Professoren-Kolumne Bluff von 1000 Jahren
Warum stellen Profs in Auswahlgesprächen nur so gemeine Fragen? Das erklärt unser Kolumnist Fritz Breithaupt
Als Student bewarb ich mich einmal um ein Stipendium. Mit zwei anderen Bewerbern wurde ich vor eine Auswahlkommission zitiert. »Sie haben auf einem Heinrich-Heine-Gymnasium das Abitur abgelegt. Nun wollen Sie in den USA Geschichte studieren. Was verbindet Heine mit Amerika?«, kam die erste Frage in schnarrendem Ton. Glücklicherweise meinte der Prof die Studentin rechts neben mir. Die zweite Frage schlug ein: »Warum heißt unser Programm eigentlich Fulbright-Stipendium?« Ich wollte schon kapitulierend das Zimmer verlassen, als der lange Finger des Profs auf den Typen links neben mir zeigte. Der stammelte: »Full bright heißt voll schlau. Es ist ein Elitestipendium.« – »Eine Elite, zu der Sie nicht gehören«, sagte der Prof kühl und schaute mich an: »Wie viele Gedichte hat Paul Celan aus dem Englischen übersetzt?« Ich riet eine Zahl und gewann wie im Lotto; neun Monate später schüttelte ich Senator Fulbright die Hand.
Auswahlgespräche sind Rituale des Zufalls und der Macht. Kein Bewerber kommt ohne Wunden davon. Als Student wurde ich zweimal von der Studienstiftung des deutschen Volkes abgelehnt. Beide Male wurde mir fast wortwörtlich der gleiche Satz gesagt: »Wir brauchen Individuen. Sie hingegen sind einfach nur unangepasst.«
Doch wie sieht es auf der anderen Seite aus? Wie fühlen sich die Professoren im Epizentrum der Macht? In der Tat sitzen wir Profs regelmäßig auf der anderen Seite des Tischs, nicht selten mit ungewaschenen Haaren und schlechter Laune.
In einer dieser Sitzungen erhebt sich mein Kollege Dieter, seine Haartolle fliegt nach rechts, er pocht mit dem Finger auf den Bewerbungsbrief und sagt zu dem Studenten: »Hier auf Seite drei Ihres Antrags zu Hegel erwähnen Sie die Ästhetik. Erläutern Sie doch mal die vorplatonische Begriffsgeschichte des Wortes aísthesis im Griechischen.« Wie gemein. Er hätte doch fragen können: »Sie planen eine Magisterarbeit zur Philosophie von Hegel. Die kenne ich kaum. Erzählen Sie uns doch einmal…« Stattdessen will er groß auftrumpfen. Die meisten Mitglieder einer Kommission fürchten vor allem, sich vor ihren Kollegen durch naive Fragen zu blamieren. Das Bluffen soll von ihrer eigenen Inkompetenz ablenken – eine der großen Untugenden an der Uni.
So rational Profs sonst sind, so irrational verhalten sie sich nämlich in Kommissionen. Sie glauben, sie könnten Talente erkennen. Dabei testen sie meist nur, wer besser vorbereitet ist und ihnen selbst am meisten ähnelt. Man sollte Kommissionen danken, die sich dabei wenigstens um Freundlichkeit bemühen. Dort behalten die Bewerber die Lust zur Wiederbewerbung – bis es klappt.
- Datum 18.08.2009 - 13:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.04.2009 Nr. 03
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