch ein Generationenproblem. Ältere sind da nicht ganz auf der Höhe der Zeit der Jüngeren. Das sollte man akzeptieren. Prüderie der Nacktheit gegenüber hat die europäische Geschichte gekennzeichnet - man kann sie nicht von heute auf morgen vergessen. Das ist banalerweise auch wetterbedingt. In Afrika ist Nacktheit kein Thema. Europa hat da noch Nachholbedarf. Auch der Sexualität gegenüber. Noch wird die Monogamie von vielen vertreten. Vielen wird sexuelle Befriedigung vorenthalten - der Amoklauf in Winnenden kann eine Folge sein.

    Bemühen wir uns um eine befriedigende Sexualität für alle - dann muss das Theater nicht mehr provozieren.

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  • Serie Das erste Mal
  • Schlagworte Theater | Bühne | Körper | Mädchen | Publikum | Puppe
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