Mensagespräch mit Claus Kleber "Das Studium verflacht"Seite 3/3

ZEIT CAMPUS: Manche lässt diese Leidenschaft ein Leben lang nicht mehr los. Eines Ihrer Vorbilder, Peter Scholl-Latour, steht mit 85 noch vor der Kamera. Wollen Sie das auch?

Kleber: Klar, wenn die mich lassen. Journalist ist ein Beruf, mit dem ich nie aufhören möchte.

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ZEIT CAMPUS: Was fasziniert Sie so an Scholl-Latour?

Kleber: Als ich 14, 15 war, da war Peter Scholl-Latour immer derjenige, der dahin ging, wo andere weggelaufen sind. Er war in den Kriegsgebieten und brachte diese Welt ins Wohnzimmer. Ich kenne ihn mittlerweile sehr gut, wir sind fast Freunde. Ihn umgibt noch immer die Aura des Welterklärers. Das ist für mich erstrebenswert. Mein Vorbild ist er in jeder Hinsicht geblieben.

ZEIT CAMPUS: Heute sind Sie ein großer Welterklärer. Sie haben zum Beispiel George W. Bush mehrfach interviewt. Angeblich können Sie "Nuklearwaffen" auf Englisch besser aussprechen als er…

Kleber: …das stimmt. Er stellt das E vor das L und sagt nucelar weapons. Er spricht ja eine Reihe von Begriffen sehr merkwürdig aus.

ZEIT CAMPUS: Wenn man an George W. Bush denkt, fallen einem Todesstrafe, Guantánamo Bay und der Irakkrieg ein. Ist es beklemmend, mit ihm ein Interview zu führen?

Kleber: Er ist im persönlichen Gespräch ein unheimlich warmer, kumpelhafter Typ. Ich würde jederzeit mit ihm ein Bier trinken, aber dabei sollte es auch bleiben.

ZEIT CAMPUS: Wo haben Sie ihn kennengelernt?

Kleber: Im Wahlkampf 2000; die Deutschen haben ihn damals nicht ernst genommen, sie hielten ihn für etwas unterbelichtet. Ich stellte ihm die Frage, die damals jeder kritische deutsche Journalist stellen musste: "Gouverneur, Sie haben mehr Todesurteile unterschrieben als jeder andere. Wird sich Amerika eines Tages schämen, weil es das letzte zivilisierte Land war, das diese barbarische Strafe abgeschafft hat?" Er guckte mich an und sagte: "Ich verstehe Ihre Frage nicht. Gibt es keine Todesstrafe in Deutschland?" Ich habe dann argumentiert, dass keine Statistik belegt, dass die Todesstrafe von Mord und Totschlag abschreckt. Er sagte: "Es hängt davon ab, welchen Statistiken Sie glauben." Es gab Dinge, die waren für Bush jeder Debatte entzogen. Das bekamen auch Colin Powell und Hans Blix zu spüren, als es um die Massenvernichtungswaffen im Irak ging. Er war einfach davon überzeugt, dass es sie gibt.

ZEIT CAMPUS: Auch Sie haben damals geglaubt, dass es Massenvernichtungswaffen im Irak gibt!

Kleber: Das war ein großer Irrtum. Ich hatte Kontakte zu Geheimdienstlern – zu Menschen, die nicht im Traum daran dachten, George W. Bush zu wählen; auch sie waren davon überzeugt, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hat. Die deutsche Öffentlichkeit war hingegen ohne Beweismittel davon überzeugt, dass es diese Waffen nicht gibt. Dem habe ich entgegengehalten, dass man auch anderer Ansicht sein kann. Immer im Mainstream zu schwimmen wie ein Korken, das ist mir zu langweilig.

ZEIT CAMPUS: Mal abgesehen vom Einsatz gegen den Mainstream – man fragt sich bei Ihren Moderationen oft: Wo steht der Kleber eigentlich politisch?

Kleber: Tja, das würden Sie gern wissen.

ZEIT CAMPUS: Sie können sich hier exklusiv outen.

Kleber: Ich bin von Herzen Wechselwähler und chronisch unzuverlässig, was politische Dinge angeht. Ich weiß ganz sicher: Ich schulde niemandem politisch etwas.

ZEIT CAMPUS: Sie sollten "Spiegel"-Chefredakteur werden, da hieß es: Der "Spiegel" ist ein eher linkes Magazin, also muss der Kleber eher links sein. Dann heißt es: Der Kleber war in einer Verbindung, also muss der konservativ sein. Ärgert Sie das?

Kleber: Nein. Sollen die doch weiter rätseln. Manche Leute können nur in Schubladen denken. Das will ich denen auch nicht nehmen.

ZEIT CAMPUS: Viele Nachrichtenmoderatoren haben einen eigenen prägnanten Schlusssatz. Ulrich Wickert sagte immer: "Einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht." Warum machen Sie so etwas nicht?

Kleber: Weil ich nicht so viel Fantasie habe wie Uli Wickert. Nein, im Ernst, ich schätze Uli Wickert sehr, er ist ein großartiger Journalist, aber er hat sich an dieser Stelle für etwas entschieden, für das ich mich nie entscheiden würde: einen Manierismus, den ich nicht möchte. Ich sage auch im normalen Leben in derselben Situation nicht immer dasselbe.

ZEIT CAMPUS: Einmal haben Sie gereimt: "Adieu, wir gehen nun zum Wetter / Und wie wir hören, wird’s nicht netter."

Kleber: Das habe ich gesagt? Dann schäme ich mich.

Interview: Manuel J. Hartung

 
Leser-Kommentare
  1. ..dass jeder normal denkende Mensch weiss, dass es so nicht mehr lange weiter geht. Aber die Poltiker machen mit der Bildungspolitik einfach weiter. Und die Buerger wundern sich, aber waehlen sie trotzdem. Und die Zeitungen wundern sich ueber die Waehler und berichten dann trotzdem tendenzioes und manipulativ. (zB. http://www.nachdenkseiten...)

    CDU und FDP wollen weiter die Bahn privatisieren. Bahnhoefe und Gleise, das was Geld kostet, bleibt in staatlicher Hand. Und Herr Mehdorn ist inzwischen bei einer der Banken untergekommen, die an der Bahnprivatisierung massgeblich mitverdienen. Vor dem Hintergrund finde ich diese unerklaerliche Angst gegenueber den Linken schwer verstaendlich. Wir haben schon jetzt die Korruption, Gleichschaltung und Vetternwirtschaft, vor der im Sozialismus alle Wessis Angst haben.

  2. Schön auch mal derartiges von einem Journalisten zu hören!

    Möchte dazu anmerken:
    Herr Kleber hat in seinen Beschreibungen zum Studium Recht. Es gibt genug Ratz-Fatz Studenten, die sich viele Lebenssachverhalte leider nicht mal annähernd vorstellen können (als Jurist/Journalist entscheidend), aber Jura ist da auch sehr eigen, allein vom Ablauf des Studiums. Aber auch hier wird mittels Zwischenprüfungen und Schwerpunkten (dort lernt man dann sog. "Spezialwissen" das man nie wieder benötigt, nur um seine Endnote (der Schwerpunkt zählt 1/3) zu pushen und wählt dann immer das Themengebiet/den Prof das/der die meisten Punkte verspricht. Von Interessenwahl kaum eine Spur!) "verschult". Aber aus den vorherigen Generationen von Juristen ist doch (wie in anderen Studiengängen auch) was geworden!
    Neben den Kosten für eine Studium durch Gebühren gibt es zunehmend eine Angst vor "Versagen" und immer der Blick auf perfekte Lebensläufe (siehe erhellenden Artikel zu soz. Netzwerken im akt. ZEIT MAGAZIN).
    Und beim Bachelor muss man sich manchmal wirklich fragen was am Ende "rüberkommt". Ich kenne Powis, die wissen nicht annähernd was ein Überhangmandat ist, aber lernen verschult drei Semster "Polit. System BRD" und schreiben dann Ihre 20 Seiten HA und denken Ihre Bachelorarbeit ist wie eine Diss. , die können sich ein Juraexamen/Diplom doch nicht annähernd vorstellen.

  3. den bestraft das lange Berufsleben.

    Welch glückseelige Zeit das Studium ist, mag nur der ermessen, der es in jeder Richtung voll ausgekostet hat und sich nicht an Regelstudienzeiten halten musste.

    Das bei den Kurzstudien und Regelstudienzeiten recht eindimensoinal ausgebildete Persönlichkeiten entstehen, kann man bei den Berufsanfängern leider immer wieder sehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ist ihnen schon einmal kurz der Gedanke gekommmen, dass auch vor dem Bachelor sich nicht jeder ein tolles, charakterbildendes Langzeitstudium leisten konnte? Sind alle Kurzzeitstudenten mit Eltern, die weder Ärzte noch Anwälte sind, einfach "verflachte" Persönlichkeiten?
    Ich selbst kenne von der Uni her auch einige Langzeitstudenten: Manche sind, wie im Artikel und in den Kommentaren beschrieben, sehr interessante, vielseitig gebildete Menschen mit einem großen Horizont. Nicht wenig andere dagegen sind einfach nur faul und desinteressiert. Ich kenne Fälle, in dem die Eltern ihrem Kind eine Wohnung am Campus plus ein monatliches "Taschengeld" von 1000 Euro schenken nund der liebe Nachwuchs nichtdestoweniger bereits 20 Semester studiert, aber dafür problemlos in zehn Minuten alle Kneipen der Studentenstadt nenne kann.
    Als Bachelorstudentin würde ich mir gerne mehr intellektuelle Freiräume und Abstecher in andere Fachgebiete gönnen, aber das Studium vieler Langzeitstudenten ist für mich weder ein realiserbares noch ein erstrebenswertes Ideal.

    Ist ihnen schon einmal kurz der Gedanke gekommmen, dass auch vor dem Bachelor sich nicht jeder ein tolles, charakterbildendes Langzeitstudium leisten konnte? Sind alle Kurzzeitstudenten mit Eltern, die weder Ärzte noch Anwälte sind, einfach "verflachte" Persönlichkeiten?
    Ich selbst kenne von der Uni her auch einige Langzeitstudenten: Manche sind, wie im Artikel und in den Kommentaren beschrieben, sehr interessante, vielseitig gebildete Menschen mit einem großen Horizont. Nicht wenig andere dagegen sind einfach nur faul und desinteressiert. Ich kenne Fälle, in dem die Eltern ihrem Kind eine Wohnung am Campus plus ein monatliches "Taschengeld" von 1000 Euro schenken nund der liebe Nachwuchs nichtdestoweniger bereits 20 Semester studiert, aber dafür problemlos in zehn Minuten alle Kneipen der Studentenstadt nenne kann.
    Als Bachelorstudentin würde ich mir gerne mehr intellektuelle Freiräume und Abstecher in andere Fachgebiete gönnen, aber das Studium vieler Langzeitstudenten ist für mich weder ein realiserbares noch ein erstrebenswertes Ideal.

  4. @dborrmann: Belege für ihre Behauptung?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Als langjähriger Ausbilder akademischer Nachwuchskräfte (Mediziner) fiel mir immer wieder auf, dass Studenten mit etwas langsamerem Studienverlauf oder Studenten mit vorausgehendem Studium einer anderen Fachrichtung oder einer anderen Ausbildung erheblich mehr an Substanz mitbrachten und dass nicht nur betreffend allgemein menschschliche Qualitäten.

    Die "Durchmarschierer" liessen da einiges vermissen.

    Dies ist ein persönlicher Eindruck, durch keine Statistik oder wissenschaftliche Studie belegt.

    z.B. Ihre Rechtschreibung

    Als langjähriger Ausbilder akademischer Nachwuchskräfte (Mediziner) fiel mir immer wieder auf, dass Studenten mit etwas langsamerem Studienverlauf oder Studenten mit vorausgehendem Studium einer anderen Fachrichtung oder einer anderen Ausbildung erheblich mehr an Substanz mitbrachten und dass nicht nur betreffend allgemein menschschliche Qualitäten.

    Die "Durchmarschierer" liessen da einiges vermissen.

    Dies ist ein persönlicher Eindruck, durch keine Statistik oder wissenschaftliche Studie belegt.

    z.B. Ihre Rechtschreibung

    • macdoc
    • 29.09.2009 um 20:32 Uhr

    "Kleber: ... Manche Leute können nur in Schubladen denken. Das will ich denen auch nicht nehmen."

    Jepp!

  5. Kleber: Student zu sein ist die höchste Form menschlichen Daseins. Man bekommt einen Lebensabschnitt geschenkt, in dem man seinen Horizont erweitern kann. Spätestens im Berufsleben werden Sie sich nach der Zeit sehnen, in der Sie Ihren Interessen folgen konnten.

    Danke Claus!

    • Haupti
    • 30.09.2009 um 0:14 Uhr

    Ich kann die Aussage vom Herrn Kleber nur unterstreichen!

    Seit 5 Wochen studiere ich nun in den Niederlanden. Wir haben zwar nur 20 Stunden Unterricht, dafür bekommen wir dermaßen viele Sachen draufgepackt, dass man ohne Probleme bis spät abends dafür Zeit investieren muss. Das Wort Wochenende habe ich auch schon verlernt...

    Ich denke, dass es an deutschen Unis auch nicht anderes aussieht...

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