Studium Wie viel Konkurrenz ist gesund?
An der Uni kämpfen alle gegeneinander um die besten Zukunftschancen. Wie man dem Vergleichswahn entkommt

© Basti Arlt
Statt zusammenzuhalten machen alle Studenten einander das Leben schwer
Der Tag, an dem die Freundschaft von Lili und Esther einen Knacks bekommt, ist der, an dem Esther ihr Vordiplom besteht. »Ich habs geschafft!«, ruft sie in den Telefonhörer, ihre Finger zittern noch von der Anspannung, und ihr erleichterter Wortschwall sprudelt in Lilis Ohr: »…und dann sagt der Prof zu mir: Sie haben bestanden…« Lili schluckt. »Wie schön für dich«, sagt sie leise. Sie hört kaum zu, während Esther ununterbrochen weiterredet. Stattdessen beginnt sie zu rechnen.
Lili Ingmann und Esther Göbel, heute 24 und 25, haben sich fünf Semester zuvor kennengelernt, als sie zusammen ihr Biologiestudium an der Uni Mainz begannen. Seitdem hat Esther eine Klausur nach der anderen geschafft, für das Uni-Magazin geschrieben und dann noch ein Praktikum bei dem Unternehmen bekommen, das sie schon immer kennenlernen wollte. Und Lili? Hat noch nicht einmal ihr Vordiplom. Als sie auflegt, ist da dieses miese Gefühl, dessentwegen sie bald nicht mehr mit Esther sprechen wird.
Viele kennen das – den Neid und das Konkurrenzdenken, das an den Unis inzwischen weitverbreitet ist. Am Amerikanistik-Institut der Uni Frankfurt halten Studenten ihre Hausarbeitstexte unter Verschluss, damit ja kein Kommilitone von ihren Ergebnissen profitiert. Im Fach Journalistik an der Uni Dortmund trifft »Ich moderiere schon meine eigene Radioshow« auf »Ich habe dafür schon für Titanic getextet«. In Augsburg heben sogar die Tutoren, die sich um das kulturelle und soziale Leben in den Wohnheimen kümmern, bei Besprechungen nur noch ihre eigenen Verdienste hervor, anstatt auch die der anderen einmal zu loben.
»Manche Kommilitonen fragen einen nur nach der Klausurnote, um erzählen zu können, dass sie selbst eine bessere haben«, erzählt ein Freund von Esther, der in Mainz Jura studiert und seinen Namen lieber nicht nennen will, um nicht als Petze zu gelten. »Jeder versucht, möglichst gut dazustehen.« Dass Bibliotheksbücher versteckt und die einschlägigen Seiten herausgerissen werden, damit kein anderer sie für die Examensvorbereitung nützen kann, wundert da keinen mehr. Schon eher, dass sogar der Stammbaum herangezogen wird, um die anderen zu übertrumpfen: »Na, was machen deine Eltern – Wirtschafts- oder Steuerrecht?« – so wurde Esthers Freund im ersten Semester von einigen Anwaltssprösslingen begrüßt.
Oberflächlich gesehen haben sich alle lieb, die da eng nebeneinander auf den klappernden Hörsaalbänken sitzen und zusammen auf die langweilige Vorlesung schimpfen. Unterschwellig aber wird an der Uni ein ständiger Konkurrenzkampf ausgetragen, in dem es um Noten geht, um Praktika und den besten Lebenslauf. Dieser Wettbewerb ist schon so selbstverständlich geworden, dass er kaum noch als Problem wahrgenommen wird.
Zudem ist Konkurrenz an der Uni ein großes Tabu – sie ist zwar alltäglich, aber keiner redet darüber. Wer gesteht schon gerne ein, dass er Angst hat, von seinen Kommilitonen überholt zu werden, und dass er sich über die Erfolge seiner Freunde nicht freut, sondern ärgert? Die ständige Konkurrenz setzt viele Studenten unter Druck. Aber woher kommt sie? Und wie viel davon ist gesund? Schließlich sollte die Uni doch der Ort sein, an dem sich Freunde fürs Leben finden!
1. Es geht um die Zukunft
Konkurrenz entsteht immer da, wo ein Mangel herrscht. Wenn es nur wenige unteilbare Güter für viele Menschen gibt, beginnen die, um die Güter zu kämpfen. Die Güter, um die es den Studenten geht, sind Zukunftschancen: Der Beste gewinnt – nach diesem Prinzip werden später Arbeitsplätze vergeben. Und die erscheinen der Generation, die nun schon die zweite Rezession erlebt, ziemlich knapp. Der Wettstreit geht daher nicht erst mit dem Abschlusszeugnis los, sondern schon viel früher.
- Datum 09.06.2009 - 09:12 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 15.04.2009 Nr. 03
- Kommentare 24
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Jeder der sich beteiligt an der Panik (egal ob Studium oder im Beruf) ist nicht nur selbst schuld, er trägt auch Schuld daran, dass es so ist in der Uni/Firma/Gesellschaft. Super-Artikel!
Ich studiere selbst Jura im 6. Semester und kenne das verbale Hauen und Stechen nur allzu gut.
Als ich mein Studium begann, kam ich in eine tiefe Sinnkriese mit mir selbst. Wer bin ich, was will ich und wieso eigentlich nicht etwas ganz anderes? Ich habe gemerkt, dass ich eine wahnsinnige Liebe für Literatur und Philosophie empfinde. Nun, ich habe die ersten 3 Semester lesend verbracht. Fehler oder keiner? Sicher, in diesen 3 Semestern sind schon einige an mir vorbei gezogen, besonders die, die Eltern haben, die Juristen sind; die wussten eben wie man ganz genau Prüft und worauf es ankam. Für mich kam es auf Schnitzler, Max Weber, Platon, Kant und Tieck an.
Ich habe meine Zwischenprüfung geschafft. Zwar nicht mit den besten Noten, aber ok.
Jetzt bin ich im 6. Semester und ich sehe die Kollegen, die sich Tag für Tag in der Bibliothek aufhalten und womöglich wesentlich bessere Noten erhalten als ich. Das stört mich nicht, im gegenteil es erfüllt mich mit Sorge, dass diese Kommilitonen womöglich Richter werden, sich aber ihr gesamtes Studium lang dem Sprachrohr der Gesellschaft, der Literatur, entzogen haben.
Und dennoch bleibt die Angst: Wird man mich, wenn ich mich auf Arbeitssuche begebe, auch als Menschen betrachten und nicht nur als Juristen? Wird jemand zu würdigen wissen, dass ich einen Wissensstand anstrebe, der Umfangreich und nicht abgegrenzt ist? Diese Fragen erzeugen Druck, diese Unsicherheit darüber, ob jemand mich brauchen wird, ob ich ein Auskommen haben werden, dass es mir erlaubt mich weiterhin zu bilden und mir Bücher zu leisten.
Die Frage nach dem Freund, der in einer Klausur besser war, als ich ist leicht beantwortet: Natürlich ist man ein bisschen neidisch, aber ich gönne jedem seinen Erfolg und frage dann gerne, ob ich die Klausur mal sehen, darf, um zu lernen, was ich hätte besser machen können.
Bleibt aber immer die Frage: Was wird mit mir werden?
Entschuldigung, so sollte es heißen.
Entschuldigung, so sollte es heißen.
Entschuldigung, so sollte es heißen.
Der Artikel zeigt, dass zumindest noch nicht alle der Idiotie der "Leistungs"gesellschaft verfallen sind.
Konkurrenzdenken - Hah!
Die Menschheit wäre längst ausgestorben, wenn sich unsere Vorfahren gegenseitig in die Fänge der Säbelzahntiger geschubst hätten.
"Die Konkurrenz in China schläft nicht."
"Internationale Wettbewerbsfähigkeit."
"Karrierechancen"
Bla bla.
So was bekam ich schon in der Schule eingetrichtert, sowohl von Lehrern, als auch Klassenkameraden, von Eltern wie von Bekannten. Auch die Medien geben sich ja normalerweise alle Mühe, den Konkurrenzgeist zu stärken.
Naja: Möglichst ein 1,0 Abitur, dann lieber ausmustern lassen um gleich zu studieren - was? willst nicht gleich? Ok, dann nutz die Zeit für ein Praktikum. - Nach dem dualen Turbostudium mit 5 Praktika und 2 Auslandsemester der Karrierekampf - ohne Rücksicht auf Verluste - Gier nach Karriere und Einkommen und mit 25 oder 30 den ersten Burnout zu bekommen.
Jaja, die Konkurrenz in China schläft nicht.
Und wir setzen uns lieber selber schachmatt...
Prost.
Sehr guter Artikel.
Auch ich habe das Vergnügen an einer vermeintlichen "Elite-Uni" zu studieren. cv-tuning und Aussagen wie "Erst wollte ich ins Investmentbanking, aber nun glaube ich dass ich im Consulting mehr verdienen kann" gehören genauso zum Alltag wie der im Artikel schön beschriebene Vergleich eigener Leistungen mit denen anderer - Praktika gegen Noten und extrakurrikuläre Aktivitäten. Zusammen mit ein paar Kommilitonen kam ich zu dem Schluss, dass es sich wohl weniger um ein Bachelor-Studium handelt als um ein dreijähriges Bewerbungsgespräch. Das selbst-erfahren, selbst-erkunden und die Festigung der eigenen Persönlichkeit können hierbei durchaus in den Hintergrund geraten.
Insbesondere für bedenklich halte ich hierbei, dass sich ein extrem kompetitives Verhalten in einer - wie im Artikel beschrieben - wichtigen Entwicklungsphase angeeignet (oder gefestigt) wird, oftmals mit der Folge dass es eins zu eins in die darauf folgende Berufswelt transferiert wird. Gegeben dass die Absolventen oftmals massgebliche Führungspositionen und Verantwortungen anstreben, ist es dann auch kaum verwunderlich, dass wir dieses Muster auf individueller Ebene dann auch im Gesamtsystem wieder erkennen.
Die Frage nach der Ursache bleibt hierbei unbeantwortet: Dass das System solches Verhalten mit Aufstieg belohnt, ist wohl ebenso plausibel wie die Erklärung, dass eben diese Absolventen später die Strukturen entsprechend prägen. Ein Zusammenspiel beider Mechanismen im Rahmen evolutionärer Sozialtheorie dürfte wohl der Realität am nächsten kommen.
Ein wichtiger Aspekt bleibt im Artikel jedoch unbeachtet, wenn nicht sogar der wichtigste: die Frage, inwieweit wir von Individuen, die Teil der hier beschriebenen Entwicklung sind, in ihrem Wirken eine Orientierung an gemeinschaftlichen Werten und Normen erwarten können und vor allem auch dürfen. Der in jüngster Vergangenheit oftmals laut gewordene Ruf nach Verantwortung und Haftung, nach verantwortungsvollem Handeln und Orientierung am Gemeinwohl seitens der Führungskräfte muss sich dann auch der Frage stellen, wo und wie wir unsere Eliten (so der Begriff hier geeignet sei) denn rekrutieren, bilden und fördern. In puncto Sozialverhalten ergibt sich meiner Einschätzung nach ein ganz anderes Bild als bei herkömmlichen Rankings. Hochschulen werden sich künftig auch fragen lassen müssen, inwieweit sie ihre Absolventen darauf vorbereiten, sich über das Konkurrenzdenken hinaus mit gesellschaftlichen Wertefragen auseinanderzusetzen. Dabei geht es nicht um die abstrakte Argumentation im Rahmen der Wirtschaftsethik, sondern um die praktische Vorbereitung auf den Umgang mit Wertekonflikten zwischen unterschiedlichen Anspruchsgruppen.
Randnotiz: Für mich als Volkswirt bleibt damit nur noch die Frage inwieweit denn meine eigene Disziplin, die in der Vergangenheit Generationen von Wirtschaftsstudenten mit dem Bild des homo oeconomicus und dem Primat des Wettbewerbs eine durchaus fragwürdige Orientierung mit auf den Weg gab, Rechenschaft trägt für die Vergangenheit und Verantwortung für die Zukunft.
Zusammen mit ein paar Kommilitonen kam ich zu dem Schluss, dass es sich wohl weniger um ein Bachelor-Studium handelt als um ein dreijähriges Bewerbungsgespräch.
Die Universität ist also in Wahrheit nur ein riesiges Assessment Center?
Könnte hier - - ein Thema werden.
Zusammen mit ein paar Kommilitonen kam ich zu dem Schluss, dass es sich wohl weniger um ein Bachelor-Studium handelt als um ein dreijähriges Bewerbungsgespräch.
Die Universität ist also in Wahrheit nur ein riesiges Assessment Center?
Könnte hier - - ein Thema werden.
Ich studiere im Ausland. Kann mir daher keine Anmerkungen zu dieser Geschichte erlauben.
Allerdings darf aus Erfahrung aus dem Umfeld bestätigt werden: Leidenschaft für ein Fach ist der einzige Schlüssel zum Erfolg.
ich wusste gar nicht, dass Emden eine Uni hat, und Ostfriesland als Ausland zu bezeichnen, na ja.......
ich wusste gar nicht, dass Emden eine Uni hat, und Ostfriesland als Ausland zu bezeichnen, na ja.......
ich wusste gar nicht, dass Emden eine Uni hat, und Ostfriesland als Ausland zu bezeichnen, na ja.......
Wie kommen Sie denn auf Emden mein Lieber? Sehe ich wirklich so aus, als würde ich in strukturschwachen Regionen verkehren?
Ich bitte Sie!
Wie kommen Sie denn auf Emden mein Lieber? Sehe ich wirklich so aus, als würde ich in strukturschwachen Regionen verkehren?
Ich bitte Sie!
Wie kommen Sie denn auf Emden mein Lieber? Sehe ich wirklich so aus, als würde ich in strukturschwachen Regionen verkehren?
Ich bitte Sie!
Sehe ich wirklich so aus, als würde ich in strukturschwachen Regionen verkehren?
Na ja.......
Sehe ich wirklich so aus, als würde ich in strukturschwachen Regionen verkehren?
Na ja.......
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren