Till wollte nur auf die Toilette gehen. Im Vorbeigehen lächelte er der Putzfrau im Gang zu und öffnete die Tür zur Männertoilette. "Fräulein!", rief sie ihm hinterher, grinste ihn an und sagte: "Da müssen Sie rein." Dann zeigte sie auf die Tür links daneben. Till zögerte. Sollte er etwas sagen? Er tat es nicht, murmelte nur "Danke" und nahm stattdessen die Damentoilette.

"So etwas passiert mir fast jeden Tag", sagt Till. "Aber ich hab keine Lust, jedem Verkäufer und jeder Putzfrau zu erklären, was los ist." Till Amelung ist 24 Jahre alt und er kam als Mädchen zur Welt. Auf seinen Zeugnissen und Ausweisen steht "Tanja", der Name, den er seit der Geburt getragen hat. "Aber das bin ich nicht. Ich bin ein Mann", sagt er bestimmt. Seit er denken kann, fühlt er sich fremd in seinem eigenen Körper.

Till ist transsexuell, genau wie mindestens 6000 andere Menschen in Deutschland. Die Dunkelziffer liegt viel höher. Gezählt werden können nur diejenigen, die in ärztlicher Behandlung sind, und viele Betroffene gehen nicht zum Arzt. Sie schämen sich, haben Angst oder wissen gar nicht, dass es für ihr Leiden einen Namen gibt.

Transsexualität hat nichts mit Transvestiten zu tun, nichts mit Männern, die sich als Frauen verkleiden und auf Varieté-Bühnen stehen. Transsexuelle wollen kein Kostüm, sie wollen einen anderen Körper, weil sie im falschen geboren wurden. Dafür spritzen sich viele ihr Leben lang Hormone und lassen sich mehrfach operieren.

Till will das auch, aber er muss noch warten, auf Gutachten von Psychologen und Gerichten. Ohne die darf in Deutschland keiner seinen Vornamen ändern, gegengeschlechtliche Hormone nehmen oder sich operieren lassen. Trotzdem versucht Till jetzt schon, als Mann zu leben: Er trägt weite Kleidung und einen Irokesenschnitt. Bevor er in die Uni geht, sich mit Freunden trifft, praktisch immer wenn er unter Leute geht, schnürt er sich mit einer Binde die Brüste ab. "Nach ein paar Stunden tut es weh", sagt er. "Dann muss ich nach Hause, die Binde abnehmen. Dort sieht mich ja keiner." Er sagt das so gelassen, als ginge es um eine Krawatte, die er zu Hause auszieht.

Till probiert alles, um als Mann gesehen zu werden. Doch es hilft nichts: "Die Leute denken, ich sei eine maskuline Frau, oder sie halten mich für einen 14-jährigen Jungen." Er traut sich nicht, einen Nebenjob anzunehmen, weil er Angst hat, weibliche Berufskleidung tragen zu müssen; er macht keinen Sport, weil er nicht weiß, in welche Umkleidekabine er gehen soll; und wenn er in Göttingen unterwegs ist, fragen ihn Kinder: "Ey, was bist’n du, Junge oder Mädchen?" Eigentlich spaziert er gerne von der Uni in die Innenstadt, über das alte Kopfsteinpflaster, in die kleinen Cafés. Aber die Fragen haben ihn scheu gemacht – allein traut er sich kaum noch dahin.