Ich weiß von nichts Ohr-Entwurmung

Wir alle müssen lernen bis zum Umfallen – also ein Leben lang. Philipp Schwenke lernt vom Leben und fürs Leben. Diesmal: Wie man Wissen abspeichert

Hier eine wissenschaftliche Theorie, frisch ausgedacht. Das Wissen, das ein Kopf beherbergt, gliedert sich für gewöhnlich in drei Hierarchien: erstens Überlebenswissen (PINs, Mutters Geburtstag, Putzmittel nicht trinken!), zweitens Unterhaltungs-, Bildungs- und Wer-wird-Millionär? -Wissen (der Wombat ist das einzige Beuteltier mit Beutelöffnung unten; die Lofoten sind eine Inselgruppe vor Nor- wegen), und drittens Quälwissen.

Wissen der Kategorie eins behält man irgendwie im Kopf, Kategorie zwei versucht man stets hinein zu prügeln und scheitert. Quälwissen vergäße man gern, kann es aber nicht; Beispiel: Keine Ahnung wie, aber Wolfgang Petrys albtraumhaftes Lied Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle? inklusive des vollständigen Refraintextes ist im Laufe der Jahre heimlich in mein Gehirn gesickert. Dort benimmt es sich wie ein betrunkener, frustrierter Stadionbesucher beim zufälligen Zusammentreffen mit gegnerischen Fans: ein falsches Wort, und es ist die Hölle los. Es reicht, wenn jemand in unpassendem Tonfall »Wahnsinn« sagt, schon kommt der Ohrwurm. Das ist insofern unfair, als dass ich diesen Speicherplatz gerne dafür verwenden würde, mir endlich zu merken, was das schöne englische Wort oblivious heißt. Leider steigt die Leichtigkeit, mit der sich Informationen in den Kopf schleichen, mit ihrem Schrottigkeitsgrad. Man weiß, mit wem Sarah Connor verheiratet ist, nicht aber, wer Lincoln erschossen hat.

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Obwohl – es könnte schlimmer sein, manche Menschen werden von ganz anderen Bildern gequält. Ein Freund musste beim Zivildienst in einer Jugendherberge Zeuge werden, wie dicke Frauen Nudelsalat in großen Wannen zubereiteten. Sie rührten ihn mit den Armen um, richtig schön tief hinein, und trugen ärmellose Kittel. Das Bild, wie drei einzelne Nudeln in den Haaren einer mayonnaiseverschmierten Achselhöhle hängenblieben und dann zurück in die Wanne fielen, verdirbt ihm bis heute jedes Grillfest.

Das Einzige, was gegen derlei Belästigungen hilft, ist Prophylaxe. Kondome schützen vor Aids, sich fernhalten von Großküchen vor visuellen Traumata. Wer das beachtet, dem bleibt nur das wenige unerwünschte Wissen, dem niemand entgehen kann, weil es einen erwischt wie ein Mückenstich. Sollten beispielsweise in 1000 Jahren Archäologen auf die versteinerten GMX-Startseiten des frühen 21. Jahrhunderts stoßen, werden sie nicht umhinkommen, Paris Hilton für eine bedeutende Gottheit zu halten. Die Nachricht, dass sie ihren Hund Tinkerbell wiedergefunden hat, ist jedenfalls für immer in meinem Gehirn konserviert.

Hausaufgabe fürs nächste Mal: die Festplatte defragmentieren

 
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