Die Prinzessin Li Si und der kleine Ping Pong waren für viele deutsche Studenten die ersten Chinesen ihres Lebens. Im Kinderbuch Jim Knopf von Michael Ende begegneten die Leser einer von China inspirierten Märchenwelt, exotisch und bezaubernd und vor allem – sehr, sehr fern. Doch seit den Kindertagen ist China immer näher gerückt. In der ersten Runde seines Aufstiegs in die Erste Liga der Weltwirtschaft war es die Werkbank des Westens, und das konnte deutschen Schülern nur recht sein. Sie profitierten von billiger Unterhaltungselektronik und günstigen Klamotten. Jobs wanderten aus Deutschland ab, aber es waren die Jobs von Fabrikarbeitern. Mit dem Leben vieler Gymnasiasten hatte das nichts zu tun.

Nun aber, da die Gymnasiasten von einst die Studenten von heute sind, geht China in die zweite Runde. Und diesmal setzt das Riesenreich auf Bildung. Noch vor gut zehn Jahren studierten an Chinas Hochschulen drei Millionen Chinesen. Mittlerweile sind es weit über 20 Millionen. In einer Zeit globaler Märkte und internationaler Konzerne drängt sich die Frage auf: Werden es deutsche Studenten bald mit einer akademischen Billigkonkurrenz zu tun bekommen?

Wird der deutsche Ingenieur also, wie einst der Textilarbeiter, seinen Arbeitsplatz nach Asien verschwinden sehen? Wird der deutsche Betriebswirt seine Kündigung erhalten, weil sein Unternehmen mit Innovationen nicht mehr schneller ist als die chinesische Konkurrenz? Werden Absolventen es schwerer haben, eine Stelle zu finden, werden sie weniger verdienen? Der chinesische Student erscheint in diesem Szenario als Paukmaschine, ehrgeizig und anpassungsbereit und irgendwie bedrohlich. Müssen deutsche Studenten die Konkurrenz ihrer chinesischen Kommilitonen fürchten?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, so wie eigentlich nichts einfach ist, wenn es um China geht. Aber vielleicht kann die Suche nach einer Antwort mit einer Deutschen beginnen, mit Birte Winkel.

Wie leben und lernen chinesische Studenten? Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke zu starten © Philipp Schwenke

Als Birte, 23, das erste Mal nach China kam, war sie 17. Andere absolvieren in der elften Klasse ein Highschool-Jahr in den USA, Birte aber ging nach Tongling, in der Provinz Anhui. Die Stadt hat 600.000 Einwohner und ist nach chinesischen Maßstäben ein Nest. Birte lebte in einer Gastfamilie und besuchte die reguläre Oberschule, dabei sprach sie kaum ein Wort Chinesisch, als sie ankam. »Der Unterricht ging um acht los, aber um sieben waren schon alle da. Eine Stunde Selbststudium, freiwillig!«, erzählt sie. Dass in chinesischen Schulen mehr gepaukt wird als in deutschen, hatte sie vorher gewusst, aber wie sehr die Schüler sich dort »totlernen« müssen, überraschte sie doch. Birtes Gastschwester durfte sich, wenn alles gut war, einmal pro Halbjahr einen Nachmittag lang mit einer Freundin treffen. Den Rest der Zeit verbrachte sie mit Lernen. Manchmal drückte ihr die Mutter abends die Zahnpasta auf die Zahnbürste, damit sie keine kostbare Lernzeit verschwenden musste.

Auf den Listen in ihrer Klasse konnte sie jederzeit ablesen, wo sie im Vergleich mit den anderen stand. Jeder wusste, wer der beste Schüler der Klasse war, welche die beste Klasse der Schule, welche die beste Schule im Bezirk. Mehr als 18 Stunden lernen Pekinger Schüler am Tag, stellte jüngst eine Studie fest. »Die Vorstellung der Eltern, dass ihr Kind unbedingt auf die Universität gehen muss, beeinflusst schon den Alltag im Kindergarten«, sagt die Sinologin Barbara Schulte, die an der schwedischen Universität Lund zum chinesischen Bildungssystem forscht. »Die Kinder bekommen früh vermittelt, dass sie besser sein müssen als die anderen.«

Der Leistungsdruck, die Konkurrenz – deutschen Studenten mag das wie eine Karikatur der hiesigen Verhältnisse erscheinen; für Chinesen ist es normal. »Wir alle wissen, dass wir dringend etwas aus uns machen müssen«, sagt etwa Wen Chuan Jiang. Er ist 21 und studiert Wirtschaft in Peking , ein zappeliger Sportler mit breiten Schultern, der sein Leben in der Bibliothek und auf dem Basketballplatz verbringt. »Wir sind in meiner Generation fast alle Einzelkinder, und unsere Familien erwarten viel von uns«, sagt er. Die Ein-Kind-Politik Chinas hat dazu geführt, dass die Hoffnung ganzer Familien auf zwei Schultern lastet. Hinter jedem Kind stehen, mit den Großeltern, sechs Erwachsene, die Druck machen und ihm im Gegenzug alles abnehmen, was nicht unmittelbar mit Lernen zu tun hat. Der soziale Aufstieg hängt am Job, und vor dem Job steht die Universität, und vor der Universität steht die Aufnahmeprüfung, die Chinesen nach dem Ende ihrer zwölfjährigen Schulzeit absolvieren können: die gefürchtete gao-kao.