Adel
Kommilitone Baron
Seit Karl-Theodor zu Guttenberg die Berliner Bühne betreten hat, ist Adel wieder schick. Wir haben uns an deutschen Universitäten umgesehen, was der Nachwuchs so macht.
Noch nie kam Leopold von Gumppenberg auf die Idee, die Räume in Schloss Pöttmes zu zählen – es sind zu viele. Als Kind spielte er mit mittelalterlichen Säbeln und tobte durch pastellfarbene Salons. Zweifellos böte das elterliche Anwesen die perfekte Kulisse für einen Rosamunde-Pilcher-Film. Und Leopold gäbe einen geeigneten Hauptdarsteller ab: Der 22-Jährige trägt die blonden Haare seitlich gescheitelt, hat eine Vorliebe für Cordhosen und redet gern in Schachtelsätzen.
Für sein Jurastudium in München ist er aus dem Schloss ausgezogen und hat sich eine Studentenbude genommen, um sich die freiherrlichen Hörner abzustoßen. München liegt nur eine Stunde von Pöttmes entfernt, trotzdem ist es eine andere Welt. In seinem Semester ist Leopold einer von vielen, muss sich gegen ehrgeizige Studenten behaupten. Es gibt mehr Freiheiten, manchmal fühlt sich Leopold aber auch fremd. "Ich bin eben ein bisschen anders", sagt er. Oft fällt es ihm schwer, eine Matrikelnummer an der Massenuniversität zu sein. Jura ist ein Lernfach, man muss viel pauken. Manchmal, wenn eine schwere Prüfung ansteht, betet er einen Rosenkranz in der schlosseigenen Kapelle.
Zu Beginn seines Studiums investierte er viel Zeit in eine standesgemäße Optik seines StudiVZ-Profils. Auf seinem Profilbild posierte er im Frack, andere Fotos zeigten ihn mit jungen Studentinnen auf Adelsbällen. Oder auf der Jagd: Leopold steht im Pöttmeser Wald, 1000 Hektar davon gehören zum Familienbesitz. Das Gewehr liegt ihm lässig über der Schulter. Er präsentierte sich in Barbourjacke, als Mitglied in Gruppen wie "Adel verpflichtet" oder "Mir stinken die Linken". Für ihn und seine Freunde ist das Aristokratische wieder modern, schließlich behaupten die Feuilletons, das Volk habe seine Blaublüter wieder gern. Den CSU-Politiker Freiherr von und zu Guttenberg tauften die Klatschblätter jüngst "Baron der Herzen". "Wir sind stolz auf unsere Herkunft und die Tradition, die damit verbunden ist", sagt Leopold. Später will er eine große Familie gründen, auch um den Familienstammbaum fortzuführen. "Es passiert so schnell, dass eine Linie ausstirbt", sagt er. Für die Ehe wünscht er sich eine Dame mit guter Erziehung, die gerne den Haushalt führt. "So jemanden zu finden ist heutzutage weiß Gott nicht leicht", sagt er.
Der Name von Gumppenberg ist in Leopolds Heimatdorf Pöttmes fest verwurzelt. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1271. Über Jahrhunderte herrschten hier seine Vorfahren, vermehrten den Besitz, fällten Todesurteile. Noch heute recken am Tor zwei Löwen das Haupt, auf der Brust tragen sie farbige Symbole. "Die Wappen der herrschenden Familien", sagt Leopold. Die Mutter aus einem österreichischen Grafengeschlecht, der Vater ein von Gumppenberg. "Die Leute denken immer, bloß weil man ein Schloss hat, ist man reich", sagt Leopold. Niemand bedenke die Kosten für die Instandhaltung. "Man muss viel investieren." Erst vor Kurzem habe man die Schlossbrauerei schließen müssen, nach 600 Jahren. Leopold ist der zweitälteste Sohn; er hat drei Brüder. Der Beste soll den Besitz eines Tages übernehmen, so wünscht es der Vater. Während der ältere Bruder Franziskus Forstwissenschaft studiert, entschied Leopold sich für Jura. Ein solides Fach.
"Ich habe den Eltern weiß Gott genug Sorgen bereitet", sagt Leopold. Er trug die Haare mal lang, hörte düstere Musik. Sogar ein Che-Guevara-Poster hing im Schloss. Erst ging er aufs Dorfgymnasium, dann schickten ihn die Eltern auf ein Internat. Damals protestierte er, heute zeigt er sich einsichtig. Ausbildung und Umfeld in Pöttmes seien einfach nicht auf demselben Niveau gewesen wie das Internat in Iserlohn.
Obwohl er heute in München lebt, besucht er die Eltern oft. Gestern war er mit seinen adeligen Freunden in der Dorfdisco feiern, heute muss der Kater kuriert werden. Leopold bewahrt Haltung. "Andere haben es leichter, sich zu amüsieren", sagt er. "Wir können nicht betrunken in der Ecke liegen oder nackt auf den Tischen tanzen, weil wir die Kinder vom Baron sind und den Besitz einmal übernehmen werden." Beim Mittagstisch versorgt sein Bruder Franziskus die Runde mit badischem Weißwein. "Darf ich nachschenken?", fragt er. Dabei hält er den linken Arm steif hinterm Rücken. Haltung bewahren, das gehört dazu.
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- Datum 23.11.2009 - 15:46 Uhr
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- Quelle ZEIT CAMPUS 06/09
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sorry, was soll das denn bitte sein?
im uebrigen habe ich auch gute manieren, meine eigene firma hat ein logo (als geeigneter ersatz fuer ein wappen?)...nur ein schloss, das habe ich noch nicht :(
"Manchmal, wenn eine schwere Prüfung ansteht, betet er einen Rosenkranz in der schlosseigenen Kapelle."
[...]
"Für die Ehe wünscht er sich eine Dame mit guter Erziehung, die gerne den Haushalt führt. So jemanden zu finden ist heutzutage weiß Gott nicht leicht', sagt er."
Große Güte, und ich dachte, dass in Deutschland wenigstens derartiges Junkertum gnädig ausgestorben wäre. Zum Fürchten...
Großer Gott, ich glaubte bisher, dass die Adeligenanbetung vorbei sei! Ist es nicht sogar so, dass seit dem 1. Weltkrieg die Adelstitel verboten sind oder wenigsten nicht mehr offiziell geführt werden dürfen? Was soll das Ganze? Sind das bessere Menschen? Und zu allem Überfluss auch noch die Kapelle! Ich kann nicht mehr!
"Wir sind stolz auf unsere Herkunft und die Tradition, die damit verbunden ist", sagt Leopold.
Andere sind stolz darauf einfach nur Deutsche zu sein.
Wann begreift die Welt endlich, dass man auf erbrachte Leistungen stolz sein kann und nicht auf das "Glück einer guten Geburt"???
es gibt weiß gott schon noch mehr unterschiede, trotz der putzigen vergleiche die Nog aufbot (sic! "aufbot ... dann fuhren wir"usw. auch typisch für unbeholfen antiquierte sprache). NoG schreibt seinen kommentar klein, so würde kein traditiosbewußter junger adliger die deutsche rechtschreibung mit füssen treten. und gleich als erstes wort für eine entschuldigung "sorry" zu benutzen ist weiß gott ein erkennungsmerkmal für jemanden der schonmal für ein jahr au pair im mittleren westen war, wo man gewiß einiges lernen kann, aber weiß gott keine guten manieren. (jetzt den rechten handrücken mit den knöchelchen des zeige- und mittelfingers vor den säuerlich gespitzten mund gehalten, dabei nach links unten (weg-) schauen und dann leise aber hörbar und süffisant durch die nase lachen: "fufufufufu...".
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Ich habe weiter oben vergessen, Sie teilnehmen zu lassen an meiner Phase des Nachdenkens, ob ich nicht mein Zeit-Abonnement gegen ein Abonnement der "Grünen Post" (gibt es die noch?) austauschen sollte. Meiner Erinnerung nach können die noch überzeugender die Fürstenhäuser beweihräuchern. Was meinen Sie? Ist das ein guter Gedanke? Was raten Sie mir?
Manche haben "blaues" Blut, andere haben "die Zukunft" im Blut.
Es hatte mich zwar (intellektuell) entsetzt, als ich mitansehen musste, wie meine - im besten Sinne republikanisch erzogenen - Töchter bei den letzten Königshochzeiten vor dem Fernseher förmlich dahinschmolzen. Ich bin aber zuversichtlich, dass sie diese spätpubertären Atavismen überwinden werden :-).
Die gesellschaftliche Organisationsform der Aristokratie mag beim Aufstieg des Menschen eine Rolle gespielt haben - oder auch nicht. Den Weltraum erobern werden wir mit der Aristokratie (als Aristokratie) nicht . Sie mag und sie darf zurückbleiben. In einer Nische.
Herzlichst Crest
P.S. Gutes Benehmen ist kein Alleinstellungsmerkmal der Aristokratie.
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