Friedrich Dürrenmatt Der Schwarzmaler
Friedrich Dürrenmatt verzierte seine Mansarde mit Fratzen und feierte die Nächte durch. Was wäre heute aus ihm geworden? Teil 18 einer Serie über Studenten von früher
© Hulton Archive/Getty Images

Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt
Der älteste erhaltene Prosatext von Friedrich Dürrenmatt ist 28 kurze Sätze lang. In Weihnacht begegnet er dem Christkind. Es ist tot. Als er von dessen Heiligenschein kostet, schmeckt dieser wie altes Brot und der Kopf wie Marzipan. Es herrscht Endzeitstimmung, alle Gestirne sind erloschen.
Um die Schweiz herum tobte damals ein Weltkrieg, und der 21-jährige Friedrich Dürrenmatt aus Bern studierte gerade im zweiten Semester Philosophie und Naturwissenschaften in Zürich. Der Jesuserzählung ließ er die düstere Geschichte Der Folterknecht folgen – mit Gott als wahrem Sadisten. Danach schrieb der Student Die Wurst: Ein zum Tod verurteilter Mörder bittet darum, verspeisen zu dürfen, was vom Opfer (seiner Frau) übrig geblieben ist. Aber da hat der zerstreute Richter sich schon das Corpus Delicti einverleibt, versehentlich.
Irrwitzige, morbide Fantasien trieben den späteren Schöpfer der Physiker und des Besuchs der alten Dame um. Ein Arsenal bizarrer Figuren und Szenen wirbelte im Kopf des jungen Mannes umher, der sich zwar offiziell an der Uni eingeschrieben hatte, aber lieber in Kneipen und im Atelier eines Malers auf Erkenntnissuche ging. Später verriet er: In Wirklichkeit »lebte ich nur nachts«. An die Tür seiner Zürcher Mansarde hatte er »Nihilistischer Dichter« geschrieben. In Der Rebell (Stoffe III) schildert er, wie sein Nachtleben aussah: »Der Winter 1942/43 war kalt. Wenn ich bis drei Uhr morgens geschrieben oder gezeichnet hatte, zog ich meine zwei Wintermäntel an, den einen über den anderen, und wanderte durch die verdunkelte Stadt; [...]. Dann trank ich im Bahnhof- buffet Milchkaffee.«
- Steckbrief
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Name: Friedrich Dürrenmatt (1921 bis 1990)
Studium: Elf Semester Philosophie, Germanistik und Naturwissenschaften, ohne Abschluss
Nebenjobs: Nachhilfelehrer für Latein, Volontär beim »Berner Volksblatt«
- Lebenswerk
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Kernkompetenz: Nekrophile Neigungen
Beruf: Schriftsteller und Maler
Besondere Vorkommnisse: Spielte als Pfarrerssohn auf dem Friedhof und beobachtete in der benachbarten Metzgerei die Tiere beim Ausbluten
Noch hatte er keinen Text veröffentlicht; das sollte er erst 1945 tun, gegen Ende seines Studiums. Bis dahin verlieh er seiner Gedankenwelt nicht mit Worten Ausdruck, sondern mit Pinsel und Tube – als Maler. In einer kleinen Mansarde in der Berner Laubeggstraße 49 entdeckten Forscher im Jahr 1993 bunte Wandbilder und legten sie frei. Vier Jahrzehnte lang waren sie verschollen gewesen, weiß überstrichen. Es handelte sich um Gemälde, die Dürrenmatt noch vor seinen Zürcher Semestern, als Student der Universität Bern, an Wände und Decke seiner Schlaf- und Arbeitskammer im Dachstock des elterlichen Wohnhauses gepinselt hatte.
»Ich malte die Wände nach und nach aus, um mich gegen die Umwelt abzuschirmen, wie sich die Höhlenbewohner mit ihren Bildern gegen die Umwelt abgeschirmt hatten.« Eine wilde Kreuzigungsszene entwarf er über seinem Bett; daneben Nietzsche im Nachthemd, die Hand zum Hitlergruß erhoben, ein Gräberfeld mit drei Geistlichen unter Heiligenscheinen und eine wilde Versammlung von Figuren der Zeitgeschichte: Hitler, Churchill, Mussolini, Stalin, Molotow, Roosevelt. Von der Decke starrte eine Medusa, an der Kaminmauer bot Salome den Kopf Johannes’ des Täufers dar.
Unter diesen glotzenden Fratzen und Dämonen, die später seine Werke bevölkern sollten, kam es bis 1945, als Dürrenmatt sein Philosophie- und Literaturstudium abbrach, zu häufigen Zusammenkünften: »Der Lärm war manchmal beträchtlich, besonders wenn sich eine Gesellschaft gegen ein Uhr in der Nacht zu mir nach oben begab, jeder eine Flasche unter dem Arm, oder gegen Morgen mehr oder weniger sanft die vier Treppen nach unten bewältigte, was nicht ohne Stürze abging.«
Die Eltern billigten seine Gesellschaften, nur einmal, berichtet Dürrenmatt in Turmbau, habe sich der Vater gegen vier Uhr morgens schüchtern beschwert, als es inmitten dichter Rauchschwaden besonders hoch hergegangen sei. »Ich bewirtete einen Kunstmaler, dessen Frau, Studenten und den außerordentlichen Professor für Kunstgeschichte, Wilhelm Stein. Mein Vater wirkte gespenstisch in seiner notdürftigen Kleidung, er hatte nicht erwartet, einen Professor bei mir zu finden.«
In Dürrenmatts Studentenbude kann man sich heute einmieten, für rund 35 Euro pro Nacht. Man könnte sich mit einer Flasche Wein auf den Holzboden setzen, die Bilder betrachten und sich angesichts der Motive fragen, was Dürrenmatt heute mit seinen Gedanken anfangen würde. Wahrscheinlich wendet er sich der Filmkunst zu und erschafft am Computer Dämonenwelten.
An der FU Berlin schreibt er sich am Seminar für Filmwissenschaft ein, schafft aber weder Bachelor noch Master. Statt Vorlesungen zu besuchen, inszeniert er dunkle Komödien und groteske Science-Fiction-Stücke. Bei einer seiner Filmpremieren trifft er eine junge Filmstudentin namens Charlotte Kerr, sie wird in diesem Leben nicht seine zweite, sondern seine erste Frau. In Cannes hat ihm die Jury für Die Gentechniker soeben die Goldene Palme überreicht. Der Film handelt von Wissenschaftlern in einer Irrenanstalt. Nun ruft Hollywood!
- Datum 18.09.2009 - 15:26 Uhr
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- Serie Ehemaligenverein
- Quelle ZEIT Campus, 05/2009
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