Arbeitswelt Vor dem Knopf sind alle gleich
Jens Jessen über Phänomene des Berufsalltags. Diesmal: Fahrstühle
Es gibt Konzerne, in denen die großen Chefs eigene Fahrstühle und Kantinen haben. Der gewöhnliche Angestellte begegnet ihnen nie. In allen übrigen Unternehmen aber ist der Fahrstuhl der Ort der demokratischen Begegnung, wo auch der Praktikant mit dem Vorstand über das Wetter reden kann. Die Frage ist nur: Sollte er auch über etwas anderes reden? Ein Herzensanliegen vortragen oder auch nur die eigene Person der allerhöchsten Aufmerksamkeit empfehlen?
Die Antwort lautet: Nein, das sollte er nicht. Der Fahrstuhl ist keine Institution, die dazu dient, den Terminkalender von Führungskräften zu unterlaufen. Es stimmt zwar, dass der Chef dort in gewisser Hinsicht wehrlos ist wie die Beamten in Kafkas Schloss, die man am besten im Schlaf überrascht, um sie zu sprechen. Aber gerade diese Wehrlosigkeit wird den Chef im höchsten Maße ungnädig stimmen. Es gibt nur eine Ausnahme, die zugegebenermaßen höchst ungerecht ist: Wenn es sich bei dem Praktikanten um eine hübsche junge Dame handelt, wird der Chef eine gewisse charmante Frechheit wahrscheinlich gerne hinnehmen. Auch eine Chefin, wenn es sie gibt, wird sich von einem hübschen jungen Mann gern ein Kompliment sagen lassen. Das ist vielleicht moralisch zu verurteilen, aber ein erotisches Naturgesetz, das noch über allen geschriebenen oder ungeschriebenen Firmengesetzen steht.
Es ist nun eine Frage des Charakters, ob sich der oder die junge Angestellte dieses Naturgesetzes bedienen will. Viel herauskommen wird dabei in den meisten Fällen nicht. Aber auch die flüchtige Andeutung eines ebenso flüchtigen Flirts hat ihren Reiz: Sie wird einen Zipfel der Chefpersönlichkeit erkennen lassen, die sonst im Nebel bleibt. Mit anderen Worten: Eine kleine Anekdote aus dem Erfahrungsschatz des Chefs wird schon zu gewinnen sein, wenn man ihn einmal kurz, mit geziemender Vorsicht, im Fahrstuhl anmacht. Nur Mut!
Jens Jessen ist Feuilleton-Chef der ZEIT
- Datum 16.04.2009 - 11:36 Uhr
- Serie Lexikon der Arbeitswelt
- Quelle ZEIT Campus, 15.04.2009 Nr. 03
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Als ich die Head las dachte ich: das wird lustig!
Wurde es nur bedingt:
"Eine kleine Anekdote aus dem Erfahrungsschatz des Chefs wird schon zu gewinnen sein, wenn man ihn einmal kurz, mit geziemender Vorsicht, im Fahrstuhl anmacht. Nur Mut!"
- Bitte wie???
Ich begrüße die Fahrstuhlmomente ebenso wie die zwanglosen Unterhaltungen der diskriminierten Minderheit (Raucher) vor der Tür - allein deshalb würd ichs nicht mehr anders haben wollen! Was man nicht alles erfahren kann über die eigene Firma! Und über die Nervenstärke der Chefs.
Darüber hätte ich nämlich lieber was gelesen: wie unglaublich unsicher die sein können!
In der Theorie sind Theorie und Praxis immer dasselbe, in der Praxis sind sie es nie!
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