Fachwechsel "Jura, ich mach Schluss mit Dir!"
Wer mit seinem Fach unglücklich ist, stellt sich Fragen wie in einer Beziehungskrise. Wir haben eine Jurastudentin zum Paartherapeuten geschickt
Seit sechs Semestern ist Esra Bal nun mit Jura liiert, den sie an der Uni Hannover kennengelernt hat. Inzwischen findet sie ihn einfach nur noch unerträglich. Wie gern dieser Paragrafenreiter sich selbst reden hört! Dabei bekommt man kein klares Wort aus ihm heraus, ständig heißt es nur "Es kommt drauf an". Spitzfindig ist er bis zum Gehtnichtmehr. Vor allem aber stört sie seine entsetzliche Sprunghaftigkeit. In einem Moment macht er ihr die größten Komplimente, gibt ihr zwölf Punkte, dann wieder ignoriert er all ihre Anstrengungen und speist sie mit zwei Punkten ab. Und sie hat keine Ahnung, warum.
Dabei hat sie so viel in diese Beziehung investiert! Anstatt sich mit ihren Freunden zu treffen, ging sie zum Rendezvous mit ihm in die Bibliothek. Und dann all die Stunden, die sie mit ihm am Schreibtisch saß. Seit sie ihn kennt, hat sie aufgehört zu zeichnen, dabei hat sie das früher immer gemacht. Früher war sie sportlich, Hip-Hop, Volleyball, Judo, Tischtennis, Ballett. Sie ist die 2000 Meter mal eben so in neun Minuten gelaufen. Heute macht sie kaum noch Sport. Dafür hat sie fünf Kilo zugenommen und kämpft mit Atemproblemen. Wenn sie mit Jura zusammen ist, fühlt sie sich beengt, gefesselt. Dabei soll eine Beziehung doch den Horizont erweitern. Wie fantasievoll und einfallsreich ist dagegen Architektur! Der Gedanke an Architektur ist in letzter Zeit immer stärker geworden.
Eigentlich hat die 22-Jährige Jura so satt, dass für sie klar ist: Sie will ihn verlassen. Andererseits ist es ein großer Schritt. Und wird sie mit Architektur glücklich werden? Deswegen hat ZEIT CAMPUS Esra zu dem bekannten Paartherapeuten Wolfgang Hantel-Quitmann nach Hamburg geschickt. Wenn er sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen auskennt, kann er vielleicht auch bei Esras Beziehungsknatsch mit Jura helfen.
Wolfgang Hantel-Quitmann hat kleine graue, lustige Locken, trotzdem geht von ihm eine gewisse Strenge aus. Er will zunächst gar nicht im Detail hören, was Esra an Jura alles auszusetzen hat. Stattdessen zwingt er ihren Blick zurück, auf die Zeit nach dem Abi. Die Zeit, als sie sich für Jura entschied. Sie muss doch Gründe dafür gehabt haben, sich mit Jura einzulassen. Irgendetwas muss sie doch attraktiv gefunden haben? Wie bei kriselnden Paarbeziehungen ist es auch bei einer unglücklichen Fachbeziehung hilfreich, sich den Moment zu vergegenwärtigen, in dem alles begann.
Esra denkt nach. Sie war 19 damals, interessierte sich für vieles, war in vielen Fächern gut. Es war eine Entscheidung unter Zeitdruck, zwischen Abi-Prüfung und Einschreibfristen. An Architektur dachte sie damals bereits, aber sie bewarb sich ausschließlich für Jura, "so, als ob ich mich bloß nicht in Versuchung bringen wollte". Der Verstand habe gesiegt, bilanziert sie. Mit Jura mache man nichts verkehrt, sagte sie sich damals, "damit legst du ein gutes Fundament". Und auf einmal sagt sie doch etwas Positives über Jura: "Jura hat mir Sicherheit geboten."
Man könne sich einen Partner suchen, der zum Herzen passe und die eigenen Talente unterstütze, oder aber einen, bei dem man sich sicher fühle, sagt Hantel-Quitmann. "Das ist ein zentraler Konflikt bei der Partnerwahl." Wobei die Entscheidung für Sicherheit nicht per se schlecht sei, wenn jemand ein großes Bedürfnis nach Geborgenheit habe. "Die Sicherheit bei Jura ist aber nicht so, wie ich mir das erhofft hatte", überlegt Esra. Mittlerweile weiß sie, wie schwer es Juristen auf dem überfüllten Arbeitsmarkt haben.
Wolfgang Hantel-Quitmann kommt das bekannt vor. Frauen berichten ihm oft, ihr Partner sei ihnen zunächst wie der Fels in der Brandung erschienen, ein Mann zum Anlehnen. "Und dann entpuppt er sich als Macho und Selbstdarsteller, der eigentlich die Hosen voll hat und vor Entscheidungen davonläuft", sagt der Psychologe. Esra habe nur die Fassade von Jura gesehen, sie habe Jura idealisiert. "Im Studium haben Sie dann festgestellt, dass hinter der Fassade nicht der starke Mann, sondern ein heulender, kleiner Junge steckt."
- Datum 05.08.2009 - 09:24 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 04
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Sehr schöner Artikel! Ich frag mich aber, warum bei so viel Erfahrung in der langen Beziehung mit Jura nie die Idee gekommen ist, einfach mal einen Seitensprung zu wagen? Ist ja nicht so, dass man an Architektur so schwer rankommt. Die ein oder andere Vorlesung als One-Night-Stand sollte doch schon Einblicke liefern... oder ist Jura so einnehmend? Und ich hoffe, ich tue der Studentin damit kein Unrecht, nach 6 Semestern weiß sie das sicherlich selbst, aber vielleicht sollte man auch generell etwas freizügiger sein bei der Suche? Es gibt doch nun wirklich mehr als die klassischen "Beschützertypen" Jura, Archtitektur, Medizin und BWL (und den alten Charmeur Psychologie...)
Wemmer aus nem Arbeiterhaushalt kommt, dann sind die brotlosen Künste zumeist eher so exotisch, daß ma die gleich aussiebt.
Wemmer aus nem Arbeiterhaushalt kommt, dann sind die brotlosen Künste zumeist eher so exotisch, daß ma die gleich aussiebt.
Wemmer aus nem Arbeiterhaushalt kommt, dann sind die brotlosen Künste zumeist eher so exotisch, daß ma die gleich aussiebt.
...richtig. Generell sollte es aber eigentlich heißen: Man soll studieren was man will. Wenn einem das Fach Spaß macht und man gut darin ist, dann schafft man es auch, später was daraus zu machen.
wie haben doch meine Eltern geschaut, als ich sagte ich wolle gern Philosophie, Soziologie und Staats-und Völkerrechtskunde auf Magister studieren. Dem Gegenwind des Unverständnises hielt ich nicht stand. Naja dann habe ich mich also an Jura gemacht und mag es nun auch ganz gerne, werde aber immer, wie Radbruch schon sagte, ein Jurist mit schlechtem Gewissen sein. Naja als kompensation studiere ich für mch privat Literatur.
...richtig. Generell sollte es aber eigentlich heißen: Man soll studieren was man will. Wenn einem das Fach Spaß macht und man gut darin ist, dann schafft man es auch, später was daraus zu machen.
wie haben doch meine Eltern geschaut, als ich sagte ich wolle gern Philosophie, Soziologie und Staats-und Völkerrechtskunde auf Magister studieren. Dem Gegenwind des Unverständnises hielt ich nicht stand. Naja dann habe ich mich also an Jura gemacht und mag es nun auch ganz gerne, werde aber immer, wie Radbruch schon sagte, ein Jurist mit schlechtem Gewissen sein. Naja als kompensation studiere ich für mch privat Literatur.
...richtig. Generell sollte es aber eigentlich heißen: Man soll studieren was man will. Wenn einem das Fach Spaß macht und man gut darin ist, dann schafft man es auch, später was daraus zu machen.
das ist der Arbeitsmarkt für Architekten auch... Da gibt es noch viel mehr als Anwälte.
erst hoch hinaus wollen, ohne klare Zielvorstellung und nun Lebenskrise. Dabei sind Architekten sind noch größere Hungerleider als Juristen.
Typisch Frauen eben
[Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Vielen Dank. / Die Redaktion as]
erst hoch hinaus wollen, ohne klare Zielvorstellung und nun Lebenskrise. Dabei sind Architekten sind noch größere Hungerleider als Juristen.
Typisch Frauen eben
[Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Vielen Dank. / Die Redaktion as]
wie haben doch meine Eltern geschaut, als ich sagte ich wolle gern Philosophie, Soziologie und Staats-und Völkerrechtskunde auf Magister studieren. Dem Gegenwind des Unverständnises hielt ich nicht stand. Naja dann habe ich mich also an Jura gemacht und mag es nun auch ganz gerne, werde aber immer, wie Radbruch schon sagte, ein Jurist mit schlechtem Gewissen sein. Naja als kompensation studiere ich für mch privat Literatur.
@Philosophie, Soziologie und Staats-und Völkerrechtskunde auf Magister.
Hab vergessen, oben "brotlose Künste" in Klammern zu setzen.
Bloß, so mit 18 ohne Akademiker-Hintergrund wird ma von den wasweißichwievielen Studienfächern, angefangen bei Ägyptologie bis hin zu Zoologie schlicht erschlagen.
Kombiniert mit "mach was Handfestes" seitens der Eltern macht ma halt was Handfestes. Wenns irgend möglich ist, wärs durchaus sinnvoll, sich ein Jahr "freizunehmen" und davon einen Teil inner Stadt mit ner großen Uni zu verbringen um mit den Studenten von Fächern zu labern/sich in Vorlesungen zu setzen.
@Philosophie, Soziologie und Staats-und Völkerrechtskunde auf Magister.
Hab vergessen, oben "brotlose Künste" in Klammern zu setzen.
Bloß, so mit 18 ohne Akademiker-Hintergrund wird ma von den wasweißichwievielen Studienfächern, angefangen bei Ägyptologie bis hin zu Zoologie schlicht erschlagen.
Kombiniert mit "mach was Handfestes" seitens der Eltern macht ma halt was Handfestes. Wenns irgend möglich ist, wärs durchaus sinnvoll, sich ein Jahr "freizunehmen" und davon einen Teil inner Stadt mit ner großen Uni zu verbringen um mit den Studenten von Fächern zu labern/sich in Vorlesungen zu setzen.
@Philosophie, Soziologie und Staats-und Völkerrechtskunde auf Magister.
Hab vergessen, oben "brotlose Künste" in Klammern zu setzen.
Bloß, so mit 18 ohne Akademiker-Hintergrund wird ma von den wasweißichwievielen Studienfächern, angefangen bei Ägyptologie bis hin zu Zoologie schlicht erschlagen.
Kombiniert mit "mach was Handfestes" seitens der Eltern macht ma halt was Handfestes. Wenns irgend möglich ist, wärs durchaus sinnvoll, sich ein Jahr "freizunehmen" und davon einen Teil inner Stadt mit ner großen Uni zu verbringen um mit den Studenten von Fächern zu labern/sich in Vorlesungen zu setzen.
Wer als Abiturient schon genau weiß, was er/sie studieren will, ist gut dran. Man kann völlig danebenliegen, schön, aber das gehört zum "Restrisiko Leben". Aber wer erst mal einen Leitfaden durch die Vielzahl der Möglichkeiten sucht, findet nach der Schule keine große Hilfe mehr (Studienberater sind keine, sondern nur eine Institution zum Auslagern von Entscheidungen)...
Wer als Abiturient schon genau weiß, was er/sie studieren will, ist gut dran. Man kann völlig danebenliegen, schön, aber das gehört zum "Restrisiko Leben". Aber wer erst mal einen Leitfaden durch die Vielzahl der Möglichkeiten sucht, findet nach der Schule keine große Hilfe mehr (Studienberater sind keine, sondern nur eine Institution zum Auslagern von Entscheidungen)...
Wer als Abiturient schon genau weiß, was er/sie studieren will, ist gut dran. Man kann völlig danebenliegen, schön, aber das gehört zum "Restrisiko Leben". Aber wer erst mal einen Leitfaden durch die Vielzahl der Möglichkeiten sucht, findet nach der Schule keine große Hilfe mehr (Studienberater sind keine, sondern nur eine Institution zum Auslagern von Entscheidungen)...
nach dem Abi ist man soooooo allein und sooo beeinfluss bar. Ich weiß nicht, ob ich Jura nochmal gewählt hätte. Ich hätte auch gern Germanistik und Philosophie auf Lehramt studiert oder noch was anders. Keine Ahnung. Aber ich kann auch nicht sagen, dass ich jetzt unglücklich bin. Zwar betrachte ich die Juristen-Bagage sehr kritisch und lasse mir etwas Zeit beim studieren, aber das Fach hat auch interessante Aspekte. Mal sehen, ob ich Jurist werde.
"Was du anfängst bringst du zu Ende!"
Es heißt zwar auch: "Lehrjahre sind keine Herrenjahre!", d.h. ab und an muß mensch sich halt auch durchbeißen, nur wenns einem überhaupt nicht interessiert, möge auch ein Klima im Umfeld dasein, die Entscheidung zu respektieren.
Das kann mensch nicht nur aufs Studium beziehen; wenn z.B. eine/r merkt, daß Bürokaufmann/frau sooooo überhaupt nix für ihn/sie ist und Tischler weitaus erfüllender, ja dann eher wechseln als sein ganzes Leben mißmutig auf die Arbeit gehen.
Grundsätzlich soll Arbeit auch Spaß machen und die Kohle stimmen.
Leider läuft der Hase da seit mindestens 20 Jahren mal wieder genau in die andere Richtung.
Ich meine nicht, daß ma jeden Tag mit einem Lied auf den Lippen zur Arbeit geht und den ganzen Tag grinst, als ob mensch bekifft ist, das funktioniert nicht, mensch muß auch mal schlechte Laune haben dürfen, im Gesamten aber eine Befriedigung aus seiner Tätigkeit ziehen können.
nach dem Abi ist man soooooo allein und sooo beeinfluss bar. Ich weiß nicht, ob ich Jura nochmal gewählt hätte. Ich hätte auch gern Germanistik und Philosophie auf Lehramt studiert oder noch was anders. Keine Ahnung. Aber ich kann auch nicht sagen, dass ich jetzt unglücklich bin. Zwar betrachte ich die Juristen-Bagage sehr kritisch und lasse mir etwas Zeit beim studieren, aber das Fach hat auch interessante Aspekte. Mal sehen, ob ich Jurist werde.
"Was du anfängst bringst du zu Ende!"
Es heißt zwar auch: "Lehrjahre sind keine Herrenjahre!", d.h. ab und an muß mensch sich halt auch durchbeißen, nur wenns einem überhaupt nicht interessiert, möge auch ein Klima im Umfeld dasein, die Entscheidung zu respektieren.
Das kann mensch nicht nur aufs Studium beziehen; wenn z.B. eine/r merkt, daß Bürokaufmann/frau sooooo überhaupt nix für ihn/sie ist und Tischler weitaus erfüllender, ja dann eher wechseln als sein ganzes Leben mißmutig auf die Arbeit gehen.
Grundsätzlich soll Arbeit auch Spaß machen und die Kohle stimmen.
Leider läuft der Hase da seit mindestens 20 Jahren mal wieder genau in die andere Richtung.
Ich meine nicht, daß ma jeden Tag mit einem Lied auf den Lippen zur Arbeit geht und den ganzen Tag grinst, als ob mensch bekifft ist, das funktioniert nicht, mensch muß auch mal schlechte Laune haben dürfen, im Gesamten aber eine Befriedigung aus seiner Tätigkeit ziehen können.
nach dem Abi ist man soooooo allein und sooo beeinfluss bar. Ich weiß nicht, ob ich Jura nochmal gewählt hätte. Ich hätte auch gern Germanistik und Philosophie auf Lehramt studiert oder noch was anders. Keine Ahnung. Aber ich kann auch nicht sagen, dass ich jetzt unglücklich bin. Zwar betrachte ich die Juristen-Bagage sehr kritisch und lasse mir etwas Zeit beim studieren, aber das Fach hat auch interessante Aspekte. Mal sehen, ob ich Jurist werde.
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