TranssexualitätIm Fremdkörper

Sie kamen als Frauen zur Welt, doch sie fühlen sich als Männer. Ein Student kämpft dafür, ein Mann zu sein, ein Dozent hat diesen Kampf schon hinter sich. Wie geht es ihnen damit? von Karin Prummer und Dominik Stawski

Till wollte nur auf die Toilette gehen. Im Vorbeigehen lächelte er der Putzfrau im Gang zu und öffnete die Tür zur Männertoilette. "Fräulein!", rief sie ihm hinterher, grinste ihn an und sagte: "Da müssen Sie rein." Dann zeigte sie auf die Tür links daneben. Till zögerte. Sollte er etwas sagen? Er tat es nicht, murmelte nur "Danke" und nahm stattdessen die Damentoilette.

"So etwas passiert mir fast jeden Tag", sagt Till. "Aber ich hab keine Lust, jedem Verkäufer und jeder Putzfrau zu erklären, was los ist." Till Amelung ist 24 Jahre alt und er kam als Mädchen zur Welt. Auf seinen Zeugnissen und Ausweisen steht "Tanja", der Name, den er seit der Geburt getragen hat. "Aber das bin ich nicht. Ich bin ein Mann", sagt er bestimmt. Seit er denken kann, fühlt er sich fremd in seinem eigenen Körper.

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Till ist transsexuell, genau wie mindestens 6000 andere Menschen in Deutschland. Die Dunkelziffer liegt viel höher. Gezählt werden können nur diejenigen, die in ärztlicher Behandlung sind, und viele Betroffene gehen nicht zum Arzt. Sie schämen sich, haben Angst oder wissen gar nicht, dass es für ihr Leiden einen Namen gibt.

Transsexualität hat nichts mit Transvestiten zu tun, nichts mit Männern, die sich als Frauen verkleiden und auf Varieté-Bühnen stehen. Transsexuelle wollen kein Kostüm, sie wollen einen anderen Körper, weil sie im falschen geboren wurden. Dafür spritzen sich viele ihr Leben lang Hormone und lassen sich mehrfach operieren.

Till will das auch, aber er muss noch warten, auf Gutachten von Psychologen und Gerichten. Ohne die darf in Deutschland keiner seinen Vornamen ändern, gegengeschlechtliche Hormone nehmen oder sich operieren lassen. Trotzdem versucht Till jetzt schon, als Mann zu leben: Er trägt weite Kleidung und einen Irokesenschnitt. Bevor er in die Uni geht, sich mit Freunden trifft, praktisch immer wenn er unter Leute geht, schnürt er sich mit einer Binde die Brüste ab. "Nach ein paar Stunden tut es weh", sagt er. "Dann muss ich nach Hause, die Binde abnehmen. Dort sieht mich ja keiner." Er sagt das so gelassen, als ginge es um eine Krawatte, die er zu Hause auszieht.

Till probiert alles, um als Mann gesehen zu werden. Doch es hilft nichts: "Die Leute denken, ich sei eine maskuline Frau, oder sie halten mich für einen 14-jährigen Jungen." Er traut sich nicht, einen Nebenjob anzunehmen, weil er Angst hat, weibliche Berufskleidung tragen zu müssen; er macht keinen Sport, weil er nicht weiß, in welche Umkleidekabine er gehen soll; und wenn er in Göttingen unterwegs ist, fragen ihn Kinder: "Ey, was bist’n du, Junge oder Mädchen?" Eigentlich spaziert er gerne von der Uni in die Innenstadt, über das alte Kopfsteinpflaster, in die kleinen Cafés. Aber die Fragen haben ihn scheu gemacht – allein traut er sich kaum noch dahin.

Leserkommentare
  1. Kann man nicht Zeugnisse und Diplome. Promotionsurkunden usw. umschreiben lassen; gibt es nicht eine gesetzliche Möglichkeit oder auch PÜflicht, solche Urkunden umzuschreiben, wenn der Vorname und das Geschlecht umgetragen werden? Wenn nicht, so erlebe ich dies als eine wirklich schlimme Lücke im Gesetz. Da eilt den erfolgreich umgeschriebenen Trassexuellen ja immer etwas nach. Das tut bestimmt nicht gut.

    Die zweite Frage die ich mir stelle, wie ist das eigentlich: Phänotypisch wurde aus der Frau ein Mann (durch Testosteroneinnahme, Mammaamputation, Gebärmutterentfernung usw.), genotypisch bleibt aber das XX bestehen. Die sexuelle Ausrichtung auf einen Mann wäre dann phäntotypisch schwul, genotypisch aber hetero. Fühlt sich ein solcher Transgender dann schwul, obwohl genotypisch Hetrosexualität vorliegt?

    Bleibt eigentlich die Ehe nach der Umtragung des Geschlechtes bestehen, oder läuft dann von Gesetzes wegen ein Scheidungsverfahren, weil ja bei dem eingetragenem neuen Geschlecht nur Lebenspartnerschaften als legale, engetragene Partnerschaft möglich ist? Wie stellt sich die ev. und die kath. Kirche zu solchen Partnerschaften, Ehen, Lebenspartnerschaften?

    Viele Fragen; veilleicht kann ja der ein oder andere in diesem Forum oder auch privat einfach mal auf diese Fragen antworten.

    Allen Trangendern wünsche ich allemal Glück und Gelassenheit im neuen Dasein.

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    • Anja66
    • 07. Juni 2009 18:09 Uhr

    mein bester Freund ist transsexuell und hat mir - ich hatte das auch so in Erinnerung - bestätigt, dass er nach der gerichtlichen Änderung von Name und Geschlecht zum einen eine neue Geburtsurkunde bekam, in der sein neuer Name und Geschlecht drin stehen, außerdem konnte er mit diesen Unterlagen problemlos seine Zeugnisse - in dem Fall Abiturzeugnis und Arbeitszeugnisse - ändern lassen. Beim Diplom war er schon ein Mann, also musste da nichts geändert werden.
    Also wenn alles seinen rechtlichen Gang gegangen ist - und das dauert seine Zeit - sind die Zeugnisse eigentlich kein Problem.
    Vielleicht hat der Dozent einfach diesen Punkt im "Prozess" noch nicht erreicht - er sollte aber trotzdem, wissen, dass das dann geht. Bei Publikationen etc. sehe ich allerdings auch ein Problem, das flächendeckend zu ändern, bzw. das wird vielleicht wirklich nicht gemacht.

    Sexuelle Orientierung hängt von Geschlecht und nicht von den Chromosonen ab. (Das heißt, ob ein Mann z.B. schwul ist, hat nichts damit zu tun, ob er genotypisch XX oder XY ist.)

    So weit wie ich weiß, erkennt die katholische Kirche transsexuelle Leute nicht. Wenn man als Kind mit einem oder anderen Geschlecht, bleibt man in der Kirche immer so. (Ich weiß nicht, was die Kirche sagen würde, falls man als Erwachsene getauft würde.)

    Ich bin kein Deutsche (das ist vielleicht klar von meinem Deutsch) und ich weiß nicht über die gesetzliche Situation mit Bezug auf Partnerschaften, usw.

  2. es gibt manche Probleme, die hätte ich gern.

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    Ich denke kaum, dass Sie sich wirklich ein derartiges Problem wünschen. Vielleicht haben Sie anderes durchgemacht, dass Sie als schlimmer empfinden. Aber das wäre kein Grund diesem Problem zu wenig Bedeutung zukommen zu lassen.

  3. Ich denke kaum, dass Sie sich wirklich ein derartiges Problem wünschen. Vielleicht haben Sie anderes durchgemacht, dass Sie als schlimmer empfinden. Aber das wäre kein Grund diesem Problem zu wenig Bedeutung zukommen zu lassen.

    Antwort auf "Oh Mann,"
  4. Bei diesem Beitrag wird wieder sichtbar, dass es Schicksale gibt, die einen sehr großen Leidensdruck aufbauen. Unsere Gesellschaft lässt es zu, dass Menschen belächelt werden, die tagtäglich mit ihrem eigenen Ich einen Geschlechterkampf führen. Im Falle von Till kann ich mir sehr gut vorstellen, wie er sich fühlt, wenn er doch von der Allgemeinheit immer noch als sie wahrgenommen wird. Dass aus Tanja ein Till wurde und er auch nun mit allen Konsequenzen damit in Zukunft leben will, entwickelte sich niemals binnen weniger Wochen. Leider gibt es Menschen, die mit Intoleranz und Gefühlskälte deutlich zeigen, dass Transsexuelle aus ihrer Sichtweise nicht „normal“ sind. Ca. 6000 Menschen sollen in Deutschland mit diesem Gefühlschaos im Körper leben und die Dunkelziffer ist weit größer, da nicht alle den Schritt zum Mediziner wagen. Ich könnte mir vorstellen, dass aufgrund dieses Zwiespalts im Körper sich Transsexuelle von der Gesellschaft missverstanden fühlen und dies auch eine Gefahr von Suizid in sich birgt. Gerade verbale Folterungen bedingt durch dumme bzw. unüberlegte Sprüche und Gespräche Transsexuellen gegenüber, fördert den Leidensdruck nur noch mehr. Wenn ich einen Kommentar lese: „Oh Mann, es gibt manche Probleme, die hätte ich gern.“ Genau solche Personen tragen dazu bei, dass Tanja nicht als Till akzeptiert wird.

  5. Den Artikel finde ich gut, weil er nicht sensationsgeil ist, sondern die menschliche Seite zeigt, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.

    Transgender Sein ist Fakt, da ist es schwierig beim Balanceakt zwischen Informieren und Ressentiments Befriedigen nicht das Gleichgewicht zu verlieren -- das ist hier gelungen.

    Meine Verständnisschwierigkeit bei dem Thema ist: Auf der einen Seite wollen "Betroffene" "normal" behandelt werden, möchten auf der anderen Seite aber oft wohl auch, dass man ihrer Situation und Besonderheit Beachtung schenkt.

    Das Wikipedia-Portal zum Thema Transgender (http://de.wikipedia.org/w...) zeigt ganz gut, um welche Nuancen es schon bei den Begrifflichkeiten geht. Muss ich mir die Definitionen von "Transmann", "Transfrau", "Bigender", "Cisgender", "Transgender", "Transidentität" verinnerlichen, um nicht anzuecken? Ich meine: Nein! Ein einfaches "Ich Mensch, Du Mensch" muss reichen.

    Sonst wäre ich in einer ähnlich schizophrenen Situation, wie mit Frauen, die penetrant auf ihrer Emanzipiertheit bestehen. Wirklich emanzipierte Frauen haben es nicht nötig über Emanzipation zu reden.

    Alles Gute
    Kai Hamann

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    • Anja66
    • 07. Juni 2009 18:22 Uhr

    Es ist eben ein Thema, das nicht viel öffentlich besprochen wird, darum haben viele der Betroffenen lange das Gefühl allein zu sein und gehen dann in die Öffentlichkeit um anderen damit zu helfen, nach dem Motto "du bist nicht allein".

    • Anja66
    • 07. Juni 2009 18:09 Uhr

    mein bester Freund ist transsexuell und hat mir - ich hatte das auch so in Erinnerung - bestätigt, dass er nach der gerichtlichen Änderung von Name und Geschlecht zum einen eine neue Geburtsurkunde bekam, in der sein neuer Name und Geschlecht drin stehen, außerdem konnte er mit diesen Unterlagen problemlos seine Zeugnisse - in dem Fall Abiturzeugnis und Arbeitszeugnisse - ändern lassen. Beim Diplom war er schon ein Mann, also musste da nichts geändert werden.
    Also wenn alles seinen rechtlichen Gang gegangen ist - und das dauert seine Zeit - sind die Zeugnisse eigentlich kein Problem.
    Vielleicht hat der Dozent einfach diesen Punkt im "Prozess" noch nicht erreicht - er sollte aber trotzdem, wissen, dass das dann geht. Bei Publikationen etc. sehe ich allerdings auch ein Problem, das flächendeckend zu ändern, bzw. das wird vielleicht wirklich nicht gemacht.

    • Anja66
    • 07. Juni 2009 18:22 Uhr

    Es ist eben ein Thema, das nicht viel öffentlich besprochen wird, darum haben viele der Betroffenen lange das Gefühl allein zu sein und gehen dann in die Öffentlichkeit um anderen damit zu helfen, nach dem Motto "du bist nicht allein".

  6. was Transsexualität wirklich heißt.
    Es gibt zu viele die sich als Transsexuelle geoutet , die eigentlich gar keine sind.
    Transsexuelle haben mit der homosexuellen Szene gar nichts zu tun.
    Genau das wird vielfach angenommen.
    Mittlerweile haben sich aus der Transvestitenszene allerdings einige aus Kostengründen über psychatrische Gutachten Implantate setzen lassen, die dann von den Kassen bezahlt werden und manchmal wird sogar eine primäre Operation übernommen. Einige Transvestiten haben ihre Einkünfte durch Prostitution somit verbessert.
    Das wollte ich nur einmal vorher bemerken.
    Transsexuelle leben ein Leben in Isolation des eigenen Körpers und finden oft nicht aus diesem Gefängnis heraus.
    Viele sind selbst nach einer Operation immer noch in sich gefangen und werden es Zeit ihres Lebens sein.
    Nur verhältnismäßig wenige der Betroffenen finden für sich einen guten Ausweg, für manche endet der Ausweg aber auch im Freitod.
    Diesen Menschen gehört die Unterstzung der Gesellschaft, so nur kann ich es fordern.

    Herzlichst
    Orpheus

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    Sehr geehrter Orpheus,

    was sie schreiben kann ich gut nachvollziehen. Für viele ist es schwierig einen Weg zu finden. Jedoch frage ich mich auch woran das liegt.
    Manchmal glaube ich, dass viele Menschen einfach zu hohe Erwartungen an eine optische Angleichung setzen und dann bitter enttäuscht werden, wenn diese Erwartungen nicht befriedigt werden. Ich denke, dass viele dieser Menschen vorher mit sich im reinen sein sollten und es nicht als letzte Option wählen, sondern als eine Option im Leben und nicht fürs Leben. Denn alles was sie sich erhoffen, was sich verändern würde, muss sich schon vorher verändern - darum gibt es ja den Alltagstest.
    Selbstakzeptanz und Selbstbewusstsein sollten vorher da sein. Mag jetzt etwas komisch klingen, aber nach einer Angleichung denke ich nicht, dass die kommen wird, denn Selbstbewusstsein ist nicht von optischen Faktoren abhängig sondern von der inneren Einstellung zu sich als Mensch (unabhängig des Geschlechts).
    Jemand der eine SchönheitsOP macht und dann hofft, er wird schöner, wird auch scheitern, denn die erhoffte Schönheit ist meistens nur eine Illusion. Mag ja sein, das wirklich optisch eine Verschönerung erreicht wird, aber wird die auch seelisch erreicht? - Ich finde, darum geht es sehr stark bei Transidenten Menschen - um die Seele, die eigene Zufriedenheit, die niemals vom optischen abhängig sein darf und soll (gilt generell für alle Menschen)!

    MfG
    Rubina

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