Studium Generale Alles könnte auch ganz anders sein

Studenten lassen im Seminar gern Fachbegriffe fallen. Doch was bedeuten sie eigentlich? Die Fünf-Minuten-Erklärung zum Selberschlauwerden. Diesmal: Mögliche Welten

Unsere Welt ist die bestmögliche, meinte Leibniz

Unsere Welt ist die bestmögliche, meinte Leibniz

Wer Science-Fiction-Filme schaut, der weiß: Die Welt muss nicht so sein, wie sie bei uns ist. Captain Kirk und seine Crew fliegen in Star Trek in Raumschiffen, die wir im Straßenverkehr noch nie gesehen haben. Im Film Star Wars hat Luke Skywalker telekinetische Fähigkeiten, die wir an uns noch nie entdeckt haben. Auch Philosophen sprechen manchmal darüber, dass alles ganz anders sein könnte. Ihre Galaxien sind mögliche Welten. Mit Captain Kirk haben die nur noch wenig zu tun. Viel mehr mit Vorstellungen, mit Möglichkeiten. So stellen wir uns vor, was sich wohl ereignet hätte, wenn John McCain Präsident der USA geworden wäre. Das wäre eine "mögliche Welt", eine andere Welt als die, in der wir aktuell leben.

Gottfried Wilhelm Leibniz, das Universalgenie des frühen 18. Jahrhunderts, hat den Begriff von den "möglichen Welten" geprägt. Warum wir – von allen möglichen Welten – ausgerechnet in dieser unserer Welt leben, erklärt er mit Gott. In seiner Vorstellung hat Gott die beste dieser möglichen Welten ausgesucht und sie zu unserer gemacht. Damit versucht Leibniz auch das Theodizeeproblem zu lösen, die Frage "Warum lässt Gott das Leid auf dieser Welt zu?". Er lässt es zu, weil diese Welt eben die bestmögliche ist. Heute sprechen Philosophen aus anderen Gründen über mögliche Welten. Sie fragen sich, in welchen möglichen Welten bestimmte Aussagen wahr sind oder nicht und inwieweit sich diese möglichen Welten von der aktuellen unterscheiden. So können wir uns sehr viele mögliche Welten vorstellen, in denen Barack Obama nicht Präsident ist, aber keine, in der Kreise rechteckig sind.

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Uneinig ist man sich darüber, was mögliche Welten genau sind. Sind sie abstrakt, also so etwas wie Zahlen? Oder sind sie fiktional, wie eine Romanfigur? Der Philosoph David Lewis glaubte sogar, dass all diese möglichen Welten tatsächlich existieren. Dabei sind sie ihm zufolge mit der aktuellen Welt weder in der Zeit noch im Raum verbunden, sie sind isoliert. Viele Philosophen finden das zu extravagant. Womit wir wiederum bei Star Trek wären: Innerhalb der Crew mag es sinnvoll sein, anzunehmen, dass es Klingonen gibt; das erklärt vieles. Deswegen müssen wir aber noch lange nicht alle glauben, dass es sie wirklich gibt.

Vanessa Morlock, 31, ist Geschäftsführerin des Exzellenzclusters 16 in Konstanz

 
Leser-Kommentare
  1. Da mir jetzt "Geschäftsführerin Exzellenzclusters 16" nicht viel weitergeholfen hat, würde ich folgende alternative Biographie anbieten:

    Vanessa Morlock ist promovierte Philosophin und seit Januar 2009 wissenschaftliche Geschäftsführerin des Exzellenzclusters Kulturelle Grundlagen von Integration an der Universität Konstanz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Erkenntnistheorie, Experimentelle Philosophie und Moraltheorien.

    • Colón
    • 26.08.2009 um 11:34 Uhr

    „Star Trek“, mit Kirk und Spok an Bord ist, im Gegensatz zu der verkürzt vorgetragenen These des Möglichkeitsphilosophen David Lewis, ein Spielgelbild für unsere Möglichkeiten. Außerhalb unserer Welt oder Vorstellung bewegt sich darin, im Buch und im Film, nichts.

    So müssen die Crew Mitglieder nicht daran zweifeln, ob sie von "Klingonen" angeriffen werden, die Handlung schreibt ihnen vor, dass es so ist. Das Raumschiff, die „Enterprise“, erhält Treffer, meist erst von einer unsichtbaren Macht, aber dann stellt sich heraus, er waren die "Klingonen". Sie werden sichtbar gemacht, machen sich selbst sichtbar und manchmal schaffen sie es wieder zu verschwinden.

    Kein Mensch auf dieser Erde denkt, es gebe in unserer Realität „Klingonen“, es sei denn, "Klingonen" stehen symbolisch, z.B. für unerklärliche Fähigkeiten, Übermacht, die aber doch besiegt oder gezähmt wird, wie der Teufel in uns, der Fremde weit draußen. Sie sind ja erdacht von Menschen, die sich auch die „Föderation“ ausdachten, die Kirk und seine Crew auf Erkundung zu möglichen fremden Welten schickt.

    "Klingonen" weisen ihre Anwesenheit in der fiktionalen Handlung durch Wirkungen nach. Sie sprengen und fasern und photonieren vor sich hin, dass es eine Lust ist. In der Fiktion wohlgemerkt, dieser menschlichsten aller Möglichkeitswelten, sind die "Klingonen" sogar eine ganz starke Macht und sie verwenden, das sie als existierende Wesen beschrieben werden, starke Kräfte und sichtbare Veränderungen in der Welt der Sternenflotte. "Klingonen" lassen sich zu Vertragsverhandlungen einladen, sie verstehen Spaß nur in ruppiger Form und irgendwann einigen sie sich auf Zeit mit Kirks und Spoks Welt.

    Schwieriger wird es, wie Frau Morlock leider nur andeutet und damit eine Chance für das Studium generale vergibt, -wahrscheinlich lag es nicht an ihr, sondern an der publizisitischen Vorgabe der Redaktion, so viele Zeilen dürften maximal gefüllt werden-, wenn die möglichen Studenten, die geneigten Leser, sich mit Dingen beschäftigen müssen, die zwar als existent behauptet und auch geglaubt werden, deren direkte Wirkungen aber, geistig und materiell eher schwach ausfallen. Kein Schaden auf dem "Holodeck" macht sich zunächst bemerkbar. - Das sind durchaus wichtige Dinge, durchaus Dinge, die einen wesentlich geringeren Abstraktionsgrad und auch weniger Diversität aufweisen als Rodenberrys „Star Trek“, unter Umständen, die Driftbewegung eines Überträgermoleküls an seiner Rezeptottasche auf der Oberfläche einer Nervenzelle, die wir mittlerweile sogar sichtbar machen können. Allerdings nur elektronisch verstärkt und eben nicht als starke Wirkung spürbar. Dürfen wir den Sinnen trauen?

    Je weiter weg wir den Glauben an Wunderheilung, Magie, Gedankenübertragung, Vision, Esotherik und paranormale Phänomene in eine voraufgeklärte Welt zurück verlegen, sie eben historisch als nur möglich, nicht wirklich betrachten, desto erstaunter tun wir, weil sich ganze Jahrhunderte und Jahrtausende lang Menschen als anfällig für solche Möglichkeiten erwiesen haben und trotzdem gut oder schlecht leben konnten. Desto entschlossener leugnen wir, obwohl wir doch beständig damit zu tun haben. - Wir dürfen ja z.B. raten, ob der Messias schon gekommen ist, oder ob er noch erwartet wird, und dürfen gleichzeitig kalkulieren, ob der Glaube oder Nicht-Glaube daran unseren Vorrat an Möglichkeiten so erschöpft, dass wir brüsk ablehnen zu denken, der Messias komme mehrfach, sei schon mehrfach gekommen, werde wieder kommen und dann auch wieder gehen, oder möglicherweise gebe es ihn gar nicht. - Für manche ist gar Lionel Messi der Messias.

    Dabei ist unserer Realität ja durchzogen von Möglichkeitskalkülen, die jeder implizit oder explizit anstellt, die manchmal zu ganz abstrusen Ergebnissen führen, z.B. bei der Einschätzung von Risiken. So werden wir von den lieben Nächsten mit Vorliebe gemordet, halten aber meistenteils den Fremden für den möglichen Täter, der immer schon in der Welt lauert, nur um uns, seine Opfer zu finden.

    Ein einfaches Beispiel. Wir stellen uns vor, dass es einen „Exzellenz-Cluster“ gibt und dieser Exzellenz-Cluster irgend eine wissenschaftliche Aufgabe hat, -sie wird, im Gegensatz zur „Exzellenz“, nicht genannt-, aber man ahnt und assoziiert es, hat eine Intuition was damit gemeint sein könnte, weil die Geschäftsführerin der Möglichkeiten dazu philosophische, aber kaum exzellente, Andeutungen macht.

    Was noch viel spannender wäre, im Sinne des Nachdenkens über Möglichkeiten, wenn dieser Exzellenzcluster völlig frei sei, was er überhaupt in dieser Absicht Bedenken möchte, im Sinne der Wissenschaft, mit den Kritierien der Wissenschaft.

    Letzteres ist gerade im Bereich des Nachdenkens über Möglicheiten vielleicht ein Wagnis, unter Umständen ein Hemmnis, wie eben auch die Frage, ob sich Möglichkeiten mathematisch oder mit einem logischen Kalkül abbilden lassen und damit schärfer zu fassen wären. - Leibniz hätte vielleicht noch an diese Möglichkeit geglaubt, denn ihm war ja der Geist gegeben, in der Mathematik eine göttliche Emanation sehen zu können.

    Die Redaktion hätte, das ist meine Meinung, zunächst einmal der Verfasserin nahe legen sollen, oder aber dies selbst tun müssen, dazulegen, was sie zu diesem Thema brachte und wo ihre Ausgangspunkte liegen. Sicher nicht beim Thema des Exzellenzclusters 16.

    Der „Exzellenzcluster 16“ in Konstanz ist eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, die sich mit den „kulturellen Grundlagen von (sozialer, m.Einf.) Integration“ beschäftigen soll. Frau Morlocks Spezialgebiet dürfte aber das der Erkenntnistheorie und der Logik sein, jedenfalls, wenn man nach ihren Publikationen, der anstehenden Dissertation „Reflexive A Priori“, dem Aufsatz „The possibility of knowledge“ oder dem Artikel „The rationalist´s dilemma“, geht.

    Dieser kleine Artikel hier, ist allerdings möglicherweise eine Kurzform, möglicherweise sogar die Vollform, ich habe das Büchlein nicht gelesen, ihres Beitrags zu „Wissen to go. Studium generale in 100 Grundbegriffen“,Piper (2008), sein. Dazu schrieb die Redaktion ebenfalls nichts, denn das hätte ja erhellt, ja wenigstens beleuchtet, ob es sich um einen genuin neuen Beitrag für die ZEIT/ZEIT-Online, oder um eine Zweitverwertung handelt.

    Zum Inhalt dieses Studium Generale Textes, das wäre ja bei studierten Leuten zu erwarten, gehörte dann doch wenigstens gesagt, warum man sich mit der Welt der Möglicheiten, von deren Existenz doch so viele Menschen fest überzeugt, d.h. apriori überzeugt sind, beschäftigen sollte.

    Vor dem a priori Wissen, der alltäglichen Welt der Möglichkeiten, haben die meisten Wissenschafler und auch ein Teil der Philosophen gehörige Furcht, denn es lässt sich schlecht in einer Theorie abbilden, nicht gefügig machen und sträubt sich gegen einfache oder wenig differenzierte Erklärungen, für die man in der weiten Wissenschaftswelt aufgrund der leichteren Überprüfbarkeit eine Vorliebe hat. Ja, es gibt sogar Philosophen, die grundsätzlich daran glauben, es existiere keine Möglichkeit außerhalb des überprüfbaren Wissens, wirklich Erkenntnisse zu erlangen.

    Leider, oder besser, wir sind im Studium generale und nicht im Rigorosum der Exzellenz, hält sich die Welt nicht an die Grundannahme methodisch strenger Denker.

    Liebe Grüße

    Christoph Leusch

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