Professoren-KolumneDie Qual mit dem Rotstift

Professoren hassen nichts mehr als das Korrigieren von Hausarbeiten. Warum das so ist, erklärt unser Kolumnist Fritz Breithaupt von Fritz Breithaupt

»Schiller ist ein Kreis.« So begann eine der ersten Seminararbeiten, die ich zu korrigieren hatte. Ich hatte drei Möglichkeiten: die Arbeit ungelesen ablehnen, mit Rotstift vollpinseln oder Perlen im Misthaufen suchen und die dann lobend hervorheben. Das Erste wäre sicher berechtigt gewesen, das Zweite ehrlich, und das Dritte habe ich gemacht.

Ich glaube nicht, dass ich damit allein bin: Die meisten von uns schummeln beim Korrigieren. Aber warum hassen wir Profs das Lesen von Seminararbeiten so leidenschaftlich? Laut einer Umfrage ist es die absolut unbeliebteste Tätigkeit, gefürchteter als Gremiensitzungen oder die Abrechnung von Dienstfahrten. Der Grund: Es verändert uns. Um das endlose Korrigieren zu ertragen, müssen wir in Rollen schlüpfen, die wir nicht wollen. Diese Metamorphose spiegelt sich in den Randbemerkungen wieder. Verbreitet sind drei Typen von Korrektoren:

Typ 1 ist der Bestrafer, der dem Autor aus einer falschen Formulierung oder Zitierweise eine Schlinge dreht und ihn dann erhängt. Meistens steht da nur »falsch«. Diese Haltung erleichtert das Korrigieren, man sucht nur Fehler – und wird so zum Unmenschen.

Typ 2 gibt sich als Schöngeist, der nur hier und dort erratische, auf jeden Fall aber unleserliche Bemerkungen einfügt. Er liest flüchtig und bleibt unangreifbar vage. Dafür muss er mit dem schlechten Gewissen leben, dass ihm seine Studenten egal sind.

Leserkommentare
    • Dokatar
    • 21. August 2009 12:07 Uhr

    Hi, ich hatte das große Glück, dass sich eine US amerikanische Gast-Dozentin die Zeit genommen hat, eine meiner Arbeiten drei- oder viermal zu lesen und mich mit Fragen zu neuen Erkenntnissen zu lenken. Das hat mich sehr viel vertrauter gemacht mit dem „Handwerk der Hausarbeit“.

    Ich denke, konkrete Anleitung beim Schreiben der Hausarbeit, oder ein schriftlicher Leitfaden, sind auch hilfreich. Schritt für Schritt mit den Studierenden besprechen. Sehr cool!

    Was auch cool wäre, sind Beispiele: Muster-Hausarbeiten von älteren Studis. Man hat ja noch nie eine 1.0 gelesen, wie soll man da eine schreiben? Ein Sammelband mit Hausarbeiten und zwei Meinungen von Profs dazu was ist gut, was ist schlecht. Das wäre auch vom Personalaufwand nicht so teuer, wie mehr Profs einzustellen. ;-)

    D.

    • eras
    • 21. August 2009 12:27 Uhr

    ...noch vergessen. Der Professor kann seinen HiWi, normalerweise ein Student im höheren Semester, die Arbeiten durchgehen lassen und dann nur noch die Korrektur überprüfen (wenn er das überhaupt tut). Vorteil: Die Arbeit für den Hochschullehrer tendiert gegen Null, und der Student ist in der Regel ein harter, aber halbwegs gerechter Prüfer. Oft kennen die älteren Studenten auch die Tricks der Schummler, die dem Professor noch unbekannt sind. In meiner Zeit als Hilfskraft habe ich auch die ein oder andere Arbeit durchgelesen - offiziell natürlich, um "eine zweite Meinung" zu bieten. Solange es sich nicht um Abschlussarbeiten handelt, geht das eigentlich auch in Ordnung. Es geht ja oft nur um die generelle Einschätzung der wissenschaftlichen Arbeitsweise.

    Meine eigenen Arbeiten wurden oft durchgewinkt, in vielen Fällen waren sie nie gelesen worden (nach dem Motto: "man kennt sich ja und die erwartete Qualität reicht für den Schein..."). Während des gesamten Studiums hatte ich nur einmal eine Positivüberraschung: Eine junge Nachwuchsprofessorin machte einen Termin mit mir, nahm sich eine gute halbe Stunde Zeit und ging die kritischen Fragen Punkt für Punkt durch. Ich habe selten mehr über die Feinheiten wissenschaftlichen Arbeitens gelernt als an diesem Morgen. Und ich bekam einen Eindruck davon, wie ein Studium an einer erstklassigen Uni sein kann, an dem auf den Professor deutlich weniger als 20 Studenten kommen...

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    Meines Erachtens haben Studenten ein Recht darauf, dass ihre Arbeit von der Person korrigiert wird, deren Feedback am wertvollsten sein kann. Das ist, bei allem Respekt, in der Regel der Professor. Diese Person wiederum hat sich, Herr Breithaupt, Mühe zu geben! Mir ist klar, dass es bequemer ist, den Frust über schlechte Bedingungen an den Studenten auszulassen. Professoren, die das tun, sollten aber bedenken, dass das weder gerecht ist, noch die Studenten (und damit auch den eigenen Arbeitsalltag) verbessert. Bleibt mir zu hoffen, dass ihre Korrekturen, Herr Breithaupt, besser sind als ihre lamoryante Kolummne!

  1. Meines Erachtens haben Studenten ein Recht darauf, dass ihre Arbeit von der Person korrigiert wird, deren Feedback am wertvollsten sein kann. Das ist, bei allem Respekt, in der Regel der Professor. Diese Person wiederum hat sich, Herr Breithaupt, Mühe zu geben! Mir ist klar, dass es bequemer ist, den Frust über schlechte Bedingungen an den Studenten auszulassen. Professoren, die das tun, sollten aber bedenken, dass das weder gerecht ist, noch die Studenten (und damit auch den eigenen Arbeitsalltag) verbessert. Bleibt mir zu hoffen, dass ihre Korrekturen, Herr Breithaupt, besser sind als ihre lamoryante Kolummne!

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    • eras
    • 21. August 2009 19:31 Uhr

    Natürlich wäre es der Idealfall, wenn Professoren jede Arbeit vollständig lesen und dann ein ausführliches Feedback geben. Aber in den Massenfächern kommen oft deutlich mehr als 100 Studenten auf einen Lehrenden.

    Ein durchschnittlicher Professor/Dozent in meinem Bereich kommt mit allen Seminar-, Bachelor- und Masterarbeiten auf insgesamt etwa 1500-2000 DIN A4-Seiten Text, die er in einem Semester zu korrigieren hat (ca 60 Seminar-, 10 Bachelor-, 5 Masterarbeiten). Wenn er die alle wirklich gründlich lesen will (was auch mal die Prüfung von Zitaten einschliesst), dann hat er alle Hände voll zu tun. Von 15-30 Minuten Besprechungszeit für jede Arbeit wollen wir mal gar nicht reden, die sind bei derart schlechten Betreuungsverhältnissen schlicht illusorisch. Hinzu kommt ja auch noch, dass die Arbeiten sich nicht gleichmässig über die Semesterzeit verteilen, sondern in der Regel mehheitlich am Ende auflaufen.

    Wer einen Schuldigen für diese Misere sucht, der findet ihn nicht an der Uni, sondern in der Politik. Die Ausgaben für Bildung sind seit Mitte der 70er Jahre um 20% gekürzt worden. Bei mir am Fachbereich wurden kurz vor meinem Examen Professoren, die in Rente gingen, nur noch im Verhältnis 2 zu 1 ersetzt. Und das obwohl die Betreuungssituation schon zuvor miserabel war. Soviel zum Geplappere von der "Wissensgesellschaft"...

  2. Vielleicht liegt es daran, dass ich es niemals bis zum Professor geschafft und letztendlich doch in der Schule gelandet bin?: Hausarbeiten von meinen Studierenden fand ich immer sehr spannend, konnten mich häufig begeistern wegen der Mühe, den Ideen und Überlegungen und des Ehrgeizes, möglichst gut zu schreiben, den viele hineingesteckt hatten. Jede Arbeit, wenn auch zum ähnlichen Thema, war komplett anders, jede Art, sich mit etwas auseinanderzusetzen auch. Als neulich jemand anfragte, ob er noch einmal eine Arbeit (vier Jahre nach dem Seminar) bei mir schreiben dürfe, habe ich ganz glücklich zugesagt. Ob den Studierenden die Besprechung und die Kommentare weitergeholfen haben, kann ich nicht genau sagen, hoffe es aber.

    Ach so: Im Fachbereich, wo ich studiert habe, habe ich ähnlich positive Erfahrungen mit Hausarbeiten gemacht. Vielleicht liegt es an der Größe des (sehr kleinen) Fachbereichs?

    laura123

  3. Ich schreibe gerade an meiner Examensseminararbeit.
    Wir haben dafür Zeit vom 24.07-24.08. Das heisst einen Monat Blut, Wasser und Tränen. Wir bekommen ein Thema, dass oftmals nicht mehr umfasst als 3 Wörter. Nach kurzem Briefing - zu jedem Thema werden 2 Sätze gesagt und die Formalitäten geklärt - macht man sich an die Arbeit.

    Rücksprache mit dem Dozenten darf nicht gehalten werden!
    Es werden keine Literaturhinweise gegeben.
    Es werden keine Gliederungen besprochen.
    Es wird kein Erwartungshorizont besprochen.
    Die Arbeit kann anschliessend nicht im Dozentengespräch erklärt werden.
    Es gilt als unüblich den Aufbau seiner Arbeit zu erklären.
    Es gibt keine Zeitverlängerung.

    Alles muss sich aus ihr heraus ergeben.
    Man verbringt also die ersten Tage damit, sämtliche Literatur die man zu diesem Thema findet zu sammeln. Nachdem man sich erste Erkenntnisse angelesen hat, stellt man fest, dass die entscheidenden Bücher nicht an der eigenen Fakultät zu finden sind. Daher macht man sich auf den Weg in die umliegenden Städte! Eine Fernleihe dürfte 1-2 Wochen in Anspruch nehmen. Als problematisch erweist sich das deshalb, weil dann bereits 2-3 Wochen der Wochen Arbeitszeit rum sind.

    Die Literatur wird ausgewertet, man beginnt Ideen zu entwickeln und eine Gliederung zu fassen. Irgendwann Mitte der zweiten Woche beginnt dann die Schreibphase. In dieser merkt man, dass man seine Gliederung eigentlich direkt wieder in die Tonne kloppen kann. Jede Ansicht, Meinung muss belegt werden! Eine Behauptung aufzustellen, ohne diese zu belegen, oder selbst zu begründen ist einer der Kardinalsfehler.

    Selbst zu argumentieren ist für den Jurastudenten ungefähr so wie auf einem Minenfeld Topfschlagen zu spielen. Es gibt juristische Arbeitstechniken, doch der Student ist kaum in der Lage alle die Zahnräder zu überblicken die er damit in Bewegung setzt. Er befindet sich zwischen Skylla und Charybdis. Entweder er entwedet geschickt Meinungen und wird womöglich dabei entlarvt, oder er geht das große Wagnis der juristischten Argumentation ein.
    Eine Literaturliste von unter 40 Büchern auf 25 Seiten dient dem Korrektor schon als Hinweis für eine oberflächliche Bearbeitung.

    Wenn die Arbeit fertig gestellt ist, natürlich unter Berücksichtigung der perfekten Einhaltung von Formalien, gibt es irgendwann ein Ergebnis. Die Arbeit gibt es nicht zurück.

    Wenn ich mir dagegen ansehe, dass mein Mitbewohner für eine Hausarbeit(Theologie/Kunst) aus 5 verschiedenen Büchern abschreibt, als Bearbeitungszeit eine Woche einplant, die gar nicht mehr innerhalb der Frist liegt und dabei rege Rücksprache mit dem Dozenten haelt, dann frage ich mich ernsthaft wo da die Gerechtigkeit ist, die ich nach meinem Studium begriffen haben sollte. Natürlich wird die Gliederung dem Kollegen auch vom Professor zugesandt und die Ziele der Arbeit vorher ausgiebig besprochen.

    Wenn dann eine schlechte Arbeit abgeliefert wird, kann ich den Unmut der Korrektoren verstehen.

    Wenn ich mir jedoch den Arbeits- und Nervenaufwand in unserem Fachbereich ansehe, dann wünsche ich den Korrektoren zum Teufel der eine Arbeit oberflächlich durchliest und sich anmaßt ein leichtfertiges Urteil abzugeben.

    • eras
    • 21. August 2009 19:31 Uhr

    Natürlich wäre es der Idealfall, wenn Professoren jede Arbeit vollständig lesen und dann ein ausführliches Feedback geben. Aber in den Massenfächern kommen oft deutlich mehr als 100 Studenten auf einen Lehrenden.

    Ein durchschnittlicher Professor/Dozent in meinem Bereich kommt mit allen Seminar-, Bachelor- und Masterarbeiten auf insgesamt etwa 1500-2000 DIN A4-Seiten Text, die er in einem Semester zu korrigieren hat (ca 60 Seminar-, 10 Bachelor-, 5 Masterarbeiten). Wenn er die alle wirklich gründlich lesen will (was auch mal die Prüfung von Zitaten einschliesst), dann hat er alle Hände voll zu tun. Von 15-30 Minuten Besprechungszeit für jede Arbeit wollen wir mal gar nicht reden, die sind bei derart schlechten Betreuungsverhältnissen schlicht illusorisch. Hinzu kommt ja auch noch, dass die Arbeiten sich nicht gleichmässig über die Semesterzeit verteilen, sondern in der Regel mehheitlich am Ende auflaufen.

    Wer einen Schuldigen für diese Misere sucht, der findet ihn nicht an der Uni, sondern in der Politik. Die Ausgaben für Bildung sind seit Mitte der 70er Jahre um 20% gekürzt worden. Bei mir am Fachbereich wurden kurz vor meinem Examen Professoren, die in Rente gingen, nur noch im Verhältnis 2 zu 1 ersetzt. Und das obwohl die Betreuungssituation schon zuvor miserabel war. Soviel zum Geplappere von der "Wissensgesellschaft"...

  4. ausführlich kommentiert. Profs merken, ob ein Student die Hausarbeit bloß als eine Hausaufgabe geschrieben hatte, oder ob er ein anspruchsvolles Thema durch viel Arbeit bearbeitet hatte. Profs, die hohe Ansprüche an ihren Studenten stellen, kommentieren auch ausführlich. Die sind auch nicht wirklich populär unter Studenten.

    • tilmank
    • 21. August 2009 23:09 Uhr

    Gruesse Sie, Herr Breithaupt! (War bis vor 3 Jahren Ihr Kollege in Bloomington, wenn auch ein anderes department ...)

    Und ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Gute Lehre ergibt sich aus dem Prinzip Quantitaet runter/Qualitaet rauf, gepaart mit einer hohen Wertschaetzung der Lehre in Fragen der Befoerderung und Bezahlung der Professoren. Das bedeutet mehr Professoren pro Student, weniger Kurse und Kursteilnehmer pro Lehrer, dafuer aber auch keine Entschuldigungen mehr fuer schlechte Lehre. Selbiges gilt fuer Seminararbeiten: Wenn man nur 15 Arbeiten im Jahr betreuen/korrigieren muss, kann man dafuer auch ein vernuenftiges Mass an Zeit und Sorgfalt pro Arbeit aufbringen. Das ist natuerlich nicht ganz billig zu haben, und darin liegt wohl auch der Haken an vielen Universitaeten ...

    Ich bin im uebrigen dazu uebergegangen, meine Studenten ihre Themen weitgehend frei waehlen zu lassen, solange ein nachvollziehbarer Zusammenhang zum Kurs besteht. Ich verfolge das Entstehen der Arbeiten ueber das gesamte Semester hinweg, indem ich das Themen-Proposal sowie mehrere “drafts” benote und den Studenten regelmaessig detaillierte Kommentare sende. Das funktioniert vielleicht nich in jedem Seminar, aber in meinem Falle klappt es gut. Die Studenten haben Spass, vergessen das Seminar nicht nach einer Woche wieder, und ich bekomme lauter unterschiedliche (und meistens sehr gute) Arbeiten zu lesen zu Themen, die mir gar nicht eingefallen waeren.

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