Berufseinstieg Live auf Sendung

Judith Rakers, 33, ist Sprecherin der "Tagesschau". Ihre Premiere am Mikrofon hatte sie als Studentin im Radio – weil der eigentliche Moderator verschlafen hatte

Ich weiß nicht, ob ich heute moderieren würde, wenn Kai von Bargen damals nicht verschlafen hätte. Von Bargen war Chefredakteur von Radio Hochstift in meiner Heimatstadt Paderborn, mit Ende 20 der jüngste in ganz Nordrhein-Westfalen. Jeden Sonntagmorgen um neun moderierte er Tausch mich! , eine Kultsendung in der Region, bei der Zuhörer anrufen konnten, um ihre teilweise sehr abstrusen Tauschwünsche über den Äther zu schicken. Meist kam von Bargen erst kurz vor knapp ins Studio, oft noch ziemlich verschlafen. Ich war damals im ersten Uni-Semester und bei Radio Hochstift Sendeassistentin. Zu meinen Aufgaben gehörte es, die Telefonanrufe der Hörer während der Sendung entgegenzunehmen und die passende Musik, die Jingles und die Werbung herauszusuchen.

Immer um halb neun musste ich von Bargen zu Hause anrufen, um ihn im Notfall noch rechtzeitig zu wecken. An diesem Sonntag ging er nicht ans Telefon. "Super", dachte ich, "er ist schon auf dem Weg." Als er dann aber zehn Minuten vor der Sendung immer noch nicht da war, wurde ich langsam nervös: An den Wochenenden war um diese Uhrzeit außer mir niemand in der Redaktion, und ich kannte mich mit der Studiotechnik überhaupt nicht aus.

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Der Uhrzeiger rückte bedrohlich in Richtung neun Uhr. So schnappte ich mir die Telefonliste und klingelte einen anderen Moderator aus dem Bett. "Jetzt ganz ruhig bleiben, Judith, du schaffst das!", redete er mir zu. Er erklärte mir, was ich zu tun hätte: hier einen Regler hochziehen, dort eine blinkende Taste drücken, den Player starten... Die Abfolge technischer Handgriffe schien nicht enden zu wollen. Ich kam mir vor wie in einem dieser billigen Katastrophenfilme, in denen der Pilot einen Herzanfall bekommt und ein Passagier mithilfe des Towers die Maschine landen muss.

Aber die Sendung lief. Für den Zuhörer war die Personalpanne nicht hörbar. Ich startete gerade den dritten Musiktitel, als von Bargen pfeifend ins Studio rauschte. "Läuft ja alles!", grinste er. "Dann kann ich ja jetzt immer etwas länger schlafen!" Und als ich ihm später die ersten Notizen zu den Höreranrufen ins Studio reichen wollte, sagte er: "Du kannst gleich hierbleiben, setz dich gegenüber ans Mikro!" Ich glaube, er wollte testen, wann ich endgültig die Nerven verliere. Die letzten Töne des Musiktitels erklangen, und er moderierte mich an: "Heute live im Studio ist die Frau, die Sie alle vom Telefon kennen. Judith, welche kuriosen Tauschwünsche hast du uns mitgebracht?"

"Herr X möchte eine Palette Backsteine loswerden und hätte dafür gerne ein paar Liter Milch", antwortete ich, "Frau Y tauscht lila Schafwolle gegen Tulpenzwiebeln." Da ich gar keine Zeit hatte, mir groß Gedanken über meine Mikrofon-Premiere zu machen, redete ich einfach drauflos. Es wurde dann eine sehr lustige Sendung, die Kai von Bargen gefiel und den Zuhörern auch. Seit diesem Sonntag moderierten wir Tausch mich! gemeinsam; nach einigen Monaten übernahm ich die Sendung allein und dann folgten weitere. Meist am Wochenende und in den Semesterferien, da ich mein Studium der Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Münster nicht gefährden wollte.

Journalismus war schon zu Schulzeiten mein Traumberuf gewesen, und deshalb versuchte ich, an den Wochenenden und in den Semesterferien so viel Erfahrung wie möglich zu sammeln: Ich schrieb für Tageszeitungen und Fachzeitschriften, moderierte bei einem weiteren Radiosender und arbeitete als Autorin im Ressort Politik und Aktuelles für Focus TV in München. Nach meinem Umzug nach Hamburg, wo ich meine Dissertation im Fachbereich Journalistik schreiben wollte, bewarb ich mich beim Hamburg Journal des NDR Fernsehens. Eigentlich als Autorin für die Arbeit hinter der Kamera, doch die Redaktion suchte zu der Zeit händeringend eine neue Live-Reporterin.

Und so stand ich plötzlich ohne jede TV-Moderationserfahrung auf der Jubiläumsfeier eines Hamburger Kinos. Mit Einspielfilm, einem Talkgast und ungewohntem "Knopf im Ohr" war ich "live on air". Auch das hat gut geklappt, obwohl ich – rückblickend betrachtet – von den Tücken des TV-Geschäftes wenig Ahnung hatte. Im Fernsehen muss ein Reporter ja nicht nur ein gutes Interview führen, sondern dabei auch in die richtige Kamera blicken, nicht zu viel herumzappeln, darauf achten, dass auch der Gast im Bild ist, die Zeitvorgaben der Regie beachten und so weiter.

Nach einem Jahr als Reporterin wurde ich zur Anchor-Woman des Hamburg Journals befördert, und von dort kam ich dann zur ARD- Tagesschau. Seit dem 18. März 2008 präsentiere ich die Hauptausgabe um 20 Uhr, und in gewisser Weise war das wieder ein erstes Mal, denn plötzlich lastete der Druck auf mir, vor zehn Millionen Menschen zu sprechen. Albträume im Vorfeld, zitternde Knie – alles inklusive. Doch auch hier half mir das, was ich an dem Morgen, an dem Kai von Bargen verschlief, gelernt habe: Ruhig bleiben! Ausatmen, mit beiden Beinen erden und mit Tunnelblick auf die Sache konzentrieren – Techniken, die ich später noch in Seminaren vertiefen konnte. So bin ich zumindest gut vorbereitet. Denn erste Male gibt es immer wieder.

Protokoll: Maren Soehring

 
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