Arbeitsmarkt Ausgerechnet jetzt!
Finden Wirtschaftswissenschaftler in der Krise noch Jobs? Und was sollte man tun, wenn es nicht gleich klappt?
»Notausstieg« steht an der Deckenklappe des Reisebusses, der die Besucher von der S-Bahn-Station Berlin-Karlshorst zu den Zelten fährt, in denen die Connecticum stattfindet, eine Messe, auf der Studenten sich nach Arbeitgebern umschauen und Bewerbungsgespräche führen können. Ob es auch so etwas wie einen Noteinstieg gibt – den Noteinstieg in den Beruf in Krisenzeiten? Es scheint der denkbar ungünstigste Zeitpunkt zu sein, um nach der ersten Stelle zu suchen. Ausgerechnet jetzt! Ein gutes halbes Jahr ist es her, dass Lehman Brothers pleiteging, die Unternehmen machen jetzt Schlagzeilen mit Insolvenzen, Entlassungen, Kurzarbeit.
Die Massen schieben sich durch die Gänge, hier arbeitet sich das gepflegte Äußere vor: Anzüge und Hosenanzüge in gedeckten Farben, der Stoff stößt vorschriftsmäßig leicht auf den geputzten Schuhen auf, die Krawatten der Männer sind passend gewählt. Jeans und Turnschuhe sind die Ausnahme. Manche Besucher sehen verkleidet aus. Meist lächeln die Menschen hinter den Ständen mehr als die davor.
Oliver Nitsch, der Veranstalter der Messe, freut sich über die gepflegte Kleidung. Er liest daran die Ernsthaftigkeit der Besucher ab. Schluffige Turnschuhträger mit Rucksack, die so aussehen, als stolperten sie nach der Vorlesung zufällig mal rein, sind schlecht für den Ruf einer Messe. Es gehe beim gepflegten Äußeren nicht um Konformität, erklärt Nitsch. Sondern darum, sein Gegenüber zu achten, zu signalisieren, dass man sich Gedanken darüber gemacht habe, wie man wirke. »Die Qualität der Besucher ist gestiegen«, stellt er mit dem Blick aufs Äußere zufrieden fest. Nitsch glaubt, das liege an der passgenauen Werbung. Vielleicht liegt es aber auch ein wenig an der Krise. Daran, dass es noch wichtiger ist, einen guten Eindruck zu machen, wenn sich Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt verschieben.
Andererseits sieht es hier in den Hallen auf den ersten Blick nicht nach Krise aus. Sie sind vollgestopft mit Ständen, die Luft ist warm und dick. Gesucht werden Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure. 323 Firmen sind gekommen, acht mehr als letztes Jahr. Und sie bieten keineswegs nur Praktika an. Knapp die Hälfte der Positionen für Ökonomen entfallen auf den direkten Einstieg oder auf Traineestellen, das ist ein etwas höherer Anteil als im Vorjahr. Wie also stehen die Chancen für Wirtschaftswissenschaftler wirklich, hier und in ganz Deutschland? Und vor allem: Was kann man tun, um seine Chancen zu verbessern?
Die erste gute Nachricht ist: Bei den Einstiegsprogrammen kürzen viele Unternehmen nicht – zumindest vorerst. Das gilt manchmal selbst dann, wenn es einen Einstellungsstopp gibt, wie zum Beispiel bei adidas. Gerade so, als wolle man einen Gegenentwurf zu der Orientierung an extrem kurzfristigen Zielen in der Finanzwelt liefern, wird von Personalchefs die langfristige Planung gepriesen, wenn es um den Führungsnachwuchs geht. Auf der Connecticum werden zum Teil sogar schon Bewerber für 2010 gesucht.
Andreas Lämmlein, Leiter des Hochschulmarketings bei adidas, formuliert in bestem Personalerslang, was auch viele seiner Kollegen an den Ständen der Connecticum sinngemäß sagen: »Guten Führungsnachwuchs braucht man immer. Es macht keinen Sinn, einen on-off-approach zu fahren, die Pipeline muss beim akademischen Nachwuchs offen bleiben.«
Die zweite ermutigende Nachricht: Viele Vermutungen, die auf den ersten Blick selbstverständlich erscheinen, sind es nicht. Dass ein Unternehmen Stellen streicht, heißt nicht, dass keine Absolventen eingestellt werden. Der Versandhändler Otto zum Beispiel baut hunderte Stellen in der Logistik ab. Trotzdem steht Lena Schiwek aus der Personalabteilung im blau-weiß-gestreiften Rock auf der Messe, bringt ein wenig Sommerflair in die Hitze und wirbt um akademischen Nachwuchs.
- Datum 01.07.2009 - 09:39 Uhr
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- Quelle ZEIT Campus 03/2009
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