Mensagespräch mit Claus Kleber"Das Studium verflacht"

Der Moderator Claus Kleber hat 14 Semester in Tübingen studiert. Ein Gespräch in der Mensa seiner alten Universität über Turbostudenten, George W. Bush und den lieben Gott.

Claus Kleber in der Mensa der Uni Tübingen

Claus Kleber in der Mensa der Uni Tübingen

"Ganz schön voll hier", sagt Claus Kleber, 53, der Moderator des "heute-journals", als er in die Mensa seiner alten Uni in Tübingen kommt: 840 Studenten warten auf ihn beim ZEIT CAMPUS TALK. Kleber hat in Tübingen Jura studiert; nach einer Promotion über den privaten Rundfunk ging er zu öffentlich-rechtlichen Sendern: Für die ARD berichtete er lange aus den USA, seit 2003 ist er beim ZDF.

ZEIT CAMPUS: Herr Kleber, Sie waren Langzeitstudent. Ganze 14 Semester haben Sie bis zum Examen gebraucht. Einen wie Sie gibt es heute kaum noch.

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Claus Kleber: Ich finde das schlimm. Das Studentenleben verflacht. Auch wenn nicht jeder so viele Semester brauchen muss wie ich, die Studentenzeit auszudehnen ist ein absolut berechtigtes Interesse!

ZEIT CAMPUS: Wieso?

In der Mensa mit...
Alle Mensagespräche im Überblick

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Kleber: Student zu sein ist die höchste Form menschlichen Daseins. Man bekommt einen Lebensabschnitt geschenkt, in dem man seinen Horizont erweitern kann. Spätestens im Berufsleben werden Sie sich nach der Zeit sehnen, in der Sie Ihren Interessen folgen konnten.

ZEIT CAMPUS: Man könnte auch sagen: Wer etwas bewegen will, studiert schnell und übernimmt umso früher im Beruf Verantwortung.

Kleber: Ich bekomme oft Anfragen von Studenten, die "was mit Medien" machen wollen, Leuten, die nach vier Semestern an der Sorbonne ihren Abschluss gemacht haben und nun aus Oxford schreiben. Ich bin skeptisch gegenüber Hochglanzlebensläufen, gerade im Journalismus. Man sollte lieber ein, zwei Semester draufgeben, um sich das journalistische Handwerk anzueignen, anstatt in Minimalzeit zu studieren.

ZEIT CAMPUS: Was macht Sie so skeptisch?

Kleber: Hochglanzkarrieren führen am wahren Leben vorbei. Meine journalistischen Vorbilder haben auf der Werft gearbeitet oder Werkzeugmacher gelernt, teils keinen Studienabschluss gemacht.

ZEIT CAMPUS: Sie selbst haben aber nicht auf der Werft, sondern seit Ihrer Schulzeit als Journalist gearbeitet. Wo haben Sie denn da das wahre Leben kennengelernt?

Kleber: Gerade da! Bei Bauern auf der Schwäbischen Alb, bei Handwerkern, bei Betrieben, die gerade schlossen. Wenn man einen Tag mit Leuten verbringt, die gerade erfahren haben, dass ihre Firma zumacht, merkt man, dass das nicht nur eine Meldung in den Nachrichten ist. Solche Erfahrungen haben mich mehr geprägt als ein Interview mit George W. Bush.

ZEIT CAMPUS: Wenn Sie schon als Schüler Journalist werden wollten, wieso haben Sie dann ausgerechnet Jura studiert?

Kleber: Mein Traum war immer, Amerikakorrespondent eines großen Senders zu werden. Das Innenleben der öffentlich-rechtlichen Anstalten war allerdings damals schon sehr kompliziert. Jemand, der politisch seinen eigenen Kopf hat, konnte damit rechnen, sich irgendwann verbiegen zu müssen. Ich dachte mir: Studier etwas, womit du auch außerhalb der öffentlich-rechtlichen Sender etwas anfangen kannst.

Leserkommentare
  1. Als langjähriger Ausbilder akademischer Nachwuchskräfte (Mediziner) fiel mir immer wieder auf, dass Studenten mit etwas langsamerem Studienverlauf oder Studenten mit vorausgehendem Studium einer anderen Fachrichtung oder einer anderen Ausbildung erheblich mehr an Substanz mitbrachten und dass nicht nur betreffend allgemein menschschliche Qualitäten.

    Die "Durchmarschierer" liessen da einiges vermissen.

    Dies ist ein persönlicher Eindruck, durch keine Statistik oder wissenschaftliche Studie belegt.

  2. Ich sehe nur, dass immer mehr Studenten trotz sehr guter Abschlüsse keinen Job finden. Liegt das an der mangelnden Berufserfahrung, wenn sie mit 23 "fertig" studiert haben?

    Und wenn dann eine Chance geboten wird, wird ein Job nicht angenommen, es ist ja nicht der Traumarbeitgeber. Anstatt bei einer kleinen Firma anzufangen, über die man dann quer in die Traumfirma einsteigen könnte, werden Bewerbungen häufig an die Marktführer geschrieben, man hat ja sehr gute Noten, leider aber keine Berufserfahrung und unter Wert möchte man sich ja bei diesen Noten nicht verkaufen.

    Dann werden Praktika gemacht, im Inland, im Ausland, nur um in die Traumfirma zu kommen, anstatt zu einer guten Bezahlung einfach mal bei kleinen Firmen anzufangen zu arbeiten. Leider vergessen die meisten, dass das alles keine Alleinstellungsmerkmale mehr sind, da tausende die identischen Lebensläufe haben.

    Ein Alleinstellungsmerkmal heute wäre Berufstätigkeit neben dem Studium und damit bereits 5 Jahre Berufserfahrung jenseits der verschulten Uni oder ein Kind während des Studiums.

    Beide Typen von Berufsanfängern habe ich erlebt, beide haben sofort JObs bekommen, trotz nicht unbedingter Traumnoten und jahrelanger Auslandserfahrungen.

    Antwort auf "@MarcoVogt"
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    Sie generalisieren zu stark. Es kommt auf das Fach an, es kommt auf die S Spezifikation der angebotenen Stelle.
    Die Abschlußnoten können nicht der Maßstab sein. Ein ganz wichtiges Kriterium ist der biologisch determinierte IQ.
    Das ist (fast) eine wirkliche Invariante und somit (fast) objektiv.

    Sie generalisieren zu stark. Es kommt auf das Fach an, es kommt auf die S Spezifikation der angebotenen Stelle.
    Die Abschlußnoten können nicht der Maßstab sein. Ein ganz wichtiges Kriterium ist der biologisch determinierte IQ.
    Das ist (fast) eine wirkliche Invariante und somit (fast) objektiv.

    • Nerpax
    • 30.09.2009 um 20:12 Uhr

    Es scheint in Mode zu sein, blind über die Jugend herzuziehen und alle ihre Errungenschaften und Qualifikationen mit populistischen Äußerungen durch den Dreck zu ziehen...

    Ja, die neuen Studiengänge sind nicht perfekt und benötigen noch Reformen.

    Deswegen aber pauschal zu behaupten, dass alle Studenten heute unkreativ seien und nicht mehr ihren eigenen Interessen folgen können/wollen, ist auch nicht richtig. Die Demonstrationen der Schüler und Studenten haben doch gezeigt, dass die Jugend sehr wohl weiß, dass ein Studium (bzw. auch die Schule) aus mehr besteht als nur mechanisches Paucken.

    Da ist es eigentlich sogar löblich, dass es immer noch zahlreiche engagierte Studenten gibt, die es schaffen, sich für ihr Umfeld einzusetzen und dabei noch die hohen Lernanforderungen mit guten Noten bestehen.

    Und natürlich kann jemand, der nur seinen Bachelor und vielleicht auch Master hat, nicht mit einem Langzeit-Studierenden mit Diplom mithalten. Letzterer ist schließlich älter und reifer. Man vergleicht jedenfalls keinen unausgereiften Apfel mit einer gereiften Birne.

    Tatsächlich soll das neue System ja dazu ermutigen, erstmal ein paar Jahre (nach dem Bachelor) zu arbeiten und Erfahrung zu sammeln. Nur funktioniert das nicht so, wie die Herren und Damen Politiker sich das gedacht haben und die Leidtragenden sind jetzt die Studenten, die quasi als Versuchskaninchen eingesetzt werden. Man sollte ihnen also eher beistehen, und sie nicht wie Studenten zweiter Klasse behandeln....

  3. "Ich sehe nur, dass immer mehr Studenten trotz sehr guter Abschlüsse keinen Job finden. Liegt das an der mangelnden Berufserfahrung, wenn sie mit 23 "fertig" studiert haben?"

    Vielleicht auch einfach an der Wirtschaftskrise?

    "Und wenn dann eine Chance geboten wird, wird ein Job nicht angenommen, es ist ja nicht der Traumarbeitgeber. Anstatt bei einer kleinen Firma anzufangen, ... man hat ja sehr gute Noten, leider aber keine Berufserfahrung und unter Wert möchte man sich ja bei diesen Noten nicht verkaufen.

    Dann werden Praktika gemacht, im Inland, im Ausland, nur um in die Traumfirma zu kommen, anstatt zu einer guten Bezahlung einfach mal bei kleinen Firmen anzufangen zu arbeiten. Leider vergessen die meisten, dass das alles keine Alleinstellungsmerkmale mehr sind, da tausende die identischen Lebensläufe haben."

    Von welcher Branche/welchem Fach sprechen Sie? Gerade bei Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und BWLern zählt ein schnelles Studium. Und Praktika sind halt notwendig, weil die Uni keine Praxis liefert. Auslandserfahrung ist notwendig für einen breiten Horizont.

    http://www.uni-kl.de/CONT...

    http://www.berufsstart.de...

    http://www.karriere.de/be...

    http://www.audimax.de/de/...

    http://www.studis-online....

  4. "Ein Alleinstellungsmerkmal heute wäre Berufstätigkeit neben dem Studium und damit bereits 5 Jahre Berufserfahrung jenseits der verschulten Uni oder ein Kind während des Studiums."

    Versuchen Sie das mal während eines natur/ingenieurwiss. Studiums mit 50 Stunden-Wochen.

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    Ich habe Physik und Mathematik studiert und 20h die Woche gearbeitet. Dafür hat das Studium 3 Jahre länger gedauert, aber ich habe nicht ein Jahr gebraucht einen Job zu finden, den hatte ich schon bevor ich die letzte Prüfung hatte.

    Ich habe Physik und Mathematik studiert und 20h die Woche gearbeitet. Dafür hat das Studium 3 Jahre länger gedauert, aber ich habe nicht ein Jahr gebraucht einen Job zu finden, den hatte ich schon bevor ich die letzte Prüfung hatte.

  5. Ich habe Physik und Mathematik studiert und 20h die Woche gearbeitet. Dafür hat das Studium 3 Jahre länger gedauert, aber ich habe nicht ein Jahr gebraucht einen Job zu finden, den hatte ich schon bevor ich die letzte Prüfung hatte.

    Antwort auf "MarcoVogt2"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ich habe Physik und Mathematik studiert und 20h die Woche gearbeitet."

    Dann sind Sie aber eine besondere Ausnahmeerscheinung und genial?
    Ihr Alleinstellungsmerkmal?

    "Ich habe Physik und Mathematik studiert und 20h die Woche gearbeitet."

    Dann sind Sie aber eine besondere Ausnahmeerscheinung und genial?
    Ihr Alleinstellungsmerkmal?

  6. 23.

    Ist ihnen schon einmal kurz der Gedanke gekommmen, dass auch vor dem Bachelor sich nicht jeder ein tolles, charakterbildendes Langzeitstudium leisten konnte? Sind alle Kurzzeitstudenten mit Eltern, die weder Ärzte noch Anwälte sind, einfach "verflachte" Persönlichkeiten?
    Ich selbst kenne von der Uni her auch einige Langzeitstudenten: Manche sind, wie im Artikel und in den Kommentaren beschrieben, sehr interessante, vielseitig gebildete Menschen mit einem großen Horizont. Nicht wenig andere dagegen sind einfach nur faul und desinteressiert. Ich kenne Fälle, in dem die Eltern ihrem Kind eine Wohnung am Campus plus ein monatliches "Taschengeld" von 1000 Euro schenken nund der liebe Nachwuchs nichtdestoweniger bereits 20 Semester studiert, aber dafür problemlos in zehn Minuten alle Kneipen der Studentenstadt nenne kann.
    Als Bachelorstudentin würde ich mir gerne mehr intellektuelle Freiräume und Abstecher in andere Fachgebiete gönnen, aber das Studium vieler Langzeitstudenten ist für mich weder ein realiserbares noch ein erstrebenswertes Ideal.

  7. Ist Ihnen schonmal in den Sinn gekommen, was STUDIUM eigentlich heißt?

    Ein Bachelorabschluss ist für mich kein Studium, sondern eine Verlängerung der Schulzeit mit fachspezifischen Vertiefungsfächern.

    Die richtige Frage muss also meiner Meinung nach nicht lauten:

    Muss man studieren?

    Sondern, warum muss man studieren und warum ist es für viele nicht möglich eine fachliche Berufsausbildung auf einem Niveau zu machen, das dem eines Bachelors nahe kommt, so wie es früher viele Facharbeiter getan haben?

    Warum muss man heute unbedingt einen Uni-Abschluss haben, verkürzt dafür aber die Studienzeiten, nur um möglichst vielen ein Uni-Zeugnis in die Hand zu drücken?

    Die Erfahrung zeigt ja, dass die Formel: Akademiker = geringere Arbeitslosigkeit nicht zutrifft, wenn alle studieren.

    Hier wurden Zusammenhänger erzeugt, die kausal nicht zusammenhängen. Nicht das Studium sorgt für geringere Arbeitslosigkeit, sondern diejenigen, die in der Vergangenheit studiert haben hatten aufgrund ihrer Persönlichkeit ein geringeres Risiko für Arbeitslosigkeit.

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    • Nerpax
    • 01.10.2009 um 20:57 Uhr

    Da haben Sie sogar Recht. Ich muss mich auch durch so einen Bachelor quälen, mangels Alternative. Ich kann daher die Probleme, die hier erläutert werden, aus erster Hand bestätigen.

    Nur müssen Sie deswegen nicht hingehen und alle Bachelor-Studenten gleich als wertlos und nicht entwicklungsfähig bezeichnen, da dies schlicht und ergreifend Unfug ist. Solche Leute gibt es sicher, aber die gab es immer und wird es weiterhin geben. Vielleicht sind es relativ gesehen auch mehr als früher, aber dennoch darf man da nicht Verallgemeinern.

    Ein solch eindimensionales Weltbild zeugt jedenfalls nicht davon, dass Ihnen in ihrem Studium allzu viel kritisches Denken (da gehört im übriegen auch Selbstkritik dazu) beigebracht wurde.

    • Nerpax
    • 01.10.2009 um 20:57 Uhr

    Da haben Sie sogar Recht. Ich muss mich auch durch so einen Bachelor quälen, mangels Alternative. Ich kann daher die Probleme, die hier erläutert werden, aus erster Hand bestätigen.

    Nur müssen Sie deswegen nicht hingehen und alle Bachelor-Studenten gleich als wertlos und nicht entwicklungsfähig bezeichnen, da dies schlicht und ergreifend Unfug ist. Solche Leute gibt es sicher, aber die gab es immer und wird es weiterhin geben. Vielleicht sind es relativ gesehen auch mehr als früher, aber dennoch darf man da nicht Verallgemeinern.

    Ein solch eindimensionales Weltbild zeugt jedenfalls nicht davon, dass Ihnen in ihrem Studium allzu viel kritisches Denken (da gehört im übriegen auch Selbstkritik dazu) beigebracht wurde.

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