Mensagespräch mit den "Drei ???" "Der Jugendwahn ist Blödsinn"
Die "Drei ???" machen die erfolgreichste Hörspielserie des Landes - lange studieren mussten sie dafür nicht. Ein Gespräch über kurze Uni-Besuche und ewige Jugend
Kaum einer kennt ihre Gesichter, aber ihre Stimmen sind so vertraut, weil viele abends mit ihnen einschlafen. Zum Gespräch in die Mensa am Hamburger Philosophenturm kommen Oliver Rohrbeck (alias Justus Jonas), 44, Andreas Fröhlich (Bob Andrews), 41, und Jens Wawrczeck (Peter Shaw), 41, direkt aus dem Studio, wo sie gerade eine neue Folge der "Drei ???" gesprochen haben. Hier in Hamburg hat Wawrczeck Skandinavistik studiert; er ist sich aber nicht mehr sicher, ob für zwei Jahre oder nur zwei Semester. Es ist eine seltsame Runde, denn wenn man die Augen schließt, scheinen auch noch Ben Stiller und Edward Norton mit am Tisch zu sitzen, die ebenfalls von Rohrbeck und Fröhlich synchronisiert werden.
ZEIT CAMPUS: Kann man sich in eine Stimme verlieben?
Fröhlich: Natürlich. Es gab in den Siebzigern den Vorläufer der deutschen Comedy-Serien, Klimbim. Ich durfte das als Kind nie sehen, konnte aber über das Radio in meinem Zimmer den Ton empfangen. Ich war wahnsinnig verliebt in Ingrid Steeger – obwohl ich nur ihre Stimme kannte.
ZEIT CAMPUS: Dann gab es sicher auch Liebesbriefe für die Drei ???
Wawrczeck: Ja, klar. Es gab auch immer wieder Fans, die mich angerufen haben.
Rohrbeck: Du standest noch im Telefonbuch.
ZEIT CAMPUS: Sie nicht mehr?
Fröhlich: Nein. Wir haben früher alle Anrufe mitten in der Nacht bekommen.
ZEIT CAMPUS: Von Alfred Hitchcock?
Fröhlich: Von irgendwelchen Leuten, die gerne unsere Stimmen hören wollten. Damit man seinen Freunden sagen konnte: Ruf mal die Nummer hier an, und rate mal, wer dann ans Telefon geht. Bob Andrews!
ZEIT CAMPUS: Die Drei ??? sind eine Jungsbande. Hätten Sie nicht gerne eine Gaby gehabt wie TKKG?
Fröhlich: Frauen haben bei den Drei ??? immer Zwietracht reingebracht. Unsere Figuren funktionieren als Trio, und das muss so bleiben.
ZEIT CAMPUS: Wird das nicht irgendwann langweilig?
Fröhlich: Nein, das ist das Erfolgsrezept – eine heile Welt, die sich nicht verändert. Es darf zum Beispiel auch keine Morde geben. Bei uns wird nicht einmal "Scheiße" gesagt, und das finde ich toll. Die Drei ??? sind das Gegenteil von Dieter Bohlen und anderen furchtbaren Dingen, die man heute im Fernsehen sieht.
Wawrczeck: Wenn jemand wie Dieter Bohlen in unseren Geschichten als Figur auftauchen würde…
Fröhlich: …dann würde er verhaftet.
ZEIT CAMPUS: Die Drei ??? waren nicht nur eine Jungsbande, sondern eine ausgesprochen altkluge Jungsbande. Und im richtigen Leben? Studiert haben Sie alle nicht sehr lange.
Fröhlich: Mein Studium in Berlin endete schon nach einem Tag. Im Englischkurs ging es los mit: "This is a ball-pen", das war mir zu flach. In Spanisch bin ich gar nicht reingekommen, die standen auf den Tischen und diskutierten. Den Erdfrühzeit-Kurs habe ich nicht gefunden. Ich bin dann in die Mensa, habe ein Bier getrunken und bin danach nie wiedergekommen. Ich habe mich stattdessen für die Film- und Fernsehakademie beworben, aber da haben sie mich nicht genommen.
ZEIT CAMPUS: Und dann? Noch mal probiert?
Fröhlich: Nein. Ich probiere solche Sachen immer nur ein Mal und denke dann: Hat die Welt eben Pech gehabt.
ZEIT CAMPUS: Und Sie, Oliver Rohrbeck?
Rohrbeck: Die elfte Klasse habe ich fast noch beendet, dann aber die Schule geschmissen. Kein Abi. Ich war faul und hatte meine schärfste Punkphase zu der Zeit.
ZEIT CAMPUS: Wie sah das aus?
Rohrbeck: Ich hatte gefärbte Haare, schwarz, rot, manchmal grün, und eine Lederjacke.
Fröhlich: Und du hattest einen Irokesen.
Rohrbeck: Aber nur zwei Jahre lang. Außerdem hatte ich jede Woche einen Stiefeltrinkstammtisch mit Bela B. – seine Band hieß allerdings noch nicht Die Ärzte, sondern Soilent Grün.
Wawrczeck: Was ist ein Stiefeltrinkstammtisch? Trinkt man aus Stiefeln?
Rohrbeck: Nein, es gibt ein stiefelförmiges Glas, das fasst 1,5 Liter Bier, und du trinkst das zu fünft aus.
ZEIT CAMPUS: Auf ex?
Rohrbeck: Nein, nein. Einfach in der Runde. Aber die perfide Regel lautet: Der Vorletzte, der daraus trinkt, zahlt den Stiefel. Du musst also immer überlegen: Wenn du weitergeben willst, und es ist nur noch so wenig drin, dass der Nächste ihn austrinken kann – dann solltest du ihn lieber selber austrinken, denn sonst musst du zahlen.
ZEIT CAMPUS: Und Sie haben dann zwei Jahre lang mit Irokesenschnitt im Studio gesessen und Justus Jonas gesprochen, den alten Spießer?
Rohrbeck: Ja, aber ich habe mir über die Rolle keine Gedanken gemacht. Das machten wir drei-, viermal im Jahr, neben vielen anderen Jobs, zum Beispiel Filmsynchronisation. Die Drei ??? waren zu der Zeit zwar extrem bekannt, und wir haben pro Folge 500.000 Stück verkauft – aber das war uns überhaupt nicht bewusst. Es gab keinen Hype. Es gab mal eine Anfrage, ob wir einen Starschnitt in der Bravo machen wollten, aber da haben wir gesagt: Nee, danke.
ZEIT CAMPUS: Warum?
Rohrbeck: Das war uns zu doof.
ZEIT CAMPUS: Mittlerweile sind mehr als 35 Millionen Kassetten und CDs verkauft worden. Jede dermaßen erfolgreiche Band würde sich in einer Villa in Kalifornien zur Ruhe setzen.
Fröhlich: Wir sind ja bloß eine Art Wortband.
Rohrbeck: Wir haben nicht die geistigen Rechte an den Geschichten. Auch haben die Kassetten nur ein Drittel von einem Musikalbum gekostet. Die Drei ??? waren insofern Billigprodukte.
ZEIT CAMPUS: Keine Villa?
Wawrczeck: Nee, leider nicht. Die Leute denken bei den Verkaufszahlen immer, dass wir entsprechend reich geworden sind. Ich musste mit 18 der Bild-Zeitung ein Interview geben, weil wir eine goldene Schallplatte bekommen hatten. Der Artikel trug die Überschrift: "18-jähriger Plattenmillionär schwärmt nur für Audrey Hepburn". Die Leute in meiner Umgebung dachten plötzlich, ich sei Millionär. Ich komme aber aus Kleinbürger-Verhältnissen, meine Mutter hatte ein Lebensmittelgeschäft.
Fröhlich: (lacht) Das ist eine Geldwaschanlage, das mit dem Gemüseladen!
ZEIT CAMPUS: Das ist mehr als 25 Jahre her. Die Drei ??? sind seitdem keine zwei Jahre gealtert. Hätten Sie auch gern ein wenig ewige Jugend?
Wawrczeck: Ich finde das Altern gut. Dieser ganze Jugendwahn ist völliger Blödsinn.
ZEIT CAMPUS: Fehlt Ihnen nichts?
Fröhlich: Mir fehlt ein bisschen das Gefühl der Unverwundbarkeit, das ich bis 16 hatte.
Wawrczeck: Es gibt ja Dinge, die man das erste Mal erlebt: Das erste Mal einen Film sehen, das erste Mal eine Platte hören, das erste Mal verliebt sein. Das vermisse ich ein bisschen.
ZEIT CAMPUS: Die meisten Ihrer Fans hören die Kassetten heute immer noch zum Einschlafen, weil die Abenteuer der Drei ??? ein Stück Kindheit sind. Für Sie auch?
Fröhlich: Wir schlafen nicht jeden Abend mit den Kassetten ein, wir treffen uns nur zweimal im Jahr zu den Aufnahmen. Sitzen im Studio, hören die Stimme der Regisseurin, haben das Manuskript, lesen. Nach einem Nachmittag ist das vorbei. Es ist wirklich ein ganz kleiner Job.
ZEIT CAMPUS: Aber ist das nicht doch jedes Mal ein Sprung zurück in die eigene Kindheit?
Wawrczeck: Wenn wir dafür mit über 40 jedes Mal in die Kindheit zurückspringen müssten, wären wir reif für die Klapsmühle.
Interview: Katrin Hörnlein und Philipp Schwenke
- Datum 03.08.2009 - 10:19 Uhr
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- Serie In der Mensa mit
- Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 04
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bilden übrigens auch ein Musterbeispiel für den Unsinn, der aus dem Urheberrecht erwachsen kann. Naja, auf die neuen Folgen hätte man auch verzichten können.
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