Immanuel Kant Kritik der reinen Brunft
Immanuel Kant finanzierte sein Studium mit Billard-Turnieren und hatte nie eine Freundin. Was wäre heute aus ihm geworden? Teil 17 einer Serie über Studenten von früher
© Hulton Archive/Getty Images

Der deutsche Philosoph Immanuel (eigentlich: Emanuel) Kant
Wäre dieser Zufall nicht gewesen, dann wäre der junge Emanuel Kant – mit E und nur einem m – wohl Riemermeister geworden, wie sein Vater auch, und hätte täglich in der Werkstatt gestanden und Pferdegeschirre und Schuhsohlen genäht, anstatt über Metaphysik und andere hochgeistige Theoreme nachzugrübeln. Dass Emanuel einmal ein großer Philosoph werden konnte, so groß, dass sich noch 300 Jahre später Menschen als »Kantianer« bezeichnen, verdankt er letztlich der pietistischen Bibelstunde, in die seine Eltern ihn schicken. Dort unterrichtet der Rektor des Collegium Fridericianum, der besten Lateinschule des Landes. Ihm fällt Kants wacher Geist auf, und er lädt ihn ein, seine Schule zu besuchen, in der sonst nur die Kinder der Königsberger Oberschicht verkehren.
Kant ist ein guter Schüler, fast immer Klassenbester, aber gerne geht er nicht in den Unterricht. Der »Gängelwagen der Regeln«, schimpft er später, »verdirbt die Genies«. Als Kant dreizehn Jahre alt ist, stirbt seine geliebte Mutter, drei Jahre später schließt er die Schule ab. Für welches Fach er sich dann 1740 an der Albertina einschreibt, der Universität Königsberg, geht aus den Quellen nicht hervor; man vermutet, dass er Vorlesungen in Philosophie, aber auch in Theologie besuchte, was auch sonst.
In seiner Studienzeit ist Kant ein Stubenhocker – seine Heimatstadt verlässt er nie, und ein wildes Studentenleben führt er auch nicht. Die Saufgelage und Prügeleien seiner Kommilitonen findet er würdelos, für Mädchen interessiert sich der Bücherfreund nicht; ein Umstand, der vielleicht auf Gegenseitigkeit beruht: Kant ist klein und dünn, leidet an schwachen Nerven, Herz- und Atemproblemen; er kann keine frisch gedruckte Zeitung lesen, ohne niesen zu müssen.
Die meiste Zeit sitzt er lesend in der Stube oder unternimmt Spaziergänge, um seine Lunge an der frischen Luft zu kurieren. Das Geld, das ihm sein Onkel und ein Freund schicken, ist knapp: Wenn er einen Termin hat, mit dem Ausbessern seiner löchrigen Kleider aber nicht fertig wird, leiht er sich Hosen, Herrenrock und Stiefel von einem ebenso klammen Freund, der dann im Unterhemd zu Hause auf ihn wartet.
Über Wasser hält sich Kant mit Nachhilfestunden in Philosophie, wofür er von seinen Kommilitonen Bares oder teure Köstlichkeiten wie Weißbrot und Kaffee bekommt. Und zum Glück beherrscht er Billard und Kartenspiele, seine einzigen Hobbys, so gut, dass er damit in den Kaffeehäusern Königsbergs ein bisschen Geld verdienen kann.
Als 1746 auch sein Vater stirbt, muss Kant für seine Geschwister sorgen. Er nennt sich nun »Immanuel«, warum, das weiß man nicht genau, vermutlich weil es die Urform seines Namens ist und bedeutsamer klingt. Er schreibt ein Buch mit einer neuen Theorie zur Kraftmessung, die Gedanken von der Schätzung der lebendigen Kräfte, doch niemand interessiert sich dafür. Enttäuscht verlässt Kant seine Heimatstadt und wird mit 24 Jahren Hauslehrer auf dem Land, damals ein typischer Job für mittellose Akademiker. Später kehrt er zurück und wird als Universitätsdozent so etwas wie ein Lebemann: ein gern gesehener Partygast, der in der Königsberger Upperclass verkehrt und elegante Kleidung trägt.
Einige Zeit später erfüllt sich sein akademischer Traum, Kant erhält eine Professur für Logik und Metaphysik an der Königsberger Universität. Sein Hauptwerk, die Kritik der reinen Vernunft, macht ihn 1781 im ganzen Land bekannt. Und als er dann drei Jahre später in einem Essay seinen unsterblichen Satz schreibt: »Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«, ist der stets kränkliche Handwerkersohn zum wichtigsten Vordenker der deutschen Aufklärung geworden.
Wie Kant heute wäre? Er würde in der kleinsten Bude des Studentenwohnheims leben, dort, wo es günstig ist. Die Mädchen schätzen ihn für seine kluge, charmante Art, doch dass Kommilitonen bei StudiVZ Mädels anflirten, bleibt ihm fremd. Auch dass sein Kumpel ein Erasmus-Jahr in Barcelona macht, kann er nicht verstehen – seine Heimat reicht ihm vollkommen. Kant ist viel daheim, lebt von Bafög, schaut Billard- und Pokerturniere im Sportfernsehen und ersteigert gebrauchte Kleider im Internet.
Seit er mit seinem Ethikblog www.moralundalltag.de einen Wettbewerb gewonnen hat, will er sich nicht mehr auf eine Uni-Karriere festlegen. Ihm macht es Freude, seinen Lesern Tipps zur ethisch korrekten Lebensführung in Zeiten der Rezession zu geben. Einfühlsam beantwortet er ihre Fragen, auch die von davidhume76, einem Leser aus London, der immer Widerworte gibt. Und wenn ihn Verwandte fragen: »Was willst du mit deinem Philosophiestudium später arbeiten?«, dann sagt er: »Ein Philosophisches Quartett im Fernsehen moderieren, so wie dieser Sloterdijk, aber vernünftiger.«
- Datum 30.06.2009 - 13:40 Uhr
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- Serie Ehemaligenverein
- Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 04
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Dass Sie die Person Kants gewollt amüsant in die Jetztzeit hineintrivialisieren, sei Ihnen noch verziehen, hochverehrte Frau Knust.
Allein der Vergleich zwischen dem großen Königsberger Denker und einem noch lebenden drittklassigen "Philosophen", der sich und seine Zunft u. a. im TV öffentlich herabwürdigt, ist peinlich.
Wie wohl Schopenhauer über Sie geurteilt hätte, meine Liebe?
Frau Knust muss auch von was leben und schreibt dann eben Artikel wie diesen, der uebrigens ganz lustig war. Aber notwending war er nicht, klar, nur gehen einem ja langsam die Themen aus, und dann muss selbst der arme Kant mal ran.
Frau Knust muss auch von was leben und schreibt dann eben Artikel wie diesen, der uebrigens ganz lustig war. Aber notwending war er nicht, klar, nur gehen einem ja langsam die Themen aus, und dann muss selbst der arme Kant mal ran.
Frau Knust muss auch von was leben und schreibt dann eben Artikel wie diesen, der uebrigens ganz lustig war. Aber notwending war er nicht, klar, nur gehen einem ja langsam die Themen aus, und dann muss selbst der arme Kant mal ran.
für dieses geistreiche Capriccio. Vielleicht hätte nächtliches Chatten mit hume76 ihn ja wirklich vor dem Zurücksinken in den dogmatischen Schlummer bewahrt. :-)
Sehr geistreicher und witziger Artikel! Am besten gefällt mir davidhume76... ;) Allerdings glaube ich, dass weder Kant noch Hume im Internet unterwegs wären, würden sie in unserer Zeit leben. Die großen Geisteswissenschaftler versäumen doch einen informativen Auftritt im Web meist...
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