Auslandssemester "Entwickeln Sie sich weiter!"
Warum man trotz engem Studienplan ins Ausland gehen sollte und wann man am besten was macht, sagt der DAAD-Experte Claudius Habbich

© photocase/BerndderHeld
Ab ins Ausland: Vorher gibt es einige zu beachten
ZEIT CAMPUS: Herr Habbich, die größte Angst vieler Studenten ist derzeit, dass im durchgeplanten Bachelorsystem gar keine Zeit für einen Auslandsaufenthalt bleibt.
Claudius Habbich:Es ist in der Tat schwieriger geworden. Früher sind die Studenten meist im sechsten Semester ins Ausland gegangen, da schreibt man heute schon die Abschlussarbeit.
ZEIT CAMPUS: Wann passt es dann?
Habbich:Wem ein halbes Jahr genügt, der wählt idealerweise das vierte oder fünfte Semester, um keine Zeit zu verlieren. Wer ein ganzes Jahr lang weggehen will, muss sowieso länger studieren.
ZEIT CAMPUS: Das empfinden viele als Zeitverlust.
Habbich:Dafür machen Sie im Idealfall interkulturelle Erfahrungen und entwickeln Ihre Persönlichkeit weiter. Sie tauchen ganz in die fremde Kultur ein, erleben alle Jahreszeiten, alle Feiertage. Und Sie müssen sich auch durch Krisenphasen durchbeißen, was bei nur einem Semester wenig wahrscheinlich ist. Wer aber unbedingt Zeitverlust vermeiden will, sollte ein Studium mit integriertem Auslandsaufenthalt wählen.
ZEIT CAMPUS: Wie sieht das aus?
Habbich:Manche Studiengänge geben nur ein Zeitfenster vor, andere haben ausgewählte Partnerhochschulen, und wieder andere legen von vornherein fest, dass das fünfte Semester in Madrid oder Paris verbracht wird. Besonders verbreitet sind solche Angebote an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten.
ZEIT CAMPUS: Worauf sollte ich bei der Auswahl des Landes achten?
Habbich:Es sollte Sie wirklich interessieren! Sie sollten auch nicht in ein Land gehen, dessen Sprache Sie nicht bis zum Beginn des Auslandsaufenthalts erlernen können. Dann spielen fachliche Aspekte eine Rolle: Wo kann ich welche Kurse belegen? Wo kann ich die meisten Credits sammeln? Am Ende müssen Sie abwägen.
ZEIT CAMPUS: Die Credits anrechnen zu lassen ist nicht immer einfach.
Habbich:Sichern Sie sich vorher bei mehreren Personen ab. Sonst sagt Ihnen Ihr Professor, dass alles kein Problem sei, aber das Prüfungsamt stellt hinterher fest: »Von den 21 Credits können wir 17 nicht anrechnen.« Am einfachsten ist es bei Absprachen zwischen Partner-Unis.
ZEIT CAMPUS: Und wenn es in meinem Lieblingsland gar kein Credit-Point-System gibt?
Habbich:Dann kann es trotzdem der richtige Schritt sein, dort hinzugehen, wenn für Sie der Wert des Auslandsaufenthaltes an sich zählt . Wichtig ist doch auch, dass Sie fürs Leben lernen!
ZEIT CAMPUS: Sollte man zwischen Bachelor und Master ins Ausland gehen?
Habbich:Wenn Sie nirgendwo immatrikuliert sind, wird es schwierig, eine Gast-Uni zu finden. Sie könnten ein Aufbaustudium von einem Jahr machen, das fördern wir unter Umständen. Möglicherweise wird das später auch anerkannt, wenn Sie in Deutschland einen Master machen wollen. Dafür gibt es aber keine Regeln.
ZEIT CAMPUS: Dann mache ich besser ein Praktikum.
Habbich:Dafür vermitteln wir Plätze. Der DAAD fördert auch selbst gesuchte Praktika, genauso wie Sommer-Sprachkurse an Hochschulen im Ausland .
ZEIT CAMPUS: Woher weiß ich, welche Form des Auslandsaufenthalts für mich richtig ist?
Habbich:Letztendlich ist das auch eine Frage der Finanzierung. Die Förderung deckt leider nie alle Kosten; Sie müssen eigentlich immer etwas zuschießen. Je länger Sie im Ausland bleiben, desto teurer wird es. Außerdem müssen Sie sich fragen: Wie passt der Aufenthalt in mein Studium? Ist er gewinnbringend für meinen Berufswunsch? Wie wichtig ist mir die Einhaltung der vorgegebenen Studienzeit? Da müssen Vor- und Nachteile abgewogen werden. Lassen Sie sich am besten im Akademischen Auslandsamt beraten, und sprechen Sie mit Kommilitonen, die im Ausland waren!
ZEIT CAMPUS: Eine weitere Möglichkeit ist ja, den Master im Ausland zu machen. Muss ich da schon im Bachelorstudium etwas beachten?
Habbich:Sie sollten darauf achten, ob der Master, den Sie im Ausland belegen wollen, einen bestimmten Bachelor erfordert. Informieren Sie sich über die Eingangsvoraussetzungen, finden Sie heraus, welche Qualifikationen Sie nachweisen müssen. Generell sollten Sie in Europa mit einem Bachelorabschluss keine Probleme haben. Anders in den USA: Dort gibt es vierjährige Bachelorprogramme. Möglicherweise wird dort jemand mit einem dreijährigen Bachelor nicht für ein Masterprogramm zugelassen.
ZEIT CAMPUS: Wird denn der Master auch gefördert?
Habbich:Ja, aber wir fördern zunächst nur ein Jahr, lediglich in Ausnahmefällen zwei Jahre lang. Trotzdem mehren sich die Anträge beim DAAD.
ZEIT CAMPUS: Im Prinzip ist es ja auch die effektivste Methode: Man taucht während des zweijährigen Masters richtig in die fremde Kultur ein und nutzt gleichzeitig die Zeit für einen höheren Abschluss.
Habbich:Aus Sicht der Studenten ist das richtig. Andererseits haben die deutschen Hochschulen kein Interesse daran, ihre Besten für das Masterstudium zu verlieren. Außerdem ist ja dann die Frage: Kommen die eigentlich zurück? Aus gesellschaftlicher Sicht hat man da kein gutes Gefühl. Wir fördern die Studenten ja mit Steuergeldernund können nicht ausschließen, dass sie nach dem Master im Ausland einen Job annehmen.
ZEIT CAMPUS: Wann sollte ich eigentlich am besten mit der Planung meines Auslandsaufenthaltes beginnen?
Habbich:Viel früher, als man vielleicht denkt. Von der ersten Idee bis zur Abreise vergehen in der Regel eineinhalb Jahre.
ZEIT CAMPUS: Wenn ich im vierten Semester weg sein will, muss ich also im ersten Semester loslegen.
Habbich:Eigentlich sogar schon vorher. Wer über die Wahl seines Studiengangs nachdenkt, muss sich bereits fragen: Will ich eigentlich ins Ausland? Dann sollte er einen Studiengang wählen, der das besonders gut integriert und der eine Kooperation mit einer Hochschule im jeweiligen Lieblingsland anbietet.
ZEIT CAMPUS: Was für ein Stress, schon so früh solche Entscheidungen zu treffen!
Habbich:Ja, im Grunde muss der Erstsemestler schon genau wissen, was er im Auslandssemester machen will. Dabei hat er eigentlich schon genug damit zu tun, sich im Studium in Deutschland zurechtzufinden.
Die Fragen stellte Marike Frick
Claudius Habbich leitet beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) das Referat
- Datum 28.04.2009 - 09:58 Uhr
- Quelle ZEIT CAMPUS, 15.04.2009 Nr. 03
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Viel früher, als man vielleicht denkt. Von der ersten Idee bis zur Abreise vergehen in der Regel eineinhalb Jahre.
Woran meines Erachtens nach hauptsaechlich die Deadlines fuer eventuelle Stipendien und fuer Finanzierung schuld sind. Eine Bewerbung an einer Uni in Europa geht normalerweise flux von statten, fuer meinen Master in Frankreich habe ich mich im Juni beworben, im Oktober ging's los. Dafuer entschieden hatte ich mich im Februar zuvor.
Das ging so schnell, weil ich mich zum Glueck durch einen Nebenjob selber finanzieren konnte und ich im Gegenzug leider von keinem einzigen Stipendium profitiere.
Und Sie müssen sich auch durch Krisenphasen durchbeißen, was bei nur einem Semester wenig wahrscheinlich ist.
Meiner Erfahrung nach und auch nach der von Freunden beisst man sich gerade die ersten Monate durch die groessten Krisen, im Umkehrschluss sollte derjenige der tatsaechlich was von seinem Aufenthalt haben will laenger bleiben. Ich glaube auch irgenwo gelesen zu haben das eine Eingewoehnungsphase von ca. 3-4 Monaten, in der man die meisten Schwierigkeiten durchlebt, allgemeiner Durchschnitt ist. Genau die Zeit eines Semesters also. Und erst danach faengt es eigentlich an das man sich langsam wohl fuehlt, die Sprache sicher beherrscht und sich mit ihr in Einklang fuehlt, also mit Ihrer Hilfe auch tiefere Freundschaften zu Muttersprachlern aufbauen kann.
Daher evtl. auch das "Integrationsproblem" vieler Ersasmus-Studenten, denn warum ein Austauschsemester zwar Integrationswillig aber mit viel Frust verbringen, wenn man genausogut auch eine gute Zeit mit den anderen Austauschstudenten verbringen kann, dafuer aber in seiner kleinen Erasmus-Welt lebt?
Meiner Meinung nach sind die Aesserungen von Herrn Habbich viel zu sehr von Nuetzlichkeitserwaegungen gepraegt. Man muss doch nicht schon im ersten Semester wissen - auch wenn es vielleicht wuenschenswert waere - was man spaeter beruflich machen moechte und wie ein Aufenthalt in einem bestimmten Land zu einem bestimmten Zeitpunkt perfekt in diesen Zeitplan passt!
Ich stimme Herrn Habbich zu, dass man mit einem Auslandsaufenthalt seinen Horizont erweitern kann, Perspektiven und Kenntnisse hinzugewinnt und sich weiterentwickelt. Reicht denn das nicht? Meiner Meinung nach muss man dann das Auslandsstudium nicht auch noch mit ueberzogenen akademischen Erwartungen - also moeglichst "viele Credits zu sammeln" - ueberfrachten.
Als Student will man im Ausland in erster Line eine gute Zeit haben und Sprache, Land und Leute kennenlernen ohne sich staendig zu fragen, wie das nun im Lebenslauf aussieht!
Und was die Planung betrifft: Die Aussage, dass man am besten 1,5 Jahre vorher damit anfaengt, wirkt ungemein abschreckend auf Studenten und ist vollkommen aus der Luft gegriffen! Was aus praktischer Sicht zaehlt, ist die Bewerbungsfrist 1. fuer das Partnerschaftsprogramm der jeweiligen Universitaet und 2. fuer ein etwaiges Stipendium. Die Fristen hierfuer enden meiner Erfahrung nach (Universitaet Freiburg i. Br.) ca. 6-10 Monate vor dem geplanten Auslandsaufenthalt.
Fuer das Bewerbungsschreiben an sich reichen 2 Wochen Vorbereitung ABSOLUT aus!
Ich habe den Eindruck, dass sich der DAAD gerne mit der Aura des Elitaeren umgibt und daher nur planvolle Musterstudenten a la "Ich uebernehme Daddy's Business und weiss genau was ich tue" in seinen Reihen moechte. Dafuer sind die knapp 300,- Euro im Monat, die der gemeine Student dann vom DAAD erhaelt, doch ein bisschen mager.
PS: Ich bin Student im 9. Semester und werde dank zweier aus Herrn Habbichs Sicht verschenkter, da creditloser, Urlaubssemester (eines davon in Australien an der University of Sydney), die Regelstudienzeit ueberschreiten. Und glauben Sie's oder nicht: Ich kann noch ruhig schlafen, obwohl ich bei Abschluss meines Studiums die 25 ueberschritten haben werde. Gefoerdert werde ich von einer bekannten Studienstiftung aus Baden-Wuerttemberg.
Eben diese Langzeiplanerei sollte man doch gerade im Studium vermeiden. Vorher wissen was man will, feste Plaene machen, auf Sicherheit und Karriere gehen, das sind doch alles Dinge mit denen man nach dem Studium noch zur genuge konfrontiert wird. Das Studium als Chance zur Entwicklung sehen, und diese Enwicklung nicht durch Planung zu ersticken, das ist wichtig!
Und vor allem, sich frei und ungebunden fuehlen koennen und nicht Teil einer Maschiniere à la
"Andererseits haben die deutschen Hochschulen kein Interesse daran, ihre Besten für das Masterstudium zu verlieren. Außerdem ist ja dann die Frage: Kommen die eigentlich zurück? Aus gesellschaftlicher Sicht hat man da kein gutes Gefühl. Wir fördern die Studenten ja mit Steuergeldernund können nicht ausschließen, dass sie nach dem Master im Ausland einen Job annehmen."
zu werden.
Macht den Leuten keine Angst mit solchem Langzeitplanungsgefassel. Es kann so einfach sein.
Eben diese Langzeiplanerei sollte man doch gerade im Studium vermeiden. Vorher wissen was man will, feste Plaene machen, auf Sicherheit und Karriere gehen, das sind doch alles Dinge mit denen man nach dem Studium noch zur genuge konfrontiert wird. Das Studium als Chance zur Entwicklung sehen, und diese Enwicklung nicht durch Planung zu ersticken, das ist wichtig!
Und vor allem, sich frei und ungebunden fuehlen koennen und nicht Teil einer Maschiniere à la
"Andererseits haben die deutschen Hochschulen kein Interesse daran, ihre Besten für das Masterstudium zu verlieren. Außerdem ist ja dann die Frage: Kommen die eigentlich zurück? Aus gesellschaftlicher Sicht hat man da kein gutes Gefühl. Wir fördern die Studenten ja mit Steuergeldernund können nicht ausschließen, dass sie nach dem Master im Ausland einen Job annehmen."
zu werden.
Macht den Leuten keine Angst mit solchem Langzeitplanungsgefassel. Es kann so einfach sein.
Eben diese Langzeiplanerei sollte man doch gerade im Studium vermeiden. Vorher wissen was man will, feste Plaene machen, auf Sicherheit und Karriere gehen, das sind doch alles Dinge mit denen man nach dem Studium noch zur genuge konfrontiert wird. Das Studium als Chance zur Entwicklung sehen, und diese Enwicklung nicht durch Planung zu ersticken, das ist wichtig!
Und vor allem, sich frei und ungebunden fuehlen koennen und nicht Teil einer Maschiniere à la
"Andererseits haben die deutschen Hochschulen kein Interesse daran, ihre Besten für das Masterstudium zu verlieren. Außerdem ist ja dann die Frage: Kommen die eigentlich zurück? Aus gesellschaftlicher Sicht hat man da kein gutes Gefühl. Wir fördern die Studenten ja mit Steuergeldernund können nicht ausschließen, dass sie nach dem Master im Ausland einen Job annehmen."
zu werden.
Macht den Leuten keine Angst mit solchem Langzeitplanungsgefassel. Es kann so einfach sein.
Es geht viel verloren bei der Ideologie des „keine Zeit … verlieren“, wo nur „im Idealfall interkulturelle Erfahrung“ gemacht wird und Fragen wie „Wo kann ich welche Kurse belegen? Wo kann ich die meisten Credits sammeln? ... Wie passt der Aufenthalt in mein Studium? Ist er gewinnbringend für meinen Berufswunsch?“ eine gewichtige Rolle spielen. Was wäre wohl aus dem bekanntesten und menschlich größten DAAD-Stipendiaten, Dietrich Bonhoeffer, geworden, wenn sich diesen Pragmatismus zu eigen gemacht hätte?
Das Traurigste ist daher, dass in diesem Interview das Wesentlichste fehlt: „Wandel durch Austausch“ ist das Motto des DAAD. Dies sollte nicht in Vergessenheit geraten. Austausch – das setzt Offenheit voraus, Bereitschaft, sich auf eine andere Kultur, Sprache, Uni einzulassen, Dinge auf sich wirken zu lassen, fremde Betrachtungsweisen kennen und verstehen zu lernen.
Wichtig ist daher meines Erachtens zu allererst Neugierde und Abenteuerlust, eine Analyse der eigenen Interessen, Stärken und Neigungen mag dann folgen. Ich halte es aber für falsch, einerseits „fürs Leben lernen“ zu betonen und dann doch pragmatische Überlegungen an die erste Stelle zu setzen. Auch stören mich der fordernde Ton und die Hektik. Ein Auslandsaufenthalt aus reinen Nützlichkeitserwägungen, optimal terminiert und mit der garantierten vollen Anerkennung der passgenauen Kurse kommt nicht zu zustande oder gerät zur Frustration. Es gibt beim Auslandsaufenthalt nun mal nicht die „eierlegende Wollmilchsau“.
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