»Schiller ist ein Kreis.« So begann eine der ersten Seminararbeiten, die ich zu korrigieren hatte. Ich hatte drei Möglichkeiten: die Arbeit ungelesen ablehnen, mit Rotstift vollpinseln oder Perlen im Misthaufen suchen und die dann lobend hervorheben. Das Erste wäre sicher berechtigt gewesen, das Zweite ehrlich, und das Dritte habe ich gemacht.

Ich glaube nicht, dass ich damit allein bin: Die meisten von uns schummeln beim Korrigieren. Aber warum hassen wir Profs das Lesen von Seminararbeiten so leidenschaftlich? Laut einer Umfrage ist es die absolut unbeliebteste Tätigkeit, gefürchteter als Gremiensitzungen oder die Abrechnung von Dienstfahrten. Der Grund: Es verändert uns. Um das endlose Korrigieren zu ertragen, müssen wir in Rollen schlüpfen, die wir nicht wollen. Diese Metamorphose spiegelt sich in den Randbemerkungen wieder. Verbreitet sind drei Typen von Korrektoren:

Typ 1 ist der Bestrafer, der dem Autor aus einer falschen Formulierung oder Zitierweise eine Schlinge dreht und ihn dann erhängt. Meistens steht da nur »falsch«. Diese Haltung erleichtert das Korrigieren, man sucht nur Fehler – und wird so zum Unmenschen.

Typ 2 gibt sich als Schöngeist, der nur hier und dort erratische, auf jeden Fall aber unleserliche Bemerkungen einfügt. Er liest flüchtig und bleibt unangreifbar vage. Dafür muss er mit dem schlechten Gewissen leben, dass ihm seine Studenten egal sind.