Mensagespräch mit Gesine Schwan "Elite mag ich nicht"

Gesine Schwan will zur Bundespräsidentin gewählt werden. Wir trafen sie in der Mensa der FU Berlin, wo die 68er sie einst mit Eiern bewarfen. Ein Gespräch über Niederlagen, Protestkultur und Ehrlichkeit.

Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan

Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan

In einer Limousine wird Gesine Schwan vorgefahren, Kennzeichen: B-GS 2305 – "Berlin, Gesine Schwan, 23. Mai". An diesem Tag will Schwan, 65, zur Bundespräsidentin gewählt werden. Hier, am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, hat sie viele Jahre studiert und gelehrt. Zwischen 1999 und 2008 war sie Präsidentin der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

ZEIT CAMPUS: Frau Schwan, uns ist aufgefallen, dass Sie eine Menge Gemeinsamkeiten mit dem Papst haben.

Gesine Schwan: (lacht) Nämlich?

Anzeige

ZEIT CAMPUS: Sie sind katholisch, und Sie erinnern immer wieder daran, dass auch eine aufgeklärte Gesellschaft den Glauben braucht...

In der Mensa mit...
Alle Mensagespräche im Überblick

Alle Mensagespräche im Überblick

Schwan:...na, kommen Sie, daraus würde ich keine Gemeinsamkeit mit dem Papst konstruieren...

ZEIT CAMPUS: ...und Sie haben wie der Papst die Bewegung der 68er als Bedrohung erlebt: Ihr Mann Alexander Schwan wurde von Studenten einmal fast aus dem Fenster geworfen.

Schwan: Das war Anfang der 1970er Jahre hier im Otto-Suhr-Institut, unten in Hörsaal B. Ich war damals Assistenzprofessorin; mein verstorbener Mann war Direktor des Instituts. Da gab es ein Go-in: Die Studenten warfen Eier und Tomaten und wollten meinen Mann zur Rede stellen. Er hatte einen Artikel geschrieben, in dem die Worte "Studenten kommen schon gierig, geil und brünstig nach Marxismuskursen an die Uni" vorkamen. Die Fenster ließen sich allerdings nicht so weit öffnen. Ein Berliner Fenstersturz kam also nicht infrage. Der Anführer der Sache war übrigens Götz Aly, mit dem ich mich heute sehr gut verstehe.

ZEIT CAMPUS: Alys Buch "Unser Kampf" rechnet mit den 68ern ab. Wie sehen Sie die Bewegung heute?

Schwan: Der Wunsch, die Universität zu verändern, war ja richtig. Aber die Bewegung radikalisierte sich schnell. Ein normaler Lehrbetrieb wurde immer schwieriger. An den Wänden stand: "Kampf der bürgerlichen Wissenschaft!" Entsprechend wurden mein Mann und ich beschimpft.

ZEIT CAMPUS: Weil Sie keine Marxisten waren.

Schwan: Ich hatte gerade meine Doktorarbeit über den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski geschrieben. Der wurde als sogenannter bürgerlicher Wissenschaftler wegen seiner Kritik am Stalinismus von der Universität verbannt. Deswegen haben mich diese linken Kampfparolen alarmiert. Ich kannte die Zustände in der sozialistischen Wissenschaft.

ZEIT CAMPUS: Wenn man hört, was Sie zur Hochschulpolitik sagen, kann man den Eindruck bekommen, Sie seien heute mehr 68erin als damals. Zum Beispiel fordern Sie mehr Freiräume an den Hochschulen.

Leser-Kommentare
  1. Frau Schwan empfiehlt sich schon seit längerem als Bundespräsidentin, die nicht nur versteht, von welchen Werten sie spricht, sondern sie auch repräsentieren kann.
    Die Bundesversammlung wird entscheiden, wie weit sich der Raum für große Werte und entsprechend große Ziele öffnen wird.
    Die so in den Vordergrund gedrängten finanziellen Aspekte können hinderlich oder fördernd werden.
    Entscheidend wird sein, wo und wie in diesem Land die Türen der persönlichen "Paradiese" aufgehen und gemeinsame Wege möglich werden, die den kleinen und und im wahrsten Sinne des Wortes arm-seeligen Horizont für neue und bessere Optionen öffnen.

    • Gyaur
    • 10.05.2009 um 20:25 Uhr

    Gesine Schwan sollte sich lieber zur Pferdeflüsterin ausbilden lassen.

    • Lieps
    • 10.05.2009 um 21:29 Uhr

    Ich weiß nicht, was Gyaur gegen Pferdeflüsterer hat. Zumindestens sind diese sensibel und aufgeschlossen für ihre Umwelt.
    Gesine Schwan spricht sich gegen Studiengebühren und gegen ein ausgesprochenes Elitedenken aus. Ist doch in Ordnung.
    Was haben denn unsere sogenannten Eliten sprich Banker und Manager weiter getan, außer die durch sie verursachte Krise schnellstens auf den kleinen Mann auf der Straße abzuwälzen.
    Unsere letzten Bundespräsidenten, eingeschlossen Horst Köhler, haben alle keine schlechte Figur gemacht
    Natürlich hat niemand Richard von Weizsäcker (als Bundespräsident) ähnlich wie Helmut Schmidt (als Bundeskanzler) in charismatischer Ausstrahlung erreichen können.
    Aber lieber eine Pferdeflüsterin, welche die Sorgen und Nöte ihres Volkes versteht, als einen verknöcherten Politbeamten, der nur der Macht des Geldes dient und keinen Ausgleich bezüglich einer sozialen Gerechtigkeit fertigbringt. Damit meine ich nicht Horst Köhler, welcher mit durchaus guten Chancen in den Wahlkampf zieht. Allerdings, wenn wir nun mit Angela Merkel zwar nicht gerade eine Königin der Herzen auf den Thron haben, aber immerhin eine propere Frauensperson, warum sollte dieses für Gesine Schwan im zweiten Anlauf nicht möglich sein.
    Besser als ihr Parteifreund Müntefering ist sie allemal.

    Mit freundlichen Grüßen

    Lieps

  2. Was mich an Frau Schwan ein wenig stört, ist die Tatsache, dass Sie ihr gesamtes, berufliches Leben innerhalb des Universitätsbetriebes verbracht hat. Jedenfalls wenn man nach den Angaben auf ihrer eigenen Webseite geht.

    Mir ist jemand lieber, der Erfahrungen auch von außerhalb des öffentlichen Dienstes mitbringt. Man hat dann doch eher Verständnis dafür, das Geld auch erwirtschaftet werden muss, bevor man es ausgeben kann.

    Sie sagt zwar, "Elite mag ich nicht!", gehört aber natürlich dazu und erhebt dann ganz selbstverständlich die Forderung an die Gesellschaft, den Universitätsbetrieb von allen wirtschaftlichen Zwängen und Anforderungen frei zu stellen.

    Das ist natürlich eine Luxusposition, die es nur für eine kleine Elite geben kann und die von Menschen erbracht werden muss, für die dieser Schutz nicht gilt. Das diese Menschen dann auch die Frage nach der Gegenleistung für solch einen "Schutzschirm" stellen, halte ich für normal, aber anscheinend wird genau dies schon als Zumutung gesehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • th
    • 11.05.2009 um 15:20 Uhr

    als einen Vertreter des Bankgewerbes ...

    • th
    • 11.05.2009 um 15:20 Uhr

    als einen Vertreter des Bankgewerbes ...

    • th
    • 11.05.2009 um 15:20 Uhr

    als einen Vertreter des Bankgewerbes ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Warum?

    Warum?

  3. 6. Warum?

    Warum?

  4. Liebe Frau Schawan,

    wenn sich Ihr Promotionsthema mit der Emazipation der deutschen Frau in der Frauenbewegung beschäftigt haben sollte, kann ich gut verstehen, dass Ihr 'Göttergatte' schon tot ist.
    Sollten Sie aber Bundespräsidentin werden wollen, würde ich mir an Ihrer Stelle DOCH noch einmal das marxistische Manifest vor Augen führen.
    Welche Partei auch immer Sie reflektieren wollen... smile..., in 'Deutschland' hat noch NIEMALS jemand nen Arsch in der Hose gehabt.
    Und DAS können Sie bitteschön auch Ihrer blonden Freundin Angela Merkel bestellen. Die geht mir nämlich genauso am Arsch vorbei.
    ICH werde bei den Europa-Wahlen MICH SELBST wählen. Denn die Politiker der Welt sind allesamt Sackrattenschwänze.

    In dem Sinne
    katholisch-orthodoxes Rölpz-Pfurz

    O. Weging / О. Вегинг
    Central-Europe / Germany / Magdeburg
    admin@weging.org
    www.weging.org

    [Anmerkung: Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl und bemühen Sie sich um eine sachliche und niveauvolle Diskussion. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service